Montag, 22.5.2023, 1. Tag, 1. Woche
Ich habe mich entschlossen, zur Besserung meiner Depression ein Experiment mit Microdosing zu unternehmen und den Verlauf zu dokumentieren. Wie man auf so etwas kommen kann, findet ihr hier mit weiterführenden Links ausführlich beschrieben.
Beginnend heute werde ich die nächsten sechseinhalb Wochen jeweils an den ersten drei Wochentage 0,75 Gramm psylocibinhaltiger „Truffel“ zu mir nehmen. Truffel darf man in den Niederlanden legal verkaufen, kaufen und verwenden. Verkauft wird in Packungen a 15 Gramm, das sind dann jeweils 1 bis 2 wirksame Dosen. Die von mir eingenommene Menge entspricht also weniger als einem Zehntel der wirksamen Dosierung für einen milden Rausch. Das ist Absicht, deswegen das Micro vor dem Dosing. Händler verkaufen auch fertig abgewogene Portionen für das Microdosing, die haben dann jeweils genau ein Gramm, ich werde auf die alten Tage also vorsichtig und konservativ.
Die erste Einnahme dehne ich über mehrere Stunden, aus unklaren Gründen habe ich einen schlechten Geschmack erwartet, aber das Zeug schmeckt kaum nach irgendetwas, womit ich es vergleichen könnte. Keine besonderen Vorkommnisse.
2. Tag
Keine besonderen Vorkommnisse.
3. Tag
Gedanken zur Ergebniserhebung, woran würde ich bemerken, dass eine Wirkung eintritt? Ich brauche ein Bewertungsschema für Tagesbefindlichkeiten! Aktiv gewesen, länger als gestern, kürzer als aus anderen Jahren gewohnt.
2. Woche, 4. Tag
Ersteinmal die montägliche Einnahme verpasst, neben allen anderen Medikamenten, ich war abgelenkt, die meiste Zeit des Tages. Ich verschiebe auf Dienstag. Das funktierniert dann ungestört. Ich teile die Microdosis nochmal auf zwei Einnahmen über den Tag verteilt, das werde ich diese Woche auch beibehalten. KbV, aber ich bin aktiv, naja, aktiver als meistens in der letzten Zeit, immer noch nicht aktiv-aktiv.
5. Tag
Lustlos, aber aktiv.
6. Tag
Weil ich abgelenkt bin, vergesse ich die Medikamenteneinnahme während des Tages komplett, die Medis werfe ich abends alle zusammen ein, die Microdosis verschiebe ich auf den nächsten Tag. KbV.
3. Woche, 7. bis 9. Tag
Die Einnahme der Microdosis nun auf einmal. Das langsame Hochdosieren war eine Vorsichtsmaßnahme, wie erwartet und gewünscht ist kein Unterschied zu irgendeiner Version meines Alltags zu spüren. Zugleich ist es die erste Woche, in der ich mich fühle, wie ich mich „immer“ im Sommer fühle: gerade aktiv genug, um Spass daran zu haben und Erfolgserlebnisse zu generieren (Schüttung).
Was zugleich aber das Hauptproblem meiner kleinen „Studie“ ist, sie ist keine. Begründung später. [Geschmack und Verderbnis]

4. Woche, 10. bis 12. Tag
Sommerlich aktiv, keine Besonderheiten. Ich bemerke am 12. Tag, dass alle abgepacken Portionen in ihren Tütchen angefangen haben, zu schimmeln (oder irgenetwas anderes, was Pilze halt so tun). Streng genommen ist dies die erste wirkliche Erkenntnis aus meinem Experiment, so geht es nicht! Wir lernen, was wir vorher schon wussten: eigene Versuche schaffen Prozesswissen, das es nicht zu lesen gibt.
5. Woche, 13. und letzter Tag dieses Versuchs
Eine Mikrodosis konnte ich noch retten, auch wenn sie schon deutlich schimmelig geschmeckt hat. Und Schluß.
<O>
Was hat’s gebracht?
Danke, dass Sie fragen, das ist eine sehr gute Frage! Trauriger Fakt ist, dass ich es nicht weiß. Jede Stimmungsaufhellung in der betreffenden Zeit könnte auch einfach der beginnenden Heißzeit zuzuordnen sein. Falls es wer nicht weiß, ich brauche zur bestimmungsmäßigen Funktion eine gewisse Betriebstemperatur, die in unseren Breitengraden nur in den Sommermonaten erreicht wird. Gerade geht es mir gut, weil es mir sowieso gut gehen würde.
Insgesamt ist also das Ergebnis weniger deutlich, als bei meinen anderen Depressionsabhilfen, den Serotoninwiederaufnahmehemmern und dem Laufen. Das ist es, was ich jedem mitgeben möchte, der sich vielleicht aus eigener Betroffenheit bis hierher durch den Text gequält hat und bisher genau nichts erfahren hat.
Laufen hilft schnell und deutlich, ein trüber, lustloser Tag fühlt sich nach fünf bis zehn Kilometer Strecke vollkommen anders – besser – an. Wer es packt, sich vor dem Lauf durch die schlechte Stimmung nicht aufhalten zu lassen, hat gewonnen.
Die Serotoninwiederaufnahmehemmer sind schwieriger zu beurteilen, ich würde dazu neigen ihnen keine (!) Wirkung zuzuschreiben, wenn es nicht ein paar Indizien gäbe, dass sie zumindest irgenetwas tun. Während der Einnahme habe ich zweimal Spontankäufe im dreistelligen Bereich getätigt, das ist ansonsten außerhalb der Möglichkeiten meines Naturells. Und – vielleicht wichtiger – ich habe während der Einnahme mit dem Laufen angefangen, auch das etwas, was zuvor nicht zu erwarten gewesen wäre. Eher im Gegenteil, ich habe mich zuvor über Läufer eher lustig gemacht. Abgesetzt habe ich die Medis jeweils, weil ich fast schon körperliche Widerstände gegen die Einnahme entwickelte. Ich mochte sie auf eine sehr entschiedene Weise nicht mehr.
Abschließend: Wenn ich könnte (was ich nicht kann), würde ich laufen (Empfehlung!). Wenn’s legal wäre (was es nicht ist), würde ich mit Pilzen und LSD experimentiernen (gerne auch unter Begleitung mit höheren Dosen). Weil ich’s kann und es legal ist, würde ich notfalls auch Serotoninwiederaufnahmehemmer nehmen. Nur, so nötig habe ich es noch nicht.

Der Blick zur Uhr, neun Uhr irgendwas, vielleicht weiterschlafen, vielleich kurz pinkeln/lesen und dann weiterschlafen, ich will nicht in den Tag. Das ist gerade nicht ungewöhnlich, ich bin etwas am kriseln. Andererseits, da ich sehr spät ins Bett gehe muss ich lange schlafen, um auf meine benötigten Stunden Schlaf zu kommen und solange das klappt, ist alles okay. Das schlechte Gewissen, das ich manchmal habe, ist Angesichts der Tatsache, dass ich Rentner und alleinstehend bin – meint: es niemanden gibt, der irgendein berechtigtes Interesse an meinen Schlafens- oder Aufstehzeiten anmelden könnte – völlig unnötig.
Irgendwann im Laufe des Vormittags bin ich also subjektiv unausgeschlafen aufgestanden und habe „die Zeitung gelesen“. Die Zeitung lesen ist ein Platzhalter für die Kenntnisnahme tagesaktueller Neuigkeiten mittels verschiedener Internetkanäle. Das darf solange dauern, wie es dauert, ich muss mir das gelegentlich auch selbst versichern, denn es kommt der Punkt, der irgendwann immer kommt – außer er kommt nicht, das sind die wirklich schlechten Tage – und es drängt mich zur Aktivität.
Manchmal findet das Frühstück während des Zeitunglesens statt, meistens ist es aber der Start in den Tag, kurz eingeschoben vor der Aktivität, die mich nun drängt. An diesem fiktiven Zwölften ist mir das Brot ausgegangen, was schon mehrere Tage zu ahnen war, ich hatte nur keinen Bock einkaufen zu gehen. Da ich vergleichsweise anspruchslos bin, macht mir das nicht einmal schlechte Laune, ich weiche auf Maultaschen in Instant-Gemüsebrühe aus. Zur Uhrzeit passt es ohnehin. Gewohnt spät gibt es Maultaschen zum Handwerker-Frühstück.
Es folgt die „Aktivität des Tages“, gegenwärtig – und solange mich nichts Wichtigeres ablenkt – hat sie oft mit dem Legen eines Bodens in meinem Lieblingsprojekt zu tun. Ich erspare Euch die handwerklichen Details.
Und dann auf’s Fahrrad zum Lebensmitteleinkauf, ihr wisst ja, Brot fehlt! Und anderes auch. Auf dem Weg durch das Industriegebiet fällt mir ein Gebäude auf, dessen Zweck sich mir nicht erschließt, dabei aber auf gute Weise interessant aussieht. Es wird fotgrafiert und auch kurz mit dem Fahrrad umrundet, seine Bestimmung gibt es trotzdem nicht preis.
Seit Anfang des Jahres habe ich kein Auto mehr und kaufe alle Lebensmittel mit dem E-Fahrrad ein. Das geht gut, im Bild ist der durchschnittlich befüllte Rucksack zu sehen, mehr als einmal die Woche muss ich selten fahren, meistens sogar weniger.
Es ist nachmittag, Freund und Gelegenheitsnachbar J. kommt zum Plaudern. Das braucht so seine Zeit, die eigene und die Befindlichkeit der Welt werden ausführlich erörtert, exakt so, wie alte Herren das schon immer tun.
Wieder allein noch nebenbei ein Bild aufgehängt. Es ist ein Erbstück und es aufzuhängen geschah aus einer Laune heraus. Keine Ahnung, ob es dort bleibt und was ich mir damit sagen will.
Heute, weil der ideale Zwölfte ist, stelle ich den Blogbeitrag dazu ein und gebe den Link bei „
Streamingkonsum der unterhaltsamen Art, Schüsse fallen, Gebäude explodieren, Stuntmänner und -frauen sterben cineastisch wertvoll; ich lasse mich von Dingen unterhalten, die ich niemals erleben möchte.
Vermutlich ist schon der Dreizehnte, ich lese zum Einschlafen im E-Reader Fiktionales bis ich ihn in einer letzten Anstrengung schließe, das Licht ausmache, mich umdrehe und einschlafe.
Mehr bei Wikipedia zur 
Eine dreiviertel Stunde später sind wir zurück und beziehen unser Zimmer, das von kreativer Freude und Drogenerfahrungen zeugt.
Wir sind zufrieden, fließendes Wasser und eine kleine Kaffee- und Teeküche direkt neben dem Bett, was wollen wir mehr.
Grachtenrundfahrt also, auf mein Betreiben hin, eine Stunde für vergleichsweise kleines Geld, gemessen am Amsterdamer Standard und unseren sonstigen Ausgaben. Was mich zu einem alten Reisekonzept meines Vaters bringt, dem ich in diesem Kurzurlaub nacheifern wollte. Der alte Herr nämlich war gewohnheitsmäßig sparsam, aber einmal im Jahr, während des Jahresurlaubs, der damals noch in Italien oder Jugoslawien stattfand, hatte er wirklich weite Spendierhosen an. Daran wollte ich orientiert sein.
Eine gute Entscheidung, am Abend wird uns Google mitteilen, dass wir mehr als zehn Kilometer kreuz und quer durch den ganzen Grachtengürtel gelaufen sind. Dabei haben wir das Rotlichtviertel und den Damplatz gestreift, konnten auf belebten Plätzen Drohnenpiloten und Live-Rappern zusehen und -hören, kurz in einem Coffee-Shop verweilen (seltsam, ganz anderes Publikum als in unseren Cafés) und auf dem Schaukai des Schifffahrtsmuseums über die Funktionsweise von Ankern philosophieren.


Der Garten gefällt uns so gut, dass wir beschließen, morgen noch einmal zu kommen und uns auch die Dauerausstellung im Inneren anzuschauen.

