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Ich sollte das nicht tun, in die Bücherei gehen. Mein Plan war, nur die zwei Bildbände zurückzugeben. Neue Bücher auszuleihen, war nicht vorgesehen. Denn nicht lange zurück hatte ich den Gedanken, dass ich eigentlich keine neuen Gedanken oder Inhalte mehr bräuchte. Es würde vollkommen ausreichen, sich auf vorhandenes Gedankengut zu stützen und es zu vertiefen. Bücher ein zweites oder drittes Mal lesen, die vorhandenen Bildbände nutzen um, Kopien daraus zu zeichnen und – okay, ich erfinde das jetzt gerade, weil es aus Gründen, die sich später im Text ergeben werden, gut passt – nur noch an Orte zu fahren, die ich kenne.

Und nun komme ich aus der Stadtbücherei heim und habe durch die Ausleihe ein paar der wage vorhandenen Ideen …, nein, es gibt keine …, vermutlich muss ich es anders erklären. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, dass ich vor kurzem geschildert habe, wie ich Dingen, Ereignissen, Gedanken durch das Niederschreiben Wirklichkeit gebe. Durch das Niederschreiben wird zuvor „nur“ Gedachtes etwas wirklicher. Und so ähnlich ist das mit dem Ausleihen von Büchern, wenn ich mir ein Buch zu einem bestimmten Thema ausleihe, ist das eine Bestärkung dieses Themas, es ist eine Aufforderung an mich selbst, mich diesem Thema „nun wirklich mal“ zu widmen. Das Leben im Konjunktiv wird schwieriger, das „ich könnte X“ verliert sein „oder es auch lassen“, Ideen drängen zur Umsetzung.

Und wer jetzt denkt, dass es sich um große Ideen handelt, denkt falsch. Es handelt sich lediglich um Ideen, die mich aus meiner Komfortzone schieben. Das ist nicht schwer, möglicherweise reicht meine Komfortzone kaum vom Auge bis zum Monitor. So richtig wohl fühle ich mich nur im Kopf. Obwohl … – nein, das Thema machen wir jetzt nicht auf.

Also, drei Ideen, die durch ausgeliehene Bücher Verstärkung erhalten. Bedeutet: ich muss etwas dafür tun. Allein die Formulierung „etwas dafür tun“ bringt mich in den inneren Widerstand, was sehr viel einfacher zu ertragen wäre, wenn ich nicht gleichzeitig der wäre, dem der Widerstand gilt.

Vom Einfachen zum Schweren. Idee Nummer Eins ist hier schon vorgestellt, ich will einen Monat lang Hundertwasser betrachten, kleine, unwürdige Kopien seiner Bilder erstellen und dadurch etwas besser verstehen, was er „macht“, verständlicher formuliert, was seinen Stil ausmacht. Das könnte ich mit den drei vorhandenen Bildbänden zu ihm tun, aber natürlich auch mit dem neu ausgeliehen Band aus der Bücherei. Egal, hier ist wenig neu, der Grad der „Verwirklichung“ nur minimal größer.

Idee Nummer Zwei ist da anspruchsvoller, nur einmal gegenüber Freundin A. geäußert und schon fast vergessen, eine Städtereise nach Wien. Bis ich heute beim Frühstück durch eine nebenbei laufende Hundertwasser-Doku daran erinnert wurde, dass Hundertwasser dort gewohnt hat und sehr viel von ihm dort auch im Original zu sehen ist. Und schwupps, bringe ich zwei Reiseführer mit nachhause. Und falls mir jetzt nicht irgendetwas wirklich Schwerwiegendes einfällt, das gegen diese Reise spricht, werde ich mit der Planung mehr zu tun haben, als ich mag. Kommt hinzu, dass ich erstmals seit vielen Jahren wieder alleine reisen werde, was sich als Gedanke auch noch fremd anfühlt.

Und dann, Idee Nummer Drei, ich werde Trigonometrie verstehen. Bevor ich das Buch dazu sah, wußte ich nicht, dass ich das will. Ich habe das schon einmal aufgegeben. Ich erinnere mich (tafel-)bildlich an eine Situation im Mathematikunterricht, in der ich einfach nichts mehr verstand. Vielleicht hätte ich es verstehen können, wenn mir zuvor irgendjemand erklärt hätte wozu mir das Verständnis dienen könnte. Diesen Jemand gab es nicht, das Leben war zu diesem Zeitpunkt auch ohne Mathematik schwierig und die Motivation gering. Ende jeder mathematischen Bemühung. Zu meiner Abitursnote in Mathematik gibt es eine erzählenswerte Anekdote, die ich mir für ein anderes Mal aufhebe.

Geradei an dieser Trigonometrie-Idee ist schön zu zeigen, wie sich Ideen manchmal in unser Leben schleichen. Hier war ganz ohne Zweifel der Besuch im Mathematikum eine Vorbedingung, denn mit den dort gezeigten mathematischen Modellen und Knobeleien hatte ich viel Spaß (das Bild zeigt den Läufer im eingangsbereich des Mathematikums). Und auch von meinen Programmmiererfahrungen her weiß ich, dass ich Mathematik gebrauchen und verstehen kann, wenn ich weiß, wozu das dienen soll.

Zu Idee Nummer Zwei, Wien war im Gespräch, aber sehr optional. Um aus der Möglichkeitsform herauszuwachsen musste Hundertwasser dazukommen. Und im weiteren ein Besuch in der Bücherei.

Gut, der Vollständigkeit halber erwähne ich Nummer Eins noch einmal, aber wir wissen es, die Idee war eigentlich schon in der Welt, sie hat nur an Festigkeit gewonnen. Und sehr vielleicht hätte ich keinen weiteren Bildband ausgeliehen, wären da nicht schon die anderen drei Bücher gewesen. Entgegen meiner Absicht hatte ich ohnehin schon neue Gedanken und Absichten zur zukünftigen Bearbeitung in der Hand. Wie schon erwähnt, ich sollte das nicht tun, in die Bücherei gehen.

 

25385 – Brückentag, oder so

Gestern Abend Thekendienst im Nachtlicht, an den Nächten nach dem Dienst wird es  oft zwei oder drei Uhr, bis ich ins Bett komme. Entsprechend spät und dennoch unausgeschlafen stehe ich heute auf, nur um dann den ganzen Tag lustlos-matschig, naja, anwesend zu sein. Was ein kleiner Nachmittagsschlaf werde sollte wird dann unbeabsichtigt zur zweiten ausgedehnten Schlafperiode. Schwupps ist der Sonntag rum.

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Ebenfalls rum: der Otto-Mueller-Schnellkopiermonat. Zum Abschluss Kirchner, Mueller und Heckel im Baumvergleich.

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Ich bin gerade etwas formulierungsfaul. Ungünstig wenn die Dinge, die ich erzählen könnte (z.B. die Zigarrenkistenrenovierung, ich mag sie sehr, diese alten hölzernen Zigarrenkisten), etwas Überlegung und sehr viel Möglichkeitsform erfordern.

Von daher muss es für heute bei dem Hinweis bleiben, dass dieser Monatsübergang schlecht vorbereitet und etwas unentschieden ist. Das Raster für den Kreativkalender ist noch nicht gezeichnet, auch fehlt es mir noch an einer Idee für ein zeichnerisches Monatsprojekt.

Stichwort Monatsprojekt, mein Otto-Mueller-Projekt ragt zwei Tage in den Mai hinein, weil erst nach diesen zwei Tagen das alte Vokabelheft, das ich dafür benutze, voll ist. Ich mag so etwas, ein Projekt in genau einem Vokaelheft, fertig.(Kurze Erläuterung für neu Hinzugekommene: Die obere Skizze entsteht unter Zeitdruck – zwei Minuten mit dem Timer gestoppt -, danach kommt der Rahmen, die Farbe und alles, was bei mir unter „retten, was zu retten ist“ läuft , keine Limitierung.)

25375 – Rahmen und Farbe

Mit meinen „2-Minuten-Schnellkopien“ habe ich anscheinend einen Punkt bei mir getroffen. Sie machen mir Spass und ich bin mit den Ergebnissen zufrieden. Heute so:Zugegebenermaßen keine große Kunst, nichtmal kleine, aber der bisherige Sieger im Zeit-Leistungs-Test, viel gutes Gefühl für wenig Einsatz. Und sagen wir als handgemalte Geburtstagskarte für einen befreundeten Menschen …, der würde sich doch freuen.

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Der Künstler, den ich da aus einem Bildband kopiere, heißt Otto Müller. Über den gibt es bei Wikipedia einen Artikel, der auch Kritik mehr als andeutet:

Eine kritische Aussage in der Ausstellung stellt fest, dass Muellers nackte Frauenkörper als „sexualisierend und objektifizierend“ aufgefasst werden könnten. Nach einer anderen Aussage seien Muellers Bilder von Sinti und Roma eine Fortführung herkömmlicher Stereotype über diese Volksgruppe.[8]

Letzteres ja, ersteres nein, solange ich auch draufschaue. Im Gegenteil, was mich an seinen Bildern fasziniert, ist die Beiläufigkeit der gezeigten Nacktheit. Es ist die Nacktheit der – gelegentlich als prüde beschimpften – FKK-Strände, nicht der Spelunken und Bordelle. Wikiart zeigt viel von seinem Werk, am besten, Ihr macht Euch selbst ein Bild.

Eigentlich zeigt Wikiart sogar zuviel von seinem Werk. Otto Mueller hat durch seine Frau Maschka sein gesamtes Frühwerk (überwiegend Ölbilder) verbrennen lassen. Erhalten sind nur gelegentliche Fotografien und was sich nicht mehr in seinem Besitz befand. Er hat sich mit diesen frühen Bildern, trotz technisch überzeugender Ausführung, nicht mehr identifiziert. Dass durch die chronologische Anordnung seiner Bilder auf wikiart, die wenigen erhaltenen Frühwerke den Rest des gezeigten „framen“ kommt mir falsch vor.

Wenn Euch also an den von mir gezeigten Skizzen irgendwas „sexualisierend und objektifizierend“ vorkommt, dann bin ich das, nicht Otto. Sorry, ist nicht so gedacht, aber im Zweifel nehme das mit Bedauern auf mich.

25374 – Limitierungen

Ich habe Euch schon sehr lange nichts mehr von meinen Zeichenübungen gezeigt. Das hat verschiedene Gründe, einer der wichtigsten ist, dass Fotos selbst von subjektiv gelungenen Sachen gnadenlos alle Fehler aufdecken (obwohl ich noch nicht ganz verstehe, warum das so ist). Ich mag das dann nicht mehr zeigen. Zum anderen kommt es mir gerade so vor, als ob ich keine Fortschritte mehr mache. Diesem Gefühl, auf einem Fähigkeitsplateau festzustecken, begegnen Künstler und Kunstlehrer damit, harte Limitierungen einzusetzen. Diese Limitierungen können alles betreffen, Technik, Palette, Material, Zeit, You-name-it. Mich erinnert das sehr an paradoxe Interventionen oder Symptomverschreibungen in der Therapie, es geht darum absichtlich „schlechte“ Kunst zu produzieren.

Ich habe mich heute mit einer Zeitvorgabe limitiert, außerdem mit ungeeignetem Material (Vokabelheft und dicker Filzer, so wie ganz zu Beginn meiner Übungen). Meine selbstgestellte Aufgabe: Vier Motive von Otto Mueller „schnellkopieren“, bedeutet: zu schauen, wie weit ich innerhalb von zwei Minuten mit einer Skizze der Vorlage käme.

Das sieht dann so aus:

Mensch sieht, schlechte Kunst kann ich gut! Nein, quatsch, mensch sieht, dass in jeder der Skizzen das Potenzial steckt, etwas halbwegs Überzeugendes zu machen. Was zu beweisen wäre, gerade die letzte Skizze des Liebespaares war so unfertig, dass ich es nicht dabei belassen konnte. Eine geschätzte halbe Stunde später sah die Schnellkopie dann so aus:

Das ist nicht richtig gut, aber auch nicht wirklich schlecht. Ich bin zufrieden.