Die Welt ist grau in grau

Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über die „Volkskrankheit Depression“ zu lesen bekommt. Wahlweise neueste Erkenntnisse oder wer darunter leidet, obwohl, von mir ist selten die Rede und auch nicht von den Depressiven aus dem persönlichen Umfeld. Keine Sorge, ich werde das hier nicht nachholen; etwas, das alle haben, ist für mich von keinerlei Interesse. Und spätestens seit mein Lieblingstherapeut mich als Wald- und Wiesenneurotiker bezeichnet hat – in der löblichen Absicht, mir die Idee zu nehmen, ich könne durch neurotisches Verhalten den Status der Besonderheit erlangen – halte ich meine gelegentlichen schwermütigen Anwandlungen nur noch für halb so kommunizierenswert. Persönlichen Trübsinn wird´s hier nur geben, wenn es gelingt, ihn humorvoll zu verpacken (Kennt jemand Depressivenwitze? Könnten wir ja in den Kommentaren sammeln).

Trotzdem will ich an dieser Stelle anfangen, persönliche und wissenschaftliche Erkenntnisse rund um das Thema Depression zu sammeln. Das geschieht mehr für den Eigengebrauch, falls ihr einen kennt, der einen kennt, dürft ihr mitlesen.
Sonnenaufgang

Wie kam ich noch drauf?  Ach ja, der Artikel in „Gehirn und Geist 07/2010“. Ich spare mir alle Details, in zwei Sätzen zusammengefasst lautet das zuverlässige Ergebnis einer Freiburger Forschungsgruppe: Depressive haben nur die Hälfte der durchschnittlichen Kontrastempfindlichkeit, die wahrgenommene Welt ist weniger farbig. Da die Verarbeitung von Hell-Dunkel-Reizen bereits in der Retina geschieht, ist das Forschungsergebnis ein starker Hinweis darauf, dass die Wahrnehmung äußerer Reize bei Depressiven bereits auf einer sehr frühen Stufe der Verarbeitung gestört ist.

Vielleicht ist nicht jedem klar, was dieses Ergebnis bedeutet (nebenbei, der Artikel sagt dazu auch nichts), deswegen will ich das mal kurz erläutern. Es ist der Unterschied von einem interpretierten Sinnesreiz zu einem gedämpften Sinnesreiz. Der Depressive sagt nicht: „Jaja, alles schön bunt hier, aber mal ehrlich, Farben werden doch total überbewertet“, sondern nimmt die Farben sinnlich weniger kontrastreich auf. Die gedämpfte Stimmung steht nicht im Zusammenhang einer Fehlinterpretation (einer „Fehl“nehmung), sondern einer gedämpften „Wahr“nehmung. Für den Betroffenen macht es durchaus einen Unterschied, ob er seinen Sinnen trauen darf oder nicht. Und es sei hervorgehoben, dass hier ein gedämpfter Sinn als verlässlich angesehen werden kann, da die einhergehende Stimmung damit übereinstimmt.

Ein Hinweis noch, beim Schreiben habe ich im ersten, später korrigierten, Ansatz unwillkürlich Formulierungen gewählt, die implizierten, dass die Dämpfung der Stimmung ein Ergebnis der Dämpfung der Sinne sei. Das ist hier aber nicht gesagt und vermutlich auch nicht erforscht. Beides könnte eine gemeinsame biochemische Ursache haben oder das Wirkverhältnis könnte umgekehrt sein. Klar ist nur, dass das Eine mit dem Anderen gemeinsam auftritt.

Eine unendliche Geschichte

Das Bild zeigt eine analoge Raubkopie der „Unendlichen Geschichte“ aus meiner Sammlung, gekauft in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Das Phänomen „Raubkopie“ ist so alt wie der Buchdruck.

Analoge Raubkopie der "Unendlichen Geschichte"

Könnte es sein, dass das Urheberrecht entgegen der landläufigen Meinung mehr schadet als nutzt? Und dass das sogar für den größten Teil der Autoren gilt? Diese Behauptung stellt der Wirtschaftshistoriker Eckhard Höffner auf und weiß sie gut zu belegen. Der Spiegel fasst das in einem Artikel zusammen und Telepolis hängt ein zweiteiliges Interview mit dem Autor dran  (Teil 1 und 2 [nicht mehr verfügbar, 26.1.25]). Alles lesens- und bedenkenswert.

Wider die Hartz-Mythen

Frédéric von spreeblick.de hat sich schlau gemacht. Stimmt es eigentlich, dass

  • Arbeit sich nicht lohnt,
  • Hartz-Empfänger faul sind,
  • die Hartz-Sätze höher sind als die alte Sozialhilfe,
  • die Einführung von Mindestlöhnen Arbeitsplätze vernichtet,
  • es zu wenig Anreiz gibt, arbeiten zu gehen,
  • es keinen besseren Schutz vor Armut gibt, als eine gute Ausbildung?

Nicht wirklich überraschend: Arbeit lohnt doch

„Wer in Deutschland Vollzeit arbeitet, hat mehr als der, der nicht arbeitet“, sagt der Hauptgeschäftsführer des [Paritätischen Wohlfahrts-]Verbands, Ulrich Schneider. Dass derzeit so viele falsche Zahlen im Umlauf seien, habe vor allem damit zu tun, dass bei den Vergleichen ignoriert werde, dass Niedrigverdiener auch Anspruch auf staatliches Wohngeld und den Kinderzuschlag hätten. Dies müsse aber einbezogen werden, schließlich gehe es um den Vergleich von Haushaltseinkommen. „Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier mit falschen, weil unvollständigen Berechnungen Politik gemacht werden soll“, kritisiert Schneider.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat 196 Beispiele aus den immer wieder genannten gering verdienenden Berufsgruppen nachgerechnet. Dabei kommt er, abhängig von Familienstand und -größe,  zu einem Lohnabstand von 280,– bis 900,– Euro.

Den ganzen Artikel gibt es auf ZEIT ONLINE zu lesen.

Update (4.3.2010): Vielleicht habt ihr Euch gefragt, warum dann trotzdem dauernd und überall  das Gegenteil von dem zu lesen ist, was die Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverband behauptet. Dem geht ein Artikel des Bildblog nach.

Und leider enthält auch der oben verlinkte Artikel einen kleinen Fehler, der in diesem Fall allerdings nicht dem Journalisten zuzuschreiben ist. Der zitierte Herr Schneider weist auf „äußerst dubiose Berechnungen“ hin und nennt in diesem Zusammenhang das Karl-Bräuer-Institut. Das aber scheint schuldlos:

Weiterhin distanzierte sich das Karl-Bräuer-Institut auf Anfrage von den Ergebnissen der „FAZ“. Das Institut habe keine Vergleichsstudie angefertigt, sondern lediglich die Brutto- und Nettolöhne ausgesuchter Branchen im Niedriglohnsektor berechnet. Den Vergleich mit Hartz-IV-Empfängern und insbesondere die Unterschlagung der Freibeträge hatte demnach allein die „FAZ“ zu verantworten.

In den folgenden Tagen verbreiteten zahlreiche Medien die Zahlen der „FAZ“.

Den ganzen Artikel gibt es auf bildblog.de zu lesen.

Terry Pratchett talks about Alzheimer’s disease and assisted suicide

(…)

My name is Terry Pratchett and I am the author of a very large number of inexplicably popular fantasy novels.

(…)

I intend tonight to talk about Alzheimer’s disease, which I am glad to say is no longer in the twilight, but also about another once taboo subject, the nature of our relationship with death.

(…)

You see, the disease moves slowly, but you know it’s there. Imagine that you’re in a very, very slow motion car crash. Nothing much seems to be happening. There’s an occasional little bang, a crunch, a screw pops out and spins across the dashboard as if we’re in Apollo 13. But the radio is still playing, the heater is on and it doesn’t seem all that bad, except for the certain knowledge that sooner or later you will be definitely going headfirst through the windscreen.

(…)

I have made my position publicly clear; this seems to me quite a reasonable and sensible decision for someone with a serious, incurable and debilitating disease to elect for a medically assisted death by appointment.

(…)

Let us consider me as a test case.

(…)

Zum Vortrag springen
[via]

Update (03.01.2010): Deutsche Übersetzung des Vortrags im Freitag. Zum Teil ausführlicher als die englische Veröffentlichung, dadür an anderen Stellen gekürzt.