25366 bis 25369 – Nierenstein

Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich die ursprünglich täglich erschienenen vier Artikel der Nierenkolik in einem Artikel zusammengefasst und abgeschlossen.

25366 – Der Stein, der vom Herzen fällt

Wie mein Vater habe auch ich Nierensteine. Obwohl, bisher nur in der Einzahl. Zum Glück musste ich ziemlich alt werden, um das herauszufinden. Und dafür auch etliche Spezialisten beschäftigen. Heute.

Kurz, ich habe den Tag in Krankenhaus verbracht, nachdem ich morgens mit Schmerzen aufwachte, die ich zuerst für Muskelschmerzen im unteren Rücken hielt. Mit der Symptomentwicklung hin zu einem kleinen Herzinfarkt (Kreislauf wird schwach, Übelkeit, Hitzeschübe, Unruhe). Letztlich lag ich irgendwann auf meinem Boden, den ich noch kontrolliert selbst erreichen konnte, und rief die Sanitäter.

Mit der Herzvorgeschichte ging es dann die erste Hälfte des Tages darum, den Herzinfarkt auszuschließen. Nachdem das getan war kamen der Orthopäde und der Urologe zum Zug. Ein CT hat dann den Nierenstein bestätigt, der jetzt an einer Stelle sitzt, von der er vermutlich in den nächsten vier Wochen von selbst abgeht. Und dabei ebenso vermutlich Schmerzen verursachen wird.

Als Kind habe ich bei meinen Vater beobachten können, wie der in den Zeiten, bevor ein Stein abging, immer ziemlich mies drauf kam. Er hatte Schmerzen, über die er nicht sprach. Bin gespannt, was ich so erleben werde.

Um ein Quäntchen Gutes aus der ganzen Geschichte herauszuquetchen, mein Herz wurde heute sehr genau angeschaut und jeder der Begutachtetenden war mit dessen Zustand beziehungweise der Ausführung der Ersatzteileinbauten (künstliche Herzklappe) sehr zufrieden. Ich nehme davon mit, dass ich mir in der bevorstehenden Leidenszeit wenigstens keine Gedanken darum machen muss, wie das Herz das mitmacht. Der alte Pumpsack wird einfach seinen Job machen. Wenigstens das.

25367 – Schmerzen

Tag Zwei mit akuten Schmerzen der Niere wegen des Steins. Noch habe ich große Schwierigkeiten, einen funktionierenden Tag um die Schmerzen herum zu bauen. Seit heute morgen habe ich ein Schmerzmittel in Tropfenform, dessen tägliche Maximaldosis ich mir über den Tag verteilt frei zuteilen darf. Klar, es gibt Limits bei den Einzeldosen. Mit ein bisschen Rechnerei kommt mensch bei fünf bis sechs Einzeldosen alle zweieinhalb bis drei Stunden raus. Ohne die Nächte, vielleicht liegt hier ein Rechenfehler. Ich habe noch keine Erfahrung mit Nächten, die Länge der vergangenen Nacht war nach meiner Einordnung nicht wirklich „eine Nacht“, eher so „ich habe mal geschlafen, so um die fünf Stunden“.

Das Schmerzmittel braucht dreißig bis sechzig Minuten, um seine Wirkung zu entfalten und tut dies dann in Abhängigkeit von den vorhandenen Schmerzen. Letzteres musste mir in seinen Auswirkungen ersteinmal klar werden. Mit der ersten Gabe nach der Rückkehr aus der Apotheke war ich noch sehr hoffnungsfroh, es gab ein Zeitfenster von etwa einer Stunde, in dem ich komplett schmerzfrei war, danach setzten die Schmerzen langsam wieder ein. Ich stellte mir vor, dass das nun den Tag über so bliebe, eine lange Wellenbewegung durch Schmerz und Schmerzfreiheit bei allgemein schmerzgedämpften Niveau. Und so plante ich auch den Tag, insbesondere eine erneute Fahrt zur Apotheke und dem Lebensmitteldiscounter mit Nachbar D.. Was ich nicht bedacht hatte, die Schmerzen haben ihren eigenen, nur schwer vorhersehbaren Zyklus. Denn sie werden verursacht vom Rückstau des Urins in die Niere, erst staut es sich, wenn dann der Druck zu hoch wird kommt eine unbestimmte Menge am blockierenden Stein vorbei, der Druck und damit der Schmerz lässt nach. Problem: wann und bei welchem Druck das geschieht, ist nicht vorherzusehen. Und so musste ich durch zwei Einzeldosengaben des Schmerzmittels, ohne das dessen Wirkung deutlich spürbar war. Zum vereinbarten Zeitpunkt der gemeinsamen Fahrt war mir nach keinerlei Fahrt, wir sparten uns den Lebensmitteleinkauf und ließen es bei der Apotheke. Denn dort lag ein am Morgen bestelltes Medikament, das den Harnleiter aufweitet, was mir zu diesem Zeitpunkt sehr wünschenswert erschien.

Wieder zuhause konnte ich nur noch ins Bett, nicht, weil dadurch der Schmerz nachließe, sondern weil der Schmerz auf von mir noch unverstandene Weise auch müde macht. Vielleicht ist das ein Mechanismus zur Notabschaltung, vielleicht auch ein Reparaturmechanismus. Nun ist eine dreistündige Schlafphase am Abend kein besonders guter Einstieg in ein erholsame Nacht. Immerhin erwache ich nach dieser Zeit und bin kurze Zeit ohne Schmerzen. Gerade lange genug, um diese Zeilen zu schreiben, jetzt beginnt es gerade wieder, häßlich zu werden.

Ich vermute, ich werde die nächsten Tage damit verbringen, in diesem auf und ab eine Regel zu suchen, die es nicht geben kann beziehungsweise soll. Denn letztlich wäre ein regelhafter Zustand ein statischer Zustand, genau der Zustand, den mensch nicht will. Der Stein soll wandern, von innen nach außen, jeden Tag etwas mehr. Je schneller, desto besser. Ich hoffe sehr darauf.

25368 – Geht so

Tag Drei der Nierensteingeschichte. Insgesamt und bei niedrigen Erwartungen ein guter Tag. Nach dem Aufwachen eine von sechs täglich-möglichen Einzeldosen des Schmerzmittels verwendet. Danach war es nicht mehr notwendig. Der Druck in der Niere ist während des Tages gleichbleibend spürbar, auch unangenehm, aber erträglich und unterhalb der Schmerzschwelle.

Ich bin noch immer sehr müde, werde nach diesen Zeilen auch ins Bett gehen, nach meinen sonstigen Maßstäben mitten am Tag (es ist kurz vor acht). Damit die Spannungskurve nicht zu sehr abfällt, fühle ich mich etwas warm. In einem ansonsten zu ignorierenden Bereich, aber ich habe noch den entlassenden Arzt im Ohr, der sehr betonte, dass ich bei Fieber sofort wieder auftauchen sollte. Weil das ein Hinweis auf eine Entzündung sei und damit alles sehr viel schwieriger zu behandeln sei.

Ich finde es sehr schwierig, die Balance zwischen notwendiger Selbstfürsorge und einfach Wegignorieren zu finden. Zumindest wenn nichts wehtut.

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50 Minuten später steigt  der Druck langsam und wird zu Schmerz. Ich stehe kurz für die zweite Einzeldosis des Tages auf. Es folgt eine unruhige Nacht, während der der Druck nur knapp unterhalb der Schmerzschwelle bleibt.

25369 – Alles was hilft

Tag Vier der Nierensteingeschichte. Rein erzählerisch beginnt es zu langweilen. „Schwierige Tage zwischen Schmerz und Nicht-Schmerz“ lassen sich nicht endlos oft erzählen. Gehen wir also weg vom Schmerz und für die Zukunft davon aus, dass er in wechselnden Anteilen und zu wechselnden Zeiten Teil meiner Tage ist. Und sobald  ich den Stein los bin, erfahrt Ihr es als Erste, vermutlich in Großbuchstaben.

Und schon ist der Kopf frei für ein paar der positiveren Aspekte der leidvollen Geschichte. So bin ich zum Beispiel wirklich überrascht vom Ausmaß der Anteilnahme und der Hilfsangebote, die ich hier aus meiner kleinen Gemeinde erfahre. Nachbar D. bringt mir Wasser, in dem ein Heilstein liegt. Und weil er weiß, dass ich vermutlich kaum etwas damit anzufangen weiß, kommentiert er, „dass ich im schlimmsten Fall halt Wasser tränke, in dem ein Stein gelegen hat“. Wenn ich nicht dran glauben muss, bin ich bereit sehr viel zu tun, um mir Erleichterung zu verschaffen. Also her damit, gerne mehr.

Sehr viel mehr bin ich bereit an den „Steinspalter“ zu glauben, ein Tee, an dessen Vorhandenseim im heimischen Sortiment sich Nachbarin M. erinnert und bei mir vorbeibringt. Der Link im Internet zeigt, dass er für meine Situation gewachsen scheint, viel wichtiger aber, ich mag ihn. Seit Beginn der Nierensteingeschichte habe ich kaum Appetit, selbst Kaffee oder Pfefferminztee geht nicht an mich. Aber dieser Tee ist das erste Lebensmittel oder Getränk, dass ich wieder gerne zu mir nehme. Ich halte das für ein gutes Zeichen, in der gröbsten Verallgemeinerung formuliert, glaube ich, dass uns genau die Dinge helfen, von denen wir glauben, dass sie das tun. Die ganze Unsicherheit mit dieser Verallgemeinerung kommt daher, dass wir oft genug nicht wissen, woran wir glauben – oder eben auch nicht. Und dem Tee traue ich was zu. Weil ich ihn mag.

Bei der vorhandenen Appetitlosigkeit sind die Einkaufsfahrten zum Discounter nicht mein erstes Problem. Dennoch ist es gut zu wissen, dass ich auch hier mehr als ein Angebot habe, mir Dinge mitzubringen oder mich bei Einkaufsfahrten mitzunehmen. Seit heute ist das sogar doppelt wichtig, denn auf der vormittäglichen Fahrt zum Urologen ist mir die Gangschaltung des Fahrrads ausgefallen – wie ich es einschätze nur mit professioneller Hilfe wiederherzustellen. Was bedeutet, dass ich auf diese Angebote wirklich angewiesen sein könnte.

Neben all der Hilfe aus der Gemeinde gab es heute Besuch von Freundin A., die mir einen schickes Fieberthermometer mitgebracht hat, damit ich es genauer benennen kann, wenn ich mich am Abend „etwas warm“ fühle. Kurz, mir fehlt es weder an konkreter Hilfe noch an Mitgefühl und – ich weiß, ich wiederhole mich – ich bin dankbar dafür und auch etwas überrascht darüber. Jetzt muss ich nur noch lernen, das einfach anzunehmen.

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Was ich am Ende dieses Artikels und dieses Tages nicht wissen konnte war, dass ich den schmerzhaften Teil des Nierenstein-Geschehens, die Kolik, hinter mir hatte. Am Nachmittag dieses Tages traten die Schmerzen ein letztes Mal auf, ein leichter Druck nocheinmal am Morgen des Folgetages, danach war ich schmerz- und symptomfrei. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist der Stein jetzt in der Blase, wo er keine Schmerzen verursacht. Vielleicht nocheinmal kurz bei seinem Weg durch die Harnröhre, geschenkt, wenn’s dann rum ist.

Abschließend, ich habe die KI meines Vertrauens um folgendes gebeten:
Fasse mir kurz den Verlauf der Symptome rund um Nierensteine zusammen. Wann und warum treten die Schmerzen auf, wann enden sie und wie kann ich feststellen, ob der Stein ausgeschieden wurde.

Wenn Euch die Antwort interessiert, dürft Ihr hier 25366 bis 25369 – Nierenstein weiterlesen

25361 – Polyformen, neben anderem

Manchmal entwickeln sich Aufräumaktionen in ganz eigene Richtungen. So führt der Entschluss, dass die Lötstation endlich wieder an ihren Platz im Materialwagen kommt (statt mir im Dome eine der Kommoden zu belegen), zunächst zu einer weiteren Entscheidung, nämlich auf die geplante Innenbeleuchtung der Vitrine zu verzichten (für die die Lötstation dann noch weitere X Tage bis Wochen dort stehen würde, wo sie steht).

Vom Verzicht auf die Innenbeleuchtung für die Vitrine bis zum Gedanken, dass ich dann ja beginnen könnte, sie einzuräumen, war es nicht weit. Und so habe ich dann den Rest des Tages damit zugebracht, ehemals geliebte Dinge vom Wagen in die Vitrine zu tragen.

Um Euch nur ein Beispiel zu zeigen, hier der selbstgemachte Soma-Würfel:Und ja, im Bild ist kein Würfel zu sehen, sondern es sind zwei Würfelhäften, die sich jeweils aus Polyformen*  von Würfeln zusammensetzen.

Wobei erwähnenswert ist, dass ich den Würfel an allen Seiten (und selbstverständlich auch den vielen verdeckten Innenflächen) neu anschleifen musste. Denn auch der Würfel war Opfer des erlittenen Wasserschadens geworden und hatte an manchen Stellen Schimmel angesetzt. Eine angenehme und befriedigende Arbeit auf der sonnigen und üppig beschallten Terasse. Insgesamt ein guter Tag.

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PS Direkt daneben das Pentomino, ein anderes Puzzle aus einer Würfel-Polyform.


* Polyformen (Übersicht mit KI)

Polyformen sind in der Unterhaltungsmathematik geometrische Figuren, die durch das Zusammenfügen identischer Grundpolygone (meist Quadrate, Dreiecke oder Sechsecke) entlang ihrer Kanten entstehen. Bekannte Beispiele sind Polyominos (Quadrate), Polyiamonds (Dreiecke) und Polyhexen (Sechsecke). Sie bilden die Basis für Parkettierungen und Kombinatorik-Rätsel.

Definition: Eine Polyform ist eine Verbundfigur aus
identischen Grundformen.
Polyominos: Zusammengesetzt aus Quadraten (z. B. Domino, Tromino, Pentomino).
Polyiamonds: Bestehen aus gleichseitigen Dreiecken.
Polyhexen: Bestehen aus regelmäßigen Sechsecken.
Polycubes: Dreidimensionale Polyformen, gebildet aus Würfeln.

Anwendungen und Eigenschaften
Polyformen werden oft verwendet, um zu untersuchen, wie bestimmte Formen eine Fläche lückenlos ausfüllen können (Parkettierung). Pentominos sind beispielsweise populär in der Puzzle-Mathematik.

25317 – Naturnahes Leben

Hmm, ich verstehe das nicht.Gestern und vorgestern hatte ich jeweils nächtliche Begegnungen mit Molchen. Und zwar im Dome. Ich lese zum Einschlafen, der Reader liegt vor mir auf dem Boden, ich schaue aus dem Bett auf ihn herab. Anscheinend fühlen sich die Tierchen vom Licht angezogen. Kein Problem damit, ich helfe ihnen freundlich ins Freie und gut ist es.

Aber was mich wirklich interessieren würde ist, wie sie überhaupt in den Dome hineinkommen. Vermutlich durch die Tür, es muss so sein, denn ansonsten sollte der Dome zugdicht rundherum abschließen. Nur ist diese Tür eigentlich immer zu, vor allen zu den kühlen Zeiten, wenn die Molche das Wasser verlassen und sich Unterschlupf an Land suchen. Aber wie sagte doch schon Dr. Ian Malcolm in Jurassic Park: „Das Leben findet einen Weg!“

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Update, 10 Tage später. Molche sind ganz anders, als ich sie mir immer vorgestellt habe. Ich dachte, es seien Wassertiere, die an Land überwintern. Stattdessen verbringen sie die meiste Zeit ihres Lebens an Land und sind nur zum Balzen und Laichen im Wasser, die Jungtiere, anders als die Eltern, sind dort auch im Sommer und gehen erst im Herbst an Land.

Betreffs der Molche im Dome liegt also die Vermutung nahe, dass sie schon im Oktober/November in den Dome kamen, nun mit dem Ende der Frostperiode ihre Winterruhe beendet haben und raus ans Wasser wollten. Und daei habe ich ja gerne geholfen.

Mir geholfen hat KI, um zu erfahren, was die über Molche weiß, müsst Ihr hier 25317 – Naturnahes Leben weiterlesen

25282 – Aufregend ist anders!

Klar, dass ich das auch ausprobieren musste und mir vom Bildgenerator meines Vertrauens eine g.-Action-Figur generieren ließ. Geschehen ist das schon im letzten Jahr – also zu dem Zeitpunkt, als das gefühlt jeder tat – und war mir definitiv keine Veröffentlichung wert. Aber gerade fällt mir nichts anderes ein und so trage ich heute der Einfallslosigkeit geschuldet zu Eurer täglichen Dosis AI-Slop bei.

25270 – Die Meise des Theseus

 

Theseus hatte keine Meise (owohl, wer will das heute mit Sicherheit behaupten), aber ein Boot. Vielleicht auch nicht einmal das, aber er konnte darüber nachdenken. Für einen Philosophen ist das naheliegend. Und worüber er nachdachte – wenn Philosophen nachdenken nennt die Nachwelt das gerne Gedankenexperiment – war folgendes:

„Wenn an meinem Boot nun eine Planke kaputtginge und ich sie ersetzen würde, und später vielleicht das Steuerrad, und abermals später der Mast, ja, der gesamte Verfallsprozess einschließlich der folgenden Reparaturen sich solange fortsetzen würde, bis schließlich jedes Teil des ursprünglichen Bootes ausgetauscht wäre, wäre das dann noch mein Boot?“

Ein vermeintlicher Themenwechsel: Unter BloggerInnen wird gerade dikutiert – vielleicht auch schon nicht mehr, ich bin bei solchen Diskussionen gerne spät -, wie mit Künstlicher Intelligenz in Blogbeiträgen umzugehen ist. Das Spektrum möglicher Antworten ist so weit, wie Blogs vielfältig sind, aber unter Tagebuchbloggern, wie ich es bin, scheint eine Meinung weit verbreitet: „Kannste machen, aber ist dann halt scheiße!“

Ich bin an der Stelle wenig leidenschaftlich soweit es andere betrifft, finde es aber wichtig, sich zu positionieren und die Verwendung künstlicher Intelligenz transparent zu machen, vor allem dort, wo sie nicht offensichtlich ist. Bisher ist mir das gut gelungen, da ich meistens über meine Versuche mit KI schreibe, da ist Transparenz quasi eingebaut. Ansonsten wünsche ich mir ohnehin hier mehr stimmige „analoge“ Inhalte (was im Rahmen eines digititalen Mediums ja immer nur ein zuvor digitalisierter analoger Inhalt sein kann), schwer genug, wenn jede halbwegs gute Kamera die Fotos so sehr verbessert, dass ich lieber in meinen Fotos, statt in meiner echten Umgebung leben möchte.

Womit wir endlich in der Grauzone angekommen sind, die den Anlass für diesen Beitrag bildete. Vorgestern habe ich unter „Mangels Meise“ das Bild einer Kohlmeise an meiner Futterstation gepostet, in das die Meise mittels Künstlicher Intelligenz eingefügt war. Vermutlich ist den meisten entgangen, dass dieser Beitrag nicht unter #vögelbilder abgelegt war, unter dem ich sonst die Bilder von Vögeln ablege. Es wäre mir falsch vorgekommen, ähnlich dem, auf dem Flohmarkt ein Löwenfell zu kaufen und es unter #meineSafari abzulegen.

Anders erging es mir mit dem Beitragsbild oben. Es ist mit Künstlicher Intelligenz nachgeschärft und obwohl es eindeutig nicht dasselbe Bild ist, empfinde ich es doch als meins – wer möchte darf hier das Ausgangsbild mit dem Ergebnis vergleichen.

Womit wir bei Theseus‘ Meise wären. Wieviel an einem Bild, einem Beitrag, darf „künstlich“ hinzugefügt oder weggelassen sein, um es nicht mehr – oder vielleicht gerade noch – einer Kategorie, einem Tag oder einer sonstwie gearteten Definition zuzuordnen. Oder anders gefragt, ab wann kann ich das machen, aber es ist halt scheiße?

Theseus und andere, die bereit waren, sich mit seinem Boot zu beschäftigen, kamen bei Unterscheidungsmerkmalen wie Kontinuität, Material oder Funktion heraus. Hardliner behaupte(te)n, es hätte niemals ein Boot gegeben, und praktisch orientierte Menschen schütteln mit dem Kopf. Wir bleiben bei der Meise.

Oder besser: bei der Fotografie der Meise. Zugegeben auch das nur dann, wenn wir das Bild oben denn als Fotografie bezeichnen möchten, strenggenommen ist es eine fotorealistische Abbildung auf Grundlage einer Fotografie. Nichts darauf wurde fotografiert. Da darf mensch sich schon fragen, ob diese Abbildung in ein Tag einsortiert werden soll, das bisher nur Fotografien enthält. Eigentlich nicht. Andererseits würdet Ihr vermutlich überhaupt nicht darüber nachdenken, wenn ich diese Zeichnung mit #vögelbilder taggen würde.

Ihr merkt, die Dinge sind kompliziert, Inhalt spielt eine Rolle, Materialität auch, you-name-it, niemandem ist vorzuwerfen, die obige Abbildung abzulehnen und ab sofort andere Blogs zu lesen, die ohne diesen KI-Quatsch auskommen.

Ich habe für mich andere Merkmale gefunden, warum ich das Bild als meine Fotografie eines Vogels bezeichne und Euch auch gerne zeige.  Nur nebenbei, ich kürze jetzt ab, weil dieser Beitrag ohnehin schon viel zu lang ist. Erstes Merkmal: die Abbildung ist fast ununterscheidbar am Originalschauplatz dran, ohne eine Vergleichsmöglichkeit ist auch für Ortskundige nicht feststellbar, ob es es sich um ein Original oder eine nachgeschärfte Version handelt. Eigentlich sage ich damit, dass die KI an dieser Stelle nur ein aufgebohrter Algorithmus zum Nachschärfen ist. Und nachgeschärft habe ich schon immer, wenn es möglich war. Wenn ich ehrlich bin, überzeugt mich dieses Argument maximal zu Hälfte, denn die Sonnenstrahlen zur Stimmungsaufhellung haben so ganz eindeutig nichts mit nachschärfen zu tun. Aber heh, mit Sonne ist es das bessere Bild. Und ebenso klar, in einem Foto-Blog hätte das Bild nichts zu suchen.

Das zweite Merkmal ist das wichtigere Argument, es geht um den Prozess der Bildentstehung. Der obige Vergleich mit einem Löwenfell vom Flohmarkt, das eine Safariteilnahme nahelegt, weist schon in diese Richtung. Die unscharfe Meise im Originalfoto ist das Ergebnis einer längeren Fotojagd. Ich habe einige Zeit sehr ruhig an meinem Fenster gestanden, um dieses Foto zu bekommen. Und eigentlich zählen die vergeblichen Stehzeiten aus den Vortagen ja auch dazu, meint: ich habe laaange gestanden. Ich war auf der Safari, die Meise ist meine rechtmässig erworbene Trophäe.

Wir biegen ein in die Zielgerade. Denn das alles hätte uns bis vor wenigen Monaten noch ziemlich egal sein können, Aber wir leben in spannenden Zeiten. Wir sind gezwungen, auf vollkommen neue Weise den Bereich zwischen Original und Fälschung zu erkunden. Die Ergebnisse unseres Schaffens waren auch früher oft genung nicht originär, beschönigend sagten wir, wir ständen auf den Schultern von Riesen. Heute stehen wir auf den Schultern von Titanen. Ein geschickter Prompt macht mich von einem lausigen zu einem mittelmäßigen Fotografen. Demnächst werde ich ein wirklich guter Fotograf sein können, ohne jemals irgendetwas darüber gelernt zu haben. Und ich werde umgeben sein von wirklich guten Fotografen, Textern, Designern, Wissenschaftlern und Werbern. Die Schaffensergebnisse werden immer besser werden (vermutlich auch immer ähnlicher) und müheloser zu erreichen sein. Sie werden an Wert verlieren.

Ein Kriterium zukünftiger Wertbeimessung wird der Prozess sein, der zum Ergebnis führt. Ein sauberes und gutes Ergebnis, das mittels einer einfachen Eingabe in die KI eures Vertrauens erzielt wurde, wird weniger Wert haben, als der handgeschriebene Brief eines Neunjährigen aus dem Zeltlager. Eine händisch gezeichnete Meise ist mehr wert als ein Foto von ihr (außer Ihr musstet für dieses Foto sehr lange anstehen).

Prozess über Ergebnis, mehr sollt Ihr gar nicht mitnehmen heute. Meisenfotos und Philosophenboote sind da nur ein Weg, um über unsere spannenden Zeiten ins Nachdenken zu kommen. Viel Spass dabei!