Kleine Dosen im Selbstversuch

Montag, 22.5.2023, 1. Tag, 1. Woche
Ich habe mich entschlossen, zur Besserung meiner Depression ein Experiment mit Microdosing  zu unternehmen und den Verlauf zu dokumentieren. Wie man auf so etwas kommen kann, findet ihr hier mit weiterführenden Links ausführlich beschrieben.

Beginnend heute werde ich die nächsten sechseinhalb Wochen jeweils an den ersten drei Wochentage 0,75 Gramm psylocibinhaltiger „Truffel“ zu mir nehmen. Truffel darf man in den Niederlanden legal verkaufen, kaufen und verwenden. Verkauft wird in Packungen a 15 Gramm, das sind dann jeweils 1 bis 2 wirksame Dosen. Die von mir eingenommene Menge entspricht also weniger als einem Zehntel der wirksamen Dosierung für einen milden Rausch. Das ist Absicht, deswegen das Micro vor dem Dosing. Händler verkaufen auch fertig abgewogene Portionen für das Microdosing, die haben dann jeweils genau ein Gramm, ich werde auf die alten Tage also vorsichtig und konservativ.

Die erste Einnahme dehne ich über mehrere Stunden, aus unklaren Gründen habe ich einen schlechten Geschmack erwartet, aber das Zeug schmeckt kaum nach irgendetwas, womit ich es vergleichen könnte. Keine besonderen Vorkommnisse.

2. Tag
Keine besonderen Vorkommnisse.

3. Tag
Gedanken zur Ergebniserhebung, woran würde ich bemerken, dass eine Wirkung eintritt? Ich brauche ein Bewertungsschema für Tagesbefindlichkeiten! Aktiv gewesen, länger als gestern, kürzer als aus anderen Jahren gewohnt.

2. Woche, 4. Tag
Ersteinmal die montägliche Einnahme verpasst, neben allen anderen Medikamenten, ich war abgelenkt, die meiste Zeit des Tages. Ich verschiebe auf Dienstag. Das funktierniert dann ungestört. Ich teile die Microdosis nochmal auf zwei Einnahmen über den Tag verteilt, das werde ich diese Woche auch beibehalten. KbV, aber ich bin aktiv, naja, aktiver als meistens in der letzten Zeit, immer noch nicht aktiv-aktiv.

5. Tag
Lustlos, aber aktiv.

6. Tag
Weil ich abgelenkt bin, vergesse ich die Medikamenteneinnahme während des Tages komplett, die Medis werfe ich abends alle zusammen ein, die Microdosis verschiebe ich auf den nächsten Tag. KbV.

3. Woche, 7. bis 9. Tag
Die Einnahme der Microdosis nun auf einmal. Das langsame Hochdosieren war eine Vorsichtsmaßnahme, wie erwartet und gewünscht ist kein Unterschied zu irgendeiner Version meines Alltags zu spüren. Zugleich ist es die erste Woche, in der ich mich fühle, wie ich mich „immer“ im Sommer fühle: gerade aktiv genug, um Spass daran zu haben und Erfolgserlebnisse zu generieren (Schüttung).

Was zugleich aber das Hauptproblem meiner kleinen „Studie“ ist, sie ist keine. Begründung später. [Geschmack und Verderbnis]

So nicht!

4. Woche, 10. bis 12. Tag
Sommerlich aktiv, keine Besonderheiten. Ich bemerke am 12. Tag, dass alle abgepacken Portionen in ihren Tütchen angefangen haben, zu schimmeln (oder irgenetwas anderes, was Pilze halt so tun). Streng genommen ist dies die erste wirkliche Erkenntnis aus meinem Experiment, so geht es nicht! Wir lernen, was wir vorher schon wussten: eigene Versuche schaffen Prozesswissen, das es nicht zu lesen gibt.

5. Woche, 13. und letzter Tag dieses Versuchs
Eine Mikrodosis konnte ich noch retten, auch wenn sie schon deutlich schimmelig geschmeckt hat. Und Schluß.

<O>

Was hat’s gebracht?
Danke, dass Sie fragen, das ist eine sehr gute Frage! Trauriger Fakt ist, dass ich es nicht weiß. Jede Stimmungsaufhellung in der betreffenden Zeit könnte auch einfach der beginnenden Heißzeit zuzuordnen sein. Falls es wer nicht weiß, ich brauche zur bestimmungsmäßigen Funktion eine gewisse Betriebstemperatur, die in unseren Breitengraden nur in den Sommermonaten erreicht wird. Gerade geht es mir gut, weil es mir sowieso gut gehen würde.

Insgesamt ist also das Ergebnis weniger deutlich, als bei meinen anderen Depressionsabhilfen, den Serotoninwiederaufnahmehemmern und dem Laufen. Das ist es, was ich jedem mitgeben möchte, der sich vielleicht aus eigener Betroffenheit bis hierher durch den Text gequält hat und bisher genau nichts erfahren hat.

Laufen hilft schnell und deutlich, ein trüber, lustloser Tag fühlt sich nach fünf bis zehn Kilometer Strecke vollkommen anders – besser – an. Wer es packt, sich vor dem Lauf durch die schlechte Stimmung nicht aufhalten zu lassen, hat gewonnen.

Die Serotoninwiederaufnahmehemmer sind schwieriger zu beurteilen, ich würde dazu neigen ihnen keine (!) Wirkung zuzuschreiben, wenn es nicht ein paar Indizien gäbe, dass sie zumindest irgenetwas tun. Während der Einnahme habe ich zweimal Spontankäufe im dreistelligen Bereich getätigt, das ist ansonsten außerhalb der Möglichkeiten meines Naturells. Und – vielleicht wichtiger – ich habe während der Einnahme mit dem Laufen angefangen, auch das etwas, was zuvor nicht zu erwarten gewesen wäre. Eher im Gegenteil, ich habe mich zuvor über Läufer eher lustig gemacht. Abgesetzt habe ich die Medis jeweils, weil ich fast schon körperliche Widerstände gegen die Einnahme entwickelte. Ich mochte sie auf eine sehr entschiedene Weise nicht mehr.

Abschließend: Wenn ich könnte (was ich nicht kann), würde ich laufen (Empfehlung!). Wenn’s legal wäre (was es nicht ist), würde ich mit Pilzen und LSD experimentiernen (gerne auch unter Begleitung mit höheren Dosen). Weil ich’s kann und es legal ist, würde ich notfalls auch Serotoninwiederaufnahmehemmer nehmen. Nur, so nötig habe ich es noch nicht.

 

12 von 12, oder so

Irgendwo in einer Welt außerhalb meiner Nische gibt es „Zwölf am Zwölften“, BloggerInnen veröffentlichen an einem Zwölften des Monats zwölf Bilder aus ihrem Alltag. Gesammelt werden diese Beiträge dann bei „Draußen nur Kännchen“ und alle freuen sich. Weil ich mich seit Monaten mal mitfreuen will, der Zwölfte aber immer gerade war oder noch zu weit in der Zukunft liegt, wenn mir freuen mal wieder richtig gut täte, muss ich mal wieder ein wenig am Konzept herumbiegen. Ihr bekommt meinen idealen Zwölften, einen Zwölften, der so niemals stattgefunden hat, aber in all seiner Alltagsbanalität durchaus so hätte stattgefunden haben können. Die geschilderten Ereignisse beruhen auf wahren Begebenheiten. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind aufgrund ihrer Alttäglichkeit zwangsläufig.

Bild 1Der Blick zur Uhr, neun Uhr irgendwas, vielleicht weiterschlafen, vielleich kurz pinkeln/lesen und dann weiterschlafen, ich will nicht in den Tag. Das ist gerade nicht ungewöhnlich, ich bin etwas am kriseln. Andererseits, da ich sehr spät ins Bett gehe muss ich lange schlafen, um auf meine benötigten Stunden Schlaf zu kommen und solange das klappt, ist alles okay. Das schlechte Gewissen, das ich manchmal habe, ist Angesichts der Tatsache, dass ich Rentner und alleinstehend bin – meint: es niemanden gibt, der irgendein berechtigtes Interesse an meinen Schlafens- oder Aufstehzeiten anmelden könnte – völlig unnötig.

Bild 2Irgendwann im Laufe des Vormittags bin ich also subjektiv unausgeschlafen aufgestanden und habe „die Zeitung gelesen“. Die Zeitung lesen ist ein Platzhalter für die Kenntnisnahme tagesaktueller Neuigkeiten mittels verschiedener Internetkanäle. Das darf solange dauern, wie es dauert, ich muss mir das gelegentlich auch selbst versichern, denn es kommt der Punkt, der irgendwann immer kommt – außer er kommt nicht, das sind die wirklich schlechten Tage – und es drängt mich zur Aktivität.

Bild 3Manchmal findet das Frühstück während des Zeitunglesens statt, meistens ist es aber der Start in den Tag, kurz eingeschoben vor der Aktivität, die mich nun drängt. An diesem fiktiven Zwölften ist mir das Brot ausgegangen, was schon mehrere Tage zu ahnen war, ich hatte nur keinen Bock einkaufen zu gehen. Da ich vergleichsweise anspruchslos bin, macht mir das nicht einmal schlechte Laune, ich weiche auf Maultaschen in Instant-Gemüsebrühe aus. Zur Uhrzeit passt es ohnehin. Gewohnt spät gibt es Maultaschen zum Handwerker-Frühstück.

Bild 4Es folgt die „Aktivität des Tages“, gegenwärtig  – und solange mich nichts Wichtigeres ablenkt – hat sie oft mit dem Legen eines Bodens in meinem Lieblingsprojekt zu tun. Ich erspare Euch die handwerklichen Details.

Regelmäßige Leser des Blogs sind hier im Vorteil, können vielleicht sogar einordnen, was sie sehen. Der Rest sollte wissen, das dauert jetzt zwei bis vier Stunden, genau so lange nämlich, bis ich keine Lust mehr habe. Das Lustprinzip ist die einzige Regel auf der Baustelle, denn: es ist eine große, auf mehrere Jahre Bauzeit angelegte Baustelle. Auch hier bin ich mir und nur mir verantwortlich. Wenn ich langfristig motiviert bleiben soll, muss klar bleiben, dass ich jederzeit aufhören kann. Mir muss es mit meiner Baustelle gut gehen, dann erhält sie mich aktiv und zufrieden. Das Lustprinzip ist gelebte Psychohygiene.

Bild 5
Wo das Lustprinzip nichts zu suchen hat: in der Gartenroutine, die irgendwann im Laufe des Tages eingebaut wird. Wasser muss sein! Spätestens vorm schlafen gehen, falls es bis dahin vergessen gegangen ist. Heute mal früher, damit ich noch ein Bild davon machen kann.

Bild 6Und dann auf’s Fahrrad zum Lebensmitteleinkauf, ihr wisst ja, Brot fehlt! Und anderes auch. Auf dem Weg durch das Industriegebiet fällt mir ein Gebäude auf, dessen Zweck sich mir nicht erschließt, dabei aber auf gute Weise interessant aussieht. Es wird fotgrafiert und auch kurz mit dem Fahrrad umrundet, seine Bestimmung gibt es trotzdem nicht preis.

Bild 7Seit Anfang des Jahres habe ich kein Auto mehr und kaufe alle Lebensmittel mit dem E-Fahrrad ein. Das geht gut, im Bild ist der durchschnittlich befüllte Rucksack zu sehen, mehr als einmal die Woche muss ich selten fahren, meistens sogar weniger.

Bild 8Es ist nachmittag, Freund und Gelegenheitsnachbar J. kommt zum Plaudern. Das braucht so seine Zeit, die eigene und die Befindlichkeit der Welt werden ausführlich erörtert, exakt so, wie alte Herren das schon immer tun.

Bild 9Wieder allein noch nebenbei ein Bild aufgehängt. Es ist ein Erbstück und es aufzuhängen geschah aus einer Laune heraus. Keine Ahnung, ob es dort bleibt und was ich mir damit sagen will.

Aber bevor ich darüber den Faden verliere, das Stichwort war „Laune“. Viele meiner Alltagsverrichtungen geschehen aus einer Laune heraus, müssen warten, bis sie reif sind zu geschenen, in meiner Sprache: sie „fallen vom Baum“. Das gilt für die eher seltenen Ereignisse (Bilder aufhängen, Fenster putzen) genauso, wie für die regelmässigen Lästigkeiten zivilisierter Lebensführung (spülen, Haare schneiden lassen). Ich nenne das Luxus.

Bild 10Heute, weil der ideale Zwölfte ist, stelle ich den Blogbeitrag dazu ein und gebe den Link bei  „Draußen nur Kännchen“ ab. An anderen Tagen, vielleicht einem Elften oder gar einem Dreizehnten, wäre es irgendetwas anderes mit Medien. Vielleicht würde ich die oben erwähnte Tagesaktivität auf dem der Baustelle zugeordneten Instagram-Account vermelden (moudubi, Betrachtung ergibt nur chronologisch Sinn) oder irgendetwas deutlich Allgemeineres aus meinem Leben auf dem Zweit-Account _moudubi_ einstellen (da ist schon lange nichts mehr geschehen, warum eigentlich?). Anschließend noch schnell drei bis vier Zeilen zu den Tätigkeiten des Tages notiert, womit er auch abgeschlossen ist. Naja, fast.

Bild 11Streamingkonsum der unterhaltsamen Art, Schüsse fallen, Gebäude explodieren, Stuntmänner und -frauen sterben cineastisch wertvoll; ich lasse mich von Dingen unterhalten, die ich niemals erleben möchte.

Manchmal vergeht auch Zeit damit, Gesehenes herunterzuladen. Ich habe die Phantasie, dass ich irgendwann einmal einen unangenehm langen Krankenhausaufenthalt haben werde, den ich nur mit Hilfe eines angemessen großen Vorrats an leichtverdaulicher Serienkost ertragen kann.

Bild 12Vermutlich ist schon der Dreizehnte, ich lese zum Einschlafen im E-Reader Fiktionales bis ich ihn in einer letzten Anstrengung schließe, das Licht ausmache, mich umdrehe und einschlafe.

Streifenwanze

Wanzen haben ja einen schlechten Ruf, aber diese hier ist unter den wichtigsten Gesichtpunkten harmlos. Tut Menschen nichts, tut auch den Pflanzen nichts, von denen sie sich ernährt (ob jemand die Pflanzen befragt hat?), sieht gut aus und ist passend bezeichnet, so dass ich mir den Namen vermutlich merken kann. Mehr bei Wikipedia zur Streifebwanze.

WMDEDGT – Mai 2023

Die erste Maihälfte blieb erst einmal kühl , nur falls Euch das in der Zukunft nochmal interessiert. Wichtiger: danach wurde es warm, oder doch warm genug um A. und mir während unseres Amsterdamausflugs angenehmes Spazierwetter zu bieten. Dazu gibt es Exklusiv-Berichterstattung hier.

Mit dem Aussetzen der ersten Pflanzen in die Beete Anfang des Monats beginnt die tägliche Gartenroutine mit Pflanzen gießen und gelegentlichem Unkraut zupfen. Das taucht in den Tagesbeschreibungen dann nicht mehr auf, einfach weil es fast täglich geschieht, ähnlich wie Zähne putzen oder Kaffeee kochen.

Gegen Ende des Monats fahre ich gemeinsam mit A. noch einmal nach Frankfurt in Mutters Wohnung um einige, letzte Erinnerungsstücke zu bergen. Wenn es nach mir geht auch zum letzten Mal nach Frankfurt/Höchst überhaupt, der Verkauf der Wohnung durch die gesetzliche Betreuerin steht an und ich bin froh, wenn ich damit nichts zu tun haben muss. Der Besuch ist psychisch anstrengend und lässt mich auch in den folgenden Tagen noch in stark gedrückter Stimmung zurück. Ich glaube, ich werde das Mutter- und Familiendrama schriftlich aufarbeiten müssen, um wieder etwas klarer zu werden. Wenn das geschieht, erfahrt Ihr an dieser Stelle davon.

Ab in die Krümel: hier WMDEDGT – Mai 2023 weiterlesen

Amsterdam, 15. bis 18.5.2023

Tag 1, Montag, Anreisetag
Wir kommen gegen halb vier nachmittags, eine halbe Stunde früher als vereinbart, in unserer Airb’n’b-Unterkunft an und Ciska, die Gastgeberin, ist noch nicht ganz damit fertig , unser Zimmer herzurichten. Sie weiß damit umzugehen, fragt, wie wir uns in Amsterdam fortbewegen wollen, und als wir wie erwartet „mit Tram und Metro“ antworten, sagt sie uns erstmal, wo wir ganz in der Nähe die Tickets kaufen können. Auf diese Weise sind wir ihr aus den Füßen und kommen zu unserem ersten Spaziergang, der sehr angenehm durch den direkt vor ihrer Tür beginnenden Park zu einem nahegelegenden, kleinen Einkaufszentrum führt. Eine dreiviertel Stunde später sind wir zurück und beziehen unser Zimmer, das von kreativer Freude und Drogenerfahrungen zeugt. Wir sind zufrieden, fließendes Wasser und eine kleine Kaffee- und Teeküche direkt neben dem Bett, was wollen wir mehr.

Weil es immer noch früh am Abend ist, beschließen wir, nach Amsterdam hereinzufahren und noch etwas von der Stadt zu sehen, nebenbei schon einmal die Strecke zu erkunden und vielleicht einen Streckenplan zu erfragen.

Amsterdam Zuid, unser täglicher Umsteigebahnhof

Unser Stadtgang führt uns in „De Pijp“, ein Stadtviertel, mit dem wir bei unserem Amsterdambesuch vor neuneinhalb Jahren schon gute Erfahrungen gemacht haben. Wir erleben die Reinigungsarbeiten nach dem täglich dort stattfindenden Flohmarkt und wundern uns, dass so wenige der Lokale vor Ort geöffnet sind.

Den Tagesabschluss „zuhause“, also in unserer Unterkunft, verbringen wir mit der Vorbereitung des morgigen Tages, Dadelei auf dem Handy und lesen. Erwähnenswert vielleicht, dass wir diesmal näherungsweise unvorbereitet in die Tage gegangen sind. Im Grunde haben wir nur zwei volle Tage, die wir anders als bei unserem ersten Besuch, der im Winter und überwiegend in beheizten Museen stattfand, diesmal in der frühsommerlichen und hoffentlich besonnten Stadt verbringen wollen. Es geht uns weniger um Sehenswürdigkeiten, sondern um Eindrücke und eine gute Zeit. Eigentlich gilt es nur, einen geeigneten Startpunkt festzulegen und dann loszulaufen. Das ist nicht weiter schwer, denken wir, dennoch wird dieser Ansatz uns beide in den nächsten beiden Tagen gelegentlich irritieren. Das wissen wir nur noch nicht.

Tag 2, Dienstag
Startpunkt Centraal Station, der Hauptbahnhof, wie es der Name sagt zentral gelegen im Grachtengürtel und inmitten der bestbesuchten Sehenswürdigkeiten von Amsterdam. Touristisch lässt sich hier kaum etwas falsch machen, wer sehen kann wird etwas finden, das des Sehens würdig ist. Die Begabten unter uns schlagen dann im Reiseführer oder bei der Suchmaschine ihres Vertrauens nach, was sie da gerade ansehen. Oder lassen es sich während einer Grachtenrundfahrt erzählen, wie wir das getan haben (ja, uns graut vor nichts und zumindest ich bin in dem Alter, wo auch eine Butterfahrt auf dem Rhein im Möglichkeitshorizont auftaucht). Grachtenrundfahrt also, auf mein Betreiben hin, eine Stunde für vergleichsweise kleines Geld, gemessen am Amsterdamer Standard und unseren sonstigen Ausgaben. Was mich zu einem alten Reisekonzept meines Vaters bringt, dem ich in diesem Kurzurlaub nacheifern wollte. Der alte Herr nämlich war gewohnheitsmäßig sparsam, aber einmal im Jahr, während des Jahresurlaubs, der damals noch in Italien oder Jugoslawien stattfand, hatte er wirklich weite Spendierhosen an. Daran wollte ich orientiert sein.

Was dann auch erstens sehr gut klappt und zweitens sehr notwendig ist. Wir kehren im Sea Palace ein, erwartbar gut und teuer, ab jetzt kein Thema mehr, die Dinge kosten, was sie kosten. Herausforderungen warten an anderen und unerwarteten Stellen. Bestellungen sind nur über das Smartphone möglich (immerhin, das Einlesen des QR-Codes der elektronischen Speisekarte funktioniert problemlos über Google-Lens) und ein robotischer Kellner bringt die Speisen in Tischnähe, wobei die voreingestellte Fahrspur gefühlte 20 Zentimeter zu nah aber vollkommen komplikationslos an A.’s  Stuhl vorbei führt. Ein menschlicher Kellner übernimmt bei uns und allen anderen für den letzten Meter und die Getränke. Schöne, neue Welt.

Nach dem Essen brauchen wir ein neues Ziel für unsere eher ziellose Eindruckssammelei und weil ein Ziel so gut ist, wie das andere, tun wir eine Weile so, als seien wir ein Paar, das sich beim örtlichen Saatgutprovider auf die deutsche Canabis-Legalisierung vorbereitet oder ernsthaft an Microdosing interessiert sei. Eine gute Entscheidung, am Abend wird uns Google mitteilen, dass wir mehr als zehn Kilometer kreuz und quer durch den ganzen Grachtengürtel gelaufen sind. Dabei haben wir das Rotlichtviertel und den Damplatz gestreift, konnten auf belebten Plätzen Drohnenpiloten und Live-Rappern zusehen und -hören, kurz in einem Coffee-Shop verweilen (seltsam, ganz anderes Publikum als in unseren Cafés) und auf dem Schaukai des Schifffahrtsmuseums über die Funktionsweise von Ankern philosophieren.

Heimwärts auf bekannten Wegen und Linien, wir sind zufrieden und haben auf dem Weg alles bekommen, was wir suchten, H-Milch bei der örtlichen Aldi-Ensprechung und eine neue Funkmaus beim Elektronikhändler, der sogar so heißt wie zuhause.

Und wir sind sehr müde.

3. Tag, Mittwoch
Unser heutiger Startpunkt ist der Flohmarkt am Waterlooplein, wir frühstücken Fritten am Stand und Kaffee im Café bevor wir uns durch den Grachtengürtel („Ich will Grachten sehen!“) in Richtung Walter-Cuipstraat aufmachen. Oft bleiben wir auf den Brücken stehen, zum einen, weil es dort meistens etwas zu sehen gibt, Hausboote zum Beispiel, zum anderen, weil wir noch von der gestrigen Lauferei angestrengt – um nicht zu sagen beeinträchtigt – sind.

In der Albert-Cuipstraat erleben wir den täglich darauf stattfindenden Flohmarkt endlich einmal bei Tag und belebt. Am ersten Abend und auch vor neuneinhalb Jahren sind wir dort während der allabendlichen Reinigung entlang geschlendert. Und schlendern lässt sich auch im Tagesbetrieb sehr schön, es ist nicht sehr voll. Was ich immer dann sage, wenn ich zu jedem Zeitpunkt die Stände auf beiden Seiten des Ganges sehen kann. Am Fischstand gibt es ganz besondere Schnäppchenjäger zu bestaunen.

Und dann, nach dem Flohmarkt, gehen wir vollkommen zufällig in irgendeine der sich anbietenden Richtungen, gerade noch nicht hungrig genug für die Futtersuche. Und finden auf diese Weise zum Museumsplein, wir wissen, die Sehenswürdigkeiten sind immer nur einen Spaziergang voneinander entfernt. Zwar ist es für irgendeinen Museumsbesuch zu spät, aber der Außenbereich des MoCo (Modern Contemporary) ist noch offen und bespielbar.Der Garten gefällt uns so gut, dass wir beschließen, morgen noch einmal zu kommen und uns auch die Dauerausstellung im Inneren anzuschauen.

Kurz darauf haben wir unsere erste und einzige Krise der kurzen Reise. Es gelingt uns nicht, die Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs und die Restaurantansicht auf Maps übereinander zu legen, um die nun dringend gewordene Abendmahlzeit zu planen. Fünfzehn Minuten Bemühung auf  zwei Smartphones, technische Widrigkeiten und Unterzuckerung bilden eine gefährliche Mischung, die wir auflösen, indem wir uns auf den Weg zur nächsten Metrostation machen. Wie so oft genügt es, in Bewegung zu sein, und die Schwierigkeiten lösen sich von selbst. Wir finden eine gute Pizzeria, müssen auch gar nicht viel nachdenken, denn wir waren ja kurz zuvor tatsächlich auf der Suche nach Pizza. Die Kellnerin hat viel um die Ohren, vergisst uns zunächst, hat aber nach der freundlichen Nachfrage so ein schlechtes Gewissen, dass sie uns später den Esspresso schenkt. Und, A.’s Pizza ist „Best-Pizza-ever“, meine ist Oberliga, der Abend gerettet. Es kann so einfach sein.

Zuhause noch die Online-Tickets für das MoCo gebucht, nicht weil es toll wäre online zu buchen, sondern weil es günstiger ist und man an der Warteschlange vorbei hineingelangt. Dafür ist man dann an seinen „Timeslot“ gebunden und wer ist das schon gerne, gebunden? Hmm …, wir vielleicht?

Ich wage die Aussage, dass wir nach zweieinhalb Tagen „Freiheit und Spontanität“ beide ganz froh waren, mal wieder eine Vorstellung davon zu haben, wo und wie ungefähr wir den morgigen Tag verbringen würden. Es klang auch im Gespräch so an, „nächstes Mal planen wir wieder etwas mehr“.

4. Tag, Donnerstag, Abreisetag
Wir sind beide früh wach, auschecken ist für elf Uhr angesagt, wir sind etwa eine Stunde früher fertig. Ich nutze die letzte Gelegenheit, den unbedingten Gestaltungswillen unserer Gastgeberin fotografisch festzuhalten.

Früher als geplant in Amsterdam zu sein ist ein Vorteil ist, denn wir müssen noch ein Frühstück jagen. Im Lokal unserer Wahl findet die Jagd bevorzugt mittels Smartphone und QR-Code statt, diesmal aber streikt Google-Lens, ich vermute, weil die QR-Codes auf den Tischen nicht genügend Kontrast bieten. Also installiere ich einen mir bekannten QR-Code-Reader, der aber leider veraltet ist (sagt er selbst), dennoch funktioniert und uns zur Seite leitet, auf der wir bestellen dürfen und das auch tun. Um dann laaange zu warten, endlich nachzufragen, und ja, also nein, da ist keine Bestellung von uns. Dann also doch Face-to-Face und Cash, total oldschool, das geht dann sogar richtig schnell.

Unser Timeslot beginnt um eins, wir sind etwas früher am MoCo und dürfen auch früher hinein. Das MoCo ist ein vergleichsweise kleines Haus in dem man nicht unbedingt Ausstellungsräume erwarten würde.Moco exhibits Jean-Michel Basquiat, Banksy, Icy & Sot, JR, KAWS, Keith Haring, Jeff Koons, Damien Hirst, Tracey Emin, Yayoi Kusama, THE KID, teamLab, Andy Warhol, Studio Irma, and so many more!Die Ausstellung ist auf mehrere, zum Teil sehr kleine Räume aufgeteilt und aufgrund des Besucherandrangs ist es ziemlich voll. Ich finde das verkraftbar, aber Kunstgenuss ist anders. Gezeigt wird moderne zeitgenössische Kunst, Modern Contemporary, wer hätte das bei dem Namen gedacht. Es wird mit mehreren wirklich großen Namen geworben, die dann aber etwas unterrepräsentiert sind. Sei’s drum, um unseren Amsterdamausflug mit etwas Kultur abzurunden und abzuschließen war der Besuch eine gute Wahl, mehr hätte auch mehr Zeitaufwand bedeutet und an diesem letzten Tag war Zeit eher knapp.

Gegen fünf Uhr nachmittags waren wir wieder am Auto und nach einer angenehm ereignislosen Heimfahrt waren wir um zehn wieder zuhause.