Kleine Dosen

Auf spektrum.de gab es vor nicht allzu langer Zeit einen Übersichtsartikel zu Microdosing, meint: der regelmässigen Einnahme psychoaktiver Drogen unterhalb der Wirkschwelle. Menschen machen das zum Zwecke der Gesundung oder zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Zu beidem gibt es deutliche Hinweise, dass das nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Depressionen und Ängste sollen sich bessern, Konzentration und Kreativität zunehmen.

Schon einige Tage zuvor war mir das Thema im Rahmen einer Pilz-Doku („Die fantastische Welt der Pilze“ in der Mediathek) begegnet. Eine Suche im Netz bringt dann weitere Bewegtbildinhalte der öffentlich-rechtlichen Sender zutage, mal kurz, mal länglich-gesprächslastig. Und alles interessant vor allem unter einem Aspekt: der gesamtgesellschaftliche Zugang zum Thema Rauschdrogen in der Medizin scheint sich im Wandel zu befinden. Erstmals seit den 1970er Jahren gibt es wieder Forschung zum Thema und überall auf der Welt gibt es experimentelle Ansätze, Drogen in Therapien einzubeziehen.

Im Wesentlichen gibt es zwei Ansätze. Erstens werden Drogen im Rahmen eines gesicherten Settings verabreicht, der anschließende Rausch begleitet und in den Folgesitzungen aufgearbeitet. Die Anzahl der „Rausch-Sitzungen“ liegt im einstelligen Bereich. Im zweiten Ansatz werden sehr kleine Dosen psychoaktiver Drogen (deswegen Microdosing, wer hätte es gedacht) regelmäßig über einen längeren Zeitraum eingenommen. Dosierung und Einnahme liegen in der Verantwortung des Konsumenten. Dabei soll es zu keinem Zeitpunkt zu einer  Veränderung der gewohnten Wahrnehmungsweise kommen, wer einen Rausch wahrnimmt, hat zu hoch dosiert.

Klare Sache, wer als Betroffener den Trip auf Krankenschein sucht, wird ihn so schnell nicht bekommen. Zufall und Glück müssten ihn in eine der wenigen klinischen Studien oder zu einem der wenigen zugelassenen Therapie-Plätze führen. Insgesamt keine guten Erfolgsaussichten. Hat aber auch sein Gutes: wir müssen uns nicht mehr kümmern.

Eine bessere Chance bietet da Microdosing als Selbsthilfe.  Auch das ist nicht ohne jede Schwierigkeit und vermutlich taucht gelegentlich die eine oder andere Sorge auf, die dann behandelt werden will. Kurz, bevor wir zur selbsthelfenden Tat schreiten, müssen wir uns kümmern, Risiken abschätzen, Vorgehensweisen klären, viel lesen und verstehen

Wenn ihr mir bis hierher gefolgt seid empfehle ich dringend, den oben verlinkten Artikel zu lesen, jetzt. Damit wir auf dem gleichen Stand sind und ich mich darauf beziehen kann. Wenn ihr gerade keine Zeit habt, dann hört einfach auf zu lesen und kommt wieder, wenn ihr Zeit habt. Ansonsten: Jetzt.

Oder ihr macht, was ihr wollt.

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Was haben wir erfahren? Microdosing ist ein Trend, Die MD-Community ist von den positiven Effekten überzeugt. Dennoch: nichts genaues weiß man nicht. Microdosing scheint ungefährlich zu sein, im dümmsten Fall könnten wir es mit einem Placebo-Effekt zu tun haben. Andererseits lassen sich Wirkprinzipien benennen und schwache Effekte sogar messen. Weitere Forschung ist dringend notwendig.

Im Ergebnis scheint das zunächst etwas dünn. Was daran liegen könnte, dass der Artikel nah an seinem Thema, dem Microdosing, bleibt, während ein Großteil der Forschung sich auf den Einsatz wirkkräftiger Dosen im Rahmen konventioneller Therapien konzentriert (und dabei sehr viel überzeugter auftritt, gelegentlich sogar von „breakthrough therapies“ spricht).

Zurück zur Selbsthilfe. Als Depressionskandidat wäre ich verzweifelt genug, Microdosing eine Chance zu geben. Wenn ich denn nur wüßte, wie genau das eigentlich funktioniert. Das im Artikel angesprochene Reddit-Forum erweist sich als eine großartige Informationsquelle. Ich vermute ein Großteil der oben angesprochenen Sorgen und Ängste werden dort behandelt. Wie hoch ist eigentlich eine Micro-Dose? Welches Einnahme-Schemata gibt es? Was hilft bei Magenschmerzen oder allgemeinem Unwohlsein nach der Einnahme? Solche Fragen werden dort behandelt.

Was dort nicht behandelt wird sind Fragen der Beschaffung und was der Staatsanwalt deines Vertrauens eigentlich dazu sagt. Und das sind ja doch sehr wesentliche Fragen.

Auch der Spektrum-Artikel sagt dazu nichts, muss er auch nicht aus seiner wissenschaftlichen Perspektive heraus. Aber  spätestens wenn man das Reddit-Forum besucht hat, fällt auf, dass der Artikel Psylocybin unterrepräsentiert und nur nebenbei erwähnt („Neben LSD nutzen die Betroffenen auch Psilocybin, den Wirkstoff der »magic mushrooms« […].“ Sehr viel später im Text dann „[…] Psilocybin und LSD […] binden an einen bestimmten Serotoninrezeptor namens 5-HT2A.“). In der Microdosing-Community spielt Psiylocybin eine deutlich größere Rolle. Der Mangel an Erwähnung im Artikel ist schade, weil eine Suche nach psylocybinhaltigen Pilzen (in der Suchmachine, nicht im Wald) durchaus interessante Ergebnisse bringt, auch und gerade in Bezug auf Fragen der Beschaffung und der Legalität.

Man sollte denken, die Sache mit der Legalität sei relativ schnell geklärt. Die für das Microdosing in Frage kommenden Substanzen LSD und Psilocybin dürfen weder gehandelt noch besessen werden, wenn die treibende Kraft dahinter Rausch, Vergnügen oder Selbstverbesserung ist. Das gilt auch, wenn die Substanz, wie im Falle von Psilocybin, noch im Pilz ist. Ende aller Microdosing-Fantasien.

Aber wartet, vielleicht habt ihr schon einmal davon gehört, dass manche Sorten von französischen Schimmelkäse nach deutschem Lebensmittelrecht nicht zulassungsfähig wären. Aber weil sie in Frankreich zugelassen sind, dürfen diese Käsesorten auch in Deutschland gegessen werden. Okaaay, falls es nicht wahr ist, ist es gut erfunden.

So ähnlich auch hier, Wikipedia schreibt im Artikel zu psilocybinhaltigen Pilzen zur Rechtslage in den Niederlanden:

Das Verbot betrifft psilocybinhaltige Pilze, während psilocybinhaltige Trüffel und Pilzzuchtsets verkauft werden können. Am 13. September 2019 veröffentlichte die Steuerbehörde der Niederlande die zollrechtliche Kategorisierung und den dazugehörigen Steuersatz für magische Trüffel und hat diese damit als Genussmittel legalisiert.

Manche schließen daraus: Magische Trüffel sind seit 2019 dank Holland ein in der EU anerkanntes und legales Genussmittel in jeder Mengenordnung. So oder ähnlich steht das auch auf den Seiten mancher Versender. Dem Einen sein Käse ist des Anderen Trüffel.

Aber kann das sein? Wenn es um rechtliche Fragen geht, verlasse ich mich doch lieber auf Anwälte, diese hier und nur zum Beispiel:

„Auch wenn Anbieter von magischen Trüffeln etwas anderes behaupten: Psilocybin und Psilocin sind in der Anlage 1 zum Betäubungsmittelgesetz (BtMG) aufgeführt. Damit ist jeglicher Umgang mit Pilzen oder deren Bestandteilen in Deutschland verboten und nach § 29 Absatz 1 BtMG strafbar.

Die Begründung für die angebliche Legalität in Deutschland lautet: Die niederländische Steuerbehörde habe für die Trüffel 2019 einen Steuersatz veröffentlicht und sie damit für verkehrsfähig erklärt.

Es ist aber ein Trugschluss, dass aufgrund des gemeinsamen EU-Binnenmarktes damit automatisch eine Legalisierung in allen anderen Staaten der Europäischen Union und der Europäischen Freihandelszone (EFTA) verbunden ist. In Deutschland gilt weiterhin die bisherige Rechtslage und damit das Verbot nach dem Betäubungsmittelgesetz.“

Und damit ist jede Aussicht auf legales Microdosing in Deutschland vom Tisch. Sehr schade, das!

Im nächsten Leben werde ich Holländer, dann könnte ich mir dort einen der vielen Smartshops googlen, mir total legal magische Trüffel kaufen und was gegen meine Depressionen tun. Nur mal so zur Abwechslung.

WMDEDGT – April 2023

Mit der Aufzeichnung dieses Monats beginnt das zweite Jahr dieses Formats. Letztes Jahr im April ging es los mit den täglichen kurzen Notizen zum Tag. Noch immer bin ich gelegentlich überrascht, wie sehr der subjektiv gefühlte Zeitraum ab einem Ereignis von der real vergangenen Zeit abweichen kann.

In diesem Monat hat die Bestellung einer amtlichen Betreuung und die Suche nach einem Pflegeheim für meine Mutter ihren Abschluss gefunden. Nach einem etwas holprigen Einstieg scheint nun alles in halbwegs geregelten Bahnen zu verlaufen. Für mich entfällt dadurch eine große Belastung.

Im Rückblick hat der Monat nicht den erhofften Aktivitätsanstieg gebracht, der letztjährige April war da wohl eine Ausnahme, der sich so nicht einfach wiederholt. Mehrere Schön-Wetter-Anläufe, die dann aber doch in regnerisch-kaltem und grau-verhangenem Wetter münden. Die Stimmung schließt sich an.

Abschließend noch eine kleine Formatserweiterung, die eine weitere – in meinem Leben allerdings meistens unwesentliche – Informationsebene abbildet, den Wochentag. Samstage und Sonntage erscheinen nun in dunkelroter Schrift. Solcherweise gegliedert sollten sich alle anderen Wochentage mit wenig Aufwand erschließen lassen.

Ein kleiner Formatsausreißer, mein Aufenthalt in Frankfurt während der ersten Aprilwoche bekommt in der Beschreibung mehr Raum als gewohnt. Damit bin ich unzufrieden und werde zukünftig konsequent in eigene Blog-Beiträge auslagern, wenn es mehr als ein paar kurze Worte zum Tag braucht.

Und, fast vergessen, gelegentlich tauchen meine Blutdruckwerte auf. Das ist auf diese Weise vermutlich für genau gar nichts gut, aber mir fällt gerade kein anderer Ort ein, wo ich den Wert ähnlich schnell und unkompliziert notieren kann, wenn ich schon’mal dran denke, ihn zu messen.

Ansonsten wie immer, für die Details hier WMDEDGT – April 2023 weiterlesen

Aufenthalt im Boddhi Zendo – Teil 3

Schon im Dezember des letzten Jahres bin ich mit der Bearbeitung des dritten und letzten Teils meiner Zendo-Tagebücher fertig geworden. Dann wurde ich durch eine Folge gesundheitlicher Probleme abgelenkt und erst jetzt, rund drei Monate später, habe ich den Kopf wieder frei genug für Autobiografisches.

Dieser dritte Teil unterscheidet sich sehr von den zwei vorherigen Teilen. Die Unterschiede ergeben sich vor allem daraus, dass ich nicht als Alleinreisender dort war, sondern gemeinsam mit meiner damaligen Freundin anreiste. Die Idee, die Zeit im Zendo gemeinsam zu verbringen, war wenige Tage zuvor spontan aufgetaucht, wir waren unterwegs in Sri Lanka und es bedurfte nur der Umbuchung einiger Flüge von Seiten der Freundin, um den Einfall umzusetzen. Ich weiß nicht mehr, was wir erwarteten, aber wir bekamen, was erwartbar gewesen wäre, Beziehungsarbeit.

In der Bearbeitung habe ich alles gekürzt, was zu sehr in die Details unserer Auseinandersetzungen ging (und sich mit weniger freundlichen Worten auch als peinliche, unreife Scheiße bezeichnen ließe). Erhalten habe ich die Teile, in denen ich nicht über sie, sondern von mir schreibe (zugegeben mit einer regelbestätigenden Ausnahme).

Weitere Kürzungen gibt es dort, wo es um die Koans ging, warum das so ist habe das schon im Vorwort zum ersten Teil erläutert. Andererseits war ich vermutlich nicht ganz so konsequent wie in den ersten beiden Teilen.

Und da ich insgesamt sehr viel weniger geschrieben habe, als während der ersten beiden Aufenthalte, ist dieser dritte Bericht auch sehr viel kürzer. Vieles aus dem Zendo-Leben musste nicht mehr beschrieben werden und insgesamt war ich sehr viel mehr mit anderen Menschen beschäftigt als mit mir. Ich will das nicht werten.

Eine Sache möchte ich noch erwähnen, die ich damals erstaunlich fand und auch heute noch erstaunlich finde. Es ist die Tatsache, das uns auf Anfrage vollkommen unkompliziert ein zweites Bett in mein Einzelzimmer gestellt wurde, wir also in einem unserer Zimmer ein Doppelbett hatten. Doppelzimmer gibt es im Zendo nicht, es gibt sehr viele Einzelzimmer und einen Gruppenschlafraum. Auch deswegen hatte ich eher einen klösterlichen Ansatz erwartet, aber halt trotzdem gefragt. Und wurde überrascht, Zen eben:

„Offene Weite, nichts von heilig.“

WMDEDGT – März 2023

So langsam stellt sich wieder Normalität ein, wenn auch etwas stotternd. Wie der Rest der Welt sehne auch ich mich dem Frühling entgegen. Tageweise bereite ich den Garten oder die nächsten Schritte im Dome vor. Nur um dann doch wieder ausgedehnte Phasen der Inaktivität anzuschließen. Erprobte und gesunde Routinen müssen erst mühsam wiederbelebt werden. Dennoch, die guten Tage überwiegen!

Für die Details wie immer hier WMDEDGT – März 2023 weiterlesen

Duolingo „durchgespielt“ – nicht

Seit dem Barcelona-Besuch lerne ich auf Duolingo täglich +/- fünf Minuten Spanisch. Das sind viel mehr als die hier gezeigten 1111 Tage, aber zwischendrin habe ich einmal meinen damals schon beachtlichen Streak verloren.Vor wenigen Tagen habe ich aufgehört, ohne den Kurs beendet – das Spiel durchgespielt – zu haben. Das ist umso ärgerlicher, da ich nicht mehr lange gebraucht hätte, genaugenommen ([22×8]-4=) 172 Tage, ein Klacks. Dass es an der Motivation nicht scheiterte, müsst Ihr mir einfach mal glauben.Woran es scheiterte war mein Wunsch und Wille, den Kurs umsonst durchzuspielen. Im Bild oben links der blaue Balken zeigt 60 Gems, das sind 40 zu wenig um die nächste Übung freizuschalten („Steig ein Level auf“, im Bild unten rechts). Für diesen einen Tag, weitere hundert für jeden weiteren Tag (1200 für 4,99 €), oder eben ein Abo (zwischen 7,49€ und 13,99€ im Monat je nach Laufzeit). Das sind über den dicksten aller Daumen 50 Cent pro Tag, der Spass könnte den Preis wert sein, wenn man engagiert wäre. Was ich nicht bin. Ich bin gelangweilt und auf der Suche nach intelligenter Unterhaltung. Sinnfrei und anstrengungslos eine Sprache lernen passt da gut. Aber eben nicht für Geld, es soll umsonst sein, das gehört mit zum Spiel. Und deswegen habe ich aufgehört.

Duolingo hat also einen Werbungsgucker verloren und ich einen winzigen Teil meiner ohnehin kaum vorhandenen Tagesstruktur, eine klasische Loose-Loose-Situation. Dennoch kein Anlass für irgendwelches Drama, vermutlich ist der Verlust für beide Parteien gut zu verkraften.

Bleibt die Frage, was das denn nun gebracht hat, bei so wenig Zeitaufwand. Subjektive Antwort: Genug! Ich bin sehr sicher, dass ich mich bei einem Aufenthalt in einem spanisch sprechenden Land verständigen könnte. Radebrechend, maximal peinlich und unter Auslassung jeder sinnvollen Grammatik, aber deutlich besser als jeder, dem die Duolingo-Spanisch-Erfahrung fehlt. Vor allem aber, ich könnte deutlich mehr lesen und Gesprochenes verstehen. Klare Sache, die Sprecher müssten sich sehr auf mein Tempo des passiven Sprachverstehens einstellen, aber hey, sie hätten einen vor sich, der Vergangenheits- und Möglichkeitsformen erkennt, wenn sie ihm begegnen. Einen, der irgenwann erkannt hat, dass es die englischen have-to- und going-to-Konstruktionen auch im Spanischen gibt. Einen der …, okay, sie hätten mich vor sich. Und meinen Touri-Sprachführer.

Unterm Strich bin ich also zufrieden, das Verhältnis von Ergebnis zu Aufwand ist für mich stimmig. Dennoch gibt es eine Sache, die ich kritisiere, das Fehlen jeder strukturierten Erklärung. Nirgendwo ein Überblick, nirgends werden Verben durchdekliniert oder grammatikalische Formen wenigstens einmal erläutert. Als Lernender bekommt man kein Wissen um die jeweilige Regel oder Form vermittelt, sondern „lernt“ nur immer besser, sie zu erraten. Erstaunlich genug, dass das funktioniert, aber manchem mag das zu wenig sein.