Warum ich nicht über den Krieg schreibe

Über den Krieg schreibe ich im Wesentlichen aus den Gründen nicht, aus denen ich auch über den großen Konflikt in meinem Wohnprojekt oder meine verschiedenen Beziehungsauflösungen nicht geschrieben habe: Es lässt sich kaum zuverlässig Richtiges darüber sagen. Immer ist man Partei, immer besteht die Möglichkeit, dass der Konfliktgegner entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch Recht hat. Die subjektive Gewißheit, Recht zu haben, kann ein Irrglaube sein.

Kommt hinzu: Alles Urteilen beruht auf Information, die stimmen kann oder auch nicht. In der Beziehung die Fehlwahrnehmung, im Gruppenkonflikt die Übernahme der (Fehl-)Einschätzungen anderer, im Krieg die gezielte Desinformation, immer besteht die Möglichkeit, dass wir aufgrund von „Fakten“ urteilen, die das nicht sind, Fakten.

Nun bin jemand, der im Gespräch fast reflexartig eine Gegenposition sucht, wenn ihm eine Überzeugung allzu überzeugt entgegenkommt. Dabei wünsche ich mir – zumeist vergebens – Gesprächspartner, die das als Einladung verstehen, gemeinsam die Wahrheit herauszudenken. Je nach Gesprächspartner mag man mich für einen Putin- oder Biden-Versteher halten, am ehesten ist wohl richtig, dass ich beide Konfliktparteien ganz umfassend nicht verstehe.

Folglich fehlt mir auch jedes Verständis für Menschen, die gerade ganz genau wissen, was zu tun oder zu lassen ist. Eine schwer zu benennende Anzahl Akteure mit vielschichtigen Motivationen machen alle irgendwas. Das ergibt eine komplexe Situation, die im Ergebnis kaum vorherzubestimmen ist. Kommt klar damit.

Was bleibt sind schwer einzuschätzende Wahrscheinlichkeiten. Darüber könnten wir reden und schreiben, im besten Fall hätten wir informiertes Raten. Oder wir schreiben über unsere subjektiven Befindlichkeiten, wovor wir Angst haben und was uns Hoffnung macht, über das, was in uns brummt nach tage- und wochenlangem medialen Dauerbeschuss. Könnten wir, werden wir, aber im persönlichen Gespräch, nicht hier im Blog.

Rückbau des Dome-Pavillions (von mir immer Steg genannt)

Anfang März 2022. Im Ansatz wollte ich den Steg renovieren. Bei genauerem Hinschauen wurde klar, dass da nichts mehr zu retten ist. Zumindest nicht mit angemessenem Aufwand. Also muss das Teil nach 11½ Jahren weg. Wer den Beitrag zum Bau anschaut, wird bemerken, dass sich in der Zwischenzeit immer mal wieder etwas verändert hat. Die ursprünglichen Holzleisten wurden durch Pavillionstangen ersetzt, später wurde ein Teil der Unterkonstruktion in Metall ausgeführt. Das hat jeweils die Nutzungsdauer nochmal verlängert, konnte aber letztlich nichts „für die Ewigkeit“ sein. Außen und direkt über dem Wasser, da ist Moder und Rost vorprogrammiert. Aber auch die Sonne hat ihren Teil dort beigetragen, wo die Wasserschläuche, aus denen die Knoten bestehen, frei lagen. Die UV-Strahlung hat zu Rissen geführt.

Kurz: Stangen, Knoten und die Unterkonstruktion müssten überprüft und angefasst werden. Dafür, dass ich den Steg (oder Dome-Pavillion) in den letzten Jahren vergleichsweise wenig genutzt habe, ist eine Renovierung, die nahe an einen Neubau kommt, einfach zu aufwändig.

Update, 7.März 2022: Und dann habe ich doch begonnen zumindest die Fläche wieder aufzubauen. Zunächst musste alles weg, was rott war.

Update, 16. März 2022:

Das Bild zeigt, welche Richtung das nun mit dem Steg nimmt. Oder nehmen könnte. Es ist erreicht, was ich vorläufig erreichen wollte. Die Unterkonstruktion ist komplett aus Metall oder Plastikrohr, die „Plastikbretter“ des Rahmens bestehen aus WPC, einem langlebigen Holz-Kunststoff-Gemisch. Kurz: das alles wird nicht wieder wegmodern. Mission completed.

Wie die Unterkonstruktion belegt wird, oder wann, oder ob überhaupt, ist noch vollkommen unklar. Und darf das auch noch eine ganze Weile sein.

Können Menschen sich ändern?

Ein Gedanke zwischen Schlaf und Wachen: Diese Frage könnte schneller als andere Fragen in die Tiefe (meint: zu Erkenntnissen) führen.

Generell glaube ich, dass jede Frage und jedes noch so oberflächliche Thema beliebig „vertieft“ werden kann und zu echter Welt- und Lebenskenntnis führen kann.

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Und damit endet der Entwurf. Zwei Sätze mit noch unklarem Zusammenhang. Die könnt ihr als kleinen Einblick in meinen Entwurfsordner nehmen. So, wie manche Filme heute im Abspann ein paar lustige Outtakes zeigen.

Und um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Nein.

Das gilt für mehr als 99% der Menschheit. Selbstveränderung gelingt nur durch jahrelange harte Arbeit und die Anwendung zielführender Methoden. Dazu sind die meisten nicht bereit.

Ein diffuses Gefühl des Verlusts

Die Häufigkeit, mit der ich an Blogbeiträgen gedanklich herumbastele, bevorzugt beim Einschlafen, steht in keinem Verhältnis zur Häufigkeit, mit der hier Beiträge erscheinen. Und ich spreche hier nicht von einem kleinem Mißverhältnis, sondern von einem großen, sagen wir eins zu zwanzig. Meint: von zwanzig Fällen – in denen ich in meinem Bett liege, einen Gedanken habe und bemerke, ihn bemerkenswert finde, von gedankendeutsch in schriftdeutsch übersetze und in den Teil meines Hirns schiebe, wo er hoffentlich auch am nächsten Morgen noch liegt – packt es genau einer hier in den Blog. Das kommt mir wie eine große Gedankenverschwendung vor.

Bei genauer Betrachtung ist die Verschwendung nicht ganz so groß. Bei rund einem Drittel der potentiellen Blogbeiträge komme ich direkt oder nach einiger Überlegung zum Schluss, dass deren Inhalt vielleicht doch besser in meiner Einschlafphase bleibt. Kein Verlust.

Aber da sind diese zwei Drittel potienteller Blogbeiträge, von denen ich erzählen möchte. Die, die schon während der Nacht verloren gehen. Denn dieser Teil meines Hirns, wo die Gedanken bis zum nächsten Morgen lagern, ist chronisch unzuverlässig. Dieser großartige Nachtgedanke ist am nächsten Morgen nur noch ein Gefühl, ähnlich dem, wie es nicht mehr zu erinnernde Ideen während des Genusses von psychedelischen Drogen waren – damals, mehr als ein halbes Leben zurück. Da war diese eine große Idee wie sich Armut bekämpfen und Weltfrieden herbeiführen ließe, einfach umzusetzen und frei von schädlichen Nebenwirkungen. Alleine den Gedanken zu haben, hatte  schon etwas weniger arm und sehr viel friedvoller gemacht. Blöderweise habe ich nicht darüber gesprochen, auch nichts notiert, vermutlich war ich abgelenkt durch …, also abgelenkt, es ist schwer zu erinnern. Man kennt das. It´s a feature, not a bug. Es geht darum, in der Situation zu sein; wer fährt schon Achterbahn, um sich daran zu erinnern. Obwohl, ich habe mal einen kennengelernt, nur kurz, der sammelte Achterbahnfahrten. Aber der war auch Mitglied bei der FDP, ist also vielleicht die Ausnahme zur Regel. Wie auch immer, abgelenkt ist schnell, seht ihr selbst, drei Zeilen genügen. Interessant ist das nur für Menschen, die gerne einen vertieften Zugang zu meiner Einschlafphase hätten.

Einen Rausch und mehrere Stunden Schlaf später erwacht ihr in eurem Bett – oder ich erwache, manchmal verwischen Drogen ein wenig die Perspektive, nehmen wir also an ihr seid ich oder wenigstens WIE ich -, vielleicht seid ihr auch schon entspannt beim Frühstück, da überkommt euch diese Ahnung, dass ihr da gestern an etwas Großem dran wart. Etwas, das der Welt mitgeteilt werden sollte. Ihr seid nicht gänzlich naiv, ihr wisst, die meisten Dinge, die die Welt wissen sollte, wurden ihr schon von anderen mitgeteilt. Ihr seid nicht die, die kalten Kaffee aufwärmen (die Kaffee-Metapher fällt euch auch nur ein, weil ihr gerade beim Frühstück vor einer Tasse sitzt), aber der Gedanke gestern, der hat das unerinnerte Thema doch aus einem ganz frischen Blickwinkel betrachtet. Einfach und überzeugend zugleich. Was war es noch gleich? Dass Armutsbekämpfung mit der FDP nicht zu erreichen ist? Plausibel, aber kalter Kaffee. Außerdem ist euch die FDP schnurz, das kann es nicht gewesen sein. Aber nah dran. Bleibt die Armutsbekämpfung, ja, fühlt sich richtig an. Und ist auch nah genug an eurem Alltag, mit Armut kennt ihr euch aus. Jetzt seid ihr sicher, ihr hattet einen großen und mitteilenswerten Gedanken zur Armutsbekämpfung, nämlich den, dass …, dass …, ihr kommt nicht mehr drauf. Der Gedanke ist so weg wie er gut war.

Und ihr wart so nah dran! Keine Armut nirgends mehr. Das wäre doch ein gutes Ergebnis gewesen, auch wenn im Prozess irgendwo der Weltfriede untergegangen ist. Darum hätte man sich später kümmern können. Es bleibt ein diffuses Gefühl des Verlusts.

Kennt ihr, oder? Kennt jeder, der schonmal die entsprechenden Drogen genommen hat. Wenn ihr es nicht kennt ist das auch kein Verlust und ihr habt jetzt zumindest mal davon gelesen.

Jahresrückblick 2021

Fast schon traditionell (aber weniger gewollt, sondern einer verunglückten Biochemie zu verdanken) geschieht in den ersten Monaten des Jahres bei mir nur wenig. Und so ist es durchaus erwähnenswert, dass im Januar ein Projekt seinen Abschluss gefunden hat, das ich schon im Winter davor begonnen hatte, das Einlesen und veröffentlichen des Zendo-Tagebuchs. Seitdem liegen die Tagebücher mit den Aufzeichnungen der beiden folgenden Zendo-Aufenthalte auf dem Schreibtisch, vielleicht gibt es diesen Winter die Fortsetzung.

Auch der Holzschuppen hat immer mal wieder eine „Fortsetzung“, sprich Erweiterung, erhalten. In diesem Februar war eine schon lange angedachte Veränderung dran, das Einfügen einer zweiten Zwischenwand. Dadurch entstehen drei voneinder unabhängig zu befüllende Abteile, die jeweils das Holz eines Jahres enthalten. Im Ergebnis habe ich nun also immer Holz am Start, das mindestens zwei Jahre abgelagert ist.

Holzschuppen

Um das neugeschaffene Abteil zu befüllen, aber auch um Licht zu bekommen, wird zunächst die Weide gefällt. Im März folgt dann die Esche.

Der April ist bei mir meistens eine Zeit des Übergangs. Einerseits hängt mir noch der winterliche Trübsinn in den Knochen, anderseits beginne ich innerlich mit den metaphorischen Hufen zu scharen. Zudem verändert sich auch der Charakter der potenziell auszuführenden Tätigkeiten. Das lässt sich recht schön an meinem Dome-Projekt zeigen. Denn natürlich habe ich im bereits geschilderten ersten Vierteljahr auch im und am Dome gearbeitet. Aber es geschahen Dinge, die nicht zwingend dran waren und jederzeit ohne Verlust hätten unterbrochen werden können. Genannt sei hier nur das teilweise Stellen des Holzgerüstes für den zukünftigen Wintergarten.

Sobald die Tage wieder etwas wärmer werden, gelingt es mir, mich wieder den größeren Dingen und Notwendigkeiten widmen. Planvolles und gelegentlich langwieriges Handeln wird möglich. In diesem Jahr war das (gut dokumentiert an anderer Stelle) das Aufbringen der zweiten Schale auf den Dome und das anschließende „decken“ mit LKW-Plane. Kurz, im April entstehen die Pläne für den Sommer.

Und dann, Trommelwirbel, vier, drei, zwei, eins … ist Ben Henri Otis geboren, zu einem Datum, das sogar ich mir merken kann, dem 4.3.21. Das (also nicht das Datum, sondern das Geborenwerden von Ben) macht mich zum Opa, ein Fakt, dessen Bedeutung das ganze Restjahr braucht, um einzusickern. Konkret ändert das Opa-sein in meinem Leben ersteinmal nichts. Da mein Enkel mit seinen Eltern in Hamburg lebt und Corona noch immer eine Bedrohung darstellt, kann ich ihn nicht zeitnah zur Geburt besuchen. Es werden grob geschätzt viereinhalb Monate vergehen, bis ich ihn Ende Juli, dann mit vollem Impfschutz, zum ersten Mal sehen kann.

Was noch geschieht: Tomaten werden gesetzt und verfrieren, das ist noch nie passiert. Später lese ich, es sei der kälteste April seit 1980 gewesen.

Und auch die erste Maihälfte bleibt unterkühlt, am 5. Mai werfe den letzten vorrätigen Brikett in den Ofen, bis Mitte Mai verfeuere ich Holz. In Bezug auf die Arbeiten am Dome fühle ich mich ausgebremst, denn es ist nicht nur kühl, sondern auch feucht. Ich aber brauche trockene Tage, bevorzugt mehrere in Folge.

Um es vorwegzunehmen, der Sommer bleibt feucht und das Auflegen der zweiten Schale wird sich bis Mitte Juli hinziehen. Interessanterweise finde ich in der Stichwortsammlung für diesen Jahresrückblick  für den Juni den Eintrag „Motivationsloch Dome“. Nicht nur erinnere ich nichts davon, ich erinnere mich gegenteilig. Zum Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, es ist Anfang Dezember, blicke ich auf diesen Sommer als einen zurück, in dem ich so produktiv und ausgeglichen wie selten zuvor einfach vor mich hin arbeitete. Die Baustelle strukturierte meine Tage, stellte Anforderungen physischer und gedankliche Art, machte mich zufrieden. Und falls ich da gerade irgendetwas verkläre, lasse ich es gerne dabei.

Im Leben neben der Baustelle bekomme ich die Sockel für Zahnimplantate gesetzt und beende die letzte meiner Therapien. An beidem, dem Zahnersatz und der Lebensschau, wird weiter zu arbeiten sein. Und ja, es könnte spannend sein, diese Metapher zu reiten bis sie hinkt, aber hier und heute spare ich mir das.

Ebenfalls „beendet“, also vorläufig, also nicht, die Meditationsgruppe. Seit 2019 von mir vergleichsweise regelmäßig besucht, im Winter 2020 coronabedingt geschlossen, dann in diesem Jahr irgendwann wieder geöffnet. Im Juni finde ich mal wieder den Weg dorthin, alles ist, wie es immer war, warum sollte es auch anders sein. Ich bin wage unzufrieden, nicht zum ersten Mal. Die innere Auseinandersetzung, ob ich zu dieser Gruppe passe, führe ich mit mir, seit ich sie besuche. Weiter ausführen werde ich das nicht, aber es gibt ein Marx-Zitat (Groucho, nicht Karl), das einen Teil des Problems gut fasst: „Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“

Im Juli wird der Dome „eingeweiht“, ein großes Geburtstagsfest wird darin gefeiert. Ein Freund der Nachbarin hatte angefragt, ob der Dome bei Regen für das eigentlich draußen geplante Fest genutzt werden dürfte. Nach kurzer Überlegung sind wir dann dabei herausgekommen, gleich alles bei mir und im Dome zu planen. Gute Entscheidung, ich hatte einen Abend, wie schon Jahre nicht mehr. Seit dem Archillessehnenriss hatte ich nicht mehr getanzt, war auch nicht sicher, ob das überhaupt gínge. Nun, es ging, sogar ausgesprochen gut.

Gehören in einen Jahresrückblick auch Dinge, die man nicht getan hat? Im Juli fällt die Entscheidung den Urlaub abzusagen. Eigentlich wollten Freund J. und ich im August für 14 Tage nach Ungarn zu einer Freudin von ihm. Danach hätten sich unsere Wege getrennt, er nach Kroatien, ich für eine weitere Woche in die Hauptstadt zur Städtetour. Der Plan wird unsicher, als J. Herzrhythmusstörungen bekommt  und nicht sagen kann, ob er reisefähig sein wird. Auf meiner Seite wird klar, dass ich meine für dieses Jahr geplanten Bauvorhaben nicht werde abschließen können, wenn ich mir zwischendrin drei Wochen Urlaub nehme. Beides zusammen führt zu dem Beschluss, den Urlaub abzusagen.

Umso entspannter starte ich Ende Juli für eine Woche nach Hamburg um erstmals mein Enkelkind zu sehen. Das ist emotional so spannend, wie unspektakulär im Verlauf. Sich zu einem vier Monate alten Menschen  in Beziehung zu setzen, ist ja …, ähm, von der Wortwahl her schon viel zu verkopft. Ich wollte ihn sehen, wollte ihn halten, mich überzeugen, dass alles dran ist und es ihm gut geht. So Zeug, wofür es nicht wirklich ein Großhirn braucht. Das In-Beziehung-setzen kommt später. Bis dahin ist der Enkel in den fähigen Händen von Sohn und Schwiegertochter bestens aufgehoben, auch das zu sehen ist schön.

In Hamburg selbst war ich nur einen Tag zur Kentridge-Ausstellung. „Kentridge verarbeitet Themen wie soziale Ungerechtigkeit, die Geschichte Südafrikas, Kolonialismus, Familie, Flucht und Vertreibung mit den unterschiedlichsten Medien.“ Eine Ausstellung, die mich gefordert hat, wie seit langem schon keine mehr. Ich bin ja kein „Auskenner“, mehr so der „Gucker“, ein Sammler zufälliger Eindrücke. Nun, Kentridge beeindruckt, aber er ist nicht gefällig. Selten war es so gut, wie in dieser Ausstellung, sie alleine zu besuchen. Manches zunächst nur überflogen, zugunsten dessen, was nebenan schon interessanter schien. Und dann, am Ende der Ausstellung nocheinmal von vorne begonnen, diesmal langsam und mit ein wenig Verständnis mehr. So etwas geht alleine am besten.

Im Anschluss an Hamburg ging es für drei Tage nach Hummelfeld, liebe Ex-Nachbarn besuchen. Das Highlight des diesjährigen Besuchs war der Tagesausflug nach Flensburg. Nichts spektakuläres, einfach ein angenehmer Tag an einem Ort, der nicht zuhause ist.

Wieder zuhause arbeite ich den ganzen August hindurch an meinem Bauprojekt bis ich am 30.8.  vom Dach falle und mir den Oberschenkel zwei Mal breche. Einen Tag später werde ich operiert und bekomme einen Marknagel mit Gelenkkomponente eingebaut.

Ich genese in kleinsten Schritten, zunächst noch im Krankenhaus, später in der Teilbelastungs-Reha, wo ich übe, auf Krücken zu gehen. Schließlich werde ich am 18. September nachhause entlassen. Es folgt eine Zeit großer Langeweile bis ich am 12. Oktober in die Vollbelastungs-Reha darf. Dort perfektioniere ich das Laufen auf Krücken und mache erste, unsichere Schritte auch ohne sie. Die Zeit in den Kliniken ist hier im Blog schon gut dokumentiert. Anfang November werde ich entlassen.

Im November rutsche ich langsam in die alljährliche Winterdepression. Direkt nach der Entlassung aus der Reha ist noch alles gut, gegen Ende des Monats ist alles jahreszeitlich gewohnt schlecht. Vielleicht auch etwas schlechter, denn die Mühe, die mir das Laufen immer noch macht. macht es auch schwerer, überhaupt an einer beliebigen Stelle ins Tun zu kommen. Alles, was ohnehin schon schwer fällt, fällt nun noch schwerer. Leicht ist nur, das als Vorwand zu nehmen, sich in die Depression zurückzulehnen.

Hinzu kommt, dass die Notwendigkeit physiotherapeutischer Übungen inneren Druck aufbaut. In den letzten Jahren habe ich gelernt, zum Jahresende hin auf jedes „Ich-müsste“ so weit wie möglich zu verzichten. Und weil in dieser inneren Freiheit nichts muss, geht manches dann doch. Nun muss ich üben, da bin ich mir mit allen Physiotherapeuten einig. Unnötig zu sagen, dass mir das nicht in der notwendigen Regelmässigkeit und Intensität gelingt. Das resultierende Versagensgefühl macht Party mit der Depression während ich im Serienüberkonsum zuhause bleibe.

Im Dezember führe ich auch wieder ein Schlaftagebuch. Schon in den beiden Jahren zuvor habe ich etwa um die gleiche Jahreszeit Schlafstörungen bekommen. Es beginnt mit Durchschlafschwierigkeiten, die daraus entstehende Müdigkeit führt zu kleinen „Naps“ tagsüber und von dort ist es nicht mehr weit zu einem Zustand, in dem ich zwei bis drei Schlafphasen von jeweils zwei bis fünf Stunden willkürlich über die 24 Stunden eines Tages verteile.

Entkommen kann ich dem nur, indem ich die Wachphasen des Tages schrittweise verlängere, bis ich schließlich wieder eine große Wachphase habe, sprich tagsüber wach bin und nachts schlafe. Dabei hilft das Schlaftagebuch. Unterstützend verzichte ich auf Kaffee und senke die Schlaftemperatur. Am heutigen Silvestertag schlafe ich seit 14 Tagen wieder halbwegs normal.

Das also ist im November und Dezember geschehen: ich habe die Winterdepression mit Schlafstörungen verziert. Darüberhinaus nichts. Nichts. Mein Leben ist zum Stillstand gekommen.

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Aber so soll dieser Text nicht enden. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass ich so ab April meinen Scheiß wieder zusammenbekomme und sich das Leben wieder flüssiger anfühlt. Vielleicht wäre es eine gute Idee, den Jahresrückblick jeweils von Oktober bis Sptember gehen zu lassen. Dann stünde die Depression am Anfang des beschriebenen Zeitraums und man könnte aus der guten Endsommerstimmung heraus fluffig mit ein paar Worten darüber hinweg gehen. Und zum Ende des Textes hin wird es gutgelaunt und produktiv, so wie man sich das als Leser wünscht. Ich werde darüber nachdenken.

Zum Abschluss noch ein Gedanke, der dieses Jahr als Ganzes betrifft. Es ist das Jahr, in dem ich alt geworden bin, nicht nur von außen, sondern auch von innen. Ich bin von einem älteren zu einem alten Mann geworden. Vom Vater zum Opa, wenn man so will.

Ich habe das an anderen schon zuvor beobachtet. Der Alterungsprozeß verläuft nicht kontinuierlich, es gibt Jahre in denen er sich sprunghaft beschleunigt. Die Menschen machen einen Schritt von einer Lebensphase in die nächste, spürbar, sichtbar, von außen wie von innen. Auch ich bin mal wieder einen Schritt weiter.