Dieser Text beginnt mit einer Gallenblasenkolik und endet mit Gedanken an den Tod. Das muss passen. Wenn’s passt dürft Ihr hier weiterlesen.
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Vermutlich wäre der Chronistenpflicht genüge getan, wenn ich schriebe, das ich zwei Nächte zurück etwas erlebte, das ich für eine Gallenblasenkolik halte – nicht hielt, ich musste die Symptome anderntags nachschauen, um mir diese vollkommen unbestätigte Diagnose zu geben -, wieder einschlief und am nächsten Morgen beschwerdefrei erwachte. So weit, so unspektakulär. Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen!
Nun sind die Tags #alter-krankheit-tod, #depression und #vögelbilder die drei meistgeklickten auf diesem Blog. Wenn sich also irgendeine(r) weitergehend mit den Inhalten des Blogs beschäftigen will, beginnt er oder sie mit diesen Stichworten. Interesse am Thema scheint vorhanden. Das vorausgeschickt finde ich es okay, die dürre Schilderung des ersten Absatzes etwas nachzuschärfen und zumindest in einem Aspekt auch etwas zu dramatisieren.
Gegen 5.15 Uhr erwache ich mit Schmerzen im Oberbauch (etwas rechts auf halber Strecke zwischen Nabel und Sternum), die anders sind als alles, was ich bisher als „bauchweh“ kannte. Zugegebenermaßen habe ich wenig Erfahrung damit, mein Magen ist recht robust. Der Schmerz steigert sich recht schnell und wird begleitet von all den Symptomen, die ich auch bei der Nierenkolik hatte, leichte Übelkeit, Schweißausbruch und Kreislaufschwäche. Ich denke daran, die Sanitäter zu rufen (112), dann aber auch: „Nicht schon wieder!“. Anders als bei der Nierenkolik kommt mir ein Herzinfarkt nicht in den Sinn, obwohl auch das nicht unplausibel gewesen wäre. Stattdessen denke ich darüber nach, ob ich nicht besser den ärztlichen Notdienst (bundesweit 116117) anrufen sollte, bekomme aber die Frage nicht eingetippt, zitternde Finger und verschwommene Sicht. Irgendwann gelingt das doch, aber ich lese die Antwort nicht mehr sondern liege zusammengekrümmt in meinem Bett. Ich überlege, welche Nachbarn ich anrufen soll, denn mir ist klar, dass die Sanitäter kommen sollten, dringend, ich sie aber nicht, wie bei der Nierenkolik, hereinwinken könnte. Über all dem ist seit dem Aufwachen ziemlich genau eine halbe Stunde vergangen. Und dann schlafe ich trotz der Schmerzen ein.
Ein kurzer Info-Einschub: Im beschriebenen Fall wäre es vollkommen egal gewesen, welche Nummer ich gewählt hätte, die Sanitäter wären in jedem Fall gekommen, denn der ärztliche Notdienst hätte mich zwingend weitergeleitet. Ich habe das am nächsten Morgen nachgeschlagen (ein altmodisches Wort für googlen), ich war ein Code Orange (ein neues Wort für scheißdringend), die zweite Stufe nach „Lebensgefahr“. Könnt Ihr Euch merken, wenn Ihr Euch sonst nichts merkt aus diesem Beitrag: Wann auch immer im Körperinnern unerwartet großer Schmerz auftritt, ist der Anruf von 112 oder 116117 nicht nur vernünftig, sondern auch gefordert.
Zurück zur Kolik. Ich erinnere einen kurzen Wachmoment mit Blick zur Uhr gegen sieben (ohne davor und danach oder irgendwelche begleitenden Gedanken oder Gefühle) und erwache gegen 10 Uhr morgens beschwerdefrei (fett weil: Ende gut, alles gut).
Vorhang auf für die angekündigte Dramatisierung. Denn das, was ich bisher als „einschlafen“ bezeichnet habe, verdient die hier erstmals verwendeten Anführungszeichen. Vielleicht – und ich bin an dieser Stelle wirklich unsicher -wäre es angemessener, davon zu sprechen, dass ich das Bewußtsein verloren habe. Oder dass ich es zugelassen habe, das Bewußtsein zu verlieren. Ich erinnere einen ähnlichen Moment während der Nierenkolik, ich lag auf dem Boden, weil mir der Kreislauf weggebrochen war und spürte den Impuls und auch die Möglichkeit, jetzt einfach einzuschlafen. Während der Nierenkolik war das der Moment, an dem ich mich zusammengerissen habe und statt einzuschlafen die Sanitäter gerufen habe.
Das Erleben während der Gallenkolik war anders und weniger bewußt. Eben noch große Schmerzen und ein Bündel von Gedanken, die, würde ich sie niederschreiben, selbstmitleidig wirken würden, obwohl sie von keinerlei Selbstmitleid begleitet wurden, sich eher anfühlten wie das Bedauern eines Verlustes, auf eine klare und bilanzierende Weise. Dann nichts mehr.
Es ist das Übergangslose dieses Moments und die nie zuvor erlebte Gleichzeitigkeit von Schmerz und Einschlafen, die mir das Finden des richtigen Begriffs verweigern. Und damit auch die Einordnung.
Aber, all das klingt nicht zufällig todesnah. Kurz, fast beiläufig, hatte ich den Gedanken, es sei das Aneurysma, das gerissen sei und nun in die Magengegend ausblutete. Mein Tod war, fast wie ein Nebengedanke, eine reale Möglichkeit. Keine Pointe, kein Klammern, ein widriger Umstand wurde bemerkt, dann ging das Licht aus. Ein Geschehen, das erst im Rückblick bedenkens- umd bemerkenswert wird. Fühlt sich so sterben an?
Ein schwieriges Thema , das ich nicht angedeutet haben will, ohne auf einer etwas positiveren Note zu enden. Erstens, alters- und krankheitsbedingt ist die Beschäftigung mit dem Tod angesagt, wir müssen nicht erschrecken. Und zweitens hat mir dieses Erlebnis gezeigt, dass Sterben möglicherweise gar nicht so schwierig ist. Das ist eine gute Nachricht. Wirklich. Diese Kolik war sehr, sehr unangenehm, aber würde es mir gelingen, auf diese Weise abzutreten, wäre ich zufrieden. Kein Hadern, kein Ich-will-doch-noch, stattdessen ein klares, der Situation angemessenes Bedauern, gefolgt von der schmerzbedingten Notabschaltung. Für mich klingt das gut.
