24923 – Wölfinnen

Heute Nachmittag war ich in der Premiere von „Wölfinnen“ im Kleinen Haus des Stadttheaters Gießen. Ein Stück um weibliche Identität und Identitätsfindung, das für ein jüngeres Publikum gedacht ist und dennoch Frauen und Männer meines Alters begeisterte.

Zu Beginn des Stückes sehen wir vier junge Frauen in einem Zelt- und Schlafsacklager im Gespräch darüber, wie denn der Prinz sein sollte und was dahingehend zu wünschen sei, denn er könne ja auch ein Handwerker sein. Die Autorin des Stücks, Julia Haenni, ist Schweizerin; vermutlich sehen wir Wölfinnen, Pfadfinderinnen der Altersstufe 6 – 12 Jahre, die erst seit 2010 in der Schweiz so genannt werden (zuvor waren sie Bienlis*). Es ist das letzte Mal, dass wir Handlung und Handelnde so genau verorten können, über eine Traumszene löst sich Eindeutigkeit auf, das Spiel wird assoziativer, Kostüme und Geschlechtszugehörigkeiten werden gewechselt, wir erleben Irrungen und Verwirrtheiten im Umgang der Geschlechter miteinander, aus Mädchen werden Frauen, irgendwann dann begegnen wir den Wölfinnen wieder, die nun in einer Rollenumkehr als Jägerinnen durch den Wald streifen und Wölfe oder Männer jagen. Die Männer freilich tragen die ihnen zugedachten roten Kappen nicht, weil sie in lächerlichen kurzen Hosen auftreten sollen. An dieser und anderen Stellen geht das Stück meta, ist sich seiner Gespieltheit bewußt und zeigt das auch. Die Trennung zum Publikum wird aufgeweicht, als nicht nur die Protagonistinnen Wünsche äußern, etwas wollen, sondern auch eine Wunschbox mit Wünschen aus dem Publikum verlesen wird. Danach geht das Spiel weiter und rührt mich auf einer sehr persönlichen Ebene, als Rotkäppchen, vom Opfer zur rottragenden Wölfin gereift, aber voll innerer Widersprüche, die Liebe eines Menschen nicht annehmen kann. Beide müssen wieder in die Kälte, wo wenigstens das Rudel sie aufnimmt, in einem Schlafsacklager. Das Ende trifft den Anfang.

Ich mochte das Stück sehr, wünschte mir, ich könnte es nachlesen in manchen Passagen, es hier zitieren. Für Euch und für mich, wir würden uns wiedererkennen. Jeder für sich und manchmal auch zusammen.

Ich mochte den Humor und bitteren Ernst des Stückes, es arbeitet mit starken Bildern und manchmal auch fragwürdigen, die es dann in Frage stellt („Ich will mich nicht mit einem Brötchen identifizieren!“), nur um trotzdem damit zu spielen („Du bist der Schinken!“). Das könnte von mir sein, wenn es dafür nicht viel zu gut wäre.

Und ich mochte das Bühnenbild, dem es gelang, aus wenig viel zu machen. Ich komme da von der handwerklichen Seite, frage mich, was ich davon umsetzen könnte, wenn ich der Bühnenbildner der örtliche Laienbühne wäre. Nun, genug um damit zufrieden zu sein.

Ich wurde gut unterhalten und emotional berührt, mehr brauche ich nicht für einen gelungenen Theaterbesuch und ein Empfehlung.

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Heute hatte ich obendrauf noch einen Bonus, Gesellschaft und Gespräch vor und nach der Vorstellung. Zufällig traf ich im Foyer auf Herrn E., den Verantwortlichen für die Kulturloge und Cl. (eine Bekannte von Nachbar Z. und mir vom sehen her bekannt), die Herrn E. in ihrer Rolle als Kulturbegleiterin, nun, begleitete. Als wir vor der Kaffeebar aufeinandertrafen und bemerkten, dass wir einander kennen, wie weitläufig auch immer, entstand in jedem von uns der Eindruck, dass die jeweils anderen zwei sich zumindest schon besser kennen, als sie selbst mit den jeweils anderen bekannt sind. Auf diese Weise kamen wir recht zwanglos miteinander ins Gespräch, suchten uns einen kleinen Dreiertisch und sprachen über das, was halt am nächsten lag, Theater und Kultur. Locker genug, um nicht überfrachtet zu sein mit irgendwelchem Bildungsbürger-Geblubbere, das ich meide, wenn ich kann. Ich hatte Spaß. Und irgendwann haben wir auch herausgefunden, dass wir als quasi Unbekannte miteinander sehr angenehm im Gespräch sind.

Und das blieben wir auch nach dem Einlass und noch kurze Zeit nach dem Stück. Ich wage zu sagen, dass wir uns einig waren in der Einschätzung, dass dieses Stück Jugendtheater auch jedem Erwachsenen genug Identifikationsmaterial gibt, um befriedigt und gedankenvoll nachhause zu gehen.

Ich bin sehr zufrieden mit dem Nachmittag und Abend, ich mochte das Stück und ich mochte die Menschen.

24921 – Von Hölzchen auf’s Stöckchen

Mandala, 7.5.1996

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Wie schwer kann es sein, einfach nur ein Bild zu posten und dann den Abend mit einem Film zu verbringen?

Das Bild ist schnell im Material-Ordner gefunden, auf die richtige Größe gebracht und eingestellt. Dann fällt mein Blick auf den Mittelpunkt des Mandalas, vier schwarze Punkte auf lila Grund, und ich bin mir fast sicher, dass die einmal Bedeutung hatten. Wenn es so wäre, denn ich erinnere mich nicht, dann stünde das eventuell in der Kladde mit den Notizen zu den Mandalas. Die könnte im Bücherregal bei den Kunstbüchern …, nein, ist sie nicht, dafür die …, ist hier nicht so wichtig, aber direkt daneben steht „Man of La Mancha“, von dessen Musical-Verfilmung ich Euch gelegentlich einen Ausschnitt zeigen muss (schon vorhanden, ich warte nur auf den richtigen Moment). Und Miranda Julys „Learning To Love You More“, mit dem ich demnächst unbedingt etwas machen muss. Und sei es nur für Euch.

Aber zurück zu den vier Punkten, es gab doch irgendwo die Schachtel, die mit genau diesem Geschenkpapier bezogen ist, die ist …, ja, da ist sie. Ist leider nur ein anderes ähnliches Geschenkpapier. In  der Schachtel sind Briefe von Helen. Und ein kleines Bild von mir, aus einer Zeit, als der Hintern noch nicht hing (1977). Was mich an die Warhol-Ausstellung erinnert, über die ich Euch auch noch einen Artikel versprochen habe. Ich blättere schnell durch den restlichen Inhalt, da gibt es mit Sicherheit noch mehr Perlen …

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Ich könnte daraus ein Konzept machen, indem ich von jedem Artikel aus eine gedankliche, und sei es nur assoziative, Brücke zum nächsten schlage, gewissermaßen vom Hölzchen auf’s Stöckchen komme.

An das Bild oben und den Absatz darunter gäbe es, wie beim Domino, gedanklich anzulegen

Vermutlich ist das noch nicht alles, aber genug, um das Konzept zu verstehen. Jetzt muss die Idee noch etwas reifen. Am besten bei einem Film.

24920 – Zusammengeführt

Gestern Abend mal wieder in alten Mails hängengeblieben und dabei auf die Geschichte von einem kleinen Urlaubs-Abenteuer gestoßen, zu dem es auch Bilder gibt. Diese:

Ich mochte die Idee, die Bilder mit dem Text zusammenzuführen. Allerdings gab es sie noch nicht digital, sie wollten noch gescannt und leicht bearbeitet werden. Keine Beschwerde darüber, ich will das ja so.

Und wenn Ihr jetzt wissen wollt, was da los war, die Geschichte dazu gibt es im neu angelegten Artikel zu diesem Urlaub.

24919 – Kontinuität

Mein drittes Auto, ein VW-Käfer.

Mir ist gerade aufgefallen, dass es in vielen meiner Ideen für zukünftige Beiträge um Kontinuität geht, also um das, was gleich bleibt, was sich durchzieht – ein Leben lang. Auf der materiellen Ebene sind das die Dinge, die ich schon sehr lange besitze, die ich der Weitergabe für würdig empfinde (nichts davon ist wirklich wertvoll im konventionellen Sinn) und die ich Euch zeigen möchte auf Bildern und in Beiträgen. Auf der emotionalen und psychologischen Ebene bildet sich die Suche nach Kontinuität darin ab, dass ich aus alten Tagebüchern und Mails die Textstellen auswähle, die immer noch Bestand haben und gültig sind.

Das Bild oben ist 1976 in Frankreich aufgenommen und zeigt eine Kontinuität, die sich meinen Einordnungsversuchen entzieht, aber trotzdem ganz unzweifelhaft da ist. Es ist die Verwendung des Drei-Kreise-Logos auf der Kofferraumklappe. Einschub für die Jüngeren: der VW-Käfer hatte den Motor hinten, deswegen war der Kofferraum vorne.

Seit spätestens Sommer 1974 verwende ich das Logo als Besitzanzeige oder Signatur. Vielleicht war es auch ein Jahr früher, ich erinnere Sommer und die Umstände der Entstehung, die diese Zuordnung erlauben. Egal, es sind schon deutlich mehr als fünfzig Jahre, die mich das Logo begleitet, das Ihr bisher nur vom Blog kennt. Das nenn‘ ich Kontinuität.