Das Stationsleben beginnt heute früher als gestern. Viertel nach sieben wird mir zum ersten mal der Blutdruck gemessen. Der Eindruck einer Wellness Station wird bröckelig. Bis zur letzten Nacht hier liegen sechzehn komplikationslose Stunden vor mir. Bis zum Frühstück eine. Es ist bemerkenswert, wie schnell mensch in Institutionen beginnt, die Zeit vom Mahlzeit zu Mahlzeit zu messen.
Der Bettnachbar, den ich gestern nach einen ersten Plausch für einen seltsamen Vogel hielt, ist verwirrt (das genaue medizinische Etikett kenne ich nicht). Dass er dabei über weite Strecken recht konsistent erzählt, macht es nicht einfach, das zu erkennen. Ihr erinnert euch, gestern sprangen wir von Thema zu Thema, ich hielt das für einen ungewöhnlichen Gesprächsstil.
Gestern Abend, nach einem ausgedehnten Nachmittagsschlaf, muss er sich neu auf die Krankenhaussituation einstellen. Erneut fragt er sich, was hier noch geschehen wird, besichtigt die Toilette und würdigt, so wie ich vorgestern, den Zuschnitt der Patientenzimmer. Heute Morgen erzählt er den Pflegerinnen, gestern hätte ihn die Nachricht erreicht, seine Katze sei überfahren worden. Ich habe gehört, wie er im Schlaf mit ihr gesprochen hat. Ich vermute, der Tod der Katze ist schon länger her. Bei allem ist es nicht schwierig, neben ihm zu leben. Er respektiert meine Schweigsamkeit, mein Verschwinden hinter Büchern oder elektronischem Gerät. Zumindest die meiste Zeit, am Abend setzt er sich für eine Stunde zu mir und wir reden über … vieles.
Heute scheint so ein Tag zu sein, an dem Menschen mit mir sprechen wollen. Schon mittags spricht mich einer der Patienten aus dem Nebenzimmer an, bleibt lange hängen und erzählt mir seine Krankengeschichte. Und auch einen Teil der Lebensgeschichte. Das alles ist nicht uninteressant, nur etwas überraschend und von jedem Kontext befreit.
Später am Abend biete ich einer mild-dementen Mitpatientin an, ihr das Wasser vom Automaten zu ihrem Zimmer zu tragen, zuvor aber meinen Bettnachbarn zurück in unser Zimmer zu bringen (sicher ist sicher). Als das erledigt ist, stehen auch zwei Pflegerinnen bei ihr und mein Angebot ist strenggenommen nicht mehr notwendig. Dennoch, die Mitpatientin möchte sich und ihr Wasser von mir „ins Bett“ gebracht bekommen. Die Pflegerinnen haben viel Spaß und verbergen nur mit Mühe ihr Lachen.
Zwischendrin auch ein eingeschobener Besuch von H., ich freue mich sehr. Nebenbei besprechen wir kurz, wie wir uns morgen verständigen, sie wird mich nach meiner Entlassung zum Platz begleiten. Das ist notwendig (die Verständigung, nicht das Begleiten), weil es verschiedene Aussagen hinsichtlich dessen gibt, ob vor der Entlassung noch eine Ultraschalluntersuchung stattfinden soll oder nicht.
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Ich sage voraus, dass ich morgen im Laufe des frühen Vormittags ohne Ultraschall entlassen werde, nachdem die Pflegerinnen mich viel zu früh geweckt und mir den Blutdruck gemessen haben. Ein letztes Frühstück hier, Übergabe des Arztbriefes und Abgang. Mehr wird zu diesem Krankenhausaufenthalt vermutlich nicht mehr zu sagen sein.
H. wird mich zum Platz begleiten, ein Arrangement, das wir vor der OP für den Fall getroffen haben, dass es mir schlecht ginge. Nun geht es mir gut und wir werden eine kurze gute Zeit miteinander haben.
Und ab morgen werden wir uns hier wieder unbeschwerteren Themen widmen können.