Reha, mal wieder …,

…, eigentlich Anschlußheilbehandlung, aber das habe ich erst hier erfahren. Und der Unterschied zur Reha, keine Ahnung. Andere, die hier die gleichen Dinge tun wie ich, machen Reha.

1. Tag, Dienstag, 17.1.23Die Anreise verlief ohne Probleme mit Rad und Bahn. Vermutlich hat das von außen nicht immer so ausgesehen, ich bekam gleich zweimal von jungen Menschen Hilfe angeboten, als ich das Fahrrad die Treppen hoch- bzw. runtertrug („Voll normal, ‚ey!“). Was – nur nebenbei – ohnehin unnötig war, weil es ein paar Meter weiter einen Aufzug gab. Muss man halt wissen.

Die Abholung am Bahnhof funktionierte, Check-in mit Coronatest, Einzelzimmer, ein erstes schmackhaftes Essen und das WLAN ist umsonst, ich bin erstmal zufrieden.

Im Laufe des Tages dann die erste ärztliche Untersuchung zur Erstellung des Therapieplanes und eine Hausführung mit anschließendem „Kaffee auf’s Haus“, der überwiegend dazu diente, sich irgendeinen anderen der Neuankömmlinge zum Tischpartner zu wählen. Weil Corona. Am Tisch fallen die Masken, und wenn dann jeder mit jedem …, nicht auszudenken.

Abends viel zu früh eingeschlafen, dafür konnte ich mich dann ab 23.00 Uhr mit dem Laptop und dem darauf installierten Linux beschäftigen. Beides war ja noch nie richtig im „Produktiveinsatz“ und nun muss halt nachinstalliert werden, was noch fehlt. Aus gegebenem Anlass der jDownloader und ein Hilfsprogramm, um auch YouTube-Videos downloaden zu können.

2. Tag, Mittwoch
Ein weiterer Tag, der gefühlt nur dem Ankommen dient, Blutentnahme, EKG, Pad-Test für die Menschen mit Prostataproblemen. Letzteres will man(n) nicht wirklich brauchen, es wird eine Vorlage eingelegt (was eine nette Umschreibung dafür ist, dass eine kleine Windel vor den Penis gelegt wird) und eine definierte Menge Wasser gegeben, danach wird 30 Minuten spazierengegangen und harndrangauslösende Gymnastik gemacht. Zum Abschluss wird die Windel gewogen, um festzustellen, wieviel Harn unkontrolliert abgegangen ist. Hätte ich eigentlich nicht gebraucht, aber nun habe ich es amtlich, dass ich meinen Harn noch halten kann. Auch schön!

PictogrammeSchon gestern bei der Hausführung und auch heute noch einmal während des Einführungsvortrages voller Stolz erwähnt, das Patienten-Leitsystem. Es ist tatsächlich recht clever gemacht und funktioniert ausschließlich über Piktogramme und Wartezonen. Im Therapieplan gibt es zur jeweiligen Anwendung eine Uhrzeit und ein Piktogramm, als Patient läuft man den Piktogrammen solange nach, bis man die dazugehörige Wartezone erreicht hat. Dort wird man dann abgeholt. Die Eigenleistung besteht darin, herauszufinden wie lange man vom eigenen Zimmer bis zum jeweiligen Wartebereich braucht. Bei mir sind das maximal sieben Minuten.

Ich bin im dritten Stockwerk untergebracht und schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Treppensteigen meine eigentliche und vermutlich auch wirksame Übung sein wird. Ich verzichte freiwillig auf den Aufzug, der die Wegezeit unkalkulierbar macht. Das schont die Nerven.

3. Tag, Donnerstag
Heute geht es dann mit dem Programm los, so richtig, meint: um 7.00 Uhr in der Frühe. Gestern im Einführungsvortrag hieß es noch, wir sollen uns hier wohlfühlen. Ich zumindest habe mich um 7.00 Uhr nur zu sehr seltenen Gelegenheiten wohlgefühlt, heute definitiv nicht. Ich erspare mir jede Diskussion und lerne Beckenbodengymnastik, obwohl ich nicht inkontinent bin. Wer weiß, wann ich das mal gebrauchen kann (ganz ähnlich wie Spanisch auf Duolingo).

Aber dann gibt’s endlich Wellness, nämlich 15 Minuten Medijet. Das Medijet ist hier der Renner und auch zu den Freizeiten ständig ausgebucht. Es ist ein besseres  Wasserbett, das dir einen starken Wasserstrahl an die aufliegenden Körperstellen lenkt. Alles mit Sinn und Koordination, es ist automatisierte Massage, gerne wieder.

Von der/die/das Fango bin ich eher unterwältigt. Eingepackt auf einem heißen Kissen liegen bietet mir genau nichts. Tausche Fango gegen Medijet.

Sehr viel besser dann der Termin beim Psychodoc, angenehmes Geplauder über Unangenehmes. Und darüber, was einen so am Leben hält; zum Schluß hat er nach Bildern vom Dome gefragt und diese auch angemessen bewundert. Grund genug, nocheinmal hinzugehen.

4. Tag, Freitag
Ziemlich vollgepackt heute der Tag. Ich erspare Euch die Einzelheiten der verschiedenen Therapien, vielleicht bei Gelegenheit mehr.

5. Tag, Samstag, 1.29 Uhr, gefühlt noch Freitag
Zu mehr hat’s gestern nicht mehr gereicht. Kurz nach den letzten Zeilen bin ich ins Bett und habe (mit einer kurzen Unterbrechung für das Abendessen) bis gegen 23.30 Uhr geschlafen. Um zu wissen, was los ist, muss ich kein Meister der Selbstbeobachtung sein. Gestern um die Mittagszeit kam bereits zum zweiten Mal ein Anruf einer Pflegeeinrichtung, die bereit wäre, Mutter aufzunehmen. Es seien nur ein paar Unterschriften zu leisten. Betonung auf  „nur“. Ich will an dieser Stelle gar nicht darauf eingehen, was alles mich abhält, diese Unterschriften zu leisten, nur darauf, dass in einem solchen Telefongespräch unsere gesamte dysfunktionale Familiengeschichte berührt ist. Und wie wenig dieses tiefe familiäre Nicht-funktionieren verstanden wird, bei aller Professionalität. Es widerspricht spürbar der Erwartung. Ich glaube Spurenelemente von Enttäuschung, fast schon Entrüstung wahrzunehmen. Aber das könnte auch eine Projektion meiner Befindlichkeit sein, denn natürlich gibt es auch in mir die Seite, die darauf besteht, dass die Dinge nicht sein dürfen, wie sie nun einmal sind. Die Seite, die darauf besteht, dass es mit angemessener Bemühung möglich wäre, anders zu fühlen, anders zu handeln. Ob Projektion oder reale Wahrnehmung, jedes der Gespräche mit Sozial- und Pflegediensten lässt mich in Schuld und Scham über die familiäre Situation und das eigene Unvermögen, daran etwas zu ändern, zurück.

-o-

4.30 Uhr, habe jetzt unangemessen lange an einer Email an den Sozialdienst des Krankenhauses gesessen, in dem meine Mutter liegt. Wir hatten schon mehrfach Kontakt, aber es war mir ein Bedürfnis – ich vermute als Gegenreaktion auf oben erwähnte Schuld und Scham – auf unmißverständlichste Art und Weise mitzuteilen, dass weder von mir noch dem Rest der Familie irgendeine Verantwortungsübernahme für meine Mutter zu erwarten ist. Das ist schlimm  und hat Gründe, gehört aber gar nicht in diesen Reha-Beitrag.

Was hierher gehört ist, dass mich dieser letzte Anruf massiv aus der Bahn geworfen hat. Also sehr und auf sehr ungewohnte Weise. Rückzug ins Bett ist selten. Ich werde das beobachten, habe aber das Gefühl, dass die Email etwas gelöst hat. Abgeschickt habe ich sie allerdings noch nicht.

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Der Samstag verging mit drei Mahlzeiten, zwei Schläfchen, etwas Internet und Serienkonsum. Problematisches Verhalten setzt sich fort.

6. Tag, Sonntag
Bin heute das erste Mal spazieren gegangen, dann aber gleich mehr als eineinhalb Stunden. Das geschah auf Anregung von L., dem mir zugeteilten Tischnachbar. Nicht meine erste Wahl und tatsächlich finde ich die Sache mit den fest zugeteilten Tischnachbarn suboptimal, vermutlich aus den falschen Gründen. Es wäre sehr viel unpersönlicher, meint: mir genehmer, wenn man ab und zu die Gesellschaft wechseln könnte. Aber bei drei täglich geteilten Mahlzeiten lässt sich „sozialer Kontakt“ kaum vermeiden, also habe ich ihn. Wenn auch nur aus Höflichkeit und auf Sparflamme. Und zugegeben, selbst in kleinen Dosen ist das gelegentlich entlastend.

Ansonsten: Das Abendessen versehentlich im Bett verbracht und die Email abgeschickt.

7. Tag, Montag
Vortrag und Übung zur Progressiven Muskelentspannung hat mich daran erinnert, dass Meditation mal wieder einen Versuch verdient hätte.

8. Tag, Dienstag
Mehrere Betreuungsmenschen hier gefragt, ob sich irgendwo ein Meditationskissen auftreiben ließe. Leider nein.

Heute morgen eine Email betreffs Mutter erhalten. Sie wird nachhause entlassen, bekommt dort zweimal am Tag Unterstützung für Hygiene und Medis sowie einmal in der Woche eine Haushaltshilfe. Ich bin beruhigt.

9. Tag, Mittwoch
Jetzt doch ein Meditationskissen improvisiert, ich durfte aus der Ergotherapie ein Kissen ausleihen, das gemeinsam mit einem normalen Schlafkissen, das ich in eine Stofftasche gestopft habe, ein recht brauchbares Meditationskissen abgibt. Medi funzt!

Ansonsten bin ich gerade etwas genervt davon, dass ich heute schon zweimal mit Menschen zu tun hatte, die mir irgendwelche Meinungen aufdrücken wollten, naja, eigentlich wollten sie mir nur erzählen, wie sie so in der Welt stehen. Nur dass ich das erstens gar nicht wissen wollte und zweitens dazu im Widerspruch stand, was ich leider auch vertreten musste. Höflich und moderat natürlich, was anstrengend ist, wenn man viel lieber sagen möchte, dass man an solcherlei starker Meinung im besten Fall uninteressiert ist.

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Meine Mutter wurde heute aus dem Krankenhaus entlassen und auch gleich wieder eingeliefert, weil der Pflegedienst sich weigert, die Pflege zu übernehmen. Die Situation bleibt belastend.

10. Tag, Donnerstag
In der Visite ergibt sich im Gespräch über die Situation mit meiner Mutter die Möglichkeit, den Aufenthalt hier eventuell ein paar Tage früher zu beenden. Ich begrüße das als Handlungsoption.

Psychodoc, sehr angenehmes Gespräch, in dem ich die Gedanken der letzten Tage mal ausgesprochen anhören konnte. Also von mir gedacht, ausgesprochen und angehört. Ist ja immer ein einsamer Job, Gedanken aufräumen, auch wenn jemand danebensitzt und Stichworte gibt. Währendessen verpasse ich einen Anruf vom Krankenhaus.

11. Tag, Freitag
Der Rückruf im Krankenhaus ergibt, dass Mutter sich definitiv nicht mehr alleine versorgen kann und dauerhaft in einem Pflegeheim untergebracht werden sollte. Es kommen wieder die Unterschriften zur Sprache, von denen ich noch nicht weiß, ob ich sie geben möchte. Unabhängig davon sage ich zu, am 6.2. in Frankfurt vorbeizukommen.

Das ist eigentlich mein Entlassungsdatum, im Folgenden spreche ich mit der zuständigen Ärztin und vereinbare meine vorzeitige Entlassung am 3.2.,  aufgrund dieser Verschiebung habe ich schon am Mittag mein vorgezogenes Abschlußgespräch. Mir gefällt es, hier formal schon durch zu sein, obwohl ich noch eine Woche hier verbringe. Es gibt dem Vorgang eine Verbindlichkeit, die ich gerade sehr gebrauchen kann.

12. Tag, Samstag
Nach dem Mittagessen mit dem Fahrrad nach Marburg gefahren und dort das Landgrafenschloss besichtigt. Wobei das Schloss für mich die Zugabe war zu einem Künstler, Hans Schohl, der dort ausgestellt wurde.

13. Tag, Sonntag
Sehr früh aufgestanden, das scheint mein neuer Schlaf-Wach-Rhythmus hier zu sein, geschlafen wird von 20.30 bis 4.30 Uhr, +/- 30 Minuten. Die halbe Stunde, die ich noch dösend und denkend im Bett verbrachte, ließ mich mit der Hoffnung in den Tag starten, dass ich einfach ganz viel schreiben würde, mir ganz viel wegschreiben würde von dem, was mich gerade so beschäftigt. Es ist Trauer, eine vorweggenommene Trauer um Mutter. Letztlich habe ich nichts (!) geschrieben, weil ich es nicht angemessen kann. Zu verkopft oder zu weinerlich, kaum Zwischentöne. Keine Worte, die mich abbilden, so wie ich gesehen werden möchte, und zugleich wahr sind. Ich bin gerade viel zu sehr, wie ich nicht sein möchte.Stattdessen habe ich schon vor dem Frühstück einen Spielfilm zur Gänze durchgeschaut. Und dabei blieb es für den Rest des Tages: Mahlzeiten und Medienkonsum.

14. Tag, Montag
Ein Rehatag, wie Rehatage halt so sind. Man turnt verschiedene Anwendungen oder Veranstaltungen durch, nach 14 Tagen ist nichts davon noch wirklich spannend. Es ist sogar so langweilig, dass ich nicht einmal darüber schreiben möchte.

Abends mal wieder eine Email an den Sozialdienst des Krankenhauses, in dem Mutter liegt. Gute Chancen, dass die von mir genauso genervt sind, wie ich von ihnen.

Medium Overload – die Liste

Als junger Mann war ich mit meinem Vater sehr unzufrieden, der in seinem Leben nicht mehr tat, als arbeiten und fernsehen. Ich weiß, dass er in jungen Jahren aktiver war, aber diesen jungen und aktiveren Mann habe ich niemals kennengelernt. Wenn überhaupt kannte ich ihn in den mittleren Jahren bis hin zum Rentenalter; und was ich sah gefiel mir nicht. Ich war sicher, dass am Leben „irgendwie“ mehr dran sein müßte.

Ein halbes Jahrhundert später bin ich selbst in Rente und ihm erschreckend ähnlich, in meinen besten Zeiten arbeite ich (meint: ich bin produktiv, wertschaffend auf eine Weise, die mich und andere – ganz wichtig – überzeugt) und sehe fern (auch wenn das heute Streaming heißt und durch jedweden Medienkonsum im Internet ergänzt wird). Ich schaue mich an und mir gefällt das nicht, da müßte doch „irgendwie“ mehr dran sein.

Diese Zeilen sind eine kleine Entschuldigung meinem Vater gegenüber, ich war jung und hochmütig. Selbst in mittleren Jahren war ich noch jung und hochmütig. Jetzt, berentet, scheitere ich selbst an der Aufgabe, ein lebenswertes Leben zu führen.

Ende eines schwermütigen Vorwortes, das notwendig war. Es folgt eine Liste aller (!) Filme, Serien und Bücher, die ich im Jahr 2022 konsumiert habe. Diese Liste ist lang und ich lese sie eher als ein Dokument nichtgelebten Lebens. Aber ich habe sie geführt und Ihr sollt sie haben. Sie füllt die zeitlichen Lücken auf, die in den Was-Machst-Du-Eigentlich-Den-Ganzen-Tag-Beiträgen auffallen, denn eigentlich kann das doch nicht alles gewesen sein. Nein, war es nicht, da waren noch Filme, Serien und Bücher.

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WMDEDGT – Dezember

Dieser Monat steht im Zeichen von Alter, Krankheit und Tod. Wer hier folgt wird nicht überrascht sein, die Strahlenbehandlung hat schon letzten Monat begonnen und ist in diesem Monat zu ihrem Ende gekommen. Eine Erfolgskontrolle wird erst Mitte Januar möglich; ich bin zuversichtlich.

Eigentlich hätte damit gut sein können, war es aber nicht. Jeden Tag bin ich an dem abgebildeten Schild mit den Herzinfarkt-Symptomen vorbeigekommen, vielleicht habe ich mich zu stark anregen lassen.

Kurz, ich hatte einen Herzinfarkt, der glimpflich verlief, weil ich die Symptome kannte und der Notarzt schnell da war. Am nächsten Tag gab’s einen Stent und Mitte Januar gibt’s einen zweiten. Auch damit könnte dann gut sein.

Sagt man so, denn unterschwellig wird mich die nächsten Jahre ein Aorten⋅aneurysma (Service-Punkt für bessere Lesbarkeit) begleiten, das im Rahmen der Krebs-CT’s gefunden wurde. Diagnostiziert also schon im Vormonat, hat die eigentliche Verarbeitung erst in diesem Monat stattgefunden. Bezugspersonen mussten schonend in Kenntnis gesetzt werden, erstens von der Diagnose (die in ihrer dramatischsten Form schnell und überraschend zum Tod führen kann) und zweitens von meinem beabsichtigten Umgehen damit (abwarten und beobachten). Gerade Letzteres eher „work in progress“.

Und während ich noch über meinen näher rückenden Tod nachdenke, stirbt H. dann wirklich, schnell und überraschend.  Für Zufallsleser, H. ist meine langjährigste Lebensgefährtin und Freundin, zugleich die Mutter meiner beiden Kinder und diejenige, die noch am besten mit all meinen Unzulänglichkeiten leben konnte. Schon lange nicht mehr zusammen, in den letzten Jahren in verschiedenen Städten lebend, …, ach, zu allem also auch noch Trauer.

Dass es auch meiner Mutter zunehmend schwerer fällt, alleine zurecht zu kommen, erreicht mich dann als Nachricht um die Weihnachtszeit. Ich hätte das gerne mit ihr gemeinsam wegignoriert. In Anbetracht der vor mir liegenden Reha im Januar werde ich mich erst ab Mitte Februar angemessen darum kümmern können. Das sorgt mich weniger, als es sollte, aber mehr, als ich mir wünsche.

Interessanterweise fühlte sich der Monat und alles darin nur selten depressiv an, obwohl es von außen möglicherweise genau so erschien. Gegenwärtig mache ich nur die allernötigsten Dinge (einkaufen, Wäsche waschen, sehr gelegentlich spülen) und konsumiere Medien im Übermaß, fertig. Aber ich leide nicht darunter. Stattdessen möchte ich daran glauben, dass ich dasitze und heile. Und dass das vollkommen ausreicht.

Details? Hier WMDEDGT – Dezember weiterlesen

Gespräche mit der Fee (1)

Für das, was jetzt kommt, gibt’s keinen einfachen Einstieg, denn neulich kommt die Zahnfee bei mir rum, sagt, sie fragt für eine Freundin, die sei im Sterbebusiness, könne aber gerade nicht, weil Krieg und Krise und Pandemie, und überhaupt, meistens hätten es ihre Leutchen eh nicht eilig.

Stell‘ Dir vor, sagt sie, nur mal so hypothetisch, Du darfst Dir aussuchen, wie Du stirbst. Okay, nicht genau „aussuchen“, sagt sie, aber Vorlieben würden berücksichtigt, das sei ja schon mal was. Bei Feen gibt es immer irgendwelche Haken, denke ich, und ob’s wohl irgendwas wert ist, dass wir uns schon seit meinem ersten Milchzahn kennen. Aber, sagt sie, die Sache hat einen Haken, ihr sei das ja unangenehm, aber die Freundin …, und sie wäre da ja lockerer, andererseits hätte jeder Deal so seine Regeln und ich wisse schon. Wie sie so rumdruckst kann ich sie doppelt gut leiden, und auch weil wir uns schon so lange kennen.

Der Haken ist der, sagt sie, egal was Du Dir wünschst, sterbensmäßig, und das sagt sie wirklich so, das kommt dann deutlich schneller als alles, was Du nicht willst. Also ganz anders als im Leben, aber es ginge ja auch ums Sterben, da müsste ich mich nicht wundern, sagt sie. Und warum ich so ein Gesicht machen würde, fragt sie, denn …, und dann leuchtet kurz ihr linkes Ohr und sie murmelt irgendetwas schwerverständliches von Bälgern, die sich mit den Drecksrollern die Vorderzähne ausfallen, und dann wieder zu mir, da sei gerade ein Notfall hereingekommen, sie müsse da wirklich hin und wir könnten ja demnächst weiterreden und die Sache mit mir und der Freundin sei ja nun wirklich nicht dringend … und schwupps, weg ist sie. Ich bin zu alt für den Scheiß!

<O>

Drei Tage später, ’selber Ort, ’selbe Zeit, ’selbe Fee, die einsteigt als sei sie niemals fortgewesen, also, sagt sie, sie hätte da nochmal nachgehakt, rein interessehalber, und ob mir eigentlich nicht klar sei, was ich anstelle, wenn ich so ins Universum hineinwünsche. Ich halte das für eine rhetorische Frage und sage lieber nichts, wüsste ohnehin nichts drauf zu sagen außer ja, also nein, nicht klar, gar nicht klar. Aber sie ist sowieso nicht zu stoppen, weil nämlich, ich hätte bei verschiedenen Gelegenheiten den Wunsch geäußert, möglichst schnell und überraschend abzutreten, so, und das könne ich jetzt haben, und ob ich jetzt zufrieden sei. Auch das könnte eine rhetorische Frage sein, andererseits fragt eine Fee, vielleicht gibt es sowas wie Qualitätsmanagement in der Abteilung für Wunscherfüllung. Könnte eine große Sache sein in der Feenwelt, Kundenzufriedenheit, und um ehrlich zu sein bin ich noch am Verdauen der Nachricht, ich meine, zuerst ’ne Zahnfee, plötzlich geht’s um bevorzugte Sterbeweisen, alles wirkt, als hätte ich eine Wahl, aber welche eigentlich, und schon sprechen wir von einem schnellen und überraschenden Abgang. Und ob ich jetzt zufrieden bin. Nein, ich bin verwirrt.

Vor mir immer noch dreißig Zentimeter personifizierter Redefluß, froh sein könne ich, sagt er, der Redefluß, also sie, die Fee, dass ich wenigstens den Zeitpunkt offengelassen hätte, sonst …, ach, sei ja auch egal, und sie hätte das gehört mit dem Zu-alt-für-den-Scheiß beim letzten Mal und ich solle mir mal nichts vormachen, ich sei genau in dem Alter für den Scheiß!

Irgendwie hat sie den Faden verloren und es ist zum ersten Mal Ruhe, schön ist das, sie scheint wirklich fertig zu sein. In beiden Bedeutungen der Redewendung, sie hat nichts mehr zu sagen und sie wirkt etwas mitgenommen. Okay, sage ich in die entstandene Stille hinein, aber eigentlich weiß ich nicht so genau, was ich damit meine, denn nichts ist okay.

<O>

Ein paar Stunden später hab‘ ich’s verstanden, und nach dem ich’s verstanden habe, haben wir echt noch ’ne ganze Weile geplaudert, spannendes Zeug, ist eigentlich ’ne ganz Nette, die Fee, hat sonst auch ganz andere Kunden und …, sorry, ich schweife ab, ein anderes Mal davon vielleicht mehr.

Im Wesentliche läuft’s darauf hinaus, dass die „Freundin im Sterbebusiness“ in unserem Kulturkreis gerne mal als Todesengel auftritt, was der Zahnfee aber übertrieben dramatisch vorkommt, weswegen sie in meinem Fall gerne eingesprungen ist als Not am Mann war, also der Fee, dem Engel, egal. Die Freundin hätte Einfluß auf die Umstände und den Zeitpunkt des Todes, allerdings nur begrenzt. Das Alles sei schwer zu verstehen, also eigentlich sagte sie „scheiße-kompliziert“, weil jede „Fucking-Sekte“ ihre eigenen Metaphern für den Abgang und das ganze Drumherum hätte. Den Feen, sagt sie, könne das egal sein, im Grunde seien sie für die Erfüllung von Sonderwünschen zuständig und dabei hätten sie sich nach dem Verhältnis von Alltagswünschen und deren Erfüllung im bis dahin gelebten Leben zu richten. Dafür sei allein der kulturelle Algorithmus zuständig, sagt sie wirklich so, sie bekäme nur den W2E-Score, der da irgendwie rausfällt, wieder Originalton, und das gilt dann so.

An der Stelle war ich knapp davor, mir einfach eine andere Fee zu wünschen, ich meine, wenn interessiert das? Genau, sagt sie, niemand! Oopsy-oopsy-oops, ja, kannst Dir das reden sparen, ich krieg’s auch so mit. Ach, denke ich mir, probehalber mal ’ne Frage …, Ampeln, Fahrräder, Palmen, sagt sie, Treppenstufen, Hydranten und Schornsteine hätten es auch sein können, die hast Du vergessen, außerdem jede beliebige Dreierkombination davon, das wären …, kein Mensch mag Klugscheißer, denke ich. Verstanden, sagt sie, also eigentlich sagt sie „copy that“, und meint damit, dass sie versucht, sich zurückzuhalten. Wir verstehen uns immer besser.

Okay, sagt sie, ich spar‘ mir die Feinheiten, ja, kein Mensch interessiert sich für die Berechnung von irgendwelchen Scores, bin mir nichtmal sicher, ob’s gut wäre, wenn …, nicht ablenken, krätsche ich denkenderweise in den Redefluß, okay, sagt sie, wird alles wegabstrahiert, kriegste nix von mit, also gar nix, nichtmal Feen kommen vor, alles vollkommen im Untergrund, das gesamte Wunscherfüllungsbusiness. Gerade will ich mich über die Anglizismen …, jetzt lenkst Du ab, sagt sie.

Superverkürzt also: wir bekommen im Leben im Wesentlichen das, was wir verdienen, in meinem Fall sei  das „etwas unheitlich“, Klartext, denke ich, kannste knicken, sagt sie, Du schreibst das in den Blog und da will ich nicht …, ist ja auch egal, sagt, sie, bei guten ethischen Durchschnittswerten gibt es da erstaunliche Ausreißer nach oben und unten, und da kann die Freundin keinen vernünftigen Tod draus ableiten, muss ja irgendwie plausibel sein, also für unsereins, bei euch – und wie ich sie verstehe, meint sie damit Leute, die man nicht nur sehen, sondern auch anfassen kann – kommt die Sterberei sowieso immer falsch an.

In meinem speziellen Fall, sagt sie, sei alles schon arrangiert, weißt schon, das Aneurysma der Aorta Ascendens, das während des CT’s so nebenbei gefunden wurde, sie klingt, als sei sie ein bisschen stolz. Ich brauch‘ ’nen Moment, bis ich’s verstanden habe, okay sag‘ ich, nur zur Sicherheit, dass ich da nichts mißverstehe, also Option A …, die Du ja unbedingt ins Universum herausplärren musstest, unterbricht sie mich, … besagt, dass ich ab jetzt jederzeit überraschend sterben könnte …, mit 90prozentiger Sicherheit dann, sorry, mehr war nicht drin, wirft sie ein, … während Option B einige Jahre mehr und alle Chancen auf ein würdeloses Alter und multiples Organversagen an seltsamen, piepsenden Maschinen enthält. Yep, sagt sie, für A einfach weitermachen, für B ’ne häßliche Operation überstehen, ich hätte die Wahl.

<O>

Wie schon erwähnt, wir haben dann noch etwas geplaudert. Und erst viel später habe ich mich gefragt, warum sie die Operation als „häßlich“ bezeichnet hat. Google hatte Antworten und wenn die Euch interessieren, also ernsthaft jetzt, würde die Fee sagen, dann dürft Ihr hier Gespräche mit der Fee (1) weiterlesen

Aufenthalt im Boddhi Zendo – Teil 2

Heute habe ich den zweiten Teil der Zendo-Tagebücher, den Aufenthalt im Jahr 2000, eingestellt. Das ist rund 1 Jahr später als gedacht und 2 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Teils.

 

Dieser zweite Teil unterscheidet sich wesentlich vom ersten Teil. Das Leben im Zendo wird kaum noch geschildert, stattdessen liegt der Schwerpunkt auf meiner jeweiligen Befindlichkeit. Fiebrig, erkältet, einsam, voller Selbstzweifel, identitätskriselnd und grenzdepressiv,  im Kampf mit Sex & Crime oder der Außenbewertung, alles dabei.

Wer sich noch nie mit Zen beschäftigt hat, wird hier wenig darüber erfahren, Praktizierende aber (oder solche, die viel darüber gelesen haben) werden vieles davon wiedererkennen. Sich dem zu stellen, was in uns auftaucht, wenn wir zur Ruhe kommen (wollen), ist Teil des Weges und die Aufgabe besteht darin, es zunächst sein und dann gehen zu lassen.

Einige der oben angesprochenen Themen begleiten mich bis heute. Das ist nicht der Zen-Praxis anzulasten, zuerst, weil ich nicht praktiziere, besonders aber, weil es nicht Ziel der Praxis ist, uns auf wundersame Weise leidensfrei zu machen.

Das ist eine starke Aussage, der manche widersprechen würden. Ist nicht die Befreiung vom Leiden das zentrale Thema im Buddhismus? Ich will diese Diskussion nicht führen (habe auch keinerlei Kompetenz, das zu tun), nur eine Idee zum Selbst-weiterdenken: Meditationspraxis löst nicht das Leiden auf, sondern die Ich-Illussion des Leidenden. Auch dafür gibt es zarte Hinweise in den Tagebüchern, wenn man sie aufzufassen weiß.

Einführung zum ersten Teil
Reisetagebuch Indien, Boddhi Zendo, 25.1. bis 25.2.1999
Einführung zum zweiten Teil (dieser Text)
Reisetagebuch Indien, Boddhi Zendo, 12.1. bis 7.2.2000