Rangoli

Rangoli? Warum Rangoli? Weil ich gerade mit der Spracherkennungsfunktion von Google herumexperimentiere und deswegen versuchsweise Teile aus meinem indischen Reisetagebuch von 1998 einlese. Das geht, nun, gerade so „gut genug“. Vielleicht werdet ihr hier im Blog noch mehr daraus zu lesen bekommen.

Heute lässt sich auch bei oberflächlichster Recherche über Wikipedia oder die Suchmaschine Deines Vertrauens mehr über Rangoli erfahren, als ich damals hoffen durfte, bei meiner Rückkehr in der Stadtbücherei darüber zu erfahren. Also habe ich mit Blei- oder Filzstift Rangoli ins Tagebuch kopiert. Nicht die großen, farbigen (die bekam ich gar nicht zu sehen), sondern die kleinen, unspektakulären vor den Haustüren in den Dörfern und Kleinstädten: „dot rangolis„.

14.11.1998, 40. Tag, samstags

[…] Die Muster auf dieser Seite sind traditionelle Zeichnungen, die vor der Türschwelle auf den Boden gezeichnet werden. Nur in ein Haus mit solchen Zeichen werden die Götter eintreten. Früher wurden sie mit Reismehl ausgestreut und die kleinen Ameisen ernährten sich davon, was den zusätzlichen Nutzen brachte, dass sie nicht in das Haus eindrangen. Die Götter betreten nur ein reines Haus. So also die wirkliche Bedeutung. Heute wird mit Kreide gezeichnet und die hygienische Bedeutung ist verloren gegangen.

18.11.98, 44. Tag, Mittwoch

Habe heute Morgen versucht, das nebenstehende [Rangoli ]zu kopieren und bin dabei gescheitert. Mungai – die Frau, die es gestreut  hat – hat das beobachtet und mir später gezeigt, wie es gemacht wird.

Für all diese Muster wird zunächst ein Netz aus Punkten gezeichnet, je nach Grundform als Rechteck, Quadrat oder Sechseck. Für das Sechseck werden die Punkte in der Mittelreihe und der oberen Reihe angegeben, im untenstehenden also 11/6. und dann wird das Motiv um diese Punkte herum entwickelt. Wie fast überall gibt es zwei verschiedene Richtungen. Die eher abstrakten und überaus kompliziert entworfenen Muster und die naturalistischen Darstellungen. Und natürlich gibt es auch Mischungen aus allem.

Rangoli

Als meine Begeisterung für die Rangoli mal deutlich war, wurde Papier und Bleistift geholt um mir ein paar Muster zu machen und zu schenken.

Kurz drauf wurde das Musterbuch geholt und demonstriert, wie einfach das alles ist, selbst die Oma kann es. Nebenbei: sie malt die Rangoli jeden Morgen neu und jeden Morgen ein anderes. Das Musterbuch war ein alter Kalender, in dem einige Vorlagen aus Zeitungen eingeklebt waren, zum Teil ziemlich komplizierte Sachen, dann aber auch mal wieder sehr einfache naturalistische Darstellungen. Und wie das hier so ist, weil ich so viel Freude daran habe, bekomme ich morgen früh (6:30 Uhr) demonstriert, wie das gemacht wird, wenn es richtig toll sein soll, nämlich farbig. Bin gespannt und freue mich drauf, aber manchmal finde ich es unheimlich, wie bemüht die Menschen hier um uns sind.

19.11.1998, 45. Tag

Heute morgen die Demonstration, mit Orginalzutaten, also Reismehl aus der Kokosnussschale. Das Mehl zu streuen erfordert einige Übung, wie ich beim anschließenden Selbstprobieren merkte. Eine einzelne Linie geht noch, aber die Doppellinie, bei der das Pulver rechts und links der streuenden Fingerspitzen herunterfällt, ist mir nicht oder nicht ausreichend gut gelungen. Leider gab es keine Farben, weil das farbige Pulver feucht und klumpig geworden war. Später hat die Oma mit gefärbtem Wasser einige der Doppellinien ausgemalt, aber ich glaube, das war nicht ganz das, was es hätte sein können.

Auf der nächsten Seite habe ich einige Rangoli aus Mungais Musterbuch kopiert, die Anzahl beweist erstens mein Interesse (die Nähe zu meinen Mandalas ist offensichtlich) und zweitens, dass es hier im Moment mit der Arbeit schlecht aussieht.

[…]

Das Rangoli nebenstehend [oben in rot] ist von Mungais Mutter, die auch hier lebt. Mr. Krishna Kurma versucht das ganze hier mehr als Familie zu begreifen und dazu gehört nun mal auch die Mutter der Buchhalterin, wenn sie ansonsten unversorgt bliebe. Oder, anderes Beispiel, da muss die Mutter des Fahrers ins Krankenhaus. Er fährt mit und managed das, versucht es zumindest, auch wenn dafür seine eigentliche Arbeit liegen bleibt.

Der letzte Absatz ist Teaser für weitere, mögliche indische Themen. Gebt mir mal in den Kommentaren Bescheid, ob ihr mehr davon lesen wollt.

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Als Hobby-Völkerkundler versucht man sich natürlich auch an einer Kategorisierung:

Oder der Rekonstuktion ansonsten verlorener Artefakte:

Boddhi-Zendo in Indien

2001-01-28-zendo-innenhof

Der Innenhof des Boddhi-Zendo in Indien. Dort habe ich dreimal einen Monat Zen geübt. Wer sich für einen Aufenthalt dort interessiert ist eingeladen, sich für einen Aus-erster-Hand-Bericht an mich zu wenden.

Update (28.2.2010): Das dem Zendo nächstgelegene Städtchen ist Kodaikanal; einmal die Woche gab es Gelegenheit, dort den Nachmittag zu verbringen. Habe gerade auf freitag.de einen Artikel darüber gefunden. Lesenswert.

Weihnachten in Kalkutta

eingefügt 24.12.2019

24.12.1998, 80. Tag, Donnerstag

Frühstück im Blue Sky, Müsli und schwarzer Kaffee. Habe lange (durch)geschlafen, nachdem ich mich in der Nacht ausgeschissen habe (Durchfall). Bin nicht ganz in Ordnung, Husten und sehr leichtes Fieber. Werde mich jetzt nicht davon stören lassen, sondern mich gut ernähren und hoffen, dass es vorüber geht.

Nun ist es kurz vor 12:00 und ich werde meine Pläne für den Sightseeing-Tag machen.

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Botanischer Garten
Erst zum Hooghli spaziert und mit der Fähre übergesetzt. Danach mir den Luxus eines Taxis geleistet um hinzukommen. Rückweg mit dem Bus für 1/14 des Fahrpreises.

Der botanische Garten ist angenehm ruhig, ein Platz zum Entspannen, was mir dort auch gelungen ist. Einfach nur darin herumgelaufen, die Pflanzen waren zum Teil interessant, für mich aber doch eher nebensächlich. Wichtig war die Ruhe, keine Autos, kein Gehube, keine Verkäufer. Für den Weihnachtstag genau richtig, beschauliches Spazierengehen.

25.12.1998, 81. Tag, Freitag
Den Weihnachtsabend im Mutterhaus von Mutter Theresa verbracht. Ab 8:00 abends eine Prozession mit Kerzen von der Heilsarmee zum Mutterhaus, Dauer circa 45 Minuten. Dort ein Krippenspiel, aufgeführt von den westlichen Volunteers mit netten, ungewollt humoristischen Einlagen.

Ab 22:00 dann eine Christmesse, deren Aufsteh- und Wieder-Hinsetz-Rituale mir etwa so unverständlich waren wie ein Kali-Tempel. Nach der Messe gab’s Kakao (geil) und Gewürzkuchen und eine Banane und eine Karte mit einem Spruch.

Zurück wollte ich eigentlich schnell und unkompliziert, aber irgendjemand hatte Fanis Markenturnschuhe mit seinen verwechselt (hoffentlich) und sie führte lange Zeit am Ausgang eine Fußkontrolle durch.

Zurück in der Heilsarmee dann noch eine mit Süßigkeiten gefüllte Socke auf dem Bett. Richtig nett.

Dennoch, irgendwie ist es unmöglich diesen Tag auf angemessene Weise zu begehen. Während der Messe hatte ich den Wunsch „zuhause“ geblieben zu sein (das war einfach nicht meine Art von Veranstaltung). Wäre ich aber zuhause geblieben, hätte ich dort gesessen und mich gefragt, warum ich mit diesem besonderen Tag nichts Besseres anzufangen weiß. Ich kann diesen Tag nicht begehen und ich kann ihn nicht ignorieren.

Vor diesem Hintergrund bin ich mit meiner Wahl bei Mutter Theresa zu feiern eigentlich ganz zufrieden. Ich schaue halt bei „fremden“ Brauchtum zu und bin so nah dran, wie mir möglich ist.

Aber natürlich ist es nicht der christliche Hintergrund, der das Fest so schwierig macht. In Deutschland ist Weihnachten das „Fest der Familie“ und das ist das, was in mir all diese widerstreitenden Gefühle auslöst, Traurigkeit und Bitterkeit und manchmal auch Aggression.

[…]

Frohe Weihnachten!

Nur in der Fremde …

1.11.1998, 27. Reisetag, 5. Brief

Liebe H, lieber M., liebe Ha.,

morgen ist ein besonderer Tag in zweifacher Hinsicht. Erstens ist mein Geburtstag und zweitens beginnt morgen die Workcamp-Zeit, die sicher (und hoffentlich) ganz anders sein wird, als es die zurückliegenden vier Wochen waren.

Vier Wochen bin ich nun schon in diesem Land unterwegs, Zeit genug für einen ersten Eindruck. Man sagt, man müsse dieses Land lieben oder hassen, dazwischen gäbe es nichts. Das scheint mir eine Vereinfachung, ich jedenfalls bin noch unentschieden. Und das allein schon deshalb, weil es hier so vielfältig ist. Nehmt nur die Landschaft, ich war in grün-saftigen Bergen, ich war in der Wüste, ich war in fruchtbarem Flachland und zum Schluss in einer Gegend, die von alldem etwas hatte, hügelige Ödnis mit Feldern zwischendrin.

Und auch der Menschenschlag, der diese Landschaften bewohnt, unterscheidet sich genug voneinander um Vorlieben oder Abneigungen ausbilden zu können. So einfach ist das also nicht mit dem Entweder-Oder.

[…]

2.11.1998

[…] Gefeiert habe ich im SCI Büro. Es gab einen kleinen Geburtstagskuchen und eine Kerze und drei furchtbar falschsingende Inder. Der Kuchen schmeckte fast deutsch und so etwas ist hier schwer zu finden, dazu gab es Kaffee, der gut zubereitet fast noch schwerer zu finden ist. Von daher war das „Fest“ ein voller Erfolg

Abends bin ich dann zur Jugendherberge, wo ich mich mit Das (dem Junggesellen, der mich eingeladen hatte) verabredet hatte. Er war wieder mit einer Schulmission unterwegs. Es hat gut getan, mit jemandem zu reden, den man schon kennt, wo es sich ein bisschen wie Freundschaft anfühlt. Zum Abschluss hat er mich eingeladen, ihn morgen zusammen mit einem Bus voller englischer Teenager und deren Lehrer nach Agra zu bekleiden und den Taj Mahal anzuschauen. Ich konnte das annehmen, weil morgen ein SCI-freier Tag ist. Und ich freue mich schon darauf.

Na und jetzt verbringe ich den Rest meines Geburtstages mit euch, indem ich euch diesen Brief schreibe.

[…]

Küsse
Günther