Können Menschen sich ändern?

Ein Gedanke zwischen Schlaf und Wachen: Diese Frage könnte schneller als andere Fragen in die Tiefe (meint: zu Erkenntnissen) führen.

Generell glaube ich, dass jede Frage und jedes noch so oberflächliche Thema beliebig „vertieft“ werden kann und zu echter Welt- und Lebenskenntnis führen kann.

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Und damit endet der Entwurf. Zwei Sätze mit noch unklarem Zusammenhang. Die könnt ihr als kleinen Einblick in meinen Entwurfsordner nehmen. So, wie manche Filme heute im Abspann ein paar lustige Outtakes zeigen.

Und um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Nein.

Das gilt für mehr als 99% der Menschheit. Selbstveränderung gelingt nur durch jahrelange harte Arbeit und die Anwendung zielführender Methoden. Dazu sind die meisten nicht bereit.

Minotaurus

Das hier bekommt ihr nur zu sehen, weil ich gerade den Entwurfsordner durchgehe und in einer Alles-muss-raus-Laune bin.

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Mandalas malen als Stimmungstagebuch. Was uns Ex- oder Möchtegern-Hippies halt so einfiel. Damals.

Jahre später wird das Zeug eingescannt und dann vergehen nochmal ein paar Jahre, bis man auf die Idee kommt, dass sich kreative Fehlleistungen heute ja via Bildbearbeitung rückgängig machen lassen. Und zugegeben, das muss es nicht unbedingt besser machen!

Hier seht ihr den Versuch, den Minotaurus im Zentrum des Mandalas durch eine bessere Version zu ersetzen. Besser? Ja. Gut genug? Nein. Weiterführende Ideen? Ja. Und? Der Minotaurus muss gößer werden und das Auge muss als Auge zu erkennen sein. Aber das braucht jetzt wieder ein paar Jahre.

https://de.wikipedia.org/wiki/Minotauros

Ein diffuses Gefühl des Verlusts

Die Häufigkeit, mit der ich an Blogbeiträgen gedanklich herumbastele, bevorzugt beim Einschlafen, steht in keinem Verhältnis zur Häufigkeit, mit der hier Beiträge erscheinen. Und ich spreche hier nicht von einem kleinem Mißverhältnis, sondern von einem großen, sagen wir eins zu zwanzig. Meint: von zwanzig Fällen – in denen ich in meinem Bett liege, einen Gedanken habe und bemerke, ihn bemerkenswert finde, von gedankendeutsch in schriftdeutsch übersetze und in den Teil meines Hirns schiebe, wo er hoffentlich auch am nächsten Morgen noch liegt – packt es genau einer hier in den Blog. Das kommt mir wie eine große Gedankenverschwendung vor.

Bei genauer Betrachtung ist die Verschwendung nicht ganz so groß. Bei rund einem Drittel der potentiellen Blogbeiträge komme ich direkt oder nach einiger Überlegung zum Schluss, dass deren Inhalt vielleicht doch besser in meiner Einschlafphase bleibt. Kein Verlust.

Aber da sind diese zwei Drittel potienteller Blogbeiträge, von denen ich erzählen möchte. Die, die schon während der Nacht verloren gehen. Denn dieser Teil meines Hirns, wo die Gedanken bis zum nächsten Morgen lagern, ist chronisch unzuverlässig. Dieser großartige Nachtgedanke ist am nächsten Morgen nur noch ein Gefühl, ähnlich dem, wie es nicht mehr zu erinnernde Ideen während des Genusses von psychedelischen Drogen waren – damals, mehr als ein halbes Leben zurück. Da war diese eine große Idee wie sich Armut bekämpfen und Weltfrieden herbeiführen ließe, einfach umzusetzen und frei von schädlichen Nebenwirkungen. Alleine den Gedanken zu haben, hatte  schon etwas weniger arm und sehr viel friedvoller gemacht. Blöderweise habe ich nicht darüber gesprochen, auch nichts notiert, vermutlich war ich abgelenkt durch …, also abgelenkt, es ist schwer zu erinnern. Man kennt das. It´s a feature, not a bug. Es geht darum, in der Situation zu sein; wer fährt schon Achterbahn, um sich daran zu erinnern. Obwohl, ich habe mal einen kennengelernt, nur kurz, der sammelte Achterbahnfahrten. Aber der war auch Mitglied bei der FDP, ist also vielleicht die Ausnahme zur Regel. Wie auch immer, abgelenkt ist schnell, seht ihr selbst, drei Zeilen genügen. ist das nur für Menschen, die gerne einen vertieften Zugang zu meiner Einschlafphase hätten.

Einen Rausch und mehrere Stunden Schlaf später erwacht ihr in eurem Bett – oder ich erwache, manchmal verwischen Drogen ein wenig die Perspektive, nehmen wir also an ihr seid ich oder wenigstens WIE ich -, vielleicht seid ihr auch schon entspannt beim Frühstück, da überkommt euch diese Ahnung, dass ihr da gestern an etwas Großem dran wart. Etwas, das der Welt mitgeteilt werden sollte. Ihr seid nicht gänzlich naiv, ihr wisst, die meisten Dinge, die die Welt wissen sollte, wurden ihr schon von anderen mitgeteilt. Ihr seid nicht die, die kalten Kaffee aufwärmen (die Kaffee-Metapher fällt euch auch nur ein, weil ihr gerade beim Frühstück vor einer Tasse sitzt), aber der Gedanke gestern, der hat das unerinnerte Thema doch aus einem ganz frischen Blickwinkel betrachtet. Einfach und überzeugend zugleich. Was war es noch gleich? Dass Armutsbekämpfung mit der FDP nicht zu erreichen ist? Plausibel, aber kalter Kaffee. Außerdem ist euch die FDP schnurz, das kann es nicht gewesen sein. Aber nah dran. Bleibt die Armutsbekämpfung, ja, fühlt sich richtig an. Und ist auch nah genug an eurem Alltag, mit Armut kennt ihr euch aus. Jetzt seid ihr sicher, ihr hattet einen großen und mitteilenswerten Gedanken zur Armutsbekämpfung, nämlich den, dass …, dass …, ihr kommt nicht mehr drauf. Der Gedanke ist so weg wie er gut war.

Und ihr wart so nah dran! Keine Armut nirgends mehr. Das wäre doch ein gutes Ergebnis gewesen, auch wenn im Prozess irgendwo der Weltfriede untergegangen ist. Darum hätte man sich später kümmern können. Es bleibt ein diffuses Gefühl des Verlusts.

Kennt ihr, oder? Kennt jeder, der schonmal die entsprechenden Drogen genommen hat. Wenn ihr´ es nicht kennt ist das auch kein Verlust und ihr habt jetzt zumindest mal davon gelesen.

Jahresrückblick 2021

Fast schon traditionell (aber weniger gewollt, sondern einer verunglückten Biochemie zu verdanken) geschieht in den ersten Monaten des Jahres bei mir nur wenig. Und so ist es durchaus erwähnenswert, dass im Januar ein Projekt seinen Abschluss gefunden hat, das ich schon im Winter davor begonnen hatte, das Einlesen und veröffentlichen des Zendo-Tagebuchs. Seitdem liegen die Tagebücher mit den Aufzeichnungen der beiden folgenden Zendo-Aufenthalte auf dem Schreibtisch, vielleicht gibt es diesen Winter die Fortsetzung.

Auch der Holzschuppen hat immer mal wieder eine „Fortsetzung“, sprich Erweiterung, erhalten. In diesem Februar war eine schon lange angedachte Veränderung dran, das Einfügen einer zweiten Zwischenwand. Dadurch entstehen drei voneinder unabhängig zu befüllende Abteile, die jeweils das Holz eines Jahres enthalten. Im Ergebnis habe ich nun also immer Holz am Start, das mindestens zwei Jahre abgelagert ist.

Holzschuppen

Um das neugeschaffene Abteil zu befüllen, aber auch um Licht zu bekommen, wird zunächst die Weide gefällt. Im März folgt dann die Esche.

Der April ist bei mir meistens eine Zeit des Übergangs. Einerseits hängt mir noch der winterliche Trübsinn in den Knochen, anderseits beginne ich innerlich mit den metaphorischen Hufen zu scharen. Zudem verändert sich auch der Charakter der potenziell auszuführenden Tätigkeiten. Das lässt sich recht schön an meinem Dome-Projekt zeigen. Denn natürlich habe ich im bereits geschilderten ersten Vierteljahr auch im und am Dome gearbeitet. Aber es geschahen Dinge, die nicht zwingend dran waren und jederzeit ohne Verlust hätten unterbrochen werden können. Genannt sei hier nur das teilweise Stellen des Holzgerüstes für den zukünftigen Wintergarten.

Sobald die Tage wieder etwas wärmer werden, gelingt es mir, mich wieder den größeren Dingen und Notwendigkeiten widmen. Planvolles und gelegentlich langwieriges Handeln wird möglich. In diesem Jahr war das (gut dokumentiert an anderer Stelle) das Aufbringen der zweiten Schale auf den Dome und das anschließende „decken“ mit LKW-Plane. Kurz, im April entstehen die Pläne für den Sommer.

Und dann, Trommelwirbel, vier, drei, zwei, eins … ist Ben Henri Otis geboren, zu einem Datum, das sogar ich mir merken kann, dem 4.3.21. Das (also nicht das Datum, sondern das Geborenwerden von Ben) macht mich zum Opa, ein Fakt, dessen Bedeutung das ganze Restjahr braucht, um einzusickern. Konkret ändert das Opa-sein in meinem Leben ersteinmal nichts. Da mein Enkel mit seinen Eltern in Hamburg lebt und Corona noch immer eine Bedrohung darstellt, kann ich ihn nicht zeitnah zur Geburt besuchen. Es werden grob geschätzt viereinhalb Monate vergehen, bis ich ihn Ende Juli, dann mit vollem Impfschutz, zum ersten Mal sehen kann.

Was noch geschieht: Tomaten werden gesetzt und verfrieren, das ist noch nie passiert. Später lese ich, es sei der kälteste April seit 1980 gewesen.

Und auch die erste Maihälfte bleibt unterkühlt, am 5. Mai werfe den letzten vorrätigen Brikett in den Ofen, bis Mitte Mai verfeuere ich Holz. In Bezug auf die Arbeiten am Dome fühle ich mich ausgebremst, denn es ist nicht nur kühl, sondern auch feucht. Ich aber brauche trockene Tage, bevorzugt mehrere in Folge.

Um es vorwegzunehmen, der Sommer bleibt feucht und das Auflegen der zweiten Schale wird sich bis Mitte Juli hinziehen. Interessanterweise finde ich in der Stichwortsammlung für diesen Jahresrückblick  für den Juni den Eintrag „Motivationsloch Dome“. Nicht nur erinnere ich nichts davon, ich erinnere mich gegenteilig. Zum Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, es ist Anfang Dezember, blicke ich auf diesen Sommer als einen zurück, in dem ich so produktiv und ausgeglichen wie selten zuvor einfach vor mich hin arbeitete. Die Baustelle strukturierte meine Tage, stellte Anforderungen physischer und gedankliche Art, machte mich zufrieden. Und falls ich da gerade irgendetwas verkläre, lasse ich es gerne dabei.

Im Leben neben der Baustelle bekomme ich die Sockel für Zahnimplantate gesetzt und beende die letzte meiner Therapien. An beidem, dem Zahnersatz und der Lebensschau, wird weiter zu arbeiten sein. Und ja, es könnte spannend sein, diese Metapher zu reiten bis sie hinkt, aber hier und heute spare ich mir das.

Ebenfalls „beendet“, also vorläufig, also nicht, die Meditationsgruppe. Seit 2019 von mir vergleichsweise regelmäßig besucht, im Winter 2020 coronabedingt geschlossen, dann in diesem Jahr irgendwann wieder geöffnet. Im Juni finde ich mal wieder den Weg dorthin, alles ist, wie es immer war, warum sollte es auch anders sein. Ich bin wage unzufrieden, nicht zum ersten Mal. Die innere Auseinandersetzung, ob ich zu dieser Gruppe passe, führe ich mit mir, seit ich sie besuche. Weiter ausführen werde ich das nicht, aber es gibt ein Marx-Zitat (Groucho, nicht Karl), das einen Teil des Problems gut fasst: „Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“

Im Juli wird der Dome „eingeweiht“, ein großes Geburtstagsfest wird darin gefeiert. Ein Freund der Nachbarin hatte angefragt, ob der Dome bei Regen für das eigentlich draußen geplante Fest genutzt werden dürfte. Nach kurzer Überlegung sind wir dann dabei herausgekommen, gleich alles bei mir und im Dome zu planen. Gute Entscheidung, ich hatte einen Abend, wie schon Jahre nicht mehr. Seit dem Archillessehnenriss hatte ich nicht mehr getanzt, war auch nicht sicher, ob das überhaupt gínge. Nun, es ging, sogar ausgesprochen gut.

Gehören in einen Jahresrückblick auch Dinge, die man nicht getan hat? Im Juli fällt die Entscheidung den Urlaub abzusagen. Eigentlich wollten Freund J. und ich im August für 14 Tage nach Ungarn zu einer Freudin von ihm. Danach hätten sich unsere Wege getrennt, er nach Kroatien, ich für eine weitere Woche in die Hauptstadt zur Städtetour. Der Plan wird unsicher, als J. Herzrhythmusstörungen bekommt  und nicht sagen kann, ob er reisefähig sein wird. Auf meiner Seite wird klar, dass ich meine für dieses Jahr geplanten Bauvorhaben nicht werde abschließen können, wenn ich mir zwischendrin drei Wochen Urlaub nehme. Beides zusammen führt zu dem Beschluss, den Urlaub abzusagen.

Umso entspannter starte ich Ende Juli für eine Woche nach Hamburg um erstmals mein Enkelkind zu sehen. Das ist emotional so spannend, wie unspektakulär im Verlauf. Sich zu einem vier Monate alten Menschen  in Beziehung zu setzen, ist ja …, ähm, von der Wortwahl her schon viel zu verkopft. Ich wollte ihn sehen, wollte ihn halten, mich überzeugen, dass alles dran ist und es ihm gut geht. So Zeug, wofür es nicht wirklich ein Großhirn braucht. Das In-Beziehung-setzen kommt später. Bis dahin ist der Enkel in den fähigen Händen von Sohn und Schwiegertochter bestens aufgehoben, auch das zu sehen ist schön.

In Hamburg selbst war ich nur einen Tag zur Kentridge-Ausstellung. „Kentridge verarbeitet Themen wie soziale Ungerechtigkeit, die Geschichte Südafrikas, Kolonialismus, Familie, Flucht und Vertreibung mit den unterschiedlichsten Medien.“ Eine Ausstellung, die mich gefordert hat, wie seit langem schon keine mehr. Ich bin ja kein „Auskenner“, mehr so der „Gucker“, ein Sammler zufälliger Eindrücke. Nun, Kentridge beeindruckt, aber er ist nicht gefällig. Selten war es so gut, wie in dieser Ausstellung, sie alleine zu besuchen. Manches zunächst nur überflogen, zugunsten dessen, was nebenan schon interessanter schien. Und dann, am Ende der Ausstellung nocheinmal von vorne begonnen, diesmal langsam und mit ein wenig Verständnis mehr. So etwas geht alleine am besten.

Im Anschluss an Hamburg ging es für drei Tage nach Hummelfeld, liebe Ex-Nachbarn besuchen. Das Highlight des diesjährigen Besuchs war der Tagesausflug nach Flensburg. Nichts spektakuläres, einfach ein angenehmer Tag an einem Ort, der nicht zuhause ist.

Wieder zuhause arbeite ich den ganzen August hindurch an meinem Bauprojekt bis ich am 30.8.  vom Dach falle und mir den Oberschenkel zwei Mal breche. Einen Tag später werde ich operiert und bekomme einen Marknagel mit Gelenkkomponente eingebaut.

Ich genese in kleinsten Schritten, zunächst noch im Krankenhaus, später in der Teilbelastungs-Reha, wo ich übe, auf Krücken zu gehen. Schließlich werde ich am 18. September nachhause entlassen. Es folgt eine Zeit großer Langeweile bis ich am 12. Oktober in die Vollbelastungs-Reha darf. Dort perfektioniere ich das Laufen auf Krücken und mache erste, unsichere Schritte auch ohne sie. Die Zeit in den Kliniken ist hier im Blog schon gut dokumentiert. Anfang November werde ich entlassen.

Im November rutsche ich langsam in die alljährliche Winterdepression. Direkt nach der Entlassung aus der Reha ist noch alles gut, gegen Ende des Monats ist alles jahreszeitlich gewohnt schlecht. Vielleicht auch etwas schlechter, denn die Mühe, die mir das Laufen immer noch macht. macht es auch schwerer, überhaupt an einer beliebigen Stelle ins Tun zu kommen. Alles, was ohnehin schon schwer fällt, fällt nun noch schwerer. Leicht ist nur, das als Vorwand zu nehmen, sich in die Depression zurückzulehnen.

Hinzu kommt, dass die Notwendigkeit physiotherapeutischer Übungen inneren Druck aufbaut. In den letzten Jahren habe ich gelernt, zum Jahresende hin auf jedes „Ich-müsste“ so weit wie möglich zu verzichten. Und weil in dieser inneren Freiheit nichts muss, geht manches dann doch. Nun muss ich üben, da bin ich mir mit allen Physiotherapeuten einig. Unnötig zu sagen, dass mir das nicht in der notwendigen Regelmässigkeit und Intensität gelingt. Das resultierende Versagensgefühl macht Party mit der Depression während ich im Serienüberkonsum zuhause bleibe.

Im Dezember führe ich auch wieder ein Schlaftagebuch. Schon in den beiden Jahren zuvor habe ich etwa um die gleiche Jahresze Schlafstörungen bekommen. Es beginnt mit Durchschlafschwierigkeiten, die daraus entstehende Müdigkeit führt zu kleinen „Naps“ tagsüber und von dort ist es nicht mehr weit zu einem Zustand, in dem ich zwei bis drei Schlafphasen von jeweils zwei bis fünf Stunden willkürlich über die 24 Stunden eines Tages verteile.

Entkommen kann ich dem nur, indem ich die Wachphasen des Tages schrittweise verlängere, bis ich schließlich wieder eine große Wachphase habe, sprich tagsüber wach bin und nachts schlafe. Dabei hilft das Schlaftagebuch. Unterstützend verzichte ich auf Kaffee und senke die Schlaftemperatur. Am heutigen Silvestertag schlafe ich seit 14 Tagen wieder halbwegs normal.

Das also ist im November und Dezember geschehen: ich habe die Winterdepression mit Schlafstörungen verziert. Darüberhinaus nichts. Nichts. Mein Leben ist zum Stillstand gekommen.

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Aber so soll dieser Text nicht enden. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass ich so ab April meinen Scheiß wieder zusammenbekomme und sich das Leben wieder flüssiger anfühlt. Vielleicht wäre es eine gut Idee, den Jahresrückblick jeweils von Oktober bis Sptember gehen zu lassen. Dann stünde die Depression am Anfang des beschriebenen Zeitraums und man könnte aus der guten Endsommerstimmung heraus fluffig mit ein paar Worten darüber hinweg gehen. Und zum Ende des Textes hin wird es gutgelaunt und produktiv, so wie man sich das als Leser wünscht. Ich werde darüber nachdenken.

Zum Abschluss noch ein Gedanke, der dieses Jahr als Ganzes betrifft. Es ist das Jahr, in dem ich alt geworden bin, nicht nur von außen, sondern auch von innen. Ich bin von einem älteren zu einem alten Mann geworden. Vom Vater zum Opa, wenn man so will.

Ich habe das an anderen schon zuvor beobachtet. Der Alterungsprozeß verläuft nicht kontinuierlich, es gibt Jahre in denen er sich sprunghaft beschleunigt. Die Menschen machen einen Schritt von einer Lebensphase in die nächste, spürbar, sichtbar, von außen wie von innen. Auch ich bin mal wieder einen Schritt weiter.

In der Klinik (2), Reha

Was bisher geschah:
In der Klinik (1)
Auf Krücken

Heute um elf habe ich drei Tage in dieser Klinik voll, genug für einen ersten Eindruck. First things first: Zimmernachbar, WLAN und Essen, alles unproblematisch.

Dass es mit dem Zimmernachbarn so einfach ist, hat einen einfachen Grund, ich bin, wie alle anderen auch, in einem Einzelzimmer untergebracht. Der Flur dorthin und auch das Zimmer wirken neu oder gut gepflegt, lediglich die Stühle zeigen deutliche Gebrauchsspuren – was ich nicht erwähnen würde, wenn nicht in mindestens einem Forum schwerpunktmäßig am äußeren Zustand von allem herumgemäkelt würde. Bei ansonsten guten Bewertungen.

WLAN wird wie in den beiden Kliniken zuvor an der Rezeption gebucht und – deutlich anders als in den beiden Kliniken zuvor – bezahlt. Das lässt zumindest darauf hoffen, dass die Dienstleistung auch erbracht wird und es irgendwo einen tapferen Admin gibt, der sich im Versagensfall kümmert. Die Preise sind gestaffelt nach Buchungszeitdauer und Geschwindigkeit, für maximale Dauer, 3 Wochen, und minimale Geschwindigkeit, 2 Mbit, zahle ich 35 Euro.

Das Essen ist hinreichend gut und wird in einem großem Speisesaal serviert, der in einigen Details an die Selbstbedienungsrestaurants erinnert, wie man sie Kaufhäusern findet. Seitlich links vorne der Bereich für das Frühstücks- und Abendessens-Buffet, rechts die Theke für die Ausgabe des Mittagessens, ansonsten nur noch eine große Anzahl von  2-Personen-Tischen. Auf jedem der Tische steht coronabedingt eine Plexiglasscheibe, die die Tischnachbarn voneinander trennt.

Gerade das Buffet ist ein großer Gewinn im Vergleich zu den beiden Kliniken zuvor. Das Angebot ist vielfältig und man kann frei seinen jeweiligen Essensgelüsten nachgehen. Nun ist Buffet zumeist mit Selbstbedienung verbunden, da aber die Hälfte der Patienten hier auf Krücken unterwegs ist, gibt es beim Buffet dann eine ausreichende Zahl von Helferinnen, die beim Befüllen des Tellers und dem Transport zum Tisch helfen. Der Rest bedient sich selbst.

Entsprechend ist das auch beim Mittagessen, wer kann bedient sich selbst, wer nicht kann geht zu seinem (festen) Platz und wird bedient. Auswahl hat man jeden Tag zwischen drei Gerichten, allerdings muss man diese Auswahl zwei Tage zuvor treffen. Das geht unproblematisch über kleine Bestellzettel, die jeweils auf den Tischen bereitliegen; ausfüllen, liegenlassen, fertig.

Soweit die durchgängig erfreulichen Basics.

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Kleiner Schritt des 2.  Tages: Ich erlerne den 2-Punkt-Gang auf Krücken, der sehr viel mehr dem normalen Laufen ähnelt und es erlaubt, langsam auf die Krücken zu verzichten, indem man immer weniger Gewicht an sie abgibt.

Kleiner Schritt des 3. Tages: Zum ersten Mal mit nur einer Krücke gelaufen. Es wird empfohlen, das nicht zur Regel zu machen, weil es zu einem unregelmäßigen Gangbild führt, ist aber im Zimmer sehr nützlich, wenn es darum geht irgendwas von A nach B zu tragen.

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Tag 4, Freitag
Die Sache hier ist vergleichsweise langsam in die Gänge gekommen, aber heute habe ich dann meine vermutlich letzte Einführung bekommen, zugleich auch die sinnigste, nämlich wie mit den Trainingsgeräten umzugehen ist, die wir sonst nur aus Fitnessstudios kennen. Oder eben auch nicht.

In den Tagen davor gab es neben den ganzen Erstbegegnungen auch solche Nicht-Veranstaltungen wie die  Hausführung (aber nur theoretisch, weil wir mit unseren Krücken ja nicht in der Gruppe laufen könnten), die Sturz- und Luxationsprophylaxe (die genau nur Menschen mit einem künstlichen Hüftgelenk betrifft), die Vorstellung der Ernährungsberatung (kann haben wer will) und heute die „Schulung: Buffet“ (die, wenn sie erst am vierten Tag stattfindet, deutlich zu spät kommt, da man dann alles schon alleine herausgefunden oder erfragt hat).

Ebenfalls heute noch zweimal zwanzig Minuten in der Gruppe im Kreis gelaufen, zugegebenermaßen mit Varianten und unter fachlicher Beobachtung. Außerdem zwanzig weitgehend unbeaufsichtigte Minuten auf dem Fahrrad-Ergometer. Es war der erste wirklich volle Tag, fünf Termine, davon vier mit körperlicher Betätigung. Dazu kommen die Treppen.

Zur Einordnung: Ich wohne im zweiten Stock, die Mahlzeiten und alle Laber-Veranstaltungen finden im Erdgeschoss statt, für alles, was mit Bewegung zu tun hat, geht es in den Keller. Da ich die meiste Zeit zu ungeduldig bin, auf den Fahrstuhl zu warten, nehme ich meistens die Treppe. Heute also viermal 2 Stockwerke runter und wieder hoch (die Mahlzeiten und die „Schulung“) und viermal 3 Stockwerke runter und wieder hoch (die eigentlichen Reha-Termine). Zusammengerechnet sind das zwanzig Stockwerke runter und wieder hoch. Kurz: die Treppen sind eine ganz eigene Veranstaltung.

Bei allem eine große Müdigkeit und es gelingt mir nicht, den ganzen Tag über wach zu bleiben. Was es schwierig macht, einen vernünftigen und an die Abläufe hier angepassten Schlaf-wach-Rhythmus zu finden. Auch wenn ich mich bemühe wach zu bleiben, ich bin  müde wie selten zuvor. Irgendwann am Mittag höre ich einen Podcast am Laptop und schlafe im sitzen davor ein, so müde.

Wie kann das sein? Können viermal zwanzig Minuten körperliche Betätigung auf niedrigstem Niveau so müde machen? Naja, sie tun´ s. Wenn es für sonst nichts gut ist, verdünnt es wenigstens das Ego (und, hmmm, wenn ich genau darüber nachdenke ist nicht einmal das zwingend).

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Auf der Suche nach der kleinen Verbesserung des Tages: habe bisher dreimal auf dem Fahrrad-Ergometer gesessen und jedesmal ging es besser. So auch heute.

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Tag 5, Samstag
7.00 Uhr aufstehen, frühstücken und um acht antreten, um im Kreis zu laufen. Zum Glück ist es die einzige Veranstaltung heute. Gefühlt geht weniger als gestern, mein Bein ist weniger beweglich und arbeitet weniger willig mit. Und auf dem Rückweg ins Zimmer schmerzt treppaufwärts der Fuß des gesunden Beines, der dabei ja die ganze Hebeleistung zu bringen hat. Ich schiebe beides auf die Anstrengungen von gestern und beschließe einen Schontag.

Das geht nicht ganz ohne innere Für-und-wider-Diskussion, aber im Ergebnis verweise ich mich auf meine Erfahrungen mit dem Lauftraining und dem daraus resultierenden Körpergefühl. Beides sagt: den Rest des Tages aussetzen.

Für morgen setze ich innerlich einen langen Spaziergang an. Und am Abend vielleicht noch ein paar Minuten auf dem Stand-Fahrrad. Das ist der Weg.

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Tag 6, Sonntag
2,3 Kilometer in 2 Stunden und 7 Minuten sagt der Standortverlauf. Ich hätte ja eher auf drei Stunden getippt.

Interessantes Phänomen: Das, was sich mit meinem Knie schon die ganze Zeit über falsch anfühlte (und ich leider nicht besser beschreiben kann), ist während des Spaziergangs irgendwie verschwunden. Zu Beginn war es noch spürbar, danach nicht mehr; ich nehme das als den kleinen Fortschritt des Tages.

Der Spaziergang hat mich durch ein eher reizloses Wohngebiet in die Altstadt von Bad Nauheim geführt, die sich in nichts von anderen hessischen Altstädten abhebt. Nur deswegen würde niemand herkommen. Den Kurpark habe ich nur gestreift, er scheint mir eine nähere Erkundung wert. Das ist schön, weil er ohnehin das einzige Ausflugsziel ist, das ich fuß- und krückenläufig noch erreichen kann. Demnächst dann.

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Tag 7, Montag
Keine besonderen Vorkommnisse. Die erste Woche ist herum und wenn ich die „Fortschritte“ dieser Woche mal hochrechne, sehe ich nicht, dass ich hier ohne Krücken rausgehe. Was nicht an mangelnden Anwendungen liegt, ich bin bei täglich 4 mal zwanzig Minuten irgendwie bewegen. An Tagen, wo es weniger ist, so wie heute, setze ich mich nochmal zwanzig Minuten auf das Fahrrad-Ergometer. Und, auch wenn das nach wenig klingt, es langt dann auch. Anscheinend dauert es einfach so lange, wieder laufen zu lernen.

Gab es einen kleinen Fortschritt heute? Hmm, wenn, dann auf Erkenntnisebene. Habe heute herausgefunden, beziehungsweise gezeigt bekommen, welche Haltung ich beim Krückenlaufen einnehmen muss, damit es erstens leichter geht und sich zweitens daraus dann krückenloses Laufen entwickeln lässt. Das aber will auch erst wieder eingeübt werden.

Die meisten „Anwendungen“ hier sind wenig individuell. Das, was ich mal Lauftraining nennen will, findet in der Gruppe statt. Zehn Menschen laufen in einer kleinen Turnhalle im Kreis, dazu gibt es verschiedene Übungen und Hinweise. Die Hinweise sind eher allgemeiner Natur, da zwar jeder der Teinehmer auf Krücken läuft, aber die Gründe dafür verschieden sind (Becken-,  Oberschenkel- oder Schenkelhalsbruch, künstliches Hüftgelenk). Und auch wie gut oder schlecht die Teilnehmer laufen ist verschieden. Was bedeutet, dass jeder mehr oder weniger für sich herausfinden muss, was geht und was nicht.

Die Trainingstherapie, also das an den Fitness-Maschinen, ist ebenfalls eine Gruppenveranstaltung. Die Betreuer haben die einzige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Maschinen für den jeweiligen Patienten richtig eingestellt sind. Für das was und wie gab es eine gesonderte Einweisung. Die Gruppe ist kleiner, fünf Teilnehmer, die jeweils leicht zeitlich versetzt die Maschinen wechseln.

„Radfahren“ findet ganz selbständig statt. Es gab eine Einweisung, danach taucht nur noch der Termin im Behandlungsplan auf und wird vom Patienten allein wahrgenommen.

Individuell sind Einzel-Therapie, Massage und natürlich die wöchentliche Visite. Irgendwann wird es Wasseranwendungen in der Kleingruppe geben (die einzige Möglichkeit ins Schwimmbad zu kommen, das coronabedingt ansonsten zu ist) und diese Woche habe ich erstmals Ergotherapie auf dem Plan, weiß allerdings nicht, was ich hier davon erwarten darf.

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Tag 8, Dienstag
Die Tage hier werden durch die Anwendungen und die Mahlzeiten strukturiert. Auf beides hat man als Patient keinen Einfluß, was ich besonders zum Frühstück sehr bedauere. Coronabedingt essen die Patienten in zwei Schichten; ich bin in der ersten, die um 7.00 Uhr beginnt und um 8.00 endet. Da alle am Buffet vorbei müssen und sich dort lange Schlangen bilden, ist es gut, halbwegs pünktlich zu sein. Es gibt keine denkbaren Umstände, unter denen ich damit gut leben könnte. Ich arrangiere mich.

Auch beim Mittagessen habe ich die Frühschicht, 11.30 bis 12.30 Uhr. Das ist nicht ganz so tragisch, da wir Krückenbenutzer das Essen an den Tisch serviert bekommen und es unproblematisch ist, erst zur Mitte der Schicht aufzutauchen. In Ruhe zu essen ist dann immer noch möglich.

Abendessen, 17.00 bis 18.00 Uhr, siehe Frühstück. Zu früh und zu voll, um später zu kommen.

Aber ich will mich gar nicht zu sehr beschweren. Wollte man die Schlangen vor dem Buffet vermeiden, müsste man Frühstück und Abendessen wie das Mittagessen am Tisch servieren. Vorbei wäre es mit der Auswahl und damit einem ganz wesentlichen Wohlfühlfaktor. Ich erinnere gut die einfallslosen Gedecke der vorigen beiden Kliniken und um diesem Elend zu entgehen stehe ich gerne (naja) etwas früher auf und stehe in der Schlange.

Irgendwo rumstehen und warten gehört hier ohnehin zum Alltag. Die Anwendungen sind ja terminiert und niemals so, dass man halt reinläuft und sagt, man sei jetzt da und es könne losgehen. Stattdessen kommt man etwas früher, sitzt im Gang und wartet darauf, abgeholt zu werden. Was in der Regel auch pünktlich geschieht. Sobald man also herausgefunden hat, wie lange man von seinem Zimmer zum Ort der Anwendung braucht, lässt sich die Wartezeit minimieren. Was allerdings verlässlich nur funktioniert, wenn man auf den Aufzug verzichtet und stattdessen die Treppe nimmt, auf die man nicht gemeinsam mit einer unbestimmten Anzahl anderer Menschen warten muss.

Für mich gilt: wenn ich zehn Minuten vor dem Termin aus meinem Zimmer gehe bin ich überall pünktlich und kann sogar noch geduldig sein, wenn ich auf der Treppe jemanden vor mir habe, der noch langsamer ist, als ich es bin.

Die Anwendungen dauern in der Regel zwanzig Minuten, die in einem Zeitfenster von 30 Minuten liegen. Bleiben zehn Minuten für Anwesenheitskontrolle, Behandlungsplan oder Diagnosen anschauen, Handtücher auslegen, Geräte desinfizieren oder was sonst so anliegt. Das, gemeinsam mit Hin und Rückweg, sorgt dafür, dass f´ür eine Anwendung so um die 45 Minuten anzusetzen sind.

Kurz gerechnet vergehen mit überschlägig vier Anwendungen pro Tag drei Stunden. Für die drei Mahlzeiten  schlage ich mal zweieinhalb Stunden an. Bedeutet: ich bin hier jeden Tag so um die fünfeinhalb Stunden im Haus unterwegs und beschäftigt. Der Rest ist Freizeit, doch davon soll ein anderes Mal erzählt werden.

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Der kleine Fortschritt des Tages: eine neue Bestleistung auf dem Fahrrad-Ergometer. Und weil ich Maschinentraining schon immer langweilig fand, habe ich heute ausprobiert, ob ich fahrenderweise lesen kann. Und siehe, es funktioniert erstaunlich gut, der Reader lässt sich locker mit einer Hand auf dem Ergometerdisplay halten und umblättern. Der Vorteil lesenderweise zu strampeln ist, dass ich nicht mehr darüber nachdenken muss, dass ich keine Lust mehr habe, mir langweilig ist oder das Knie sich meldet. Alles egal, einfach nach unten strampeln, abundzu mal auf die Uhr schauen, ansonsten lesen und, zack, Bestleistung.

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Tag 9, Mittwoch
Die heutige Visite war schwierig. Zunächst mal dauerte es etwas, bis ich geklärt hatte, dass ich nicht zu wenig Anwendungen beklagte, sondern zu wenig Genesung. Als wir dann endlich anfingen das „zu wenig“ genauer anzuschauen, gab es auch erstmal Erstaunen ärztlicherseits, gefolgt von Aktengeblätter und Nachrechnen. Ergebnis: ich bin in der achten Woche nach der Operation. Und was eben noch nach „Ja, sollten Sie eigentlich können“ klang, wurde nun zu einem „Bei einem Oberschenkelbruch kann es 4 bis 6 Monate dauern, bis das Gehen wieder ohne Krücken funktioniert“.

Das liest sich jetzt wie eine klare Aussage, aber im Kontext des Gesprächs kam es mir eher wie eine Ausweichbewegung vor. Irgendetwas, das ich trotz aller Bemühung nicht in Worte fassen kann, war an diesem Gespräch verunsichernd.

Ich glaube mehr als Trostpflaster bekam ich zum Schluss noch Vitamin D und eine Portion medizinischer Energy-Drinks verschrieben. Letztere sind – entgegen meiner Erwartung – hochkalorisch und als Beifutter zur Gewichtszunahme gedacht. Bedeutet: die Energy-Drinks werden erstmal nicht getrunken und wandern in den Nachtschrank. Vielleicht schlafe ich demnächst mal etwas länger und nehme statt des Frühstücks einen Energy-Drink zu mir. Dafür könnten die gut sein.

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Ich war verunsichert genug, das Internet zu medizinischen Dingen zu befragen. Eigentlich lasse ich das lieber. Um es kurz zu machen, im Wesentlichen wird die Aussage der Ärztin bestätigt, wenn auch etwas nach unten korrigiert, die Sache könnte auch nach 3 Monaten bewältigt ein.

Das wären dann 12 Wochen bis zum Verzicht auf die Krücken, mein Aufenthalt hier fällt in die 7. bis 9. Woche nach der Operation. Verkehrt scheint daran nichts zu sein, früh und viel bewegen ist wichtig, genauso wie der Muskelaufbau. Jetzt brauche ich einen Plan, wie ich in der Zeit nach der Reha aktiv bleiben kann.

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Ergotherapie in den Zusammenhängen hier zeigt, wie viele unserer Alltagsverrichtungen unter den Einschränkungen, die die verschiedenen Operationen mit sich bringen, zu bewältigen sind. Heute so Sachen wie Socken und Hosen anziehen oder sich die Füße zu waschen, jeweils mit Standardhilfsmitteln aus dem Orthopädie-Shop oder Dingen, die sich vielleicht sowieso im Haushalt findenlassen. Mein Favorit war der Malerpinsel zum Waschen der Zehenzwischenräume.

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Der kleine Schritt des Tages: ich durfte eine realistische Erwartungshaltung in Bezug auf meine Genesung entwickeln. Fühlt sich nur halb so gut an, wie es klingt.

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Tag 10, Donnerstag
Keine besonderen Vorkommnisse, auch keine bemerkbaren Fortschritte, und seien sie noch so klein.

Korrektur: Wieder eine kleine Steigerung auf dem Fahrrad-Ergometer. Aber irgendwie zählt das nicht mehr so richtig. Ich denke, das ist Kardio-Training und tut nur sehr wenig für das gebrochene Bein.

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Tag 11, Freitag
Was andernorts Wassergymnastik genannt wird, ist hier „Hüfte im Bad“. Hatte ich heute zum ersten Mal und entgegen anfänglicher Widerstände (die sich überwiegend auf die coronabedingten Umstände bezogen, unter denen die Anwendung stattfinden muss) fand ich es dann wirklich gut. Das Wasser war angenehm warm und das Bein fühlte sich fast schon normal an. Die  Übungen unterschieden sich nicht von denen, die wir machen, wenn wir im Kreis laufen, fühlten sich aber müheloser an. Es war die erste der Veranstaltungen hier, von der ich dachte, dass sie gerne länger hätte sein dürfen. Am Erstaunlichsten aber war, dass sich das Bein auch nach der Anwendung noch lange Zeit sehr entspannt anfühlte. Nächste Woche gibt es mehr davon und ich freue mich darauf.

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Das Training auf dem Fahrrad-Ergometer habe ich heute eigenmächtig gegen einen langen Spaziergang nach Bad Nauheim ersetzt. Der war nicht nur wegen des schönen Wetters zwingend notwendig, sondern vor allem, weil mir die Süßigkeiten ausgegangen waren. Ich musste einkaufen, denn bei einem Abendessen gegen +/- 17.30 Uhr habe ich spätestens gegen 22.00 Uhr wieder Hunger. Hunger, den ich mir dann mit Süßigkeiten „verderbe“, und zwar gerne.

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Heute ist Halbzeit hier und meine Tage haben eine gewisse Regelmässigkeit angenommen. Wie die Anwendungen und Mahlzeiten den Tag strukturieren habe ich schon beschrieben. Dazwischen gibt es immer wieder kleine (seltener auch größere) unausgefüllte Freizeiten, für die sich Gewohnheiten herausgebildet haben.

Vormittags lese ich in den Pausen zwischen den Anwendungen das Internet leer, bis zum Mittag ist das meistens bewältigt. Nach dem Mittagessen wird die erste Pause, die lang genug ist, mit einem Mittagsschläfchen gefüllt, gerade so lang, dass es mir nicht den Nachtschlaf stört. Meistens beginne ich in der Pause unmittelbar vor oder nach dem Abendessen mit den Blogeinträgen. Nach dem Abendessen läuft parallell der Fernseher. Falls mich wirklich etwas interessiert (oder wenigstens erfolgreich ablenkt) entsteht der Blogbeitrag in den Werbepausen. Und so vergeht der Abend zwischen Blog- und Blockbustern bis ich gegen 23.00 Uhr ins Bett gehe, noch eine unbestimmte Zeit lese und dann schlafe. Am nächsten Morgen grüßt das Murmeltier.

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Die kleinen Schritte zu benennen wird zunehmend schwieriger. Das könnte auch an den Anwendungen liegen. Wenn ich viel getan habe mit dem Bein, fühlt es sich meist so an, als würde erstmal weniger gehen. Das Bein ist angestrengt und will nicht mehr, kein Fortschritt zu spüren.

Zwischendrin, so wie heute nach der Wassergymnastik, gibt es entspannte Momente und ich denke, ja, da hat sich was getan, ja, ich habe viel weniger Last auf der Krücke, ja, das fühlt sich fast wie laufen an. Aber ist das wirklich ein Fortschritt? War der entspannte Moment gestern nicht ganz ähnlich? Ich könnte mich täuschen.

Kurz, nur mit hinspüren ist es nicht mehr getan und objektive Daten fehlen. Die Trainingsmaschinen könnten vielleicht so etwas liefern, aber dazu müsste ich an den Grenzen trainieren, wovon abgeraten wird. Vermutlich aus Gründen. Also trainiere ich moderat und muss mich darauf verlassen, dass ich die kleinen Fortschritte mache, auch wenn ich sie nicht benennen kann.

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Tag 12, Samstag
Ausgeschlafen bis zum Mittag, da fällt es kaum auf, dass das Frühstück fehlt. Auch sonst nichts getan außer Medienkonsum. Fühlt sich aber nicht gut an.

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Tag 13, Sonntag
Auch heute ausgeschlafen, aber als Lehre aus dem gestrigen Tag wenigstens zweimal zwanzig Minuten auf dem Fahrrad-Ergometer gesessen. Keine Bestzeiten.

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Von einem kleinen Fortschritt ist zweifelsfrei zu berichten. Ich kann das gebrochene Bein wieder fast so stark anziehen, wie das gesunde (anziehen meint Oberschenkel zum Körper und/oder Wade zum hinteren Oberschenkel). Ein paar Zentimeter fehlen noch, aber wenn ich mit den Händen nachhelfe gehen auch die, nur spannt es dann noch an einigen Stellen.

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Tag 14, Montag
Heute gab es zum ersten Mal einen kleinen Fehler im ansonsten sehr reibungslosen Ablauf. Das logistische Hauptinstrument hier ist eine Wand mit Fächern. Jedem Patienten ist ein Fach zugeordnet und er ist aufgefordert das mindestens einmal am Tag zu kontrollieren. Wenn sich an seinem Behandlungsplan etwas ändert, bekommt er über dieses Fach Nachricht darüber. Als eine zweite Möglichkeit gibt es die Klinik-App, auf der der Behandlungsplan ebenfalls einzusehen ist.

Beim Frühstück fiel mir auf, dass mein schriftlicher Behandlungsplan von dem der App abwich (oder umgekehrt, wer will das schon so genau sagen). Also bin ich erstmal zu meinem Fach um zu schauen, ob ich einen geänderten Behandlungsplan fände. Noop. An der Rezeption bekam ich dann die Auskunft, dass die App in der Regel aktueller ist, da sie die Änderungen direkt aus dem System entnimmt, während die Behandlungspläne auf Papier erst auf dieses gedruckt und dann verteilt werden wollen. So weit, so klar, ich war wieder orientiert.

Aber so gut wie mir ging es nicht allen; all diejenigen, die nicht auf die App schauten, hatten nicht einmal die theoretische Möglichkeit von der geänderten Anwendung zu erfahren, da die neuen Behandlungspläne erst zwanzig Minuten nach dem Beginn der ausgefallenen Anwendung in den Fächern lagen.

Dass ich das so genau sagen kann, ist einer anderen, cleveren logistischen Massnahme zu verdanken. Es gibt bei den Fächern einen Aushang, der jeweils Datum und Uhrzeit der letzten Aktualisierung angibt. Das erspart mehr als zweihundert Menschen ins leere Fach zu schauen, wenn es ohnehin keine Aktualisierung gibt.

Und damit ihr mich nicht für einen Kleinkrämer haltet, ich beschreibe das nicht wegen des kleinen, und vermutlich unvermeidbaren Fehlers (es ist Montag, die Krankmeldung der Mitarbeiterin kommt frühstmöglich rein, muss ins System eingepflegt, ausgedruckt und verteilt werden, um 8.50 Uhr liegt die Änderung in den Fächern, eigentlich ziemlich gut), sondern um die Logistik hier zu beschreiben, die ziemlich gut funktioniert.

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Tag 15, Dienstag
Gerade eben, 20.34 Uhr, bin ich hier in meinem Zimmer die ersten Schrittchen ohne Last auf den Krücken gelaufen. Wenn man es denn laufen nennen will. Mehr geschlurft mit einer Schrittweite, die in etwa der Länge meiner Schuhe entspricht. Über die erstaunliche Distanz von geschätzt zweieinhalb Metern. Das mag nach wenig klingen, aber es ist ein Durchbruch. Ich bin sehr zufrieden, das ist mehr als ein kleiner Schritt.

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Tag 16, Mittwoch
Von dem kleinen Schritt gestern hat sich zu heute noch einmal viel getan. In der Einzel-Therapie haben wir die Schrittlänge deutlich angehoben und insgesamt fühle ich mich auf dem Bein etwas sicherer. Als Ergebnis daraus soll ich nun, wann immer ich denke, es sei ein guter Moment, die Krücken auf eine etwas andere Weise greifen. Dabei dreht man die Krücke um 180 Grad, wodurch der Teil, der sonst den Ellbogen stützt, nun nach vorne zeigt. Dadurch fühlt sich die Krücke mehr wie ein Spazierstock an und gibt deutlich weniger halt, was auch das Ziel der Übung ist. Der Körper, vor die Wahl gestellt, sich auf ein unsicheres Bein oder eine unsichere Krücke zu verlassen, wählt das Bein. Im Laufe der Zeit wird der „Spazierstock“ immer weniger belastet (was sich auch gut an den Mitpatienten beobachten lässt).

Und auch die Treppen nehme ich aufwärts nun anders, nämlich wie normal, nur mit Unterstützung einer Krücke und des Geländers. Im Moment machen die Arme noch einen Großteil der Arbeit und es ist sehr mühsam, aber es geht in die richtige Richtung.

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Tag 17, Donnerstag
Heute das Abschlussgespräch mit der behandelnden Ärztin. „Wir“ sind sehr zufrieden, besonders damit, dass kaum noch Bewegungseinschränkungen festzustellen sind, sondern es nur an Kraft fehlt. In Anbetracht der Fortschritte in den letzten zwei Tagen schließe ich mich der positiven Grundstimmung an.

Hätte mich jemand gefragt, ob ich etwas zu bemängeln habe, wäre mir nur eines eingefallen: Die Behandlung hier ist wenig auf den Einzelnen zugeschnitten. Zweimal die Woche Einzel-Therapie ist zu wenig, zumindest war es das mir. Fällt dann noch dazu ein Termin aus, ist das ein echter Verlust.

Was den Rest des Programms nicht schmälern soll. Was hier unterschiedslos für alle in den Gruppen läuft, scheint zu funktionieren. Das sehe ich an mir und auch an den Mitpatienten. Zu verdanken ist das den Underlings, den Physiotherapeutinnen, die mit großer Routine mehrmals täglich das immer gleiche Programm durchziehen. Ich vermute es ist kein Traumjob.

Ich erwähne das so explizit, weil ich von den Visiten, also den Gesprächen mit den Fachärzten, eher wenig mitgenommen habe. Was auch daran liegen mag, dass ich vermutlich zu den eher pflegeleichten Patienten zähle, bei denen weder Medikamente noch Vor- oder Nebenerkrankungen eine große Rolle spielen. Also nochmals: Die eigentliche Arbeit wird hier von den Underlings geleistet.

Und eine besondere Erwähnung verdienen an dieser Stelle auch die untersten der Underlings, die „Servicekräfte“, meint: die Putzfrauen und Serviererinnen. Ich bin sicher, dass hier nur deswegen stimmungsmäßig alles so rund läuft, weil diese Berufsgruppe den Patienten unverstellt freundlich gegenübertritt. Bei bisher null Ausnahmen, beeindruckend.

Letztlich, der gesamte Laden wirkt clever organisiert und tickt mit großer Zuverlässigkeit vor sich hin. In der Gesamtbeurteilung gebe ich 4 von 5 Punkten.

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Tag 18, Freitag
Im gestrigen Beitrag klingt es schon an, gefühlt ist die Sache hier zuende. Vor mir liegen nur noch das anwendungslose Wochenende und der Montag, der der letzte Tag der Reha sein wird. Dienstag wird nur noch abgereist.

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Tag 19, Samstag
Keine besonderen Vorkommnisse. Kein Schritt vor die Tür und nur auf dem Zimmer Übungen gemacht. Erwähnenswert vielleicht die zwanzig Minuten, die ich im Zimmer auf und ab gelaufen bin und mich langsam an das Laufen ohne Krücken herangetastet habe. Die letzten fünf Minuten hatte ich die Krücken dann nicht mehr am Boden. Ich war sehr langsam und sehr unsicher, aber es ging.

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Tag 20, Sonntag
Im Zimmer bewege ich mich jetzt ohne Krücken. Interessanterweise ist der erste Schritt immer der schwierigste, der kleinste, der am wenigsten elegante. Okay, elegant ist an meinem Gang seit der gerissenen Achillessehne ohnehin nichts mehr, aber selbst danach sah es deutlich flüssiger aus.

Die Treppen sind noch ein Problem und das macht mir Sorgen, weil ich zuhause keinerlei Möglichkeit habe, das weiter zu üben. In meinem direkten Umfeld gibt es schlicht keine Treppen mit Geländer. Irgendwie werde ich an den vorhandenen Stufen probieren müssen, was geht und was nicht. Und vielleicht fällt ja auch den Pysiotherapeuten dazu etwas ein.

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Tag 21, Montag
Zum Abschluss gab´ s heute einen Behandlungsplan aus der Hölle (gestern war Halloween, das geht an niemandem spurlos vorbei). Alle vier Anwendungen lagen im Vormittag, zum Teil in der Frühstückszeit oder direkt danach. In der ersten Anwendung, die zwangsläufig ungefrühstückt wahrgenommen werden musste, waren nur Patienten, die morgen entlassen werden. Das hat eine innere Logik, wer morgen geht wird sich nicht mehr beschweren. Oder es war doch zufällig. Vielleicht auch ein Software-Fehler. Aber in jedem Fall aus der Hölle.

Es bleibt ein langer Nachmittag zum Koffer packen. Das ist gut, morgen früh wäre dafür nicht genug Zeit gewesen und der Abend bleibt frei für Jeden-Abend-Dinge.