Ich mache der Vollständigkeit halber mal dort weiter, wo ich gestern aufgehört habe. Der Abend vergeht mit kleinen zeichnerischen Einträgen ins Journal (ich vervollständige den Dublin-Eintrag mit zwei Thumbnails), Lesen und Serienkonsum. Zwischendrin bin ich plötzlich sehr müde, mache kurz die Augen zu, ruhe und bin anschließend bis zwei Uhr nachts wach. Ich bedaure das nicht, für die OP morgen wird es nicht schaden, so müde wie möglich zu sein.
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Es ist eine kurze Nacht. Pünktlich um sechs beginnen auf der ganzen Station die Monitore der Patienten zu piepen, bei denen sich in der Nacht irgendeine der vielfältigen Verkabelungen gelöst hat. Auf dem Flur entspanntes Geplauder der PflegerInnen, kein Grund zur Panik. Aber es nervt und dauert bestimmt zwanzig Minuten, bis alle Monitore wieder still sind.
Die zuständige Pflegerin bringt mir eines dieser kleidsamen OP-Hemdchen, deren praktische Vorteile mir sich noch nicht erschlossen haben. Vielleicht dienen sie dem Trainig der Feinmotorik, ich finde es durchaus herausfordernd zwei Schlaufen in unterschiedlicher Höhe auf dem Rücken und ohne Sicht zu binden. Spoiler: nach der OP wird der Schwierigkeitsgrad erhöht, indem an einem der Zeigefinger der Puls-Monitor „verklebt“ wird.
Gegen sieben ist die Aufgabe bewältigt, zudem bin ich „nachrasiert“, der Schnitt für die TAVI ist, im Gegensatz zu dem für Stents, beidseitig und erstreckt sich auch über den Bauch- und Brustbereich. Ich bin nun so rasiert wie nie zuvor im Leben und werde zu der Station gefahren, in der die „Vorbereitung“ auf die OP stattfindet. In Anführungszeichen, weil es nur eine weitere Übung in Redundanz ist, Name, Geburtsdatum, welcher Eingriff wird vorgenommen, wer alles weiß bekommt ein Bändchen mir allen Angaben ans Handgelenk.
Geschätzt gegen viertel vor acht werde ich in den OP-Raum gefahren und ab dem Moment spielt Zeit ohnehin nur noch eine untergeordnete Rolle, denn die erste Maßnahme ist, mich an die Lösung anzuschließen, die mich im Laufe der nächsten zwanzig Minuten langsam in den Dämmerschlaf versetzen wird. Während dieser zwanzig Minuten geschieht noch sehr viel um mich herum und mit mir. Ich bekomme einen zweiten Zugang gelegt, zahlreiche Elektroden werden an Körper und Stirn angebracht, meine Handgelenke werden bequem und körpernah fixiert, teilweise sind bis zu drei Personen gleichzeitig an mir beschäftigt. Währenddessen bekomme ich von all dem immer weniger mit. Ich erinnere einen Moment, in dem ich der Plauderei des Personals zuhörte, irgenein Thema abseits der Medizin, das ich nicht mehr erinnere, und mir auf sehr zähe Weise bewußt wurde, das ich einen interessanten Beitrag dazu leisten könnte. Ich war mir nur nicht sicher, ob ich überhaupt noch reden könnte, und überhaupt…, vielleicht war es einfach egal. Die letzten Erinnerungen sind die Begrüßungen durch die Operateure, Dr. A., der irgendwelche vorbereitenden Drähte oder Schläuche in mich hineinschiebt, und etwas später Dr. B., den ich mir als Behandler gewünscht hatte. Alles nur noch sehr undeutlich.
Ich träume, manchmal kommt etwas Realität durch (meistens wenn ich zu Schnarchen anfange und mich damit selbst wecke, dann legt sich eine Hand auf meinen Kopf und versichert mir, dass alles gut sei), und manchmal träume ich, während ich mir bewußt bin, dass ich träume. Auch alle drei Zustände gemeinsam scheinen möglich. Der Moment, in dem meine reale Herzklappe zur Seite geschoben wird und eine künstliche an ihre Stelle tritt, ist eine solcherart vereinte Empfindung. Auf der realen Ebene höre ich Gesprächsfetzen mit, die sich auf den Ballon beziehen, der die künstliche Herzklappe entfaltet und positioniert, zugleich sehe ich den Vorgang träumend und aus einer Innenperspektive und ebenfalls zugleich weiß ich um mein träumen und die illusionäre Beschaffenheit der Bilder, die ich sehe.
Oder der Gedanke innerhalb eines Traumes, dass die meisten meiner Träume in sehr großen Räumen, fast schon Hallen, stattfinden. Zum Zeitpunkt der Niederschrift erinnere ich nur noch zwei solcher Räume und nichts von dem, was sich darin ereignet hat (oder ob sich überhaupt etwas ereignet hat).
Ähnlich, wie ich in den Dämmerschlaf hineindämmerte, dämmere ich auch wieder hinaus, auf eine unbestimmte Weise das Gefühl, „es“ sei rum, zweimal umbetten, was „irgendwie“ punktuelle Mitarbeit von mir erfordert, ein Bild von der Aufzugdecke und die Befriedigung darüber, endlich in meinem Zimmer zu liegen und ausschlafen zu können, was auch immer das bedeuten mag. Von Gedanke zu Gedanke zunehmend klarer.
Gegen elf schaue ich das erste Mal wieder bewußt zur Uhr mit dem Gedanken, mir die Uhrzeit für den Blog zu merken. Da bin ich aber schon voll verkabelt und hänge an einer Infusion. Wichtiger: ich bin instruiert, was ich alles nicht darf, bzw. wie ich die Leiste zu schonen habe, durch die der Eingriff vorgenommen wurde. Dort gibt einen kleinen vernähten Einschnitt unter einem Druckverband, es gilt eine Blutung zu verhindern. Ich bin unbesorgt.
Ein klitzekleines bisschen besorgt bin ich, als mehrmals hintereinander meine Monitore piepsen, mal sei der Blutdruck arg niedrig, mal wird der Sauerstoffgehalt angemäkelt. Das Personal löst das Problem, indem es die jeweiligen Ansprechschwellen hochregelt. Mich erinnert das etwas daran, wie innerhalb der Politik Grenzwerte hochgesetzt werden, wenn sie nicht einzuhalten sind. Irgendetwas stimmt mit diesen Grenzwerten nicht, vielleicht waren sie vorher zu niedrig, vielleicht sind sie jetzt zu hoch, Handlungskompetenz ersetzt wirkliches Wissen. Weil ich mich gut fühle bleibt es bei solcherart abstrakten Sorgen.
Wenig später gibt es Kaffee und eine Mahlzeit, danach beginne ich diesen Beitrag. Gegenwärtig fühle ich mich gut, liegenderweise halte ich stehen für ein echte Option. Wäre ich mein Arzt, würde ich über eine Entlassung nachdenken.
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Dies kaum geschrieben fängt es mal wieder an zu piepen. Das wird im Laufe des Nachmittags noch mehrfach geschehen und ist irgendwann auch kein Aufreger mehr, das Blutdruckmessdingens hat schlicht Kontaktprobleme, damit bin ich vertraut, das macht mir keine Angst.
Und die Pflegenden haben ihr Augenmerk auch auf anderem, vor allem auf der Wunde in der Leiste, die gerne mal nachblutet, statistisch, bei mir ist alles gut damit. Habe ich schon erwähnt? Egal, hier ist ganz viel redundant.
Etwas unverbunden und weil es erwähnt gehört, bisher bin ich von der Freundlichkeit des Personals sehr angetan. Ein unproblematischer Ausreißer nach unten, ich würde einen schlechten Tag als Entschuldigung gelten lassen, darüberhinaus nur Menschen, die auf natürliche Weise zugewandt rüberkommen (das sind die Besten) oder ein Mittelfeld der professionellen Freundlichkeit, von der alle wissen, das sie das Leben aller Beteiligten leichter macht.
Und vielleicht sollte auch erwähnt werden, dass ein Großteil dieser Menschen deutlich an Gesichtszügen oder Sprache erkennbar einen Migrationshintergrund haben. Sie sind es, die den Laden hier am Laufen halten. Isso. Sollten wir würdigen. Oder wenigstens mal gehört haben.