0.16 Uhr, den Wecker gestellt, damit ich das 5. Türchen öffnen kann. Nein, Spaß! Weihnachten und alles damit zusammenhängende Brauchtum könnte mir egaler nicht sein. Und da die Kinder schon rund zwei Jahrzehnte aus dem Haus sind, darf das auch so sein.
Ich bin also Viertel nach Zwölf noch wach, werde das vermutlich auch noch länger sein, die letzten beiden Nächte habe ich bis weit nach 2.00 Uhr gelesen. Das ist nicht schlimm, ich lebe allein und kann ungestört lange schlafen. Das sind die kleinen Freuden, die mein Leben mit sich bringt. Die Pläne für morgen sind überschaubar, irgendwann am frühen Nachmittag werde ich Lebensmittel einkaufen gehen (eigentlich fahren, mit Fahrrad und Rucksack) und abends werde ich mir im Schauspielhaus die „Addams Family“ anschauen (Premierenbesprechung im Gießener Anzeiger). Zwischendrin wird geblogt werden, alles sehr vorhersehbar. Wenn ich wollte, könnte ich hier schon mein Frühstück beschreiben und auch, was sonst so zwischen den geschilderten Eckpunkten geschehen wird. Das ist nur an der Oberfläche ein bisschen gruselig, aber mensch kann in diese Vorhersehbarkeit sehr schön hinein-entspannen. Es ist ähnlich wie die Addams Family.
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Ich lese bis vier, vorher, gegen halb zwei mache ich einen Versuch einzuschlafen, der misslingt. Also lese ich das Buch fertig (Jan Weiler: Munk), kann immer noch nicht einschlafen und sortiere in meinem E-Reader die virtuellen Regale um. Danach bin ich müde genug.
Gegen elf beginnt mein Tag mit einem Ping des Phones, etwas unnötig, wie ich finde, ich habe nur sieben Stunden geschlafen und es weckt mich der einzige abonnierte Newsletter, den ich per Email empfange. Ich bleibe noch zwanzig Minuten liegen und schaue an die Decke, entdecke im Muster der OSB-Platten ein Herz, überlege, wie ich es mit gaaanz wenig Einsatz so hervorheben könnte, dass auch andere es sehen und verwerfe den Gedanken, weil mir das dann doch zu kitschig. Aber den Tag mit einem Herz zu beginnen kann nicht verkehrt sein.
Ich koche Kaffee, setze mich damit vor das Tablet und schreibe, lese, schaue. Das Tablet hat komplett den PC abgelöst, vor dem ich im Wagen (meint bis vor rund zwei Monaten) meine Tage begann. Es ist so viel bequemer, an einem Tisch zu sitzen, neben sich den Kaffee und direkt hinter einem das eigene Frühstücksbuffett.

Es folgt eine extrem ausgedehnte Morgenroutine, Kaffee, Müsli, Internetnews, die heute zudem die neueste Episode „Pluribus“ enthält. Es ist unabwendbar, der Cliffhanger der letzten Episode überschreibt jede Impulskontrolle. Und so kommt es, dass der produktive Teil des Tages erst gegen 14.30 Uhr beginnt, immerhin frisch geduscht.
Unter der Dusche ist eine Entscheidung gefallen, ich werde nicht einkaufen gehen. Die vorhandenen Lebensmittel würden mich zur Not noch über das Wochenende bringen (unter sträflicher Vernachlässigung des Lustfaktors), es drängt also nicht (der Lustfaktor ist überschätzt). Zudem hat mir das Bild oben gezeigt, dass die fehlenden Schubladen sehr häßlich aussehen. Sie sind noch nicht in der provisorischen (!) Küchenzeile, weil ich sie vorher aufräumen und sortieren möchte. Und zumindest unter Dusche kommt mir das wie eine viel lohnendere Beschäftigung für den Nachmittag vor.

Zweieinviertel Stunden später bin ich mit der Aktion durch. Wer genau hinschaut erkennt, dass ich auf Gabeln mit langen Zinken stehe, bei Löffeln eher zur runden Form tendiere und generell zuwenig gleichermaßen gute wie moderne Messer habe (die alten im Bild bedürfen der Aufarbeitung). Ich hoffe, dass ich in Zukunft mit einem einzigen Flaschenöffner auskomme, ja, ich lebe riskant. Den nie verwendeten Käseschneider werde ich morgen vermutlich vergessen haben. Und immer wenn ich den ebenfalls nie verwendeten Nussknacker anschaue, werde ich mich fragen, ob ich die anderen beiden nicht doch hätte aufheben sollen (ist ein Kindheitsding, die sind emotional positiv besetzt, und von positiv kann mensch ja nie genug haben). Und so wird es gegen Ende der Aktion auch nocheinmal richtig spannend, als alle Schubladen eingeschoben sind und die noch auf dem Boden verteilten aussortierten Dinge nun wirklich weg müssen. Einige der Küchenutensilien bekommen eine eigene Plastiktüte spendiert, bevor sie in die Restmülltüte kommen. Ihr kennt das aus schlechten Filmen, wenn der Serienmörder die geschändeten Leichen aus Scham mit seiner Lieblingsdecke aus der Kindheit abdeckt. Niemand soll sehen, was ich getan habe.
Nach der Aktion bin ich hungrig. Es gibt Kartoffeln, Tomaten und Pesto, das ist nicht die große Küche, denn die ist es bei mir nie. Aber genug, um mich durch den Restabend zu bringen. Mal sehen, vielleich gehe ich nach der Addams Family nochmal irgendwo eine Kleinigkeit essen.
Zunächst aber eine Kleinigkeit vor dem Tablet essen, ich lasse mir von YouTube noch einmal erklären, was ich am Morgen eigentlich gesehen habe, serienmäßig. Früher haben wir das auf dem Schulhof oder in der Kneipe besprochen. Heute erfüllt diese Funktion der elektronische Erklärbär. Noch ein wenig bloggen, danach ziehe ich mich um und mache mich zum Stadttehater auf.
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Viereinhalb Stunden später bin ich wieder zuhause. Das Stück dauert mit Pause drei Stunden, eine halbe Stunde vorher gibt es eine kleine Einführung im Foyer. Auf etwas unklare Weise bleibt das Musical hinter meinen Erwartungen zurück, nach der Vorstellung bleibe ich mit dem Gedanken zurück, dass daraus mehr zu machen gewesen wäre. Dabei kann ich wenig benennen, was für diesen Eindruck verantwortlich sein könnte. Das Wenige: Wednesday scheint mir fehlbesetzt, die Addams Family wurde so oft mit den verschiedensten Schauspielern aufgeführt und immer war Wednesday eine zierliche Person. Das prägt die Erwartung und diese Erwartung wird an diesem Abend unterlaufen. Und das keineswegs absichtlich, wie ich vermute. Diese Wednesday ist groß, fast so groß wie Morticia, und das passt nicht. Auch dass Wednesdays Bruder Pugsley mit einer Frau besetzt war, fand ich schwierig, weil sich das nicht aus dem Stück ergibt und weder Maske noch Schauspiel das vergessen ließen. Es war einfach nur auf unnötige Weise irritierend. Im Kontrast dazu der großartig gespielte genderfluide Onkel Fester, von dem ich während des Stücks lange dachte, er würde von einer Frau gespielt. War nicht so, das war einfach gutes Schauspiel. Kurz, ich war für drei Stunden gut, aber nicht hervorragend unterhalten. Kein Grund sich zu beschweren, aber auch keine eindeutige Empfehlung.
Im Anschluss an das Theater etwas essen zu gehen fällt aus, weil ich mein Portemonaie vergessen habe. Bedeutet, dass ich mir unmittelbar nach dem Nachhausekommen etwas zu essen mache. Nebenbei höre ich YouTube als wäre es Radio. Ich esse, ich blogge und beende diesen Beitrag.