Unterm Strich ein mäßig, aber eben doch, produktiver Tag. Das „Schweberett mit Klemmbausteinrand“ mit dem Falz versehen und geschliffen, —
…, später auch noch etwas kreativ gewesen.
Kategorie: g.künstelt
25290
Mal wieder gekünstelt.
Überzeugt bin ich davon nicht, aber die gängige Meinung unter Kreativschaffenden ist, dass mensch viel schlechtes und mittelmäßiges Zeug produzieren muss, um gelegentlich dann wirklich gut zu sein. Hochglanz kriegt Ihr überall, bei mir gibt’s auch das, was rumkommt, wenn mensch mit mäßigen Ergebnissen Kreativdinge ausprobiert.
25280 – Komorebi
25270 – Die Meise des Theseus
Theseus hatte keine Meise (owohl, wer will das heute mit Sicherheit behaupten), aber ein Boot. Vielleicht auch nicht einmal das, aber er konnte darüber nachdenken. Für einen Philosophen ist das naheliegend. Und worüber er nachdachte – wenn Philosophen nachdenken nennt die Nachwelt das gerne Gedankenexperiment – war folgendes:
„Wenn an meinem Boot nun eine Planke kaputtginge und ich sie ersetzen würde, und später vielleicht das Steuerrad, und abermals später der Mast, ja, der gesamte Verfallsprozess einschließlich der folgenden Reparaturen sich solange fortsetzen würde, bis schließlich jedes Teil des ursprünglichen Bootes ausgetauscht wäre, wäre das dann noch mein Boot?“
Ein vermeintlicher Themenwechsel: Unter BloggerInnen wird gerade dikutiert – vielleicht auch schon nicht mehr, ich bin bei solchen Diskussionen gerne spät -, wie mit Künstlicher Intelligenz in Blogbeiträgen umzugehen ist. Das Spektrum möglicher Antworten ist so weit, wie Blogs vielfältig sind, aber unter Tagebuchbloggern, wie ich es bin, scheint eine Meinung weit verbreitet: „Kannste machen, aber ist dann halt scheiße!“
Ich bin an der Stelle wenig leidenschaftlich soweit es andere betrifft, finde es aber wichtig, sich zu positionieren und die Verwendung künstlicher Intelligenz transparent zu machen, vor allem dort, wo sie nicht offensichtlich ist. Bisher ist mir das gut gelungen, da ich meistens über meine Versuche mit KI schreibe, da ist Transparenz quasi eingebaut. Ansonsten wünsche ich mir ohnehin hier mehr stimmige „analoge“ Inhalte (was im Rahmen eines digititalen Mediums ja immer nur ein zuvor digitalisierter analoger Inhalt sein kann), schwer genug, wenn jede halbwegs gute Kamera die Fotos so sehr verbessert, dass ich lieber in meinen Fotos, statt in meiner echten Umgebung leben möchte.
Womit wir endlich in der Grauzone angekommen sind, die den Anlass für diesen Beitrag bildete. Vorgestern habe ich unter „Mangels Meise“ das Bild einer Kohlmeise an meiner Futterstation gepostet, in das die Meise mittels Künstlicher Intelligenz eingefügt war. Vermutlich ist den meisten entgangen, dass dieser Beitrag nicht unter #vögelbilder abgelegt war, unter dem ich sonst die Bilder von Vögeln ablege. Es wäre mir falsch vorgekommen, ähnlich dem, auf dem Flohmarkt ein Löwenfell zu kaufen und es unter #meineSafari abzulegen.
Anders erging es mir mit dem Beitragsbild oben. Es ist mit Künstlicher Intelligenz nachgeschärft und obwohl es eindeutig nicht dasselbe Bild ist, empfinde ich es doch als meins – wer möchte darf hier das Ausgangsbild mit dem Ergebnis vergleichen.
Womit wir bei Theseus‘ Meise wären. Wieviel an einem Bild, einem Beitrag, darf „künstlich“ hinzugefügt oder weggelassen sein, um es nicht mehr – oder vielleicht gerade noch – einer Kategorie, einem Tag oder einer sonstwie gearteten Definition zuzuordnen. Oder anders gefragt, ab wann kann ich das machen, aber es ist halt scheiße?
Theseus und andere, die bereit waren, sich mit seinem Boot zu beschäftigen, kamen bei Unterscheidungsmerkmalen wie Kontinuität, Material oder Funktion heraus. Hardliner behaupte(te)n, es hätte niemals ein Boot gegeben, und praktisch orientierte Menschen schütteln mit dem Kopf. Wir bleiben bei der Meise.
Oder besser: bei der Fotografie der Meise. Zugegeben auch das nur dann, wenn wir das Bild oben denn als Fotografie bezeichnen möchten, strenggenommen ist es eine fotorealistische Abbildung auf Grundlage einer Fotografie. Nichts darauf wurde fotografiert. Da darf mensch sich schon fragen, ob diese Abbildung in ein Tag einsortiert werden soll, das bisher nur Fotografien enthält. Eigentlich nicht. Andererseits würdet Ihr vermutlich überhaupt nicht darüber nachdenken, wenn ich diese Zeichnung mit #vögelbilder taggen würde.
Ihr merkt, die Dinge sind kompliziert, Inhalt spielt eine Rolle, Materialität auch, you-name-it, niemandem ist vorzuwerfen, die obige Abbildung abzulehnen und ab sofort andere Blogs zu lesen, die ohne diesen KI-Quatsch auskommen.
Ich habe für mich andere Merkmale gefunden, warum ich das Bild als meine Fotografie eines Vogels bezeichne und Euch auch gerne zeige. Nur nebenbei, ich kürze jetzt ab, weil dieser Beitrag ohnehin schon viel zu lang ist. Erstes Merkmal: die Abbildung ist fast ununterscheidbar am Originalschauplatz dran, ohne eine Vergleichsmöglichkeit ist auch für Ortskundige nicht feststellbar, ob es es sich um ein Original oder eine nachgeschärfte Version handelt. Eigentlich sage ich damit, dass die KI an dieser Stelle nur ein aufgebohrter Algorithmus zum Nachschärfen ist. Und nachgeschärft habe ich schon immer, wenn es möglich war. Wenn ich ehrlich bin, überzeugt mich dieses Argument maximal zu Hälfte, denn die Sonnenstrahlen zur Stimmungsaufhellung haben so ganz eindeutig nichts mit nachschärfen zu tun. Aber heh, mit Sonne ist es das bessere Bild. Und ebenso klar, in einem Foto-Blog hätte das Bild nichts zu suchen.
Das zweite Merkmal ist das wichtigere Argument, es geht um den Prozess der Bildentstehung. Der obige Vergleich mit einem Löwenfell vom Flohmarkt, das eine Safariteilnahme nahelegt, weist schon in diese Richtung. Die unscharfe Meise im Originalfoto ist das Ergebnis einer längeren Fotojagd. Ich habe einige Zeit sehr ruhig an meinem Fenster gestanden, um dieses Foto zu bekommen. Und eigentlich zählen die vergeblichen Stehzeiten aus den Vortagen ja auch dazu, meint: ich habe laaange gestanden. Ich war auf der Safari, die Meise ist meine rechtmässig erworbene Trophäe.
Wir biegen ein in die Zielgerade. Denn das alles hätte uns bis vor wenigen Monaten noch ziemlich egal sein können, Aber wir leben in spannenden Zeiten. Wir sind gezwungen, auf vollkommen neue Weise den Bereich zwischen Original und Fälschung zu erkunden. Die Ergebnisse unseres Schaffens waren auch früher oft genung nicht originär, beschönigend sagten wir, wir ständen auf den Schultern von Riesen. Heute stehen wir auf den Schultern von Titanen. Ein geschickter Prompt macht mich von einem lausigen zu einem mittelmäßigen Fotografen. Demnächst werde ich ein wirklich guter Fotograf sein können, ohne jemals irgendetwas darüber gelernt zu haben. Und ich werde umgeben sein von wirklich guten Fotografen, Textern, Designern, Wissenschaftlern und Werbern. Die Schaffensergebnisse werden immer besser werden (vermutlich auch immer ähnlicher) und müheloser zu erreichen sein. Sie werden an Wert verlieren.
Ein Kriterium zukünftiger Wertbeimessung wird der Prozess sein, der zum Ergebnis führt. Ein sauberes und gutes Ergebnis, das mittels einer einfachen Eingabe in die KI eures Vertrauens erzielt wurde, wird weniger Wert haben, als der handgeschriebene Brief eines Neunjährigen aus dem Zeltlager. Eine händisch gezeichnete Meise ist mehr wert als ein Foto von ihr (außer Ihr musstet für dieses Foto sehr lange anstehen).
Prozess über Ergebnis, mehr sollt Ihr gar nicht mitnehmen heute. Meisenfotos und Philosophenboote sind da nur ein Weg, um über unsere spannenden Zeiten ins Nachdenken zu kommen. Viel Spass dabei!
25267 – #wmdedgt Januar 2026
| Jeden Monat am Fünften fragt Frau Brüllen ihre Blogger-KollegInnen, was sie denn eigentlich so den ganzen Tag machen. Hier geht’s zu ihr und all den anderen Bloggenden. |
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