Heute Vormittag die halbjährliche Kontrolluntersuchung der Prostata, was immer irgendwie unbefriedigend ist, obwohl das Ergebnis – keine Hinweise auf einen zurückkehrenden Krebs – doch eigendlich froh stimmen sollte. Dass ich etwas unfroh bleibe, mag damit zusammenhängen, dass es für anderen Verdruß mit der Prostata, die bei mir, wie bei der Mehrheit der Männer meines Alters, vergrößert ist, keine leichte Abhilfe gibt. Ich gehe jede Nacht dreimal pinkeln und das bleibt bis auf weiteres auch so. Denn was ich so einfach der Prostata zuschreibe, kann auch viele andere Ursachen haben. Und zumindest eine prostatabezogene Ursache, das In-die-Blase-hinein-vergrößern, können „wir“ per Ultraschall ausschließen.
Heute also habe ich lange und ausdauernd genug geklagt, um in der diagnostischen Schnitzeljagd eine Station weiter geschickt zu werden. Termin im Dezember, es werden also rund dreieinhalb Monate vergehen, in denen alles bleibt, wie es ist. Darüber kann ich echt müde werden. Und sehr unbefriedigt.
Es liegt ein abwechslungsreicher Tag hinter mir, der sich, trotz einer kommenden Zwangspause bei den „Bau“arbeiten, positiv anfühlt. Womit ich direkt mit dem Schlechten beginne, es ist schwieriger als ich dachte, den fehlenden Rau(h)spund zu bekommen. Nach einiger Lauferei gestern und heute ist er jetzt bestellt, wird aber erst in etwas weniger als vierzehn Tagen vefügbar sein.
Das Gute daran ist, dass das etwas selbstgeschaffenen Druck herausnimmt. Nach fast sechsjähriger Bauzeit werde ich auf die letzten Tage und Wochen ungeduldig. Jetzt muss ich gezwungenerweise in die Entspannung gehen, was nur gut tun kann. Zumal es ja niemals nichts zu tun gibt. Mir fallen sofort ein paar bis jetzt vernachlässigte Kleinigkeiten ein, die nun mit der erforderlichen Muse erledigt werden können.
Aber auch sehr direkt hat der Tag von meiner erfolglosen Einkaufsfahrt zum Holzhändler profitiert. Nachdem, sehr zu meiner Unzufriedenheit, klar ist, dass ich auch dort die Dielen nicht bekommen würde, wo ich ganz sicher war, sie zu bekommen, habe ich unerwartete Tagesfreizeiten, die ich auf noch viel unerwartbarere Weise nutze. Ich fahre, weil ich ohnehin in der Nähe bin, zum Uniklinikum und lasse mir einen Termin für meine halbjährliche Kontrolluntersuchung des Herzens geben. Der zum Zeitpunkt, wenn er stattfindet, nur vier Monate überfällig ist. Das ist für einen Termin, um den ich mich umständehalber selbst kümmern muss, gar nicht mal so schlecht.
Und weil ich gerade so gut zu mir bin, gehe ich auch noch in der Vertretungspraxis meines Hausarztes vorbei und lasse mir die benötigten Medikamente verschreiben, die mir andernfalls in meinem kommenden Hamburgaufenthalt ausgegangen wären. Der Plan war, die Dosis zu halbieren, dann wäre ich bis nach dem Aufenthalt über die Runden gekommen. Aber ausreichend versorgt an den Start zu gehen, fühlt sich eindeutig besser an.
Vieles was sonst noch so war, ist wenig erwähnenwert (Buchung der Fahrt nach Hamburg, Lebensmitteleinkauf, etc.), eines aber doch. Morgens bekomme ich eine Email des Notariats, das den Verkauf der Wohnung meiner verstorbenen Mutter betreut. Der Ablösebetrag des Kredits ist nun berechnet und lächerlich gering. Ab jetzt kann der Käufer die Kaufsumme überweisen. Und sobald er das getan hat, kann ich gefühlt hundert Rechnungen im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mutter bezahlen und endlich abschließen. Schon in der Erwartung ein gutes Gefühl.
Gerade gefunden (ist aus einer Mail an F² von 2008), passt:
Du suchst die durchgehende Linie, die bestimmenden Themen, das abrundende Element. Alles nicht zu finden. Das Leben ein Episodenfilm? Ich glaube ja. Was hat der jugendliche Möchtegern-Hippie mit dem Familienvater meiner mittleren Lebensjahre gemeinsam, und was dieser mit dem alternden Wagenplatz-Bewohner, der ernsthaft überlegt nochmal zwei Jahre Friedensdienst in Indonesien zu machen (ist jetzt schon ein paar Jahre her)? Und heute bin ich schon wieder ein anderer, wenn auch nicht unbedingt der, der ich gerne wäre.
Wenn mich das nicht sehr erschreckt, dann mag das daran liegen, dass die buddhistischen Lehrer seit zweieinhalbtausend Jahren jedem Schüler als erstes erklären, dass da absolut nichts zu finden ist, das dauerhaft genug wäre, um als Grundlage für ein Ich zu dienen. Alles nur Bedingungen und Verhaltenstendenzen, die auftauchen und vergehen, manche bleiben lang genug um die Illusion zu nähren, dass es da etwas gäbe, das Bestand hat. Aber auch die werden sich irgendwann auflösen. Auflösen müssen, spätestens durch Alter, Krankheit und Tod.
Was bisher geschah:
Ich habe ein Aortenaneurysma (Gespräche mit der Fee 1) und nun auch eine direkt daneben liegende hochgradige Herzklappenverengung (Gespräche mit der Fee 2). Die Ärzte empfehlen, beides gemeinsam zu operieren.
Heute kam telefonisch das Ergebnis des CT’s, das zunächst die rein anatomische Machbarkeit eines minimalinvasiven Eingriffs über die Leiste zum Einsetzen einer künstlichen Herzklappe prüfen sollte. Zeigt sich: es geht. Alles nicht so supertoll, Risiken werden erwähnt, aber – auf explizite Nachfrage – wenn ich das unbedingt wolle, würde es auch gemacht.
Eine gute Nachricht kommt eher beiläufig, in einem Halbsatz, „es sei ja nicht dringend“. Ich fühle mich bestätigt in meiner Auffassung, das alles gut ist, solange ich frei von den Symptomen einer Herzklappenverengung bin. Aber darum geht es der Ärztin nicht, es geht um weitere Beratungsangebote, diesmal mit dem chirurgischen Team und mensch könne den Schwerpunkt im Gespräch ja auch auf die klinische Nachsorge legen, wenn es mit der Nachbetreuung schwierig sei. Sie erinnere sich, dass ich das problematisiert hätte. Yep, habe ich, allerdings mehr in der Absicht, den schonenderen Eingriff durch die Leiste priorisiert zu bekommen.
Kurz, mir steht ein durchaus gewünschter Beratungstermin mit der Chirurgie bevor, in dem mir unweigerlich die große OP mit Brustöffnung nahelegt werden wird. Notiz an mich selbst: Diesen Termin schriftlich vorbereiten!
Was ich ebenfalls tun werde: einen sehr weitläufigen Bekannten kontaktieren, der diese OP schon hinter sich hat. Der Kontakt besteht über Freund J. und hat schon Gesprächsbereitschaft signalisiert. Ich möchte möglichst genau wissen, was mich nach der Operation erwarten würde.
Gesundheitsupdate Ende.
<O>
In den vorherigen Beiträgen habe ich schon geschildert, dass mein Sterberisiko größer und meine Depressivität kleiner wird. Was gemeinsam dafür sorgt, dass ich auch die „große“ OP zunehmend in Betracht ziehe.
Dabei drängen neben den Operationsrisiken und Nachbetreuungsschwierigkeiten auch einige „Nebensächlichkeiten“ in den Vordergrund. Gerade der Zusammenhang mit der Depression und der Neigung, das eigene Leben und den gegenwärtigen Lebensstil nicht so sehr zu lieben, um unbedingt daran festzuhalten, wird da kritisch. Was, wenn ich in meiner gegenwärtigen „Hochphase“ der lebensverlängernden OP zustimme, dann aufgrund schlechter (Krankenhaus-)Ernährung und Bewegungsmangel wieder depressiv werde? Dann stehe (oder liege) ich da, mit der verlängerten Aussicht auf jede Würdelosigkeit des Alters. Und ich würde es hassen.
Andererseits, und darauf wies die Ärztin hin, der schnelle Tod aufgrund eines geplatzten Aneurysmas ist ja auch nicht garantiert. Wenn die Patientenverfügung da nicht sofort zur Hand ist (oder zu unspezifisch) wird notoperiert, das ist der Auftrag. Und kann durchaus auch in schwierigen Umständen enden. Wer das nicht will …, ob ich schon einmal daran gedacht hätte, mir „Nicht reanimieren!“ auf die Brust tätowieren zu lassen.
Heute war die Beisetzung meiner Mutter, sie wurde auf eigenen Wunsch anonym bestattet. Nun ist die anonyme Beisetzung in Offenbach nicht ganz so anonym, wie mensch sich das vorstellt, während andere Gemeinden dabei nicht einmal die Anwesenheit von Angehörigen wünschen, veranstaltet Offenbach sogar eine Trauerfeier dazu.
Zunächst dachte ich nicht, dass ich daran teilnehmen würde, da auch die Resonanz aus der Familie verhalten war. Worüber ich ja auch ein wenig traurig war (24899). Zumindest auf meinen Sohn bezogen war das eine Fehlwahrnehmung, er war schlichtweg davon ausgegangen, dass eine Trauerfeier im Kreise der Familie stattfinden würde. Als er erfuhr, dass nichts in diese Richtung geplant war, nahm er die Dinge in die Hand, meldete uns bei der Trauerfeier an und kam von Hamburg heruntergefahren, um daran teilzunehmen.
DG: 50.112597, 8.809689
So kam es, dass wir dabei zusahen, wie meine Mutter gemeinsam mit 28 anderen beigesetzt wurde. Die Trauerfeier war überraschend gut besucht und die Trauerrede angenehm religionsfrei gehalten (wenn wir vom vorausgesetzten Vorhandensein einer Seele einmal absehen).
Bemerkenswert vielleicht, wie wenig Trauer gezeigt wurde. Insgesamt war das eine sehr gefasste Veranstaltung. Keinerlei Drama, das tröstende Halten einer Familienangehörigen als Maximum des Gefühlsausdrucks. Ich fühlte mich ebenfalls weniger wie ein Trauernder und mehr wie ein Menschenkundler bei der Feldforschung. Dennoch bin ich im nachhinein ganz zufrieden damit, dabei gewesen zu sein, auch wenn ich nicht genau sagen kann, woran das liegt. Nun, es war besser, dort gewesen zu sein, als nicht dort gewesen zu sein, das muss genügen.