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Aus ähnlichen Gründen wie gestern (Einfallslosigkeit, Mangel an aktuell gelebtem Leben, etc.), habe ich mir willkürlich ein Tagebuch aus dem Regal genommen und etwas darin geblättert. Zufällig das Jahr 1997 erwischt, auf den ersten Seiten schon eine Anzahl von Zitaten qualitativ diverser Quellen – die Bandbreite geht von Simone de Beauvoir bis zum Brigitte-Dossier) -, die die bevorstehende Trennung von Helen Ende des Jahres schon erahnen lassen.

Weil ich diese Zitate aber gerne an chronologisch richtiger Stelle im Blog hätte, gibt es hier nur den Link dorthin. Alles nicht sonderlich interessant, aber wer weiß das schon, vielleicht interessiert es ja doch den einen oder die andere.

25120 – Als ob …

Ein Montag, wie ich mir den gestrigen Sonntag gewünscht hätte. Es ist sonnig, ich sitze auf der Terrasse, lasse den Tag langsam beginnen. Ein C-Falter kommt vorbei und lädt mich zu einer Foto-Session ein, „C-Falter auf Zeh“.

Ich lese etwas, aber im Hinterkopf habe ich noch den Traum letzter Nacht. Ich träumte von Tine, mit der ich Mitte der 70er Jahre und auch im Traum zusammen war. Wir küssten uns; ich erwachte nur sehr widerwillig.

Ich habe selten Träume, die ich mir merken kann, noch seltener solche, die etwas bedeuten. Aber aus den seltenen und bedeutsamen Träumen habe ich gelernt, wie ich Themen oder Personen variiere, wenn ich aus unbekannten Gründen nicht Klartext träumen kann. Heute allerdings versagt meine Hobby-Traumdeuterei. Die Nähe von Tine und Tini ist offensichtlich genug und ein Blick auf das Datum zeigt, dass wir ziemlich genau vor einem Jahr für eine kurzen Spätsommer zusammenkamen. Darüber hinaus gibt es wenig Ideen, denn auch im Traum ist wenig geschehen. Wir sind auf einer WG-Party im 70er-Jahre-Setting und küssen uns. Es ist ein Kuss, der für sich steht, der weder auf eine vergangene noch eine zukünftige Beziehung hinweist, der lustvoll ist ohne zu drängen, der im Moment verweilt.

Und während ich dies schreibe, überlege ich, ob es nicht ein sehr „abstrakter“ Kuss ist, einer, der nicht auf eine Person oder ein konkretes Wünschen bezogen ist, sondern in allgemeinster Form auf libidinöse Wünsche verweist. „Libidinöse Wünsche“ klingt schonmal abstrakt genug.

Konkret: Die Geschichte mit Tini ist überwunden, auch wenn es ein ähnlich zäher und widerwilliger Prozess war, wie das Erwachen aus dem Traum heute morgen. Ich werfe ihr nichts vor und hoffe, dass das umgekehrt genauso ist. Soweit ich mich in ihre Perspektive versetzen kann, hat sie alles richtig gemacht (Stimme aus dem Off: „Naja, fast!).

Meint: ich erlebe mich – wieder – als zugänglich für Akte freundlicher Zuwendung und entwickle darüber mal einen ernsthaften Crush, mal eine kurzlebige Phantasie. Nichts davon verfolge ich ernsthaft, auch deswegen, weil zu den bereits vorhandenen roten Flaggen ein paar neue hinzugekommen sind. Obwohl es für den Moment die alten durchaus tun: keine Frauen in bestehenden Beziehungen und keine zu zu jungen Frauen.

Ein für mich neuer und bemerkenswerter Standpunkt dazu kommt von meiner Therapeutin. Während sie einerseits die roten Flaggen als solche nicht in Frage stellt, rät sie andererseits „im Gefühl zu bleiben“, den Zustand des Bereit-seins als Wert anzunehmen und auch, mit besonderer Betonung, als Lebens-Zeichen.

Und so übe ich mich darin „im Gefühl zu bleiben“ und pflege eine kleine Als-ob-Verliebtheit, als könne sie sinnvollerweise irgendwohin führen. Erstaunlicherweise geht es mir trotz vorausgesetzter Vergeblichkeit gut damit. Ich kann zugewandt sein (bis hin zum Ausschluss Dritter), ohne bei mir oder dem Gegenüber Erwartungsdruck auszulösen. Ich kann meine Unsicherheiten wahrnehmen, ohne sie ernstzunehmen (sie können nicht verhindern, was ohnehin schon ausgeschlossen ist). Ich kann mir Mühe geben, ohne bemüht zu sein. Vielleicht, sehr vielleicht, nehme ich etwas mehr von der Gegenüberin „wahr“, weil die rosarote Brille über den Als-ob-Schalter stufenlos regelbar ist. „Im Gefühl zu bleiben“ erlaubt spielerisch und ernst zugleich zu sein. Ich bin sehr fein damit.

Ein Thema für einen anderen Tag wäre, ob und wie diese Haltung des spielerischen Ernstes auf andere Begegnungssituationen abfärbt. Mir kommt es so vor.

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So steht’s unter dem heutigen Datum im Tagebuch. Dann hatte ich die Idee, den Eintrag mit Euch zu teilen, und mein Nachdenken wurde viel zu bemüht. Statt nachzudenken bin ich einkaufen gegangen. Gute Entscheidung, mit einem halben Tag Abstand bin ich bereit, den Traum einfach als Befindlichkeitsanzeiger anzusehen, „Ich bin wieder da“, will er sagen, zuerst mir, dann Euch und wenn Ihr wollt, dürft Ihr es gerne weitersagen.

24983 – Schon schön, …

… wenn mensch weiß, was gerade zur Zufriedenheit fehlt.

Ein Tag Sonne und die Beschäftigung mit Dingen, die nicht durch irgendwelche Notwendigkeiten getrieben sind, genügen, um die Stimmung deutlich aufzuhellen.

Ich richte die Elektrik am Lüsterleuchter und, wichtiger noch, mache eine kleine Bestandsaufnahme fehlender Teile, denn während des morgigen Stadtgangs möchte ich Ersatz besorgen. Abends bin ich noch kurz an meinem kleinen Webprojekt (ich denke viel und webe wenig). Dazwischen kleine und kleinste Aufräumarbeiten, gelegentlich werden sogar Dinge weggeworfen. Ich bin mit dem Tag zufrieden.

24982 – Befindlichkeit

Das (nachgeschobene) Bild ist unverbunden mit dem Rest des Textes, mehr ein bunter Kontrapunkt, weniger eine Ergänzung. Es gilt die Gleichzeitigkeit von Vielem. Und der Wunsch nach Farbe.

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Ich reagiere stark auf jede Form von Druck. Auch auf solchen, den ich mir selbst mache. Ich kann mir selbst gegenüber Trotz entwickeln und mich dann komplett ausbremsen.  Den Willen, Dinge geregelt zu bekommen, muss ich sorgfältig mit diesem inneren Bremser ausbalancieren. Zu viel Wille macht mich langsam und meistens auch unfroh, zu wenig Wille nimmt mir das Gefühl der Selbstwirksamkeit, macht mich  ineffektiv, langsam und unfroh.

Irgendwo zwischen zu viel und zu wenig Wille liegt ein Punkt wohltuender Tätigkeit, den ich immer wieder neu finden und halten muss.

Ich schreibe das, weil ich in den letzten Tagen etwas unfroh in der Gegend herumgelaufen bin. Dabei habe ich durchaus Dinge geregelt bekommen und wie die Meister aller Zen-Klassen schon immer rieten: Wenn Du unfroh bist, dann machst Du eben unfrohen Zen (≠2). Oder regelst unfroh und langsam Dinge.

Konkret: Mit dem Abschluss der Innendämmung war zunächst viel innerer Druck von mir abgefallen. Ich erlebte das wie eine Befreiung und ein paar Tage konnte ich mich gut anderen, vernachlässigten und zumeist kreativeren Dingen zuwenden. Das hielt, wenig verwunderlich, auch während des Urlaubs an. Erst danach musste ich mich wieder vermeintlichen Notwendigkeiten stellen, dem Um- und Ausbau des zukünftigen Werkstattwagens. Und bin dabei etwas zur unfrohen Seite hin aus der Balance geraten. Es gab also einen langsamen und unfrohen Wagenausbau in den letzten Tagen, das kann so stehen bleiben, ist jetzt aber erstmal genug. Ende mit unfroh.

Bedeutet: ich wende mich in den nächsten Tagen von allen eingebildeten Notwendigkeiten ab und den sinnfreien Tätigkeiten zu. Ich bin am besten und frohesten im sinnfreien Tun. Okay, vielleicht werde ich etwas aufräumen, eine Tätigkeit, die perfekt zwischen notwendig und sinnfrei liegt. Aber damit muss auch gut sein!

Und jetzt alle:   Froh zu sein bedarf es wenig …

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Das geschrieben und weniger als eine Stunde später eine kleine Dachaktion auf dem Gemeinschaftsdach vorgeschlagen und direkt umgesetzt. Ja, ich musste nicht einmal überredet werden, ich habe die Aktion vorgeschlagen. Bin noch unsicher, in welche Unterkategorie von „sinnfrei“ ich das einsortieren soll.

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Kaum vom Dach entdecke ich im Postfach einen Brief vom Nachlassgericht, der Erbschein ist da. Jetzt ist der Weg für den Verkauf der geerbten Wohnung frei. Andere würden sich freuen, ich sehe gerade nur viele Notwendigkeiten auf mich zukommen, für die ich jedes bisschen Restwille zusammenkratzen muss. Unfrohe Zeiten voraus. Ich missbillige das!