Back to the roots

Meinen drei Stammlesern wird langweilig und ich kann das verstehen. Zuviel Netz- oder sonstige Politik, zuwenig Persönliches. Das könnte sich jetzt durch den Einsatz modernster Software ändern; der Bekannte aus dem vorherigen Artikel hat mich mal mit seiner Spracherkennungssoftware spielen lassen und das Ergebnis ist beeindruckend. Mein Interesse: ich hätte gerne meine Tagebücher digitalisiert. Oder auch meine Diplomarbeit, die noch auf einer mechanischen Reisschreibmaschine geschrieben wurde. Und da macht Einlesen deutlich mehr Spaß als Abschreiben.

Tagebuch

All diejenigen, die schon immer mal gerne gewußt hätten, was eigentlich in diesen A6-Kladden steht, in die ich regelmäßig irgendetwas eintrage, können sich hier einen ersten, keineswegs repräsentativen Eindruck verschaffen. Die Auswahl ist fast zufällig, genau dieses eine Buch hatte ich dabei und genau dieser Abschnitt überschaubarer Länge  gab einen irgendwie gearteten Zusammenhang. Vier Tage im Juni 2006, ein Malkurs in Köln, teilweise tabellarisch ereignislos, erst gegen Ende introspektiv. Aber wer bis hierher gelesen hat will sich auch das antun.

Stupa-Einweihung in Becske

 eingefügt am 26.10.2012

Wenn ich auf Reisen bin führe ich meistens Tagebuch. Das Folgende sind die Eintragungen von der Stupa-Einweihung in Becske, Ungarn. Ihr findet sie hier als Ergebnis meiner Experimente mit Spracherkennungssoftware. Dass ihr nicht mehr solcher eingelesenen Aufzeichnungen im Blog findet, liegt daran, dass das Einlesen immer noch einiges an Nacharbeit verlangt und nicht so komfortabel ist, wie ich mir das erhoffte. Es kommen ein paar technische Schwierigkeiten hinzu, die ich jetzt nicht aufzählen mag. Ergebnis des Experiments: „Eigentlich“ funktioniert Spracherkennungssoftware schon erstaunlich gut, unter meinen speziellen Umständen aber verlangt ihr Einsatz immer noch zu viel Aktivität, Zielstrebigkeit und Frustrationstoleranz. Hier nun die Tagebuchaufzeichnungen.

 

31.8.2008, Montag

Letzte Vorbereitungen für die Reise, Postbankkonto checken, Geld abheben, Rucksack packen, etc.. Abends kommt Dieter um das Gepäck abzuholen und bringt schlechte Nachrichten mit, eine Unvorsichtigkeit beim Aussteigen hätte ihn fast die Fahrertür gekostet, zum Glück schließt sie noch, einzig beim Scharnier steht das Blech ca. 7 cm nach außen. Zum Glück – abermals – gelingt unser Versuch, dies zurückzuschlagen. Kurz vor 22 Uhr bin ich wieder zu Hause und das Auto ist für die Fahrt gepackt.

1.9.2008, Montag

wir treffen uns morgens um 10:00 Uhr im Zentrum, um 11:00 Uhr sitzen wir im Auto und die gemeinsame Reise beginnt. Das Auto ist voll gepackt bis auf den zweiten Rücksitz. Allerdings nicht voll genug, um nicht noch zwei Boxen zuzuladen, die Didi ersteigert hat und in Nürnberg abholen wird. Die Teile sind nicht riesig, aber auch nicht klein und es erfordert nochmals 15 Minuten Ladezeit bis wir alles zuerst raus- und dann wieder reingeräumt haben. Abfahrt Nürnberg 16:00 Uhr.

Die Fahrt nach Budweis verläuft nicht ganz entlang der Strecke, die uns der Routenplaner vorgeschlagen hat. Zu spät bemerken wir, dass die Route etwas ungünstig über Landstraßen führt. Dort verpassen wir dann einen Abzweig und müssen improvisieren, was uns auch ganz gut gelingt. Nur lässt sich nicht mehr vom kürzestem Weg reden. Kurze, aber heftige Konfusion in Budweis selbst. Didi kennt den Weg zum etwas außerhalb gelegenen Zentrum nur vom Sehen und im hellen und einer etwas ungenauen Ortsbeschreibung. Trotzdem finden wir den Ort und auch das Zentrum, allerdings hätten wir keine Chance gehabt ohne Didis Ortskenntnis. Denn das Zentrum ist ja ganz weit draußen versteckt und man muss schon direkt davor stehen, um an den tibetischen Gebetsfahnen zu erkennen, dass dieses ehemalige landwirtschaftliche Gebäude nun von Buddhisten bewohnt wird.

Der Ort selbst befindet sich noch in der Renovierung, ist aber schon in Benutzung und auch benutzbar. Als wir ankommen brennt im Hof ein kleines Lagerfeuer, die Menschen sitzen aber in einem daneben liegenden Gemeinschaftsraum und schauen einen Film, der mit einem Beamer an die Wand geworfen wird. Begrüßung und Begrüßungstrunk und eine kurze Führung. Wir erfahren, dass gerade Norbu Rinpoche hier ist und einen Malkurs abhält. Morgen werden wir ihn kennen lernen. Deswegen, und auch weil wir so spät angekommen sind, beschließen wir, hier einen Tag Aufenthalt einzulegen und erst übermorgen, dann aber früh, aufzubrechen.

2.9.2008, Dienstag

Budweis hat zwei Zentren, eines in der Innenstadt und eines etwas außerhalb in Vyhlidky gelegen. Wir sind in dem außerhalb, einem ehemaligen Bauernhof. Es ist ein u-förmiges Gebäude, dessen offene Seite ursprünglich mit einer hohen Mauer verschlossen war, nun aber auf eine Höhe heruntergebrochen ist, die es zulässt, über sie hinüberzusehen. Das U hat auf Höhe des ersten Stocks eine Galerie auf voller Länge, so dass die dort gelegenen Räume von außen zu erreichen sind. Das Dach wurde etwas höher gesetzt und vorgezogen, so dass Regen kein Problem bildet (hier Skizze der Lösung). Eine clevere und kostensparende Lösung.

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Heute Morgen während des Frühstücks saß ich Norbu gegenüber und wir kamen ins Gespräch. Er steht dem, wie wir Tsatsas produzieren, kritisch gegenüber. Wir sollten weniger und bessere Tsatsas produzieren und dafür sorgen, dass sie nur in Hände kommen, die damit umzugehen wissen. Er drückt das anders aus, spricht davon, dass die Tsatsas so seien wie Söhne und Töchter und die gleiche Sorgfalt und Fürsorge verdienen.

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Unter Menschen fühle ich mich unsicher, würde sie meiden, wenn das denn ginge. Es geht natürlich nicht und ein Grund für diese Reise ist ja auch, den selbstgeschaffenen Rückzug zu durchbrechen. Die Unannehmlichkeiten, die ich empfinde, sind gewünscht. Heute Morgen das aufstehen ungewohnt früh, geweckt erst durch einen fremden Wecker, dann am Wiedereinschlafen gehindert durch die Aufsteh- und schließlich Verbeugungsgeräusche von anderen. So ist das, wenn man in der Gompa schläft.

Weil ich nicht genau wusste, wie das mit dem Frühstück organisiert war, habe ich mich erst einmal in die Meditation geflüchtet, eine gute Entscheidung. Irgendwann leerte sich die Gompa und kurz darauf waren Frühstücksgeräusche zu hören. Der Kurs von Norbu frühstückt zusammen und wird versorgt. Wir als unangemeldete Gäste können uns anschließend.

Nach dem Frühstück etwas Sightseeing auf dem Gelände und anschließend nochmal in die Gompa um den Rest der Diamantgeist-Meditation zu machen. Auch dies mehr eine Verlegenheitslösung. Ich zögere, mich Norbus Zeichenklasse anzuschließen. Mehr aus Schüchternheit denn aus anderen Gründen. Depressives Zeug halt, dass ich in den nächsten Wochen sicher noch genauer untersuchen und beschreiben kann.

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Wie immer, im Endeffekt wird man unkompliziert aufgenommen. Ich bekam Bleistift, Pinsel und Papier geliehen und dann ging es los mit Buddha-Augen-malen. Braucht einiges an Konzentration, zuerst mit Bleistift die Umrisse, dann mit Aquarell- oder Acrylfarben nachmalen. Beachte: der untere Lidstrich ist etwas heller. Zum Schluss die Empfehlung, die drei Augenformen (Buddhas, Taras, Mahakalas) zu üben und in die Kurse reinzuschauen, wenn es möglich ist.

Erste Übung: Das Malen von Buddhaaugen

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Trotzdem, ich fühle mich isoliert, was nur zum Teil daran liegt, dass hier jede Menge Tschechen sind, die sich mehr miteinander beschäftigen als mit mir. Mein Anteil ist fortgesetzte Schweigsamkeit, ich rede halt nur auf Ansprache hin. Das zu ändern wäre eine echte Aufgabe.

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Ein kleiner Ärger am Rande: die Akkus arbeiten nicht mit der Kamera zusammen, das heißt ich brauche entweder die teuren Fotobatterien oder ich muss in Akkus investieren.

3.9.2008, Mittwoch

Abfahrt in der Frühe, was zu unseren Bedingungen 10:00 Uhr bedeutet. Erste Spannungen zwischen Didi und Katrin. Für Katrin bedeutet „nach dem Frühstück“ genau das, am besten ist dann auch schon alles im Auto. Für Didi heißt es „und dem Kaffee nach dem Frühstück und dem zu erwartenden Morgenschiß“. Wo sich das Gepäck zu diesem Zeitpunkt befindet bleibt offen.

Eine erste Aussprache macht die verschiedenen Deutungen offen und nächstes Mal wird alles besser, weil jeder sich darauf einstellen kann.

Beim Bezahlen eine kleine Irritation. Weil Norbu da ist kostet die Übernachtung acht Euro mehr, was ziemlich viel ist (in der schwächstmöglichen Formulierung). Die Fahrt selbst verläuft weitgehend problemlos. Wir fahren über Österreich und die Autobahnen, was zusätzlich die Gebühren für die Vignetten bedeutet. Das macht uns schneller, aber auch unzufriedener.

Irgendwann zwischen Nachmittag und frühen Abend kommen wir nach Budapest, Rushhour. Wir beschließen einen Zwischenstopp. Eine kleine „Kneipen-Imbissbude“ mit der Möglichkeit im Freien zu sitzen ist schnell gefunden und wir essen unsere erste „Gulaschsuppe „. Das bestellen ist unsere erste Aufgabe, die wir nur mit dem Vokabelteil des Sprachführers bewältigen können. Ich übe die Zahlen von 1-10 und versuche mir die Systematik für alles oberhalb von zehn einzuprägen.

Nach dem Essen ist immer noch dichter Verkehr und aus der Stadt heraus brauchen wir lange. Dann läuft es gut und wir kommen irgendwann in der Dunkelheit auf dem Gelände in Beczke an. Die Begrüßung verläuft gewohnt freundlich und sehr schnell treffen wir auf die einzige andere deutsche Muttersprachlerin. Erste Eindrücke, erste Einweisungen, Ankommen halt.

Stupa-Baustelle am Abend

Um einen Zeltplatz zu finden und vernünftig aufzubauen ist es definitiv zu dunkel und wir beschließen, diese Nacht nochmals in der Gompa zu verbringen.

4.9.2008, Donnerstag

aufstehen um 8:00 Uhr, was für hiesige Verhältnisse spät ist. Beim Frühstück sitzt Joshua aus Frankfurt bei uns, der ebenfalls bis zum Ende des Monats bleibt. Ein paar bekannte Gesichter scheint man immer zutreffen.

Sich auf einen Zeltplatz zu einigen und die anschließende Feinabstimmung zur Anordnung der Zelte ist eine Geduldsprobe für mich. Didi ist Didi als Umstandskrämer. Mir ist es zu viel hin und her, aber irgendwann haben sich alle Fragen geklärt, die Zelte stehen und sind eingeräumt. Gefühlte Zeitausdehnung: 150 %. Wie auch immer, jetzt haben wir einen sehr schönen Platz unter Bäumen, wovon es nicht sehr viele gibt. Es stehen drei Zelte, eines groß genug um N. aufzunehmen, die per SMS mitgeteilt hat, dass sie auch den ganzen Njöndro-Kurs besuchen kann und zur Einweihung der Stupa anreisen wird.

Unser Zeltplatz, im Hintergrund das Veranstaltungszelt

Nach dem Zeltaufbau fahren wir ins Dorf und auch in das nächste (Becske und Bercel), besuchen Supermärkte und kleinere Läden für alles, was wir brauchen und nicht auf dem Gelände bekommen. Leider finden wir weder Bank noch offene Post zum Geldwechseln oder abheben. Bedeutet drei weitere Tage ohne Landeswährung, was sich seltsam abhängig angefüllt. Forint haben wir nur deshalb, weil Katrin in Budapest an einem Automaten mit Ihrer Karte Geld abgehoben hat.

White Hat LamaNach dem Ausflug ins Dorf aus einer Laune heraus zur Stupa hochgefahren, die etwas außerhalb des Kursgeländes liegt. Dort war gerade Rinpotche Sherab Gyaltsen dabei, die nächsten Schritte mit dem Bauleiter und allerlei Interessierten abzusprechen. Ein Rinpotche mit Bauhelm, ein White-Hat. Die Baustelle ist irre interessant, vor allem wegen der Gies-und Schalarbeiten, bietet aber wenig Möglichkeiten für unqualifizierte Helfer. Direkt beim Bau der Stupa helfen zu können, werden wir uns wohl abschminken müssen.

Den letzten Teil des Nachmittags verbringen wir bei den Zelten, ich schreibe, Katrin macht Mandalagaben und Didi spannt nochmal Katrins Zelt ab. Abhängezeit.

Die Blase drückt und ich drücke mich, sie zu entleeren. Der Weg zum Klo ist ziemlich weit und bis jetzt gibt es noch keine Dixies, die werden erst zum Kurs geliefert. Die Weitläufigkeit des Geländes ist Gnade und Fluch zugleich, weite Wege, aber vermutlich wird es nicht eng. Und für uns ist es nicht weit zur Gompa, der großen.

5.9.2008, Freitag

gestern früh zu Bett und heute spät raus. Ein bescheidenes Frühstück, abgepackte Stückchen. Als Arbeits- und Beteiligungsmöglichkeit bietet sich nur die Statuen- und Stupafüllwerkstatt an, wo noch immer Mantrarollen herzustellen sind für die Gipsnachbildung der Stupa, die an alle Zentren und einige Stadthonoratioren verschenkt werden sollen. Die Gipsstupas zum Verschenken werden gefüllt, die zum Verkauf nicht. Mit der Hilfe dort geht der Tag auf unspektakulärer Weise herum. Gegen 18:00 Uhr beginnt dann die Füllung der Stupatreppe.

Die Treppe hat oben eine kreisrunde Öffnung auf die später der Bumpa aufgesetzt wird. Direkt unterhalb der Öffnung ist ein achteckiger Raum, der morgen mit dem Mandala aufgefüllt wird. Heute wird der Raum außerhalb des Achtecks mit Tsatsas aufgefüllt. Dabei werden etwa drei Viertel der Höhe mit großen bemalten Stupas ausgefüllt, zwischen die Stupas wird Sand gefüllt, gelegentlich werden trocken Blumen eingestreut. Ins letzte Viertel kommen Tsatsas von Aspekten. Milarepa, der Tausendarmige Chenrezig, Zepame und der Medizinbuddha. Liegend und stehend, wie es gerade passt, dicht an dicht. Das achteckige Innere ist zu Beginn der Füllung nur bis zur halben Höhe gemauert um das Füllen zu erleichtern. Irgendwann gibt es dann eine Pause und die Maurer mauern schnell den fehlenden Rest mit bereitliegenden Yton-Steinen hoch. Leicht vorzustellen, dass die Geschichte mehrere Stunden dauert.

Es kommt es zu einem späten Abend essen, dummerweise Suppe, denke ich schon beim Essen, zu viel Flüssigkeit, um die Nacht nicht noch mal raus zu müssen.

6.9.2008, Samstag

Habe es dann doch geschafft, mich bis 9:00 Uhr auf meiner vollen Blase herum zu wälzen. Mittlerweile ist es hier deutlich voller geworden und ich bin lange nicht der einzige Spätaufsteher. Zudem hat sich schon an den beiden letzten Tagen abgezeichnet, dass hier Hilfe nicht zwingend gebraucht und auch nicht nachgefragt wird.

Also trödeln wir uns gemeinsam durch das Frühstück und beschließen die Tage vor dem 11., dem Einsetzen des Lebensbaumes in die Stupa, für unseren Budapestbesuch zu nutzen. Ob wir schon morgen oder erst übermorgen aufbrechen wollen, wollen wir von Didis Gesundheitszustand abhängig machen, der unter der Hitze und einem Schnupfen leidet – dem es „nicht so gut“ geht. Auch Kathrin ist durch ihre Periode etwas gehandicapt.

Die Arbeit in der Stupafüllwerkstatt ist nicht wirklich ausfüllend. Zu viele Helfer und Stress bei den Verantwortlichen. Ich rolle Mantrarollen, die zumindest aktuell nicht gebraucht werden. Auch aus Frust gehe ich etwas früher und meditiere stattdessen.

Nach der Medi dann zum zweiten Teil der Stupatreppenfüllung, dem Mandala. Unter der Leitung von Sherab Gyaltsen baut sein Begleiter, ein junger Mönch (nebenbei: seine zweite Begleitperson ist eine junge Nonne, vielleicht ein Zugeständnis an die westliche Gleichberechtigung) das Mandala in den Hohlraum. Da zum Schluss der gesamte Boden belegt ist, ist das keine leichte Aufgabe. Als Baumaterial dienen die ganzen vorbereiteten Kostbarkeiten: Butterlampen, Muscheln, Tormas, Mandalaschalen, Blumensträuße, Dorjes und Glocken, der gesammelte Schmuck, Räucherwerk und etliches mehr. Nicht zuletzt Mantrarollen in der Größe von Toilettenpapierrollen.

Fotografieren kann ich leider nicht so viel, meine Kamera hat einen Fehler. Entweder braucht sie unangemessen viel Strom oder die Batterien werden zu früh als leer angezeigt, was-auch-immer, sie versagt den Dienst zu früh. Ersatzweise hatte ich Katrins Kamera dabei, der dann auch der Saft ausging. Schlechtes „Foto-Karma“! Immerhin konnte ich ganz zum Schluss mit den wieder erholten Batterien genau ein Foto vom fertigen Mandala machen.

Unmittelbar nach dem späten Abendessen treffe ich Katrin, deren Wespenstich sich in der Zwischenzeit zu einer riesigen Schwellung ausgewachsen hat. Sie war sogar beim Arzt damit. Ziemlich hoher Krankenstand in unserer kleinen Reisegruppe.

7.9.2008, Sonntag

In der Nacht starker Regen, einer meiner Schuhe ist durchweicht, dummerweise ist das gleiche auch mit meinen Schuhen passiert, die im anderen Zelt zu nah am Rand standen. Bleiben die Laufschuhe.

Mit denen laufe ich nach dem Mittagessen nach Bercel. Mittlerweile hat es wieder aufgeklärt, es scheint, als ob weiterer Regen nicht zu befürchten wäre. Der Vormittag war mit Frühstücken und einer Diamantgeistmeditation vorübergegangen. Um Arbeit haben wir uns gar nicht erst bemüht. Ziel in Bercel war die Post, die ich leider eine Viertelstunde zu spät erreicht. Die Beamtin habe ich zwar im Hof noch angetroffen, konnte ihr auch meine Karte zeigen, aber dann wurde die Kommunikation unklar. Kann sein, es gibt keinen Automaten, kann sein, es gibt ihn einfach nicht zu dieser Zeit.

Jetzt sitze ich in einer Gaststätte mit Außenbereich, habe ca. 7 km Rückweg von mir und nutze die Gelegenheit, mal für mich zu sein.

Bis jetzt war unsere Reise von allerlei kleinen Widrigkeiten begleitet. Am schwierigsten ist es für uns, nicht beschäftigt zu sein. Zumindest gilt das für mich, gestern das Mantrarollen rollen habe ich als Beschäftigungstherapie empfunden. Kurz: ich will wichtig sein.

Gestern früh haben wir während des Frühstücks über unseren Budapest Besuch nachgedacht, heute früh sieht vieles schon wieder anders aus. Didi ist kranker als gestern, zum Schnupfen kommt Halsweh und Hustenreiz. Zudem hat er sich bereit erklärt, das Lama-Essen zum Lama-Haus zu fahren, weil das erstaunlicherweise bei den Ungarn ein unbeliebter Job ist; sie fürchten um ihre Wagen und deren Bezüge.

Katrins Hand ist noch immer stark geschwollen und sie möchte heute noch nicht entscheiden, ob sie morgen früh für Budapest fit genug ist. Mir ist das alles viel zu viel hin und her und so will ich heute wenigstens herausbekommen, wie die Zugverbindungen nach Budapest sind. Dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich allein los mache oder beim Rudel bleibe.

Mein Fußmarsch nach Bercel hat mich von diesem Ziel leider etwas abgebracht. Heißt: ich muss mir auf dem Rückweg in Becske den Bahnhof suchen, was auch nochmal Zeit und Energie brauchen wird.

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Nachfragen in Becske ergeben dann, dass der nächste Bahnhof im Nachbarort 3 km entfernt ist. Was nur halb so schlimm ist, da ich auf dem Weg an der Tsatsawerkstatt vorbei auf Andreas und seine Frau Zuzie stoße, die einsam Tsatsas reparieren. Hilfe wird benötigt. Dort verbringen ich dann den Abend. Die Tsatsas sind von sehr verschiedener Qualität und viele bedürfen der Ausbesserung.

 

 

8.9.2008, Montag

Ab morgens in der Tsatsawerkstatt. Während des Frühstücks haben wir – besser: habe ich – Nico, einen der „Famous Plumper Brothers“ kennen gelernt. Er hat in Hamburg die Tsatsas Produktion bekleidet und möchte uns den Umgang mit dem Material und den Aufbau einer Produktionsstraße zeigen.

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Ich werde unruhig, habe das Gefühl, keine Zeit, keine Ruhe zum Schreiben zu haben, höre von daher auf. Irgendwann komme ich hoffentlich dazu, die genannten Personen noch etwas genauer zu beschreiben.

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Um es abzukürzen: habe den ganzen Tag bis abends um 23:00 in der Werkstatt verbracht und werde morgen auch wieder hingehen.

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Das Wichtigste zum Material: der Gips muss eingestreut werden und dann 5 Minuten schlemmen. Anschließend ohne Blasensbildung mischen, entweder mit der Hand oder dem Teigschaber.

 

9.9.2008, 10.9.2008, 11.9.2008, Donnerstag

Bin in den letzten drei Tagen zum Ober-Giesser aufgestiegen. War halt die ganzen Tage in der Werkstatt und habe herausgefunden, wie ich ziemlich gute Abgüße herstelle. Möglich sind 8 bis 10 Stück am Tag, davon sind maximal zwei perfekt, der Rest muss noch nachbearbeitet werden.

Gestern bekam ich zum ersten Mal die Schlüssel für die Werkstatt und auch heute werde ich der Letzte sein. Noch ist die Werkstatt voller Menschen. Anlässlich das Einsetzens des Lebensbaumes sind viele gekommen und ab heute werden das vermutlich immer mehr. Jeden Tag steht irgendwo ein neues Zelt und alles ähnelt immer mehr den Kursgeländen wie wir sie kennen.

Meine Karriere habe ich der Tatsache zu verdanken, dass Andreas und Zuzie, die Verantwortlichen für die Tsatsas, eher überraschend zu ihrer Aufgabe gekommen sind und mit der blasenfreien Produktion ziemliche Schwierigkeiten hatten. Meine Anwesenheit nimmt Ihnen eine große Sorge. Davon abgesehen sind sie auch ohne die Tsatsas schon ziemlich aufgebraucht, da sie seit sechs Wochen die Baustelle hier bekleiden. Die Entlastung, die sie durch mich finden, sei ihnen gegönnt.

Unsere kleine Reisegruppe ist tagsüber auf die verschiedenen Arbeitsbereiche verteilt, meistens treffen wir uns zum Essen, oft auch mit Joshua aus Frankfurt. Auch bei den verschiedenen Zeremonien bei der Stupa stehen wir meist zusammen. Fühlt sich gut an, wir sind nicht aufeinander angewiesen und trotzdem gibt es Verbindung.

12.9.2008, Freitag

[einige schwer zu lesende Mitschriften aus einem Vortrag]

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Overblessed and undersugared

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13.9.2008, 14.9.2008, Sonntag

[Die fehlenden Einträge der letzten Tage weisen darauf hin, dass in diesen Tagen wohl einiges los war. Mein Schwerpunkt lag ohne Zweifel bei der Produktion der Tsatsas, die bis zum letzten Tag vor der Einweihungszeremonie produziert wurden und dann (zum Teil in Nachtarbeit) bemalt wurden.

„Gestört“ wurden wir in unserem Tun immer wieder durch die verschieden Aktivitäten und Zeremonien rund um die Fertigstellung der Stupa. Nachdem das Mandala in der Stupatreppe fertig war, wurde der Raum verschlossen und die Bumpa aufgesetzt (das runde Ding, in dem der Buddha sitzt). Das Einsetzen des Lebensbaumes war eine große Sache und das Aufsetzen der Spitze von großem Schauwert. Ein paar Bilder dazu und dann zurück zu den Original-Tagebucheinträgen.]

 

Der Tag der Einweihung. Unmengen von Menschen überfluten den Platz. Kursatmosphäre, überall Schlangen und zu wenig gute Sichtplätze. Was neu ist, es gibt einen Screen, auf dem die Veranstaltung übertragen wird. Das Teil steht am Fuß des Flügels und zeigt gerade, dass immer noch geschmückt wird. Zwei große Boxen übertragen den Ton, gegenwärtig dass 100-silbige Mantra.

Die Lösung mit dem Screen gefällt mir, sie lässt mir mehr Möglichkeiten, als ich sie in der Menge stehend hätte, zum Beispiel in dieses Buch zu schreiben.

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Die Nacht war wirklich kühl, sobald die Sonne weg ist fällt die Temperatur stark und es ist eine Aufgabe, nicht auszukühlen. Das gilt auch in der Gompa, die ohne Decke um die Nieren kaum zu be“sitzen“ ist.

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Am Screen gerade die ersten „off-stage“-Aufnahmen, Sherab Gyaltsen richtet einen Altar her. Im Hintergrund das eine oder andere bekannte Gesicht. Menschen, mit denen ich in den letzten Tagen zusammengearbeitet habe; normale, lockere, zugewandte Menschen, die da plötzlich an prominenter Stelle auftauchen. So etwas finde ich immer wieder bemerkenswert, als ob so ein Teil ihrer Prominenz auf mich abfärben würde. In solchen Gedanken hat wohl jedes „name dropping“ seinen Ursprung.

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Jetzt werden die Videojungs professionell, mehrere Kameras zeigen abwechselnd Bilder von verschiedenen Standpunkten aus. Die Stupa ist nur an drei Seiten mit riesigen quadratischen Tüchern verdeckt, die an den vier Fahnenmasten an den Stupaecken hängen. Der Altar ist fertig hergerichtet. Sherab Gyaltsen und die beiden Helfer legen ihre gelben Überhänge an.

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Die Einweihung hat begonnen. Eingeleitet durch einige Impressionen aus der Bauzeit am Screen, laufen nun die Rezitationen. Die verschiedenen Helfer räumen noch immer Kisten von hier nach da. Beschäftigtsein bis zum Schluss. Gerade hat auch Ole seinen Platz links neben Sherab Gyaltsen bezogen. Am Screen nur noch undeutlich zu erkennen ist die Farbe seines T-Shirts, es wirkt rötlich, so als hätte er sich farblich etwas an die Roben der Mönche angepasst.

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Segnung der Reistütchen mit seinem Gau.

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Reinigung mit dem Spiegel, usw., usf. …

 

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Gegen Ende der Veranstaltung und nach der eigentlichen Einweihungszeremonie wurden dann die Stupas an Sherab Gyaltsen, Ole, Katie und Gerke vergeben. Anschließend die Verteilung an die Zentren. Hat sich auf dem Bildschirm sehr schön gemacht.

Wenn Sie für „die Großen“ die besten Stupas herausgesucht haben, sind sie vermutlich von mir. Falls willkürlich verteilt wurde ist die Chance immer noch 50 zu 50. Ich weiß nicht, ob ich stolz darauf bin, aber irgendwie bläst es schon das Ego auf; die Menschen sollten wissen, dass ich wahrscheinlich eine Stupa für Ole gemacht habe.

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Unmittelbar nach der Zeremonie der Run auf das Essenszelt. Viel zu viele Leute, was wollten die alle auf meinem Platz? Zum Glück beginnt nach dem Essen auch eine große Abreisewelle. Möge es allen unheimlich gut gehen, dort wo sie hingehen (wenn sie nur dort hingehen).

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Gegen 16:00 Uhr wird die Zeremonie für die Offiziellen und die Presse sein, meint: es ist noch nicht vorbei. Ich bin ziemlich müde, seit Tagen schon. Gestern auch nur den halben Ole-Vortrag gehört und danach ins Bett gegangen. Nicht direkt, eigentlich hatte ich den Vortrag verlassen, um noch einmal in die Tsatsawerkstatt zu gehen und dort beim Ausbessern zu helfen. Als ich dort dann niemanden mehr angetroffen habe, bin ich auf dem Rückweg nicht an meinem Zelt vorbeigekommen (bzw. bin ich dort vorbeigekommen, nur nicht weiter, also genau bis dorthin).

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Habe Zuzie und Andreas getroffen und nebenbei erfahren, dass die Stupa, die ich für mich gegossen habe, irgendwie mit in die Produktion gerutscht ist und ich mir eine neue gießen muss. Anschließend haben wir uns verabredet und dann doch verpasst. Jetzt bin ich etwas angespannt, morgen werde ich mir den Schlüssel aus der Küche holen müssen und noch einmal gießen, klingt einfach und ist es auch, wenn der Schlüssel an der Stelle ist, wo er sein sollte. Worauf man sich nicht verlassen kann.

Mit der ganzen Geschichte ist eine kleine, eitle Enttäuschung verbunden. Als ich bemerkte, dass „meine“ Stupa nicht mehr am Platz stand, habe ich vermutet, dass Zuzie und Andreas sie  genommen hätten, um sie zu reparieren und vielleicht sogar füllen zu lassen. Überhöhte Erwartungen, die ich Ihnen aber zugetraut hätte, weil sie mich in den Tagen zuvor so gelobt hatten.

Wie auch immer, morgen ist ein freier Tag und ich werde versuchen, meine Stupa zu gießen.

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[Vortragsmitschrift]

15.9.2008, Montag, der freie Tag,

es ist 17:20 Uhr und bis jetzt hat es den ganzen Tag geregnet, die erste Hälfte des Tages dachte ich noch, ich könnte den Regen wegschlafen. Bin bis 13:00 Uhr liegen geblieben, irgendwo zwischen Ausschlafen und leichter Depression. Letztlich hat mich der Harndrang aus dem Schlafsack getrieben. Und auch die Idee auf ein Mittagessen, das allerdings gewohnt schmal ausfiel, Suppe mit Karotten und Fleisch. Nicht, dass sie schlecht gewesen wäre, aber nach einer Folge von Mahlzeiten, die für den deutschen Anspruch hart am Rand waren, wünschte ich mir etwas zum genießen. Das ist es, Genuss fehlt an diesem Essen.

Ein – wenn auch unvollkommener – Ersatz dafür ist der Kaffee, den ich mir in unserem großen Zelt mit Didis Espressokanne mache. Ein anderer kleiner Genuss ist das Aufrecht-sitzen, dass im großen Zelt möglich ist. Es war mein ausdrücklicher Wunsch, ein kleines Zelt für mich zu haben und das hatte ich bis heute auch. Gerade hoch genug um darin zu sitzen und nicht breiter als die große Luftmatratze, d.h. ca. 1,20 m. Das ist bei Sonnenschein eine gute Lösung, dieser erste Regentag hat gezeigt, dass sie bei schlechtem Wetter direkt in Untätigkeit und Depression führt. Deswegen bin ich vor einer Stunde in die zweite leere Kabine des großen Zeltes gezogen. Bis gestern wohnte Astrid darin, die allerdings abgebrochen hat um sich wegen verschiedener Unpässlichkeiten mal ein paar Tage von ihrer Mama betütteln zu lassen. Für mich eine recht glückliche Fügung.

16.9.2008, Dienstag

Heute hat der Kurs begonnen. Im Nachhinein betrachtet habe ich seit der Einweihung bis heute früh geschlafen, mit wenigen Unterbrechungen für Kaffee, Essen, Meditation.

Heute Morgen bin ich dann gleich zu spät gekommen, was erstens daran liegt, dass ich mich nicht gekümmert hatte, wann es losgeht und zweitens daran, dass ich mich in der fremden Kultur noch nicht sicher bewege und weiß, was ich erwarten darf. So hatte ich erwartet, dass die Eröffnungsveranstaltung abends sei (die Zeit der Schützer) und sah mich in dieser Erwartung bestätigt, als die Jungs um 9:00 Uhr anfingen, das Zelt für die Schuhe aufzubauen (was bis 10:00 Uhr nicht beendet sein konnte). Wie auch immer, es ging um 10:00 Uhr halt ohne Schuhzelt los.

Die Mitschrift des Kurses habe ich in einem roten neuen Buch begonnen, dem Nachfolger dieses blauen Buches.

17.9.2008, Mittwoch

Heute ist es mir endlich gelungen, die Kursgebühr zu bezahlen. In den Tagen zuvor gab es entweder keine Registration oder sie war unbesetzt. Auch das gegen jede deutsche Erwartung. Bei uns wäre Kasse-machen eine der ersten Tätigkeiten gewesen, die besetzt sind. Hier wird man eher im ungewissen gelassen. Organisation ist hier eher spontan oder lässt deutlich mehr Spielraum als bei uns. Gewöhnungsbedürftig.

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Didi ist beim Lama-Service gelandet und fährt mehrmals am Tag das Essen für die Lamas von der Küche zum Lama-Haus. Die Reste sind dann für das Küchenpersonal und manchmal auch für mich. Heute hat er zwei Hähnchenschenkel für mich zurückgelegt. Didi ist eine ganz eigene Nummer und irgendwie entzieht er sich jeder Beurteilung. An den Kursen nimmt er nicht teil, aber er hört sie sich über das simultane Übersetzungsradio an, er ist großzügig darin Dinge auszuleihen und in Gelddingen. Er ist schwierig, wenn es etwas zu entscheiden gibt und einfach, wenn er sich dann in einer Situation arrangieren muss. Er kann zur gleichen Zeit flexibel und eigenwillig sein.

[Ein Traumzitat:

Es gibt Menschen,

die wollen werden,

was sie sind.

Spätestens ab dann

müssen sie das nicht mehr.

, Ich-mich-meinen, …

In der Nacht vom 20. September auf 21. September geträumt, erinnert und aufgeschrieben.]

22.9.2008

Zum Thema Organisation gibt es immer wieder Überraschungen. Gestern hatten wir tatsächlich Licht bei den Schuhregalen. Die Regale selbst waren zwei Tage vorher angekommen. Eigentlich hatte sich jeder schon daran gewöhnt, dass die Schuhe im Hauptzelt hinten abgestellt werden.

23.9.2008

Und dann war das Licht wieder weg.

25.9.2008

Gestern von meinen letzten 50 € Essenstickets für den Rest der Zeit und einen Anhänger für Helen gekauft. Wollte während dieses „Urlaubs“ eigentlich nicht sparen, großzügig sein, wenigstens mit mir selbst, wenn nicht sogar mit anderen.

Und dann entwickelt sich die Geschichte hier so, dass ich kein Geld wechseln kann, die Post nicht auf die Sparcard eingehen kann und es keine Bank gibt, die die Traveller-Schecks eingelöst. Und ich wieder die Spar Nummer durchziehe.

28.9.2008

 

 

29.9.2008

Tag der Abfahrt. Gestern nach der Diamantgeist-Einweihung hat sich der Kurs sehr schnell aufgelöst. Plötzlich, na ja, nach und nach sind alle Zelte weg und auch die Leute. Zurück bleiben die, die auch vor dem Kurs schon da waren.

Auch wir haben unsere Zelte abgebaut und schliefen die Nacht im Cafeteriazelt, dass schon wieder wie eine Baustelle aussieht. Zuvor eine lange Lagerfeuersitzung um der Nachtkälte zu entgehen. Viel Alkohol bei den Einheimischen und auch Didi trinkt mehr als gewohnt (aber immer noch deutlich weniger, als ihm angeboten wird).

Irgendwann geht rum, dass Rinpoche morgen, also heute, eine Feuer-Puja abhalten wird und wir eingeladen sind. Beginn 10:00 Uhr, damit ist klar, da sich unsere Abfahrt verzögern wird.

Heute Morgen dann gegen 8:00 Uhr, nach einer durchgefrorenen Nacht (der dritten insgesamt, eigentlich ganz gut für „Zelten-im-September“), aus dem Schlafsack gekrabbelt. Frühstück in der Küche, so wie vor dem Kurs mit dem Team. Zwar nur wenig Kommunikation, weil nur wenige Englisch sprechen, aber alles gut.

Um 10:00 Uhr dann die Feuer-Puja. Ein Ereignis, das sich hinzog (Beschreibung im roten Buch im Anschluss), anschließend noch ein Extrasegen vom Lama. Danach Mittagessen und dann gibt es Getrödel mit Didi bis zum Abwinken und jenseits jeder Beschreibung. Jetzt ist 16:45 Uhr und zwischenzeitlich haben sich unsere Pläne mehrfach geändert. Zwischendrin war mal durchfahren angedacht, jetzt wollen wir nur noch bis Budapest. Mir ist alles recht, wenn’s nur losgeht.

30.9.2008

Die Nacht im Budapester Zentrum verbracht. Dort war die Unterbringung so einfach und unkompliziert wie selten. Im sogenannten VIP-Bereich gibt es eine Küche, ein Bad und drei hintereinanderliegende Zimmer mit Matratzen bzw. Platz für Isomatten. Hat man einmal in den Innenhof gefunden ist der Zutritt ohne jede weitere Anmeldung oder Bewohnerkontakt frei. Ein Schild informiert über den erbetenen Übernachtungspreis von 750 Ft. (drei Euro) bzw. vier Euro. Zu zahlen indem man den Betrag zu der nicht unbeträchtlichen Summen legt, die frühere Besucher schon auf dem Kühlschrank deponiert haben. Ein paar Lebensmittel gibt es auch noch im Kühlschrank.

Das alles ist sehr viel angenehmer, als in der Gompa zu schlafen, was in Budapest auch unangebracht wäre. Dort hängen eine ganze Anzahl Thangkas, zum Teil als Rollbild, zum Teil im Glasrahmen, und eine sehr schöne Statue von Weißer Schirm. Das kombiniert sich schlecht mit Isomatte und Reisegepäck.

Zudem sind die Besucher im VIP-Bereich unter sich, was das Gefühl vermeidet, dass man sich in irgendjemandes Komfortzone rumtreibt.

Heute Morgen ein entspannter Aufbruch, so gegen 10:30 Uhr waren wir auf der Straße, Ziel ist es, abends zuhause zu sein

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Was dann auch gelang!

 

Reisetagebuch Indien, Boddhi Zendo, 25.1. bis 25.2.1999

Vorwort zur Veröffentlichung

Postkarte, Boddhi Zendo, 1999

25.1.1999, 112. Tag, Montag

Ankunft in Perumalmalai, Boddhi Zendo. Ein Ort, wie er eigentlich nicht in Indien sein kann. Sauber, still, große Zimmer mit europäischen Toiletten, jederzeit heißem Wasser, Tageszeitungen und Magazinen in großer Auswahl zum Lesen, gutes Essen, Kaffee und Kuchen zum Nachmittag .

Postkarte, Innenhof des Boddhi Zendo,1999

Ein gepflegter Garten und daneben ein Zen-Garten mit Steinen und geharktem Sand, ein kleiner Teich mit Seerosen. Eine Bibliothek mit Büchern zum Thema, riesig und auch mit deutschen Titeln bestückt. Kurz, die äußeren Umstände sind aufs beste arrangiert um frei zu sein für Studienarbeit und Meditation.

Ende des ersten Tages, zweieinhalb Stunden meditiert, was mir zunehmend schwerer gefallen ist. Aber, entgegen meiner Erwartung, keine Schwierigkeiten mit der Kälte, mein Pullover ist ausreichend. Und wenn nicht könnte ich mir eine Decke umhängen, was einige auch tun. Es ist hier nicht so streng, wie in der Gießener Gruppe, von wegen keine Socken anlassen und keine farbige Kleidung. Hier scheint eine Menge zu gehen, solange man nur meditiert.

So und jetzt geh ich ins Bett und mit etwas Glück beim Einschlafen krieg‘ ich noch 7 Stunden Schlaf.

26.1. 1999, 113. Tag, Dienstag

Dieser Ort ist kein Bestandteil der indischen Welt. Seit dreieinhalb Monaten habe ich in keinem so guten Bett geschlafen. Gute Matratze, gutes Oberbett und dick genug für die Temperaturen hier. Das Frühstück supergut, endlich mal genug Kaffee oder Tee, Toast und Samba für den, der indisch frühstücken möchte, Ei, Toast, Butter, Marmelade für die, die es europäisch mögen. Oder von allem etwas, es ist ein Bufett. Nach den Mahlzeiten spült man sein Geschirr und bringt es zurück an den Ort, wo es für die Mahlzeiten bereitsteht.

Auch bei der Morgenmeditation keine Probleme mit der Kälte. Meine größte Sorge war umsonst .

Mein erstes Dokusan, nur eine kurze Begegnung mit der Empfehlung auf die Atmung zu achten. Ein Büchertipp: „Die drei Pfeiler des Zen“ (P. Kapleau). Habe ich schon zu Hause gelesen, aber ich werde es mir raussuchen und bestimmt Neues entdecken

Irgendwie fühle ich mich wie ein Betrüger, der einen Meditierenden mimt, um all die Vorzüge dieses Ortes genießen zu dürfen.

8:00 bis 9:30 Uhr Samu, Arbeit für die Gemeinschaft, ich bin im Garten zum Sandsieben eingeteilt. Schöner feiner Sand soll das sein, an einem Platz der vielleicht 3 × 4 m misst. Dort ist schon Sand, nur feiner soll er sein und all die kleinen Äste und Blätter und Nadeln sollen heraus. Ich mache die Arbeit nicht allein, sondern zusammen mit Klaus, einem anderen Besucher hier. Lieber würde ich es allein machen und mich weniger absprechen müssen, aber es geht auch so.

Meine erste Study-time in der Bibliothek verbracht und mir Literatur ausgeborgt, unter anderem auch ein Buch von Ama Samy selbst. Ich möchte wissen, mit wem ich zu tun habe. „Die drei Pfeiler des Zen“ sind wie erwartet hilfreich.

27.1. 1999, 114. Tag, Mittwoch,
normalerweise ein Tag mit dem Stundenplan, wie er für Sesshins gilt, d.h. 6 Stunden Meditation. Ama Sami hat dies für heute in einen Schweigetag mit dem üblichen Stundenplan gewandelt. Ich vermute, den vielen Neuen, wie auch ich einer bin, zuliebe.

Heute ist mein dritter Tag hier und so langsam spüre ich die Meditation in den Knochen, oder besser wohl Muskeln und Sehnen. Die Rücken- und Nackenmuskulatur beginnt sich zu verkrampfen und der linke Fuß, der infolge meines „verknickten“ rechten Fußes, immer oben liegen muss (beim halben Lotussitz) spürt die ständige Überdehnung. Unwillkürlich beginne ich zu schonen und meine „gute“ Meditationshaltung vom ersten Tag ist dahin.

Auch meine Konzentration ist schlecht. Anders als bei geleiteten oder Bild- oder Mantrameditationen soll bei der Zen-Meditation der „Kopf von Gedanken frei sein“. Das gelingt mir für höchstens zwei Atemzüge. Manchmal merke ich gleich zu Beginn eines Gedankens, dass ich „denke“ und gehe zum Atem zurück. Es kommt aber auch vor, dass ich 5 Minuten (selten mehr) so dasitze, als ob ich meditiere, und meinen Gedanken nachhänge. Wann man das dann endlich bemerkt, kann man sich noch kurz über den Inhalt der gerade bemerkten Gedanken Gedanken machen. Das ist sicherlich lobenswert, Meditation ist das nicht.

Als Frage sollen wir in diesem Schweigetag mithineinnehmen, „wo wir gerade stehen“. Nun, ganz am Anfang würde ich sagen.

<O>

Habe mir heute zum ersten Mal während der Nachmittagsmeditation den rituellen Schlag auf die Schultern geben lassen (dessen Namen ich schon wieder vergessen habe). Ich bin mir unsicher über die Wirkung, aber vielleicht hat er wirklich die Rückenmuskulatur etwas entspannt.

Es ist jetzt 17:35 und das bedeutet, dass der Tag fast zu Ende ist. Außer Meditation und Abendessen kommt jetzt nicht mehr viel (18 bis 19:00 Zazen, 19 bis 20:00 Abendessen, 20 bis 21:00 Zazen). Vielleicht noch etwas lesen.

Ich neige dazu, auch meine privaten Verrichtungen in den Stundenplan hinein zu nehmen. Dieser dritte Tag war dem zweiten sehr ähnlich. […] Nach der Arbeit […] waschen (wer eineinhalb Stunden im Sand spielt muss sich waschen), Escrima und Wing-Chun-Formen zwischen 17:00 und 17:30.

Meine Erfahrungen mit dem Schweigetag sind keine ungewöhnlichen. Es fällt mir nicht schwer, nicht zu reden und manchmal finde ich es beruhigend zu wissen, dass ich zumindest heute nicht von diesem oder jenem in ein Gespräch gezogen werden kann. Allerdings: übermäßige Gedanken um die uns mitgegebene Frage habe ich mir nicht gemacht.

28.1.1999,115. Tag, Donnerstag, unser freier Tag, keine Meditation, keine Gemeinschaftsarbeit (sofern sie nicht unumgänglich ist, z. B. Gemüse schneiden fürs Mittagessen).

Trotzdem ist es natürlich möglich zu meditieren und ich habe das auch schon zweimal jeweils vor den Mahlzeiten getan. Vor dem Abendessen werde ich es wohl auch tun.

Als Feiertagsbeschäftigung bin ich auf den „kleinen Peak“ gelaufen, einen der Berge , die uns hier umstehen. Eine nette kleine Tour, etwas mehr als 2 Stunden hin und zurück. Oben auf dem Gipfel etwas mit der Kamera gespielt, d. h. den Versuch unternommen mit einer schlechten Kamera ein gutes Bild aufzunehmen. Fotografiert habe ich den „großen Peak“, zu dem wir am frühen Sonntagmorgen (4:00 Uhr) als Gruppe aufbrechen wollen. Auf das Bild bin ich wirklich gespannt.

Zwischendrin immer wieder Zeit zu lesen, unter anderem auch das Buch von Ama Samy, das ich aus der Bücherei ausgeliehen habe. Um ehrlich zu sein, ich verstehe vielleicht ein Zehntel davon, es ist nicht für Anfänger geschrieben, sondern ist ein Beitrag zur Diskussion innerhalb der Zen-Gemeinde mit ihren verschiedenen Ausformungen. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich in der Tradition der Laien-Zen-Gemeinschaft  Sambokyodan übe (also nicht Soto-Zen, wie die Gruppe in der Liebigstraße, und nicht Rinzai-Zen, wie die Gruppe in Wettenberg).

Ama Sami ist ein ruhiger, sympathischer Mann, der nicht viel spricht. Es war mir relativ schnell möglich, mich in seiner Gegenwart ungezwungen zu fühlen, obwohl natürlich ein Rest Befangenheit (ob der Erleuchtung) bleibt. Er nimmt an den Morgen- und Abendmeditationen teil und auch an den Mahlzeiten. Bei allem ohne irgendwie eine Sonderstellung einzunehmen. Natürlich, bei den Meditationen ist sein Platz „vorne“, aber da sitzen auch noch die vier Assistenten (die Sutras ansagen, Glocken oder Hölzer schlagen und auf die Zeit achten). Während der Mahlzeiten ist sein Platz dort, wo frei ist, genau wie bei uns allen. Heute Morgen habe ich zufällig beobachtet, dass er es war, der unser Spülwasser vorbereitete, indem wir nach den Mahlzeiten unser Geschirr abwaschen, ein „Primus inter Pares“.

29.1.1999, 116. Tag, Freitag

Zu unserer Morgeneditation gehört das Rezitieren von Sutras, zumeist zweimal in der Orginalsprache (keine Ahnung, welche das ist) und dazwischen einmal in Englisch. Der Abschluss ist immer:

Ti Sarana

Ich nehme Zuflucht zum Buddha

Ich nehme Zuflucht zum Dharma

Ich nehme Zuflucht zum Sangha

 

Ebenfalls oft rezitiert werden die vier großen Gelübte:

Die vier großen Gelübte

Zahllos sind die Lebewesen –
ich gelobe alle zu retten.

Unzählige Gefühle und eitle Gedanken –
ich gelobe sie alle zu lassen.

Die Tore zur höchsten Weisheit sind unzählbar –
ich gelobe durch alle zu gehen.

Der Weg des Buddha ist unüberschreitbar –
ich gelobe ihn bis zu Ende zu gehen.

<O>

Je mehr wir uns unserer Erwartungen bewusst sind, desto eher erkennen wir den Drang, lieber das Leben zu manipulieren, als es so zu leben wie es ist.“  Jojo Beck, Zen im Alltag.

<O>

Als ich heute zur Mittagsmeditation kam, hatte jemand für mich mein Kissen und das Leinentuch, das ich zum Unterfüttern für das Knie nehme, ordentlich gerichtet. Die Botschaft ist klar: so sollst du deinen Platz verlassen! Ich hatte es vergessen, war einfach aufgestanden und hinausgelaufen. Tja, so kommt man niemals zur Erleuchtung, vermutlich nicht mal zu den kleineren „Belohnungen“, die dem Übenden auf dem Weg zufallen sollen.

<O>

„Es ist einfach dumm, immer wieder dasselbe zu tun und unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten.“ Bruno M. Schleeger

<O>

 „Would you rather be right or happy?“ Jerry Jampolski

 

30.1.1999, 117 der Tag, Samstag

Habe gestern Abend zu viel gegessen, was sich bei der anschließenden Meditation und selbst heute Morgen noch ausgesprochen störend ausgewirkt hat.

Vom Ende des Abendessens bis zum Ende des Frühstücks ist Schweigezeit, wobei sie zumeist in der Mitte des Frühstücks durch das zusammenschlagen von zwei Hölzern abgekürzt wird. Heute war das nicht so, stattdessen hatten wir Musik zum Frühstück, Klavier und Gitarre, klassisch, aber doch nicht. Trotzdem war die Stimmung auf’s Angenehmste verändert und ich blieb einige Zeit sitzen um der Musik zuzuhören, der ich unter anderen Umständen nichts hätte abgewinnen können.

Heute Morgen bin ich das erste Mal etwas unwillig erwacht, „zu früh“, „zu müde“, etc., im Kopf, vielleicht liegt es am Schnupfen, vielleicht am vielen essen; wie auch immer, wenn ich unwillig bin, dann mache ich halt unwilligen Zen.

<O>

Meine Klobrille ist vom Typ „Champion“, besser noch „from the makers auf Commander“. Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich mir einen Typ vorstelle, auf dem Klo sitzend und fühlend wie ein Champion oder ein Commander. Wer fühlt sich von solchen Produktnamen angesprochen?

<O>

 Zen ist mühsam!

 

31.1.1999, 118.Tag,  Sonntag

3:45 Uhr, in einer Viertelstunde Aufbruch zum „Peak“. Wir wollen schweigend aufsteigen, angeführt von Stephan, der den Weg kennt. Es ist Vollmond und so werden wir den Weg finden, sagt er.  Ich habe keine Erfahrung mit Vollmondwanderungen. Auch nicht mit Wanderstöcken, er hat empfohlen einen mitzunehmen, also habe ich mir einen aus den alten Ästen herausgeschnitten.

Im Rucksack (geliehen) habe ich eine Decke und einen zweiten Satz Kleidung, denn wir werden feucht werden vom Morgentau und auf dem Peak wird Wind sein. Klingt nicht einladend, trotzdem verspreche ich mir ein Erlebnis.

<O>

Schön war’s. Einen Wanderstock zu haben war sehr gut. Da wir nachts wanderten – auf zum Teil steinigen, zum Teil von Büschen überwucherten Pfaden, ersetzte er einen Teil der Sichtfähigkeit. Ob dunkle Flecken Löcher, feuchte Stellen, Kuhscheiße oder einfach nur dunkle Flecken sind, lässt sich bei Mondschein auf die Schnelle nur mit einem Stock entscheiden. Auch Höhenunterschiede und Steigungen lassen sich mit ihm gut vorausahnen und wahrnehmen. Stichwort „vorausahnen“, was der Stock da übernimmt ist vermutlich rechtshirnig (intuitiv), das heißt linkskörperlich. Das fällt mir auf, weil ich nach einer Zeit total verkrampft in Arm und Schulter war, als ich den Stock rechts trug. Auf der linken Seite war das alles kein Problem mehr.

2 Stunden sind wir in der Nacht gewandert, haben kleine Mauern und Bäche überquert und sind lange Zeit im Wald gelaufen. Dann nach einem letzten steilen Stück, sind wir auf dem Gipfel, einer zu den Rändern hin leicht abschüssigen und baumbestandenen Wiese.

Dort angekommen war es so kalt und windig wie erwartet. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, wenn es auch schon dämmrig war. Die im Rucksack mitgebrachte Decke tat gute Dienste und kurze Zeit später gab es auch ein Lagerfeuer zum wärmen. Das erste seit annähernd vier Monaten, das den Namen wirklich verdient. Die Lagerfeuer am Abend habe ich vermisst. Stefan hatte ein Frühstück für uns mitgenommen; Brot, Marmelade, Hefezopf (!), und selbst auf Kaffee mussten wir nicht verzichten.

Während des Frühstücks ging die Sonne auf und bald darauf wurde es merklich wärmer. Die Decke konnte lockerer gefasst werden, das Lagerfeuer etwas niedriger brennen. Gespräche begannen in kleinen Gruppen, manche ruhten, andere erkundeten den Gipfel. Ich unterhielt mich mit Regine und irgendwie kam es, dass ich mein ganzes „Päckchen“ aufpackte, das ich hier so mit mir herumtrage, die ungeklärte Wohnsituation, das Petershaus (an dem ich noch immer hänge), meine Eltern und Gerhard. Es tat gut, das alles einmal zu erzählen.

An einer Stelle brachte ich sie zwei für mich bis dahin unverbundenen Fakten für mich überraschend zusammen. Ich hatte schon beschrieben, dass […]. Und, merkte ich an, selbst wenn  […].

„Und das erklärt, warum du nicht mehr bei deiner Familie bist!“. Oder so ähnlich, sagt sie. Später fiel mir dazu die Vogelmutter ein, die bei Gefahr den Fuchs vom Gelege weg lockt.

Ich weiß nicht, wie viel an dieser Erklärung dran ist, aber sie geht mir nach. Vielleicht auch nur, weil sie so ehrenhaft ist, mich so gut aussehen lässt.

Zum Abstieg (9:00) war es dann schon so warm, dass wir unsere Pullover ausziehen konnten. Nun konnten wir auch die Landschaft sehen, durch die wir gingen. Eindrucksvoll alles, insbesondere aber die Rhododendronbäume mit ihren roten Blüten. Was bei uns als Busch so vor sich hin mickert wird hier ungepflegt zum ganzen Baum!

<O>

Am Nachmittag eine kleine Geburtstagsfeier für Rudi, den Schweizer, der hier den Garten betreut. Nur ein Gedanke dazu. Die Menschen, die hier länger oder wiederholte Male sind, haben so etwas wie eine Sangha (eine Gemeinde, Gemeinschaft) gebildet und achten aufeinander und sorgen füreinander. Ich bin etwas neidisch auf ihr Zusammengehörigkeitsgefühl (falls das nicht nur eine Projektion meiner eigenen Sehnsucht ist). Nein, ich bin neidisch, auch wenn es nur eine Projektion ist.

1.2.1999, 119. Tag, Montag

Heute beim Samu aus Versehen eine dreiviertel Stunde länger gemacht. Nachdem ich den Sand gesiebt hatte, der in einem kleinen „Becken“ lag, fiel mir auf, dass ein Stück der Mauer zum Becken hin angefangen, aber nicht beendet war. Ich fing also an das „mal schnell“ zu ergänzen, mit obigem Ergebnis.

Morgen werde ich zur Samu wohl mein Zimmer räumen und putzen müssen, da die „zuerst bewilligte“ Zeit um ist. Für die Zeit des kleinen Sesshin muss ich in eine Behelfsunterkunft umziehen, danach wird bis zum „großen“ Sesshin wohl wieder ein Zimmer frei sein.

„Im Gegenteil [in Bezug auf „Probleme loswerden“], ich versuche der betreffenden Person das Problem zurückzugeben, indem ich ihr aufzeige, worin seine Notwendigkeit, sein Sinn, vielleicht sogar sein Wert bestehen. “
Thomas Moore, „Seel-Sorge“

Wenn es auch nicht der Sinn sein mag, so ist der Wert […] doch, dass der Fuchs nicht an das Gelege kommt.

<O>

Ein Thema, das beständig in meinen Meditationen auftaucht, ist das Peters-Haus. Es ist, als hätte ich den Anruf von Frau Peters mit der Absage an mich („das wird jetzt ein Wochenendhaus“) nie gegeben. Es ist, als wäre noch immer alles offen und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bekäme ich es. Es ist, als sei es mein Platz, es sei mir schon sicher und ich müsste mir nur Gedanken machen, was nun damit geschehen soll.

Ich denke an Umbauarbeiten, an Gartenwege und Gemüsebeete. Gerade den Garten sehe ich in der Perfektion [ähnlich wie] hier im Zendo. Nach sechs Tagen Sand sieben denke ich an [?].

Aber der Umbau der Häuser ist stark im Hintergrund. Im Garten steht mein Bauwagen, manchmal noch nicht einmal das, und ich pflege den Garten. Das Steinhaus bedarf der Reinigung in jedem denkbaren Sinn und muss vielleicht eine Zeit lang leer stehen. Das Holzhaus ist durch die vorzunehmenden Renovierungen „selbstreinigend“ (beim Arbeiten Räucherstäbchen abbrennen!) . Das Vorderhaus ist weitgehend frei von schlechten Energien, vielleicht, weil es so lange leer gestanden hat. Es genügt, dass in der richtigen Stimmung zu beziehen. Behutsam und mit der Frage, wie ein cooles Leben darin zu organisieren ist. Stück für Stück wird es langsam bezogen sein, kein schneller Einzug.

Diese durchweg positiven Fantasien unterscheiden sich stark von den Gedanken, die ich zu Hause und auch während der Reise manchmal hatte. Darin sah ich das Peters-Haus, besser Peters-Grundstück, als ein zu verteidigendes Gut gegen Übergriffe von außen, Einbrecher, Randalierer, andere Räuber et cetera. Ich dachte über Sicherheitsvorkehrungen nach, wie vergitterte Fenster und Stromfallen, Notausgänge und letzte Rückzugs- oder Verteidigungsanlagen. Die einsame Lage ist die schwere Seite der Idylle. Ich wünsche mir die Ruhe und habe Angst vor Einsamkeit.

2.2.1999, 120. Tag, Dienstag
Samu: Unkraut aus der Wiese jäten. Und es tut gar nicht weh!

3.2.1999, 121. Tag Mittwoch
Zweites Dokusan […]

4.2.1999, 122. Tag, Donnerstag

Im Samu gestern wurde mir das Wässern der drei Terrassen rechts vom Teich und Zen-Garten zugeteilt. Die erste Aufgabe, die ich nicht mag. Die Arbeit selbst ist O.K., aber die Umstände sind schwierig. Mal ist der Schlauch belegt, mal kein Wasser da. Wenn der Schlauch da ist, reicht er an manche Stellen nicht hin. Eine Verlängerung muss geholt werden. Es gibt keine Treppen an den benötigten Stellen, sodass ich durch den angesäten Hafer laufen muss, was ich auch nicht mag (der Hafer vermutlich noch viel weniger). Und so weiter. Zudem bedarf es manchmal der Absprache mit den anderen Gärtnern, was auch nicht immer einfach ist, zumal der „Obergärtner“ gerade auf einer Fortbildung weilt und daher nicht gefragt werden kann.

Immerhin, ich bekomme etwas „Feeling“ für die Gartenarbeit und könnte mir vorstellen zu Hause einen Garten mit Spaß und auf unterstem Niveau zu haben. Aber das ist nur eine vorsichtige Annäherung, die noch überprüft sein will.

<O>

Auch an etwas anderes nähere ich mich nur vorsichtig; mein erstes Koan, das ich gestern in der Dokusan erhielt. Weder rechnete ich mit einem Koan, noch hätte ich mir eines gewünscht. Eigentlich dachte ich, die Koanarbeit wäre nur für fortgeschrittenere Schüler, als ich einer bin. Wenn ich versuche, einen Grund zu finden, warum ich das Koan bekommen habe, so fällt mir nur eine ein: die Koanarbeit zwingt mich in die Beziehung zu Ama Samy. Atemzählen und -beobachten oder Shikantaza, die inhaltslose Versenkung, geht alles ohne Meister, Koanarbeit nicht.

Aus den Büchern hatte ich eine vage Vorstellung, was die Arbeit mit einem Koan bedeutet. Da ich aber sicher war, dass ich für lange Zeit nicht davon betroffen sei, habe ich nie zu sehr in die Sache hineingedacht. Nun, da ich betroffen bin, stoße ich an erste Verständnisschwierigkeiten. So dachte ich zum Beispiel, dass die Koanarbeit eine Fortsetzung der Shikantaza, der inhaltslosen Versenkung, sei, nur eben auf mir undeutliche Weise nun mit Inhalt vermischt. Mir zumindest ist es nicht möglich einerseits [nicht] zu denken und andererseits eine Frage in mir hin und her zu wälzen. Koanarbeit scheint schon vom Ansatz etwas anderes zu sein, absolut verschieden. Aber das muss ich nachfragen.

[…] Am angemessensten erscheint mir gegenwärtig eine Analogie, ein Bild, als Lösung. Aber, soviel weiß ich schon jetzt, das ist nur eine Annäherung und noch nicht die Lösung. Wäre ja auch zu schön, Erleuchtung in zehn Tagen. Nun, ich arbeite dran.

An dieser Stelle bedarf es einer Erläuterung. Ich schreibe um das Koan herum, weil ich vielleicht diese Aufzeichnungen abermals an H. schicken werde, das Koan aber nicht mitgeteilt werden soll. Alle Notizen zum Koan, die mehr als allgemeiner Natur sind, mache ich auf extra Seiten, die ich nicht mitkopiere.

<O>

 20:00 Uhr, Beginn des Mini Sesshin, das bedeutet bis Sonntagmittag schweigen und jeden ein Tag siebeneinhalb Stunden Meditation.

[…]

5.2.1999, 123. Tag, Freitag

  • Stimmung beim Warten auf das Dokusan
  • Das Chaos beim Herausgehen aus dem Zendo
  • Ama Samy beim Spülen

16.35 Uhr, schon 5 Stunden hinter mir heute, der Rücken ist verspannt und die Fußgelenke tun weh. Und noch immer zweieinhalb Stunden vor mir.

Diese Stundenzählerei macht natürlich keinen Sinn, eigentlich macht sie es sogar schlimmer. Man muss es einfach tun und an die Zeit gar nicht denken. Da ist die Übung und sie wird gut tun. Soweit die Theorie!

Insgesamt hat man beim Sesshin sehr viel weniger Zeit für sich selbst. Zu viel mehr als schlafen, essen, meditieren kommt man nicht (arbeiten habe ich vergessen). Vielleicht zweieinhalb Stunden bleiben, die man den Kopf und die Zeit wirklich frei hat.

6.2.1999, 124. Tag, Samstag

  •  große Müdigkeit
  •  Große Zweifel
  • sich verkriechen wollen

Dann kommt die Sonne durch und meine Stimmung bessert sich.

Es beginnt an die Grenzen zu gehen. Warum eigentlich nicht weiter leben wie bisher? Ist sich verbessern, verändern zu wollen nicht nur eine eitle Idee?

<O>

 – Gerhard und die Kippe in der Sanyas-Disco

<O>

Über die Hälfte des Sesshins ist vorüber und ich will versuchen, es zu beschreiben. Aber das fällt schwer. Äußerlich passiert ja nicht viel. Einmal am Tag gibt es Teisho, einen Lehrvortrag des Meisters, der etwa eine halbe Stunde dauert. Davor und danach Sutras. Dies ist das einzige, wenn man von den wesentlich längeren Meditationszeiten absieht, was einen Sesshin-Tag von einem normalen Tag hier unterscheidet.

Das Entscheidende sind also die langen Meditationszeiten. Aber was machen die? Mir schmerzende Knie und Schmerzen im unteren Rücken, mal mehr, mal weniger und manchmal auch kaum. Wovon die Schmerzen abhängen habe ich noch nicht genau raus; die Zeit, die ich gesessen habe ist nur ein Faktor. Bei manchen scheint es auch psychisch schwieriger als sonst zu sein. Ich sehe traurige Gesichter und manche geben sich etwas „heiliger“ als sonst. Ich, vermute ich, sehe einfach angestrengt aus; in „schwierige“ Bereiche meiner Psyche bin ich bis jetzt nicht vorgestoßen. Es fällt mir sehr schwer mich zu konzentrieren, bei mir zu bleiben; ich gleite leicht in Tagträumereien ab. Dabei gibt es kein bestimmtes Thema (das Peters-Haus ist etwas in den Hintergrund getreten), manches scheint geradezu belanglos. Ich sitze unruhiger als sonst, muss öfter die Haftung korrigieren, tief Luft holen, mache unwillkürliche Bewegungen, etc. …

All das ist o.k. und ich bin der Einzige, den das stört. Ama Samy hat uns deutlich genug gesagt, dass es hier nicht um Leistung geht. Schon eher um das Versuchen und darum, immer wieder zur Übung zurückzukehren, anzuschauen was an Ablenkung vorbeikommt und zur Übung zurückzukehren. Immer und immer wieder. Natürlich kommen da irgendwann Zweifel am Sinn der Übung, die Entschlossenheit wird auf eine harte Probe gestellt und ich glaube, dass dreiviertel der Menschen hier wieder gehen würden, wenn sie alleine sitzen würden. So aber hilft die Gruppe beim durchhalten.

Aber wofür das alles? Für die Erleuchtung? Für die kleinen Belohnungen am Weg (von denen manche Autoren behaupten, es gäbe sie nicht)? Wenn das das Ziel ist, funktioniert es nicht. Also versuche ich mir einzureden, ich wolle keinen „Vorteil“ rausholen. Aber das stimmt natürlich nicht. Ich will, dass es mir besser geht und ich will die kleinen Belohnungen. Und ich weiß, dass ich dafür möglicherweise jahrelang mit schmerzenden Knien unkonzentriert vor mich hin starren muss. Ob ich diese Entschlossenheit mitbringe weiß ich nicht. Entschlossenheit ist die dritte der Voraussetzungen für einen Zen Schüler.

GLAUBE, dass der Weg des Buddha funktioniert.
ZWEIFEL an allen bisher versuchten Lösungen für das „Problem“ Leben.
ENTSCHLOSSENHEIT im Üben .

<O>

Eineinhalb annähernd schmerzfreie Meditationsstunden.

Arul Maria Arokiasamy, „Leere und Fülle“, das zweite Buch, das ich von Ama Samy ausgeliehen habe. Sehr viel verständlicher als das erste. Und, in diesem Buch scheint der Mann durch, den ich hier kennenlerne. Außerdem ein Buch, das ich haben möchte, zum nochmal lesen.

<O>

[Ich wende mich hier direkt an H., weil ich diesen Teil des Tagebuchs kopieren und an sie schicken werde]

Hallo H., falls du neugierig bist, kannst du das Buch ja besorgen. Ich gebe dir das Geld dann wieder. Die Beiträge zu Christentum und Zen betreffen uns vielleicht nicht sehr, aber was er über seine Art Zen zu lernen schreibt, mag vielleicht etwas von der Stimmung hier einfangen. Sehr liebevoll, sehr akzeptierend, freilassend.

Gruß von zwischendrin, G. (drei Kreise)

7.2.1999, 125. Tag, Sonntag

Früh erwacht, noch vor der Morgenglocke um 5:00 Uhr. Von Grandiosität geträumt, irgendwie zwischen Tag- und Nachttraum. Ich muss mich davor hüten, wer so hoch träumt, wird in der Realität tief fallen.

<O>

Mein Gürtel sitzt wieder enger. Ich habe zugenommen. Kein Wunder bei drei ganzen und zwei halben Mahlzeiten am Tag. Gewohnheitsmäßig Milchkaffee mit Zucker. Und immer eine Banane zum Nachtisch. Jede Menge überflüssige Kalorien, die vom vielen sitzen natürlich nicht weggehen.

<O>

Ich habe keine Lust zur Arbeit. Aber es ist wie mit dem Zen, dann werde ich eben unlustig arbeiten.

<O>

Unlustig war’s dann auch. Habe mich über die Schlauchsucherei und allen folgenden Widernissen so in einen Widerwillen hinein gedacht, wie ich ihn bestimmt seit dem letzten Workcamp nicht mehr hatte. Hätte ich reden dürfen wäre dieser Widerwillen auch laut geworden. Null Gelassenheit.

<O>

Ende des Mini Sesshin. Einerseits bin ich froh, dass ab morgen hier wieder der „ Urlaubs-Tagesplan“ herrscht (d. h. nur 4 Stunden täglich Meditation). Andererseits wäre es interessant gewesen, zu sehen, was sich so aus dem Arbeitsfrust entwickelt hätte; so im psychologischen Schnellkochtopf.

Mein „Koan“ […]

<O>

Gerade bin ich zum zweiten Mal umgezogen, d. h. ich habe meinen Vertrag die dritte Woche verlängert. Was mit der vierten Woche und dem großen Sesshin ist, ist unklar (wie gewohnt).

[eingerahmt] So etwas wie ein Rezept: Heute gab’s das erste Mal Nachtisch; ich nenn’s mal Obstsalat. Aber nicht wie wir ihn kennen. Grundlage war Avocadocreme, darin Papaya, Bananen und Mandarinen. Die Creme etwas dünnflüssiger als pure verdrückte Avocado, ich vermute vom Saft der Papaya.

8.2.1999, 126. Tag, Montag (dreiviertel der Reisezeit ist um)

Sowohl Klaus als auch Jonas haben mir angeboten, ihr Zimmer mit mir zu teilen, falls kein Einzelzimmer frei sein sollte zum Sesshin. Im Geheimen bin ich ob solcher Angebote immer etwas beschämt, weil mir wahrscheinlich nicht einfiele, auf diese Weise hilfreich zu sein.

Gestern Abend noch „Get together“ in der Dining Hall, so etwas wie eine Nachbereitung des Sesshin. Inhaltlich ging es dabei nicht ausschließlich um das Sesshin, eher war’s so etwas wie eine verspätete Vorstellungsrunde, jeder konnte von sich erzählen, was er wollte. Das ging erstaunlich gut, wir hatten viel Spaß dabei, obwohl auch genug Ernstes angesprochen wurde. Das ist umso interessanter, als unmittelbar vor dem Sesshin einige neue Leute hinzu kamen, die „die Alten“ vorher nicht kennenlernen konnten. Mit dem Sesshin begann auch die Schweigezeit, das Kennenlernen fand also drei Tage ausschließlich nonverbal statt. Dies schien aber den Prozess der Integration in die Gruppe überhaupt nicht zu behindern. Als das Schweigen aufgehoben wurde waren Gespräche mit den „Neuen“ auf eine viel zwangloserer Art möglich, sie waren einfach nicht mehr neu.

<O>

Auch heute Morgen wieder sehr früh aus einem Traum erwacht. Normalerweise kann ich mir Träume nicht merken. So habe ich auch diesen schon vergessen. Aber im Gegensatz zu sonst weiß ich, dass ich geträumt habe und hätte ich ihn aufschreiben wollen, direkt nach dem Erwachen, wäre das möglich gewesen.

9.2.1999, 127. Tag, Dienstag

Samu: Erde rechen, Grassamen ausstreuen (Rudi), noch mal rechen und stampfen. Stampfen ist anstrengend, aber danach lohnt sich wenigstens das Waschen.

Gestern hat es geregnet, was mich erstens von der Gießerei weg und mir zweitens ein regenwassergespültes Hemd eingebracht hat, da es gerade zum Trocknen auf der Leine hing. Fühlt sich gut an.

Auch heute Morgen wieder vor der Glocke wach gewesen. Mittlerweile glaube ich, dass ich um diese frühe Zeit die meiste Mühe habe, zu verdauen. Zumindest spüre ich die Verdauung und habe Blähungen und das macht meinen Schlaf unruhig (um es mal auf diese grobe Ebene herunterzuziehen).

Meine Meditationsbemühungen scheinen mir gerade ziemlich vergeblich. Ich bin innerlich unruhig und die Hälfte der Zeit unkonzentriert. Andererseits bekomme ich gesagt, dass meine Haltung gut ist (die meiste Zeit jedenfalls) und ich ruhig sitze. Beides Aussagen, die ich über mich keinesfalls getroffen hätte. Lassen wir es mal offen, wer besser über mich Bescheid weiß, ich oder die anderen.

 <O>

Habe gerade von Rolf die Adresse der Kalaripayat-Schule in Trivandrum bekommen. Er hat dort die Grundausbildung gemacht, die er für die Theaterarbeit mit einer traditionellen indischen Theatergruppe brauchte. Kampfkunst und Theaterarbeit haben identische Gesten und Positionen, deshalb.

<O>

Schon zweimal habe ich von verschiedenen Menschen gesagt bekommen, sie hätten das Gefühl, ich sei schon viel länger da, als ich es tatsächlich bin. Ich freue mich darüber, scheint es doch auszudrücken, dass ich hier ganz gut „reinpasse“.

10.2.1999, 128. Tag, Mittwoch

Schweigetag

  • Anspannung Entspannung
  •  [Eine kleine Bleistiftskizze] dies ist die Stelle, auf die ich stundenlang starre, möglichst ohne Fokus. Schlitze zwischen den Dielenbrettern und eine sprach Spachtelstelle.
  • Tasche, Z  Ring, Thermosflasche (Hinwendung zum Konservativen)
  • das Schaffen einer Seele
  • Thomas Moore, „Seel-Sorge“, Knaur
  • Zaun

Schon nach dem Sesshin sind viele abgefahren, heute noch einmal ein Schwung. Für kurze Zeit sind wir nur wenige. Die ersten „Neuen“ tauchen schon auf, unbekannt noch, fremd. Das Zendo atmet Menschen ein und aus. Viele kleine Trennungen, mehr Trennungen von gewohnten Gesichtern als von lieb gewonnenen Menschen. Trotzdem, wer gibt schon gerne Gewohnheiten auf.

Für den Schweigetag haben wir wieder ein paar Fragen mitbekommen. Wer wir sind und wie wir das geworden sind? Wo wir noch hin wollen? Für solche Fragen bin ich gerade – aber wann überhaupt – nicht drauf. Lieber möchte ich schweigend und verträumt in der Gegend rumlaufen, schlafengehen bis zur Meditation, und dann meditieren bis zur Mahlzeit, und danach vielleicht verträumt in den …

Mag schon sein, dass hier das eine oder andere in Bewegung gerät, ausdrücken kann ich das alles nicht. Vielleicht bin ich auch nur zu faul oder ich traue mich nicht, es niederzuschreiben. Traue mich vor mir selbst nicht! Allein dieses „in Bewegung geraten“ empfinde ich als Verrat an dem, der ich war (auch wenn sich ein anderer Teil von mir nichts mehr wünscht).

Und dann fehlt mir natürlich die Sprache. Wenn ich aufschreiben wollte, was mir zu dem Spiegelstrich (siehe oben) „Das Schaffen einer Seele“ durch den Kopf geht, müsste ich vermutlich ziemlich abheben (oder eintauchen, wie nah sich die Extreme manchmal sind).

Aber die Fragen, die dahinter stehen, lassen sich relativ leicht formulieren:

Wie bekommt man in eine verarmte „moderne“ Restseele wieder etwas leben?

Was macht ein reiches Seelenleben überhaupt aus?

Was ist das für ein Bereich, den wir als Seele bezeichnen?

Ist doch interessant, allerdings auch etwas beschämend, dass ich nach annähernd drei Therapien, einem Sozialpädagogikstudium und der Lektüre von circa 763 Büchern zum spirituellen Leben auf diese Fragen noch immer keine schlüssige Antwort habe.

Das Gute daran ist, dass ich bis jetzt jede dogmatische Antwort auf diese Fragen vermieden habe!

<O>

Spaziergang auf dem Gelände. Es ist viel größer als ich dachte. Morgen werde ich mal die Außengrenze ablaufen. Außerdem einen Ausgang entdeckt, der zu einem Bach führt, der den Hang hinunter wasser-ge-fallen kommt. Auch einige „Motive“ entdeckt, es muss aber heller sein zum fotografieren, zumindest mit der Kamera, die ich dabei habe.

Der Garten ist großartig !

<O>

Der freie Donnerstag beginnt Mittwoch nach dem Abendessen, d. h. die letzte Stunde Meditation fällt aus. Und nun bemerke ich, dass sie mir fehlt. Auch der Gedanke morgen den ganzen Tag nicht zu meditieren ist eher von einem Gefühl des Verlusts begleitet als von „ Frei-tags-freude “.

11.2.1999, 129. Tag, Donnerstag

Ärger mit der Kamera oder vielleicht auch dem Film, auf jeden Fall konnte sie plötzlich nicht mehr weiter transportieren. Musste zurückspulen. Habe nun leider keinen neuen Film dabei. Da bleiben einige Bilder ungeknipst.

13.2.1999, 131. Tag, Samstag

Samu: Landgewinnung, grobes Unkraut raus, durch Hagen, Steine raus, nivellieren. Leider nur kleine Mauern rund um die Bäume ausbessern und aufstocken. Trotzdem, besser als keine Mauern und Jonas, mit dem zusammen ich die Arbeit teile, mag das Steine setzen nicht, sodass ich wohl die meisten Steinarbeiten übernehmen kann.

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Eine Geschichte : Zehn Weise sollen ihre Weisheit zusammenfassen in zehn Büchern, in einem Buch, einem Kapitel und schließlich einem Satz. Was bleibt ist: „This too shall pass “ („ Auch das wird vorübergehen “).

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Manche beschreiben das Zendo als einem Ort, an dem man mehrmals am Tag für 2 Stunden fastet. Wegen der häufigen Mahlzeiten.

14.2.1999, 132. Tag, Sonntag

4.  Dokusan
[…] (kein Koan ist leicht!).

Ab morgen ist Sesshin, heute ist Sonntag, kurz, die Bücherei ist die nächsten Tage unzugänglich. Dumme Sache, denn auf der Suche nach einer Antwort wäre ich zuerst in die Bücherei gegangen, nicht um „abzugucken“, sondern um überhaupt mal etwas zu den Koans und der Methode, sie zu lösen (falls es so etwas gibt), zu finden. Fest steht: Zen hat seine eigene Sprache und eine – dem Westmenschen nicht unmittelbar zugängliche – Tradition. Da hineinzuwachsen ist eine Aufgabe des Schülers. Die Koans mögen das beschleunigen. Zu allererst aber gilt [im Tagebuch eingerahmt]: Dein eigenes Leben ist das Koan überhaupt! Dieses Koan will gelöst sein, und kein anderes.

15.2.1999, 133. Tag, Montag

Gestern Abend: Get together mit der „Widerstandsbewegung“.  Wie überall ist auch hier nicht alles und nicht jeder ideal. Und wie überall gibt es auch hier Menschen, die die kritikwürdigen Punkte stärker hervorheben als andere. Und ob diese Kritikpunkte nun der eigenen begrenzten Sichtweise zu verdanken sind, oder ob sie  „wirklich“ sind, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Im Wesentlichen lässt sich die Kritik wie folgt zusammenfassen:

  1. Ama Samy benimmt sich nicht immer so, wie sich ein Roshi benehmen sollte.
  2. Die Assistenten, d. h. die Menschen, die länger hier sind und die Organisation der Meditationen und das Alltagsleben übernehmen, sind nicht immer so drauf, wie es einem langjährigen Meditierenden entspricht.
  3. Die langjährigen Schüler sind so ernsthaft und den neuen gegenüber eher abgewandt.
  4. Wenn 1.-3. die Ergebnisse der Zen-Praxis sind, ist der Wert dieser Praxis zu hinterfragen.

Wenn man es so zusammenfasst, wie ich es jetzt getan habe, ist diese Kritik leicht abzutun. Es ist ein Klagen darüber, dass die Menschen so unvollkommen sind, wie sie es nun einmal sind und sich obendrein auch noch weigern, den Ansprüchen der Kritisierenden  entgegen zu kommen. Im Einzelfall aber mag jeder einzelne der Kritikpunkte, mit großer Überzeugungskraft vorgetragen, nachdenklich stimmen und zu Zweifeln führen.

Wie also stelle ich mich dazu? Richtig bedenkenswert finde ich nur Punkt 4. Die menschlichen Schwächen der „Alten“ kann ich akzeptieren, zumal die Gesamtverfassung des Zendos überzeugend ist. Wer so etwas auf solchem Niveau halten kann, hat Qualitäten, die etwas Nachsicht auf weniger entwickelten Bereichen verdienen.

Punkt 4, die Ergebnisse der langjährigen Praxis. Unbestreitbar scheint die Mehrheit der tibetischen Mönche „ besser drauf“ zu sein, als der durchschnittliche Zen-Schüler. Dass dies auch auf Vispassana-Meditierende zutrifft muss ich einfach mal glauben. Und die Sanyassins waren auch immer so lustig!

Ich glaube, derjenige, der Zen wirklich über Jahre Jahre übt, hat von Anfang an einen ziemlichen Leidensdruck mitgebracht und er hat sich aufgrund einer bestimmten Charakterstruktur eher dem Zen als einer anderen Methode zugehörig gefühlt. Aus dem mag dann die Ernsthaftigkeit entstehen, die von manchen als freudlos empfunden wird. Der Wert von Zen als Methode schmälert das nicht.

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Heute ist der erste Tag des großen Sesshin. Der Tagesplan hat sich etwas verändert, morgens und abends kommt jeweils eine halbe Stunde Meditation dazu, was die potentielle Schlafens Zeit auf 7 Stunden verkürzt, real bleiben vermutlich sechseinhalb Stunden. Im Moment ist noch allgemeines Relaxen, Freizeit. Heute Abend um 20:00 geht es los.

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Deutsches Sprichwort (?): Ein Gast ist wie frischer Fisch, nach drei Tagen stinkt er. [Ich erinnere keinerlei Kontext, warum das aufgeschrieben werden musste.]

16.2.1999, 134. Tag, Dienstag

Mit der Zeit bekommt man ein recht gutes Gefühl dafür, wie lange 25 Minuten Meditation dauern. Selbst wenn die Aufmerksamkeit schwankt und gewiss nicht bei der Zeit ist.

Dem steht ein Phänomen gegenüber, dass ich heute zum ersten Mal erlebt habe, nämlich dass die Zeit scheinbar „verloren geht“. Subjektiv sind vielleicht 10 Minuten vergangen, plötzlich ertönt der Gong, das bedeutet 25 objektive Minuten sind vergangen.

Wo war „ich“ in der Zeit? Nicht träumen, man weiß wenn man träumt. Nicht meditieren im Sinne des Wissens um das eigene meditieren.

Ich habe eine Zeichnung zu diesem Phänomen gesehen (siehe links), die es so erklärt : das Bewusstsein versucht sich dem eigenen Zentrum zu nähern. In der Zeichnung der Punkt unterhalb des Meditierenden, sagen wir also, das Bewusstsein will tiefer gehen. Zeit ist nun eine Funktion der Entfernung vom Zentrum, die Zeichnung will das verdeutlichen. Je näher du deinem Zentrum bist (nehmen wir an, du tust etwas, was dir wirklich Spaß macht), umso schneller vergeht die Zeit. Umgekehrt scheint die Zeit kaum zu vergehen, dir eine Tätigkeit wirklich „fern liegt“ oder du im Widerstand gegen sie bist.

Jeder kennt das. Aber meistens ist man durch die jeweilige Tätigkeit noch irgendwie an die objektive Zeit gebunden. Beim Meditieren geht es anscheinend „tätigkeitlos“ zum Zentrum und, oops, ist die Zeit weg.

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Habe eben nochmal die von mir gesetzten Mäuerchen angeschaut. Ganz nett, ich werde sie für die Werkschau fotografieren, aber ein Teilstück werde ich noch einmal herausnehmen und korrigieren. Es setzt die Rundung nicht mit der richtigen Krümmung fort. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit hätte ich diesen Fehler vermeiden können, aber ich habe mich einfach auf einige Steine, die schon lagen, falsch lagen, verlassen [daneben eine kleine Bleistiftskizze].

17.2.1999,135. Tag, Mittwoch

Große Müdigkeit, zwischen 5:00 und 6:00 Uhr wünsche ich mir nichts mehr, als das Frühstück ausfallen zu lassen und noch mal für eine Stunde ins Bett zu gehen.

Gegen 6:00 Uhr nimmt dann der Hunger zu, also doch lieber frühstücken. Und danach ist es zu spät fürs Bett. Nächste Gelegenheit nach dem Mittagessen.

Schmerzen kommen und gehen, schon nach der nächsten Gehmeditation kann alles anders sein. Oder genau gleich! Es gibt keine Sicherheiten, ich sitze eine Stunde und bemerke erst am Ende, dass ich wirklich überhaupt keine Schmerzen habe. In den nächsten 25 Minuten schläft mir der Fuß ein, dass ich kaum laufen kann. Mal ist mir heiß, dann wieder kalt. Ganz egal wie gut ich mich zu Beginn der Meditation auf meinem Zafu [dem Sitzkissen] einrichte, es ist unbequem oder bequem, ganz nach eigenem Willen. Rückenschmerzen strahlen aus bis in die Nierengegend um anschließend fast ganz zu verschwinden. Kaum etwas ist vorhersehbar, die meisten Manipulationen an Haltung und Sitzposition sind reiner Aberglaube (der sich nicht einmal selbst erfüllt). Trotzdem suche ich weiter den „optimalen“ Sitz.

Genug geklagt , jetzt geht’s Mäuerchen bauen!

18.2.1999,136. Tag, Donnerstag

Ob es die Nachwelt jemals interessiert, wann ich welches Stern- Rätsel gelöst habe, ist fraglich. Oder ob mich das noch mal interessiert. Trotzdem sei’s erwähnt, weil ich so unglaublich stolz bin. Es ist mir zum ersten Mal gelungen zwei der mathematischen Rätsel im Stern zu lösen. Alle früheren – zumeist recht halbherzigen – Versuche habe ich sehr schnell aufgegeben. Und hier verwende ich meine knappe Zeit darauf! Zuerst es zu lösen und mich dann darüber ins Tagebuch zu freuen.

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Ich weiß jetzt warum während der Sesshin geschwiegen wird. Wenn wir darüber reden würden, wie wir uns fühlen, und vor allem wie unser Körper sich fühlt, käme es vermutlich zu Massenfluchten.

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Verstärkt wieder Gedanken ans Peters-Gelände. Damit kann ich mich stundenlang beschäftigen .

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Das Rechenrätsel habe ich mit Tante Lenis Hilfe gelöst. Sie hat mir einmal – und da kann ich nicht älter als 14 oder 15 Jahre gewesen sein [eher so um die 10, sie ist einen Tag vor meinem 11. Geburtstag gestorben] – erklärt, wie sie so ein Rätsel löst. Besser: wie Sie den Anfang findet,  die erste Zahl. Damals wie heute die Null. Ich glaube bei allen früheren Versuchen habe ich einfach die Null nicht gefunden. Und einen anderen Anfang kenne ich nicht. Soviel zum Thema „dazulernen“.

19.2.1999, 137. Tag, Freitag

  • Ich könnte ja einmal versuchen, einige Regeln zum Auffinden der ersten Zahl aufzustellen.
  • Meine Reisepläne für die Zeit nach dem Zendo müssen exakterer werden. Ich habe weniger Zeit als ich denke.
  • Zeit Diagramm für Gesamtreise [ein kleines Bild]
  • Im Brief an Frau Peters das Motiv des Verliebens (in diesem Fall in das Haus).

Teisho:
An American Roshi was asked: „Are you enlighted?“ His answer: „Ask my wife?“

Gehe hinein in die Welt und lerne zu antworten. Du wirst jeden Tag gerufen, antworte. Spiritualität soll kein Rückzug von der Welt sein. Geh in die Welt und verliere dich in sie hinein. Dann komm zurück und finde dich wieder. Dein Verhältnis zur Welt und den Menschen um dich herum ist der Maßstab, mit dem sich deine Spiritualität messen lassen muss

Spiritualität ist tätig sein.
Spiritualität ist In-Beziehung-sein.
Spiritualität ist noch viel mehr, aber ohne das ist sie nicht.

Das Sitzen ist eine Metapher auf das Leben selbst. Und eine Übung dafür. Wer 9 Stunden gut sitzen kann, weiss, wann und wo er sich anzuspannen hat und wann und wo Entspannung angesagt ist. Er weiß mit Schmerzen und mit Langeweile umzugehen. Scheinbare oder wirkliche Erfolglosigkeit sind ihm vertraut (und vermutlich schon lange egal). Er hat sich in der Unvorhersehbarkeit der nächsten 25 Minuten eingerichtet.

Er hat all das zu ertragen gelernt und jetzt kann er sitzen. An das Leben hingegeben, mit allen Sinnen wach, in sich zentriert und in der Welt zugleich.

Wie schon die Prinzessin sagte: „Man muss eine Menge Frösche küssen bis man einen Prinz findet.“

Die Aufgabe ist immer wieder zu sich selbst, zur eigenen Mitte, zum eigenen Atem, zurückzufinden. Immer wieder Haltung einzunehmen, 100 Mal einzusacken und zum 101ten Mal sich aufzurichten und zum Gewahrsein des eigenen Körpers zurückzukehren. Die endlos auftauchenden Träumereien wahrzunehmen und weiterzuschicken, aufzugeben für die karge Realität des eigenen Atems, das eigenen Körpers.

Die Belohnungen sind selten, auch das ist das Leben. Zumeist ist es mühsam. Aber es gibt eine Versprechung. Wenn wir nur tief genug hinein sehen in unser (und alle Wesen) Elend, es annehmen, es aus seinem Ausgestoßen-sein erlösen, dann nehmen die guten Momente zu. Mehr Freude, Heiterkeit, Gelassenheit, Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit werden am Rande des Weges versprochen. Und am Ende Erleuchtung. Wenn die aber anstrebt hat schon verloren. Wie überhaupt alles „streben nach“ zu vermeiden ist. Wer strebt hat schon verloren. Wie aber etwas wollen ohne es zu wollen? H. hat seit Jahren die Antwort: Feste loslassen!

Fünftes Dokusan […]

20.2.1999, 138.Tag, Samstag

Das soll mal einer sagen, sexuelle Fantasien seien für nichts gut. Da war ich also gerade dabei in Gedanken […]

In diesem Moment überkommt mich (real!) ein Schauer und Strecken, ein kleines Schütteln, alles ganz unwillkürlich und noch bevor ein kontrollierende Hirn auf Bewegungslosigkeit bestehen kann, und anschließend sitze ich in bester Meditationshaltung da. Ein Zustand, den ich sonst sehr bewusst herstellen muss, jetzt einfach mal so hingeschüttelt. Mein Körper weiß also schon, was ihm gut tut, jetzt muss er nur noch lernen, länger dabei zu bleiben.

Die Fantasie war mit diesem Schauder zu Ende, kein Problem, denn irgendwie war ich ja auf diese Weise da angelangt, wo ich hin wollte und meine Entspannung hatte ich – ganz real – auch.

21.2.1999, 139. Tag, Sonntag

Gestern Abend Ende des Sesshin, heute ein freier Tag. Wäsche waschen, Schuhe putzen, erste Vorbereitungen für die Abfahrt. Bis 25. könnte ich bleiben, aber vermutlich gehe ich früher. 30 Tage erscheinen mir so wenig und so viel zugleich. Wenig, wenn ich daran denke, was ich noch tun will hier; viel wenn ich an zu Hause denke.

Meine Reisepläne sind unsicher zur Zeit. Ich muss auswählen und das macht mir Schwierigkeiten.

Der höchste Weg ist nicht schwierig,
nicht wählerisch sein,
das ist es.

Seng Tsan: Die Meiselschrift vom Glauben an den Geist

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Gestern Abend beim Get together haben einige davon berichtet, wie hart sie mit ihrem Koan ringen. […, anerkennend] Keiner hier ist in einem Geisteszustand, der ihm das Lösen von Koans erlaubt und jeder sollte intelligent genug sein, das auch zu wissen. Und dennoch probieren Sie es!

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Es wird sehr viel mehr gelacht als vor dem Sesshin. Und jeder ist am erzählen als müssten die fünf Tage Schweigen wieder ausgeglichen werden.

22.2.1999,140. Tag, Montag

Ausflug nach Kodai zum Postamt, schauen ob Post da ist, leider keine. Das erste Mal seit vier Wochen wieder unter Indern, in Indien. Ganz gut zum Dran-gewöhnen, so ein kurzer Kontakt.

Samu: Beet umgegraben, Bohnen gesetzt und angegossen. Hab mir eine Handvoll mitgenommen, zum Setzen in meinem eigenen Garten.

Heute sind wieder etliche Leute abgefahren, wieder Abschiedsstimmung. Adressen ausgetauscht, vereinbart in Kontakt zu bleiben und irgendwo (vermutlich bei K. in W.) mal ein kleines Retreat zu veranstalten. Ich hoffe, das gelingt; alles nette Menschen.

23.2.1999, 141. Tag, Dienstag

Eigentlich sollte dies mein letzter voller Tag im Zendo sein. Aber nun ist morgen Schweigetag, was ich ganz vergessen hatte. Also bleibe ich einen Tag länger. Zu gehen, ohne den Menschen hier Tschüss zu sagen, kann ich mir einfach nicht vorstellen.

Zunächst wollte ich ja nur bis Dienstag bleiben, dann gab es irgendeinen Grund bis Mittwoch zu bleiben und jetzt wird es Donnerstag. Es fällt mir schwer zu gehen. Was mich hält ist mir selbst nicht ganz klar. Vielleicht weil es hier so westlich und so heil ist. Indien interessiert mich nicht mehr so sehr, meine Neugier habe ich verloren.

Es ist schon seltsam, das Leben hier ist sehr eintönig und geregelt, trotzdem fehlt ihm nichts. Man kriegt das Gefühl, dass es immer so weitergehen könnte, ohne Höhen und Tiefen, und nicht würde fehlen.

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Dieser Ort ist ein Ort des Ringens mit sich selbst, Außenfeinde gibt es nicht und wenig, worüber sich mit anderen auseinanderzusetzen lohnen würde. Die Arbeit ist so kurz, dass sie mehr Erholungscharakter hat (eineinhalb Stunden täglich). Diskussionen und Gespräche verlaufen friedlich, weil jeder ein guter Zen-Schüler sein will und Zen das Anhaften an Meinungen als wenig nützlich ansieht.

Es gongt zur Abendmeditation.

24.2.1999, 142. Tag, Mittwoch, Schweigetag

The very last day. Unsortierte Gedanken

  • Beim Unkraut jäten: dort, wo das Unkraut besonders gut siedeln kann (in lockerem Boden) ist es auch besonders leicht zu entfernen. Mit einzelstehenden Pflanzen in steinigem Boden hat der Entferner ist schwer. Wo will ich siedeln?
  • No pain, no gain <-> no brain, no pain (?)
  • Welche Akupunkturpunkte werden mit dem Kyusaku geschlagen? Wecken Sie tatsächlich psychische Energien?
  • Leere ist Form, Form ist Leere.??? Beispiel des Schmelzens von Silber (Leere) um es in eine Form zu gießen (Form)
  • Willst du etwas über die Vergangenheit wissen, schau in den Spiegel. Willst du etwas über die Zukunft wissen, schau in den Spiegel.
  • das Gefühl, dass jetzt noch 14 Tage mehr hier unheimlich viel bringen könnten
  • das Gefühl, dass jetzt noch 14 Tage mehr hier einfach nur anhaften wären
  • Gemüseschneideplatten, Tischaufsätze [Zeichnung]
  • Bananenblütenschale mit Blumen drin [Zeichnung]
  • Gitter vor den Fenstern [Zeichnung]
  • Libellen über den Blumen
  • nichts lässt sich wirklich festhalten

Nach dem Abendessen, von Angela angeleiert, eine „Singrunde“ für die, die gehen, sprich mich, Ronja und Kaisha! Überwiegend Liedgut aus dem religiösen Bereich; Kirchenlieder, Heilsgesänge und Abendshanties aus den Ashrams. Zum Abschluss eine geleitete Meditation. Sehr schön, aber ich war etwas unruhig und auch traurig, weil ich nichts beitragen konnte.

Vor dem Abendessen Meditation und mein sechstes und letztes Dokusan. Ich habe nach irgendwelchen speziellen Hinweisen gefragt, die ich berücksichtigen solle für meine Praxis. Nein, nichts besonderes, ich solle versuchen täglich zu sitzen und dabei herausfinden, was mir gut tut. Und ich solle nicht an der Technik kleben, womit er vermutlich meint, ich solle beim Sitzen mehr entspannen und mich weniger mit der richtigen Position stressen.

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Liebe H., der Kopierer ist kaputt und deshalb bekommst du diesen Brief mindestens vier Tage später als ursprünglich von mir geplant. Das Gute im Schlechten, die Zendo-Zeit ist jetzt vollständig erfasst. So etwas gefällt mir.

Ich schlaf jetzt, G. (drei Kreise)

25.2.1999, 143. Tag, Donnerstag morgens

Bushaltestelle Perumalmalai, ich bin wieder unterwegs.

[…]

Heute Morgen der Abschied war …, ich weiß nicht wie. Mir fiel es schwer zu gehen und ich ging eine Stunde nach dem Ronja und Kaisha mit dem Jeep nach Kodai davon sind. Ich in die entgegengesetzte Richtung zu Fuß. Viel Gedrücke zum Abschied, was es nur schwerer gemacht hat.

<O>

 Tja, so war das. Zendo-Zeit Ende, Brief Ende.

Mit Liebe, G. (drei Kreise)

[In den folgenden beiden Jahren war ich nochmals für jeweils vier Wochen im Boddhi Zendo, ich beabsichtige auch die Aufzeichnungen davon hier einzustellen. Noch ist dafür nichts getan. Wer ungeduldig ist, soll einen Kommentar hinterlassen, vielleicht geht es dann etwas schneller.]

Weihnachten in Kalkutta

eingefügt 24.12.2019

24.12.1998, 80. Tag, Donnerstag

Frühstück im Blue Sky, Müsli und schwarzer Kaffee. Habe lange (durch)geschlafen, nachdem ich mich in der Nacht ausgeschissen habe (Durchfall). Bin nicht ganz in Ordnung, Husten und sehr leichtes Fieber. Werde mich jetzt nicht davon stören lassen, sondern mich gut ernähren und hoffen, dass es vorüber geht.

Nun ist es kurz vor 12:00 und ich werde meine Pläne für den Sightseeing-Tag machen.

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Botanischer Garten
Erst zum Hooghli spaziert und mit der Fähre übergesetzt. Danach mir den Luxus eines Taxis geleistet um hinzukommen. Rückweg mit dem Bus für 1/14 des Fahrpreises.

Der botanische Garten ist angenehm ruhig, ein Platz zum Entspannen, was mir dort auch gelungen ist. Einfach nur darin herumgelaufen, die Pflanzen waren zum Teil interessant, für mich aber doch eher nebensächlich. Wichtig war die Ruhe, keine Autos, kein Gehube, keine Verkäufer. Für den Weihnachtstag genau richtig, beschauliches Spazierengehen.

25.12.1998, 81. Tag, Freitag
Den Weihnachtsabend im Mutterhaus von Mutter Theresa verbracht. Ab 8:00 abends eine Prozession mit Kerzen von der Heilsarmee zum Mutterhaus, Dauer circa 45 Minuten. Dort ein Krippenspiel, aufgeführt von den westlichen Volunteers mit netten, ungewollt humoristischen Einlagen.

Ab 22:00 dann eine Christmesse, deren Aufsteh- und Wieder-Hinsetz-Rituale mir etwa so unverständlich waren wie ein Kali-Tempel. Nach der Messe gab’s Kakao (geil) und Gewürzkuchen und eine Banane und eine Karte mit einem Spruch.

Zurück wollte ich eigentlich schnell und unkompliziert, aber irgendjemand hatte Fanis Markenturnschuhe mit seinen verwechselt (hoffentlich) und sie führte lange Zeit am Ausgang eine Fußkontrolle durch.

Zurück in der Heilsarmee dann noch eine mit Süßigkeiten gefüllte Socke auf dem Bett. Richtig nett.

Dennoch, irgendwie ist es unmöglich diesen Tag auf angemessene Weise zu begehen. Während der Messe hatte ich den Wunsch „zuhause“ geblieben zu sein (das war einfach nicht meine Art von Veranstaltung). Wäre ich aber zuhause geblieben, hätte ich dort gesessen und mich gefragt, warum ich mit diesem besonderen Tag nichts Besseres anzufangen weiß. Ich kann diesen Tag nicht begehen und ich kann ihn nicht ignorieren.

Vor diesem Hintergrund bin ich mit meiner Wahl bei Mutter Theresa zu feiern eigentlich ganz zufrieden. Ich schaue halt bei „fremden“ Brauchtum zu und bin so nah dran, wie mir möglich ist.

Aber natürlich ist es nicht der christliche Hintergrund, der das Fest so schwierig macht. In Deutschland ist Weihnachten das „Fest der Familie“ und das ist das, was in mir all diese widerstreitenden Gefühle auslöst, Traurigkeit und Bitterkeit und manchmal auch Aggression.

[…]

Frohe Weihnachten!