25270 – Die Meise des Theseus

 

Theseus hatte keine Meise (owohl, wer will das heute mit Sicherheit behaupten), aber ein Boot. Vielleicht auch nicht einmal das, aber er konnte darüber nachdenken. Für einen Philosophen ist das naheliegend. Und worüber er nachdachte – wenn Philosophen nachdenken nennt die Nachwelt das gerne Gedankenexperiment – war folgendes:

„Wenn an meinem Boot nun eine Planke kaputtginge und ich sie ersetzen würde, und später vielleicht das Steuerrad, und abermals später der Mast, ja, der gesamte Verfallsprozess einschließlich der folgenden Reparaturen sich solange fortsetzen würde, bis schließlich jedes Teil des ursprünglichen Bootes ausgetauscht wäre, wäre das dann noch mein Boot?“

Ein vermeintlicher Themenwechsel: Unter BloggerInnen wird gerade dikutiert – vielleicht auch schon nicht mehr, ich bin bei solchen Diskussionen gerne spät -, wie mit Künstlicher Intelligenz in Blogbeiträgen umzugehen ist. Das Spektrum möglicher Antworten ist so weit, wie Blogs vielfältig sind, aber unter Tagebuchbloggern, wie ich es bin, scheint eine Meinung weit verbreitet: „Kannste machen, aber ist dann halt scheiße!“

Ich bin an der Stelle wenig leidenschaftlich soweit es andere betrifft, finde es aber wichtig, sich zu positionieren und die Verwendung künstlicher Intelligenz transparent zu machen, vor allem dort, wo sie nicht offensichtlich ist. Bisher ist mir das gut gelungen, da ich meistens über meine Versuche mit KI schreibe, da ist Transparenz quasi eingebaut. Ansonsten wünsche ich mir ohnehin hier mehr stimmige „analoge“ Inhalte (was im Rahmen eines digititalen Mediums ja immer nur ein zuvor digitalisierter analoger Inhalt sein kann), schwer genug, wenn jede halbwegs gute Kamera die Fotos so sehr verbessert, dass ich lieber in meinen Fotos, statt in meiner echten Umgebung leben möchte.

Womit wir endlich in der Grauzone angekommen sind, die den Anlass für diesen Beitrag bildete. Vorgestern habe ich unter „Mangels Meise“ das Bild einer Kohlmeise an meiner Futterstation gepostet, in das die Meise mittels Künstlicher Intelligenz eingefügt war. Vermutlich ist den meisten entgangen, dass dieser Beitrag nicht unter #vögelbilder abgelegt war, unter dem ich sonst die Bilder von Vögeln ablege. Es wäre mir falsch vorgekommen, ähnlich dem, auf dem Flohmarkt ein Löwenfell zu kaufen und es unter #meineSafari abzulegen.

Anders erging es mir mit dem Beitragsbild oben. Es ist mit Künstlicher Intelligenz nachgeschärft und obwohl es eindeutig nicht dasselbe Bild ist, empfinde ich es doch als meins – wer möchte darf hier das Ausgangsbild mit dem Ergebnis vergleichen.

Womit wir bei Theseus‘ Meise wären. Wieviel an einem Bild, einem Beitrag, darf „künstlich“ hinzugefügt oder weggelassen sein, um es nicht mehr – oder vielleicht gerade noch – einer Kategorie, einem Tag oder einer sonstwie gearteten Definition zuzuordnen. Oder anders gefragt, ab wann kann ich das machen, aber es ist halt scheiße?

Theseus und andere, die bereit waren, sich mit seinem Boot zu beschäftigen, kamen bei Unterscheidungsmerkmalen wie Kontinuität, Material oder Funktion heraus. Hardliner behaupte(te)n, es hätte niemals ein Boot gegeben, und praktisch orientierte Menschen schütteln mit dem Kopf. Wir bleiben bei der Meise.

Oder besser: bei der Fotografie der Meise. Zugegeben auch das nur dann, wenn wir das Bild oben denn als Fotografie bezeichnen möchten, strenggenommen ist es eine fotorealistische Abbildung auf Grundlage einer Fotografie. Nichts darauf wurde fotografiert. Da darf mensch sich schon fragen, ob diese Abbildung in ein Tag einsortiert werden soll, das bisher nur Fotografien enthält. Eigentlich nicht. Andererseits würdet Ihr vermutlich überhaupt nicht darüber nachdenken, wenn ich diese Zeichnung mit #vögelbilder taggen würde.

Ihr merkt, die Dinge sind kompliziert, Inhalt spielt eine Rolle, Materialität auch, you-name-it, niemandem ist vorzuwerfen, die obige Abbildung abzulehnen und ab sofort andere Blogs zu lesen, die ohne diesen KI-Quatsch auskommen.

Ich habe für mich andere Merkmale gefunden, warum ich das Bild als meine Fotografie eines Vogels bezeichne und Euch auch gerne zeige.  Nur nebenbei, ich kürze jetzt ab, weil dieser Beitrag ohnehin schon viel zu lang ist. Erstes Merkmal: die Abbildung ist fast ununterscheidbar am Originalschauplatz dran, ohne eine Vergleichsmöglichkeit ist auch für Ortskundige nicht feststellbar, ob es es sich um ein Original oder eine nachgeschärfte Version handelt. Eigentlich sage ich damit, dass die KI an dieser Stelle nur ein aufgebohrter Algorithmus zum Nachschärfen ist. Und nachgeschärft habe ich schon immer, wenn es möglich war. Wenn ich ehrlich bin, überzeugt mich dieses Argument maximal zu Hälfte, denn die Sonnenstrahlen zur Stimmungsaufhellung haben so ganz eindeutig nichts mit nachschärfen zu tun. Aber heh, mit Sonne ist es das bessere Bild. Und ebenso klar, in einem Foto-Blog hätte das Bild nichts zu suchen.

Das zweite Merkmal ist das wichtigere Argument, es geht um den Prozess der Bildentstehung. Der obige Vergleich mit einem Löwenfell vom Flohmarkt, das eine Safariteilnahme nahelegt, weist schon in diese Richtung. Die unscharfe Meise im Originalfoto ist das Ergebnis einer längeren Fotojagd. Ich habe einige Zeit sehr ruhig an meinem Fenster gestanden, um dieses Foto zu bekommen. Und eigentlich zählen die vergeblichen Stehzeiten aus den Vortagen ja auch dazu, meint: ich habe laaange gestanden. Ich war auf der Safari, die Meise ist meine rechtmässig erworbene Trophäe.

Wir biegen ein in die Zielgerade. Denn das alles hätte uns bis vor wenigen Monaten noch ziemlich egal sein können, Aber wir leben in spannenden Zeiten. Wir sind gezwungen, auf vollkommen neue Weise den Bereich zwischen Original und Fälschung zu erkunden. Die Ergebnisse unseres Schaffens waren auch früher oft genung nicht originär, beschönigend sagten wir, wir ständen auf den Schultern von Riesen. Heute stehen wir auf den Schultern von Titanen. Ein geschickter Prompt macht mich von einem lausigen zu einem mittelmäßigen Fotografen. Demnächst werde ich ein wirklich guter Fotograf sein können, ohne jemals irgendetwas darüber gelernt zu haben. Und ich werde umgeben sein von wirklich guten Fotografen, Textern, Designern, Wissenschaftlern und Werbern. Die Schaffensergebnisse werden immer besser werden (vermutlich auch immer ähnlicher) und müheloser zu erreichen sein. Sie werden an Wert verlieren.

Ein Kriterium zukünftiger Wertbeimessung wird der Prozess sein, der zum Ergebnis führt. Ein sauberes und gutes Ergebnis, das mittels einer einfachen Eingabe in die KI eures Vertrauens erzielt wurde, wird weniger Wert haben, als der handgeschriebene Brief eines Neunjährigen aus dem Zeltlager. Eine händisch gezeichnete Meise ist mehr wert als ein Foto von ihr (außer Ihr musstet für dieses Foto sehr lange anstehen).

Prozess über Ergebnis, mehr sollt Ihr gar nicht mitnehmen heute. Meisenfotos und Philosophenboote sind da nur ein Weg, um über unsere spannenden Zeiten ins Nachdenken zu kommen. Viel Spass dabei!

25091 – Ein junger Grünspecht

Obwohl ich heute lange geschlafen habe, gab es um sechs Uhr morgens herum eine Zeit, in der ich an meinem Glastisch saß, aus dem Fenster herausschaute und den Vögeln zusah.

Und versuchte, sie zu fotografieren, ich erspare Euch unscharfe Fotos von Zaunkönigen und Kohlmeisen. Aber der junge Grünspecht ist hinter dem Fahrrad doch recht gut zu erkennen, Digitalzoom und Kamera-App im Zusammenspiel sei Dank dafür.

Kontext Wertmarke und Sammelheft


Ich hatte Euch Kontext zu dieser Sache mit dem Wertmarkensammelheft versprochen. Letztlich geht es um Motivation oder Belohnung. Der Winter hat mich in seinen depressiven Fängen, Zweifel an meinem Lebenstil und den Metaphern, die ich verwende – depressive Fänge, mal ehrlich – drängen sich erst auf und dann nach Veränderung. Ich komme regelmäßig an diesen Punkt, eigentlich jeden Winter, dass ich nicht nur wenig tue, sondern zu wenig. Denn gefühlt ist spülen eh egal, oder aufräumen oder Haare kämmen. Andererseits sehe ich durchaus die Notwendigkeit. Wenn es mir nur gelänge, mich zu motivieren ….

Und regelmäßig denke ich an dieser Stelle, dass mit meinem inneren Belohnungssystem was nicht stimmt. Stimmt bestimmt auch so. Also, denke ich, könnte ich doch behelfsweise ein äußeres Belohnungssystem schaffen, dass dem Affen Zucker gibt, wenn er spült oder einen Blogbeitrag schreibt. Aber solange der Zucker, mit dem ich mich belohne, mein eigener ist, funktioniert das nicht. Mein Innen merkt regelmäßig, wenn ein Teil sich abspaltet um mal eben so zu tun, als sei er außen. Da ist kein Geschäft zu machen, ich habe den Zucker schon, ich muss ihn mir nicht mehr verdienen. Wenn ich Zucker will nehme ich ihn mir.

Aber auch um die wirklichen äußeren Belohnungen ist es schlecht bestellt. Äußere Belohnungen sind meistens Geld oder Anerkennung, fallen bei mir aber mangels Arbeit und Freunden aus. Keine Arme, keine Kekse. Weder der Spruch noch die bittere Wahrheit, die er versucht auszudrücken, sind lustig. Das Geschirr bleibt ungespült und die Zeit, die ich spare, verbringe ich damit, nicht aufzuräumen.

Soweit es mich selbst betrifft, bleibt alles bisher Gesagte also ohne jedes Ergebnis. Der Winter bleibt düster und ich unbelohnt-depressiv. Andererseits ist die Depression nur so mittelschwer und manchmal geht noch was. Zum Beispiel für andere das zu sein, was man selbst bräuchte, in diesem Fall ein äußeres Belohnungssystem.

Denn darum handelt es sich bei dem Wertmarkenheft, es ist ein äußeres Belohnungssystem. Der Lieblingsmensch gewöhnt sich das Rauchen ab und für jeden rauchfreien Tag gibt es eine Wertmarke. Damit eine Wertmarke irgendeinen Sinn ergibt muss sie etwas wert sein, in unserem Fall 10.000 Moudubi. Das muss so sein, damit am Ende nach einhundert Tagen auch wirklich eine Million herauskommt und weil ein Lakh eben 10.000 sind …

Tage später (17.12.18). Ein Lakh sind 100.000. Durch Wikipedia bestätigt (https://de.wikipedia.org/wiki/Lakh). Aus unbekannten Gründen kam an dieser Stelle im Text die Gewissheit ins Schwanken und ich habe nachgeschaut. Es ist so, ich habe mich zweifelsfrei – aber falsch – erinnert.

Und auf dieser falschen Erinnerung aufgebaut, rechnerisch und im Design der Marke. Die Erkenntnis traf mich hart. Die Vergeblichkeit der Welt gepaart mit einem angestoßenem Zeh ist dagegen vernachlässigbar.

Tags drauf die Erholung und …, also das Lakh musste weg, auf der Marke, der Schriftzug. So nämlich:

Ich bin nicht hundertprozentig zufrieden, dennoch eine gültige Fehlerkorrektur. Und was die schon eingeklebten Marken betrifft, werde ich Korrekturmarken ausgeben. So etwa:

Monate später (16.4.2019) komme ich endlich dazu, diesen Eintrag abzuschließen. Korrekturmarken wurden über bereits eingeklebte Marken geklebt, neue Marken ausgegeben und von da ab ging alles den geplanten Weg. Heute ist das Sammelheft voll und steht als Erinnerungsstück für die ersten hundert rauchfreien Tage nach mehr als 25 Jahren Nikotinsucht.

Und weil ich´s fast vergessen hätte, wert waren die Marken natürlich auch etwas. Sonst hätten sie ja nicht so heißen müssen und mit der Motivation wäre es bestimmt auch nur halb so gut gewesen. Nun ist ein Moudubi jenseits jeder Benennbarkeit in Euro, weswegen ihr an dieser Stelle Euren ureigensten Spekulationen überlassen bleibt, wieviel mir an dieser Stelle ein rauchfreier Lieblingsmensch wert war.

Und nur an dieser Stelle, denn natürlich gab es noch mehr …

Die Wertmarke

Der Entwurf der Wertmarke für das Wertmarkensammelheft ist fertig. Wie immer viel später als geplant.

Bild der Marke

Update vom gleichen Abend, aber deutlich später (11.12.2018): Die Marken sind fertig, allerdings musste ich ein helleres Grün nehmen, als oben abgebildet. Wie gewollt auf Spuckiepapier ausgedruckt, das vorgestern endlich ankam.

Demnächst dann mehr Kontext.