Reisetagebuch Indien, Boddhi Zendo, 25.1. bis 25.2.1999

Vorwort zur Veröffentlichung

Postkarte, Boddhi Zendo, 1999

25.1.1999, 112. Tag, Montag

Ankunft in Perumalmalai, Boddhi Zendo. Ein Ort, wie er eigentlich nicht in Indien sein kann. Sauber, still, große Zimmer mit europäischen Toiletten, jederzeit heißem Wasser, Tageszeitungen und Magazinen in großer Auswahl zum Lesen, gutes Essen, Kaffee und Kuchen zum Nachmittag .

Postkarte, Innenhof des Boddhi Zendo,1999

Ein gepflegter Garten und daneben ein Zen-Garten mit Steinen und geharktem Sand, ein kleiner Teich mit Seerosen. Eine Bibliothek mit Büchern zum Thema, riesig und auch mit deutschen Titeln bestückt. Kurz, die äußeren Umstände sind aufs beste arrangiert um frei zu sein für Studienarbeit und Meditation.

Ende des ersten Tages, zweieinhalb Stunden meditiert, was mir zunehmend schwerer gefallen ist. Aber, entgegen meiner Erwartung, keine Schwierigkeiten mit der Kälte, mein Pullover ist ausreichend. Und wenn nicht könnte ich mir eine Decke umhängen, was einige auch tun. Es ist hier nicht so streng, wie in der Gießener Gruppe, von wegen keine Socken anlassen und keine farbige Kleidung. Hier scheint eine Menge zu gehen, solange man nur meditiert.

So und jetzt geh ich ins Bett und mit etwas Glück beim Einschlafen krieg‘ ich noch 7 Stunden Schlaf.

26.1. 1999, 113. Tag, Dienstag

Dieser Ort ist kein Bestandteil der indischen Welt. Seit dreieinhalb Monaten habe ich in keinem so guten Bett geschlafen. Gute Matratze, gutes Oberbett und dick genug für die Temperaturen hier. Das Frühstück supergut, endlich mal genug Kaffee oder Tee, Toast und Samba für den, der indisch frühstücken möchte, Ei, Toast, Butter, Marmelade für die, die es europäisch mögen. Oder von allem etwas, es ist ein Bufett. Nach den Mahlzeiten spült man sein Geschirr und bringt es zurück an den Ort, wo es für die Mahlzeiten bereitsteht.

Auch bei der Morgenmeditation keine Probleme mit der Kälte. Meine größte Sorge war umsonst .

Mein erstes Dokusan, nur eine kurze Begegnung mit der Empfehlung auf die Atmung zu achten. Ein Büchertipp: „Die drei Pfeiler des Zen“ (P. Kapleau). Habe ich schon zu Hause gelesen, aber ich werde es mir raussuchen und bestimmt Neues entdecken

Irgendwie fühle ich mich wie ein Betrüger, der einen Meditierenden mimt, um all die Vorzüge dieses Ortes genießen zu dürfen.

8:00 bis 9:30 Uhr Samu, Arbeit für die Gemeinschaft, ich bin im Garten zum Sandsieben eingeteilt. Schöner feiner Sand soll das sein, an einem Platz der vielleicht 3 × 4 m misst. Dort ist schon Sand, nur feiner soll er sein und all die kleinen Äste und Blätter und Nadeln sollen heraus. Ich mache die Arbeit nicht allein, sondern zusammen mit Klaus, einem anderen Besucher hier. Lieber würde ich es allein machen und mich weniger absprechen müssen, aber es geht auch so.

Meine erste Study-time in der Bibliothek verbracht und mir Literatur ausgeborgt, unter anderem auch ein Buch von Ama Samy selbst. Ich möchte wissen, mit wem ich zu tun habe. „Die drei Pfeiler des Zen“ sind wie erwartet hilfreich.

27.1. 1999, 114. Tag, Mittwoch,
normalerweise ein Tag mit dem Stundenplan, wie er für Sesshins gilt, d.h. 6 Stunden Meditation. Ama Sami hat dies für heute in einen Schweigetag mit dem üblichen Stundenplan gewandelt. Ich vermute, den vielen Neuen, wie auch ich einer bin, zuliebe.

Heute ist mein dritter Tag hier und so langsam spüre ich die Meditation in den Knochen, oder besser wohl Muskeln und Sehnen. Die Rücken- und Nackenmuskulatur beginnt sich zu verkrampfen und der linke Fuß, der infolge meines „verknickten“ rechten Fußes, immer oben liegen muss (beim halben Lotussitz) spürt die ständige Überdehnung. Unwillkürlich beginne ich zu schonen und meine „gute“ Meditationshaltung vom ersten Tag ist dahin.

Auch meine Konzentration ist schlecht. Anders als bei geleiteten oder Bild- oder Mantrameditationen soll bei der Zen-Meditation der „Kopf von Gedanken frei sein“. Das gelingt mir für höchstens zwei Atemzüge. Manchmal merke ich gleich zu Beginn eines Gedankens, dass ich „denke“ und gehe zum Atem zurück. Es kommt aber auch vor, dass ich 5 Minuten (selten mehr) so dasitze, als ob ich meditiere, und meinen Gedanken nachhänge. Wann man das dann endlich bemerkt, kann man sich noch kurz über den Inhalt der gerade bemerkten Gedanken Gedanken machen. Das ist sicherlich lobenswert, Meditation ist das nicht.

Als Frage sollen wir in diesem Schweigetag mithineinnehmen, „wo wir gerade stehen“. Nun, ganz am Anfang würde ich sagen.

<O>

Habe mir heute zum ersten Mal während der Nachmittagsmeditation den rituellen Schlag auf die Schultern geben lassen (dessen Namen ich schon wieder vergessen habe). Ich bin mir unsicher über die Wirkung, aber vielleicht hat er wirklich die Rückenmuskulatur etwas entspannt.

Es ist jetzt 17:35 und das bedeutet, dass der Tag fast zu Ende ist. Außer Meditation und Abendessen kommt jetzt nicht mehr viel (18 bis 19:00 Zazen, 19 bis 20:00 Abendessen, 20 bis 21:00 Zazen). Vielleicht noch etwas lesen.

Ich neige dazu, auch meine privaten Verrichtungen in den Stundenplan hinein zu nehmen. Dieser dritte Tag war dem zweiten sehr ähnlich. […] Nach der Arbeit […] waschen (wer eineinhalb Stunden im Sand spielt muss sich waschen), Escrima und Wing-Chun-Formen zwischen 17:00 und 17:30.

Meine Erfahrungen mit dem Schweigetag sind keine ungewöhnlichen. Es fällt mir nicht schwer, nicht zu reden und manchmal finde ich es beruhigend zu wissen, dass ich zumindest heute nicht von diesem oder jenem in ein Gespräch gezogen werden kann. Allerdings: übermäßige Gedanken um die uns mitgegebene Frage habe ich mir nicht gemacht.

28.1.1999,115. Tag, Donnerstag, unser freier Tag, keine Meditation, keine Gemeinschaftsarbeit (sofern sie nicht unumgänglich ist, z. B. Gemüse schneiden fürs Mittagessen).

Trotzdem ist es natürlich möglich zu meditieren und ich habe das auch schon zweimal jeweils vor den Mahlzeiten getan. Vor dem Abendessen werde ich es wohl auch tun.

Als Feiertagsbeschäftigung bin ich auf den „kleinen Peak“ gelaufen, einen der Berge , die uns hier umstehen. Eine nette kleine Tour, etwas mehr als 2 Stunden hin und zurück. Oben auf dem Gipfel etwas mit der Kamera gespielt, d. h. den Versuch unternommen mit einer schlechten Kamera ein gutes Bild aufzunehmen. Fotografiert habe ich den „großen Peak“, zu dem wir am frühen Sonntagmorgen (4:00 Uhr) als Gruppe aufbrechen wollen. Auf das Bild bin ich wirklich gespannt.

Zwischendrin immer wieder Zeit zu lesen, unter anderem auch das Buch von Ama Samy, das ich aus der Bücherei ausgeliehen habe. Um ehrlich zu sein, ich verstehe vielleicht ein Zehntel davon, es ist nicht für Anfänger geschrieben, sondern ist ein Beitrag zur Diskussion innerhalb der Zen-Gemeinde mit ihren verschiedenen Ausformungen. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich in der Tradition der Laien-Zen-Gemeinschaft  Sambokyodan übe (also nicht Soto-Zen, wie die Gruppe in der Liebigstraße, und nicht Rinzai-Zen, wie die Gruppe in Wettenberg).

Ama Sami ist ein ruhiger, sympathischer Mann, der nicht viel spricht. Es war mir relativ schnell möglich, mich in seiner Gegenwart ungezwungen zu fühlen, obwohl natürlich ein Rest Befangenheit (ob der Erleuchtung) bleibt. Er nimmt an den Morgen- und Abendmeditationen teil und auch an den Mahlzeiten. Bei allem ohne irgendwie eine Sonderstellung einzunehmen. Natürlich, bei den Meditationen ist sein Platz „vorne“, aber da sitzen auch noch die vier Assistenten (die Sutras ansagen, Glocken oder Hölzer schlagen und auf die Zeit achten). Während der Mahlzeiten ist sein Platz dort, wo frei ist, genau wie bei uns allen. Heute Morgen habe ich zufällig beobachtet, dass er es war, der unser Spülwasser vorbereitete, indem wir nach den Mahlzeiten unser Geschirr abwaschen, ein „Primus inter Pares“.

29.1.1999, 116. Tag, Freitag

Zu unserer Morgeneditation gehört das Rezitieren von Sutras, zumeist zweimal in der Orginalsprache (keine Ahnung, welche das ist) und dazwischen einmal in Englisch. Der Abschluss ist immer:

Ti Sarana

Ich nehme Zuflucht zum Buddha

Ich nehme Zuflucht zum Dharma

Ich nehme Zuflucht zum Sangha

 

Ebenfalls oft rezitiert werden die vier großen Gelübte:

Die vier großen Gelübte

Zahllos sind die Lebewesen –
ich gelobe alle zu retten.

Unzählige Gefühle und eitle Gedanken –
ich gelobe sie alle zu lassen.

Die Tore zur höchsten Weisheit sind unzählbar –
ich gelobe durch alle zu gehen.

Der Weg des Buddha ist unüberschreitbar –
ich gelobe ihn bis zu Ende zu gehen.

<O>

Je mehr wir uns unserer Erwartungen bewusst sind, desto eher erkennen wir den Drang, lieber das Leben zu manipulieren, als es so zu leben wie es ist.“  Jojo Beck, Zen im Alltag.

<O>

Als ich heute zur Mittagsmeditation kam, hatte jemand für mich mein Kissen und das Leinentuch, das ich zum Unterfüttern für das Knie nehme, ordentlich gerichtet. Die Botschaft ist klar: so sollst du deinen Platz verlassen! Ich hatte es vergessen, war einfach aufgestanden und hinausgelaufen. Tja, so kommt man niemals zur Erleuchtung, vermutlich nicht mal zu den kleineren „Belohnungen“, die dem Übenden auf dem Weg zufallen sollen.

<O>

„Es ist einfach dumm, immer wieder dasselbe zu tun und unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten.“ Bruno M. Schleeger

<O>

 „Would you rather be right or happy?“ Jerry Jampolski

 

30.1.1999, 117 der Tag, Samstag

Habe gestern Abend zu viel gegessen, was sich bei der anschließenden Meditation und selbst heute Morgen noch ausgesprochen störend ausgewirkt hat.

Vom Ende des Abendessens bis zum Ende des Frühstücks ist Schweigezeit, wobei sie zumeist in der Mitte des Frühstücks durch das zusammenschlagen von zwei Hölzern abgekürzt wird. Heute war das nicht so, stattdessen hatten wir Musik zum Frühstück, Klavier und Gitarre, klassisch, aber doch nicht. Trotzdem war die Stimmung auf’s Angenehmste verändert und ich blieb einige Zeit sitzen um der Musik zuzuhören, der ich unter anderen Umständen nichts hätte abgewinnen können.

Heute Morgen bin ich das erste Mal etwas unwillig erwacht, „zu früh“, „zu müde“, etc., im Kopf, vielleicht liegt es am Schnupfen, vielleicht am vielen essen; wie auch immer, wenn ich unwillig bin, dann mache ich halt unwilligen Zen.

<O>

Meine Klobrille ist vom Typ „Champion“, besser noch „from the makers auf Commander“. Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich mir einen Typ vorstelle, auf dem Klo sitzend und fühlend wie ein Champion oder ein Commander. Wer fühlt sich von solchen Produktnamen angesprochen?

<O>

 Zen ist mühsam!

 

31.1.1999, 118.Tag,  Sonntag

3:45 Uhr, in einer Viertelstunde Aufbruch zum „Peak“. Wir wollen schweigend aufsteigen, angeführt von Stephan, der den Weg kennt. Es ist Vollmond und so werden wir den Weg finden, sagt er.  Ich habe keine Erfahrung mit Vollmondwanderungen. Auch nicht mit Wanderstöcken, er hat empfohlen einen mitzunehmen, also habe ich mir einen aus den alten Ästen herausgeschnitten.

Im Rucksack (geliehen) habe ich eine Decke und einen zweiten Satz Kleidung, denn wir werden feucht werden vom Morgentau und auf dem Peak wird Wind sein. Klingt nicht einladend, trotzdem verspreche ich mir ein Erlebnis.

<O>

Schön war’s. Einen Wanderstock zu haben war sehr gut. Da wir nachts wanderten – auf zum Teil steinigen, zum Teil von Büschen überwucherten Pfaden, ersetzte er einen Teil der Sichtfähigkeit. Ob dunkle Flecken Löcher, feuchte Stellen, Kuhscheiße oder einfach nur dunkle Flecken sind, lässt sich bei Mondschein auf die Schnelle nur mit einem Stock entscheiden. Auch Höhenunterschiede und Steigungen lassen sich mit ihm gut vorausahnen und wahrnehmen. Stichwort „vorausahnen“, was der Stock da übernimmt ist vermutlich rechtshirnig (intuitiv), das heißt linkskörperlich. Das fällt mir auf, weil ich nach einer Zeit total verkrampft in Arm und Schulter war, als ich den Stock rechts trug. Auf der linken Seite war das alles kein Problem mehr.

2 Stunden sind wir in der Nacht gewandert, haben kleine Mauern und Bäche überquert und sind lange Zeit im Wald gelaufen. Dann nach einem letzten steilen Stück, sind wir auf dem Gipfel, einer zu den Rändern hin leicht abschüssigen und baumbestandenen Wiese.

Dort angekommen war es so kalt und windig wie erwartet. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, wenn es auch schon dämmrig war. Die im Rucksack mitgebrachte Decke tat gute Dienste und kurze Zeit später gab es auch ein Lagerfeuer zum wärmen. Das erste seit annähernd vier Monaten, das den Namen wirklich verdient. Die Lagerfeuer am Abend habe ich vermisst. Stefan hatte ein Frühstück für uns mitgenommen; Brot, Marmelade, Hefezopf (!), und selbst auf Kaffee mussten wir nicht verzichten.

Während des Frühstücks ging die Sonne auf und bald darauf wurde es merklich wärmer. Die Decke konnte lockerer gefasst werden, das Lagerfeuer etwas niedriger brennen. Gespräche begannen in kleinen Gruppen, manche ruhten, andere erkundeten den Gipfel. Ich unterhielt mich mit Regine und irgendwie kam es, dass ich mein ganzes „Päckchen“ aufpackte, das ich hier so mit mir herumtrage, die ungeklärte Wohnsituation, das Petershaus (an dem ich noch immer hänge), meine Eltern und Gerhard. Es tat gut, das alles einmal zu erzählen.

An einer Stelle brachte ich sie zwei für mich bis dahin unverbundenen Fakten für mich überraschend zusammen. Ich hatte schon beschrieben, dass […]. Und, merkte ich an, selbst wenn  […].

„Und das erklärt, warum du nicht mehr bei deiner Familie bist!“. Oder so ähnlich, sagt sie. Später fiel mir dazu die Vogelmutter ein, die bei Gefahr den Fuchs vom Gelege weg lockt.

Ich weiß nicht, wie viel an dieser Erklärung dran ist, aber sie geht mir nach. Vielleicht auch nur, weil sie so ehrenhaft ist, mich so gut aussehen lässt.

Zum Abstieg (9:00) war es dann schon so warm, dass wir unsere Pullover ausziehen konnten. Nun konnten wir auch die Landschaft sehen, durch die wir gingen. Eindrucksvoll alles, insbesondere aber die Rhododendronbäume mit ihren roten Blüten. Was bei uns als Busch so vor sich hin mickert wird hier ungepflegt zum ganzen Baum!

<O>

Am Nachmittag eine kleine Geburtstagsfeier für Rudi, den Schweizer, der hier den Garten betreut. Nur ein Gedanke dazu. Die Menschen, die hier länger oder wiederholte Male sind, haben so etwas wie eine Sangha (eine Gemeinde, Gemeinschaft) gebildet und achten aufeinander und sorgen füreinander. Ich bin etwas neidisch auf ihr Zusammengehörigkeitsgefühl (falls das nicht nur eine Projektion meiner eigenen Sehnsucht ist). Nein, ich bin neidisch, auch wenn es nur eine Projektion ist.

1.2.1999, 119. Tag, Montag

Heute beim Samu aus Versehen eine dreiviertel Stunde länger gemacht. Nachdem ich den Sand gesiebt hatte, der in einem kleinen „Becken“ lag, fiel mir auf, dass ein Stück der Mauer zum Becken hin angefangen, aber nicht beendet war. Ich fing also an das „mal schnell“ zu ergänzen, mit obigem Ergebnis.

Morgen werde ich zur Samu wohl mein Zimmer räumen und putzen müssen, da die „zuerst bewilligte“ Zeit um ist. Für die Zeit des kleinen Sesshin muss ich in eine Behelfsunterkunft umziehen, danach wird bis zum „großen“ Sesshin wohl wieder ein Zimmer frei sein.

„Im Gegenteil [in Bezug auf „Probleme loswerden“], ich versuche der betreffenden Person das Problem zurückzugeben, indem ich ihr aufzeige, worin seine Notwendigkeit, sein Sinn, vielleicht sogar sein Wert bestehen. “
Thomas Moore, „Seel-Sorge“

Wenn es auch nicht der Sinn sein mag, so ist der Wert […] doch, dass der Fuchs nicht an das Gelege kommt.

<O>

Ein Thema, das beständig in meinen Meditationen auftaucht, ist das Peters-Haus. Es ist, als hätte ich den Anruf von Frau Peters mit der Absage an mich („das wird jetzt ein Wochenendhaus“) nie gegeben. Es ist, als wäre noch immer alles offen und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bekäme ich es. Es ist, als sei es mein Platz, es sei mir schon sicher und ich müsste mir nur Gedanken machen, was nun damit geschehen soll.

Ich denke an Umbauarbeiten, an Gartenwege und Gemüsebeete. Gerade den Garten sehe ich in der Perfektion [ähnlich wie] hier im Zendo. Nach sechs Tagen Sand sieben denke ich an [?].

Aber der Umbau der Häuser ist stark im Hintergrund. Im Garten steht mein Bauwagen, manchmal noch nicht einmal das, und ich pflege den Garten. Das Steinhaus bedarf der Reinigung in jedem denkbaren Sinn und muss vielleicht eine Zeit lang leer stehen. Das Holzhaus ist durch die vorzunehmenden Renovierungen „selbstreinigend“ (beim Arbeiten Räucherstäbchen abbrennen!) . Das Vorderhaus ist weitgehend frei von schlechten Energien, vielleicht, weil es so lange leer gestanden hat. Es genügt, dass in der richtigen Stimmung zu beziehen. Behutsam und mit der Frage, wie ein cooles Leben darin zu organisieren ist. Stück für Stück wird es langsam bezogen sein, kein schneller Einzug.

Diese durchweg positiven Fantasien unterscheiden sich stark von den Gedanken, die ich zu Hause und auch während der Reise manchmal hatte. Darin sah ich das Peters-Haus, besser Peters-Grundstück, als ein zu verteidigendes Gut gegen Übergriffe von außen, Einbrecher, Randalierer, andere Räuber et cetera. Ich dachte über Sicherheitsvorkehrungen nach, wie vergitterte Fenster und Stromfallen, Notausgänge und letzte Rückzugs- oder Verteidigungsanlagen. Die einsame Lage ist die schwere Seite der Idylle. Ich wünsche mir die Ruhe und habe Angst vor Einsamkeit.

2.2.1999, 120. Tag, Dienstag
Samu: Unkraut aus der Wiese jäten. Und es tut gar nicht weh!

3.2.1999, 121. Tag Mittwoch
Zweites Dokusan […]

4.2.1999, 122. Tag, Donnerstag

Im Samu gestern wurde mir das Wässern der drei Terrassen rechts vom Teich und Zen-Garten zugeteilt. Die erste Aufgabe, die ich nicht mag. Die Arbeit selbst ist O.K., aber die Umstände sind schwierig. Mal ist der Schlauch belegt, mal kein Wasser da. Wenn der Schlauch da ist, reicht er an manche Stellen nicht hin. Eine Verlängerung muss geholt werden. Es gibt keine Treppen an den benötigten Stellen, sodass ich durch den angesäten Hafer laufen muss, was ich auch nicht mag (der Hafer vermutlich noch viel weniger). Und so weiter. Zudem bedarf es manchmal der Absprache mit den anderen Gärtnern, was auch nicht immer einfach ist, zumal der „Obergärtner“ gerade auf einer Fortbildung weilt und daher nicht gefragt werden kann.

Immerhin, ich bekomme etwas „Feeling“ für die Gartenarbeit und könnte mir vorstellen zu Hause einen Garten mit Spaß und auf unterstem Niveau zu haben. Aber das ist nur eine vorsichtige Annäherung, die noch überprüft sein will.

<O>

Auch an etwas anderes nähere ich mich nur vorsichtig; mein erstes Koan, das ich gestern in der Dokusan erhielt. Weder rechnete ich mit einem Koan, noch hätte ich mir eines gewünscht. Eigentlich dachte ich, die Koanarbeit wäre nur für fortgeschrittenere Schüler, als ich einer bin. Wenn ich versuche, einen Grund zu finden, warum ich das Koan bekommen habe, so fällt mir nur eine ein: die Koanarbeit zwingt mich in die Beziehung zu Ama Samy. Atemzählen und -beobachten oder Shikantaza, die inhaltslose Versenkung, geht alles ohne Meister, Koanarbeit nicht.

Aus den Büchern hatte ich eine vage Vorstellung, was die Arbeit mit einem Koan bedeutet. Da ich aber sicher war, dass ich für lange Zeit nicht davon betroffen sei, habe ich nie zu sehr in die Sache hineingedacht. Nun, da ich betroffen bin, stoße ich an erste Verständnisschwierigkeiten. So dachte ich zum Beispiel, dass die Koanarbeit eine Fortsetzung der Shikantaza, der inhaltslosen Versenkung, sei, nur eben auf mir undeutliche Weise nun mit Inhalt vermischt. Mir zumindest ist es nicht möglich einerseits [nicht] zu denken und andererseits eine Frage in mir hin und her zu wälzen. Koanarbeit scheint schon vom Ansatz etwas anderes zu sein, absolut verschieden. Aber das muss ich nachfragen.

[…] Am angemessensten erscheint mir gegenwärtig eine Analogie, ein Bild, als Lösung. Aber, soviel weiß ich schon jetzt, das ist nur eine Annäherung und noch nicht die Lösung. Wäre ja auch zu schön, Erleuchtung in zehn Tagen. Nun, ich arbeite dran.

An dieser Stelle bedarf es einer Erläuterung. Ich schreibe um das Koan herum, weil ich vielleicht diese Aufzeichnungen abermals an H. schicken werde, das Koan aber nicht mitgeteilt werden soll. Alle Notizen zum Koan, die mehr als allgemeiner Natur sind, mache ich auf extra Seiten, die ich nicht mitkopiere.

<O>

 20:00 Uhr, Beginn des Mini Sesshin, das bedeutet bis Sonntagmittag schweigen und jeden ein Tag siebeneinhalb Stunden Meditation.

[…]

5.2.1999, 123. Tag, Freitag

  • Stimmung beim Warten auf das Dokusan
  • Das Chaos beim Herausgehen aus dem Zendo
  • Ama Samy beim Spülen

16.35 Uhr, schon 5 Stunden hinter mir heute, der Rücken ist verspannt und die Fußgelenke tun weh. Und noch immer zweieinhalb Stunden vor mir.

Diese Stundenzählerei macht natürlich keinen Sinn, eigentlich macht sie es sogar schlimmer. Man muss es einfach tun und an die Zeit gar nicht denken. Da ist die Übung und sie wird gut tun. Soweit die Theorie!

Insgesamt hat man beim Sesshin sehr viel weniger Zeit für sich selbst. Zu viel mehr als schlafen, essen, meditieren kommt man nicht (arbeiten habe ich vergessen). Vielleicht zweieinhalb Stunden bleiben, die man den Kopf und die Zeit wirklich frei hat.

6.2.1999, 124. Tag, Samstag

  •  große Müdigkeit
  •  Große Zweifel
  • sich verkriechen wollen

Dann kommt die Sonne durch und meine Stimmung bessert sich.

Es beginnt an die Grenzen zu gehen. Warum eigentlich nicht weiter leben wie bisher? Ist sich verbessern, verändern zu wollen nicht nur eine eitle Idee?

<O>

 – Gerhard und die Kippe in der Sanyas-Disco

<O>

Über die Hälfte des Sesshins ist vorüber und ich will versuchen, es zu beschreiben. Aber das fällt schwer. Äußerlich passiert ja nicht viel. Einmal am Tag gibt es Teisho, einen Lehrvortrag des Meisters, der etwa eine halbe Stunde dauert. Davor und danach Sutras. Dies ist das einzige, wenn man von den wesentlich längeren Meditationszeiten absieht, was einen Sesshin-Tag von einem normalen Tag hier unterscheidet.

Das Entscheidende sind also die langen Meditationszeiten. Aber was machen die? Mir schmerzende Knie und Schmerzen im unteren Rücken, mal mehr, mal weniger und manchmal auch kaum. Wovon die Schmerzen abhängen habe ich noch nicht genau raus; die Zeit, die ich gesessen habe ist nur ein Faktor. Bei manchen scheint es auch psychisch schwieriger als sonst zu sein. Ich sehe traurige Gesichter und manche geben sich etwas „heiliger“ als sonst. Ich, vermute ich, sehe einfach angestrengt aus; in „schwierige“ Bereiche meiner Psyche bin ich bis jetzt nicht vorgestoßen. Es fällt mir sehr schwer mich zu konzentrieren, bei mir zu bleiben; ich gleite leicht in Tagträumereien ab. Dabei gibt es kein bestimmtes Thema (das Peters-Haus ist etwas in den Hintergrund getreten), manches scheint geradezu belanglos. Ich sitze unruhiger als sonst, muss öfter die Haftung korrigieren, tief Luft holen, mache unwillkürliche Bewegungen, etc. …

All das ist o.k. und ich bin der Einzige, den das stört. Ama Samy hat uns deutlich genug gesagt, dass es hier nicht um Leistung geht. Schon eher um das Versuchen und darum, immer wieder zur Übung zurückzukehren, anzuschauen was an Ablenkung vorbeikommt und zur Übung zurückzukehren. Immer und immer wieder. Natürlich kommen da irgendwann Zweifel am Sinn der Übung, die Entschlossenheit wird auf eine harte Probe gestellt und ich glaube, dass dreiviertel der Menschen hier wieder gehen würden, wenn sie alleine sitzen würden. So aber hilft die Gruppe beim durchhalten.

Aber wofür das alles? Für die Erleuchtung? Für die kleinen Belohnungen am Weg (von denen manche Autoren behaupten, es gäbe sie nicht)? Wenn das das Ziel ist, funktioniert es nicht. Also versuche ich mir einzureden, ich wolle keinen „Vorteil“ rausholen. Aber das stimmt natürlich nicht. Ich will, dass es mir besser geht und ich will die kleinen Belohnungen. Und ich weiß, dass ich dafür möglicherweise jahrelang mit schmerzenden Knien unkonzentriert vor mich hin starren muss. Ob ich diese Entschlossenheit mitbringe weiß ich nicht. Entschlossenheit ist die dritte der Voraussetzungen für einen Zen Schüler.

GLAUBE, dass der Weg des Buddha funktioniert.
ZWEIFEL an allen bisher versuchten Lösungen für das „Problem“ Leben.
ENTSCHLOSSENHEIT im Üben .

<O>

Eineinhalb annähernd schmerzfreie Meditationsstunden.

Arul Maria Arokiasamy, „Leere und Fülle“, das zweite Buch, das ich von Ama Samy ausgeliehen habe. Sehr viel verständlicher als das erste. Und, in diesem Buch scheint der Mann durch, den ich hier kennenlerne. Außerdem ein Buch, das ich haben möchte, zum nochmal lesen.

<O>

[Ich wende mich hier direkt an H., weil ich diesen Teil des Tagebuchs kopieren und an sie schicken werde]

Hallo H., falls du neugierig bist, kannst du das Buch ja besorgen. Ich gebe dir das Geld dann wieder. Die Beiträge zu Christentum und Zen betreffen uns vielleicht nicht sehr, aber was er über seine Art Zen zu lernen schreibt, mag vielleicht etwas von der Stimmung hier einfangen. Sehr liebevoll, sehr akzeptierend, freilassend.

Gruß von zwischendrin, G. (drei Kreise)

7.2.1999, 125. Tag, Sonntag

Früh erwacht, noch vor der Morgenglocke um 5:00 Uhr. Von Grandiosität geträumt, irgendwie zwischen Tag- und Nachttraum. Ich muss mich davor hüten, wer so hoch träumt, wird in der Realität tief fallen.

<O>

Mein Gürtel sitzt wieder enger. Ich habe zugenommen. Kein Wunder bei drei ganzen und zwei halben Mahlzeiten am Tag. Gewohnheitsmäßig Milchkaffee mit Zucker. Und immer eine Banane zum Nachtisch. Jede Menge überflüssige Kalorien, die vom vielen sitzen natürlich nicht weggehen.

<O>

Ich habe keine Lust zur Arbeit. Aber es ist wie mit dem Zen, dann werde ich eben unlustig arbeiten.

<O>

Unlustig war’s dann auch. Habe mich über die Schlauchsucherei und allen folgenden Widernissen so in einen Widerwillen hinein gedacht, wie ich ihn bestimmt seit dem letzten Workcamp nicht mehr hatte. Hätte ich reden dürfen wäre dieser Widerwillen auch laut geworden. Null Gelassenheit.

<O>

Ende des Mini Sesshin. Einerseits bin ich froh, dass ab morgen hier wieder der „ Urlaubs-Tagesplan“ herrscht (d. h. nur 4 Stunden täglich Meditation). Andererseits wäre es interessant gewesen, zu sehen, was sich so aus dem Arbeitsfrust entwickelt hätte; so im psychologischen Schnellkochtopf.

Mein „Koan“ […]

<O>

Gerade bin ich zum zweiten Mal umgezogen, d. h. ich habe meinen Vertrag die dritte Woche verlängert. Was mit der vierten Woche und dem großen Sesshin ist, ist unklar (wie gewohnt).

[eingerahmt] So etwas wie ein Rezept: Heute gab’s das erste Mal Nachtisch; ich nenn’s mal Obstsalat. Aber nicht wie wir ihn kennen. Grundlage war Avocadocreme, darin Papaya, Bananen und Mandarinen. Die Creme etwas dünnflüssiger als pure verdrückte Avocado, ich vermute vom Saft der Papaya.

8.2.1999, 126. Tag, Montag (dreiviertel der Reisezeit ist um)

Sowohl Klaus als auch Jonas haben mir angeboten, ihr Zimmer mit mir zu teilen, falls kein Einzelzimmer frei sein sollte zum Sesshin. Im Geheimen bin ich ob solcher Angebote immer etwas beschämt, weil mir wahrscheinlich nicht einfiele, auf diese Weise hilfreich zu sein.

Gestern Abend noch „Get together“ in der Dining Hall, so etwas wie eine Nachbereitung des Sesshin. Inhaltlich ging es dabei nicht ausschließlich um das Sesshin, eher war’s so etwas wie eine verspätete Vorstellungsrunde, jeder konnte von sich erzählen, was er wollte. Das ging erstaunlich gut, wir hatten viel Spaß dabei, obwohl auch genug Ernstes angesprochen wurde. Das ist umso interessanter, als unmittelbar vor dem Sesshin einige neue Leute hinzu kamen, die „die Alten“ vorher nicht kennenlernen konnten. Mit dem Sesshin begann auch die Schweigezeit, das Kennenlernen fand also drei Tage ausschließlich nonverbal statt. Dies schien aber den Prozess der Integration in die Gruppe überhaupt nicht zu behindern. Als das Schweigen aufgehoben wurde waren Gespräche mit den „Neuen“ auf eine viel zwangloserer Art möglich, sie waren einfach nicht mehr neu.

<O>

Auch heute Morgen wieder sehr früh aus einem Traum erwacht. Normalerweise kann ich mir Träume nicht merken. So habe ich auch diesen schon vergessen. Aber im Gegensatz zu sonst weiß ich, dass ich geträumt habe und hätte ich ihn aufschreiben wollen, direkt nach dem Erwachen, wäre das möglich gewesen.

9.2.1999, 127. Tag, Dienstag

Samu: Erde rechen, Grassamen ausstreuen (Rudi), noch mal rechen und stampfen. Stampfen ist anstrengend, aber danach lohnt sich wenigstens das Waschen.

Gestern hat es geregnet, was mich erstens von der Gießerei weg und mir zweitens ein regenwassergespültes Hemd eingebracht hat, da es gerade zum Trocknen auf der Leine hing. Fühlt sich gut an.

Auch heute Morgen wieder vor der Glocke wach gewesen. Mittlerweile glaube ich, dass ich um diese frühe Zeit die meiste Mühe habe, zu verdauen. Zumindest spüre ich die Verdauung und habe Blähungen und das macht meinen Schlaf unruhig (um es mal auf diese grobe Ebene herunterzuziehen).

Meine Meditationsbemühungen scheinen mir gerade ziemlich vergeblich. Ich bin innerlich unruhig und die Hälfte der Zeit unkonzentriert. Andererseits bekomme ich gesagt, dass meine Haltung gut ist (die meiste Zeit jedenfalls) und ich ruhig sitze. Beides Aussagen, die ich über mich keinesfalls getroffen hätte. Lassen wir es mal offen, wer besser über mich Bescheid weiß, ich oder die anderen.

 <O>

Habe gerade von Rolf die Adresse der Kalaripayat-Schule in Trivandrum bekommen. Er hat dort die Grundausbildung gemacht, die er für die Theaterarbeit mit einer traditionellen indischen Theatergruppe brauchte. Kampfkunst und Theaterarbeit haben identische Gesten und Positionen, deshalb.

<O>

Schon zweimal habe ich von verschiedenen Menschen gesagt bekommen, sie hätten das Gefühl, ich sei schon viel länger da, als ich es tatsächlich bin. Ich freue mich darüber, scheint es doch auszudrücken, dass ich hier ganz gut „reinpasse“.

10.2.1999, 128. Tag, Mittwoch

Schweigetag

  • Anspannung Entspannung
  •  [Eine kleine Bleistiftskizze] dies ist die Stelle, auf die ich stundenlang starre, möglichst ohne Fokus. Schlitze zwischen den Dielenbrettern und eine sprach Spachtelstelle.
  • Tasche, Z  Ring, Thermosflasche (Hinwendung zum Konservativen)
  • das Schaffen einer Seele
  • Thomas Moore, „Seel-Sorge“, Knaur
  • Zaun

Schon nach dem Sesshin sind viele abgefahren, heute noch einmal ein Schwung. Für kurze Zeit sind wir nur wenige. Die ersten „Neuen“ tauchen schon auf, unbekannt noch, fremd. Das Zendo atmet Menschen ein und aus. Viele kleine Trennungen, mehr Trennungen von gewohnten Gesichtern als von lieb gewonnenen Menschen. Trotzdem, wer gibt schon gerne Gewohnheiten auf.

Für den Schweigetag haben wir wieder ein paar Fragen mitbekommen. Wer wir sind und wie wir das geworden sind? Wo wir noch hin wollen? Für solche Fragen bin ich gerade – aber wann überhaupt – nicht drauf. Lieber möchte ich schweigend und verträumt in der Gegend rumlaufen, schlafengehen bis zur Meditation, und dann meditieren bis zur Mahlzeit, und danach vielleicht verträumt in den …

Mag schon sein, dass hier das eine oder andere in Bewegung gerät, ausdrücken kann ich das alles nicht. Vielleicht bin ich auch nur zu faul oder ich traue mich nicht, es niederzuschreiben. Traue mich vor mir selbst nicht! Allein dieses „in Bewegung geraten“ empfinde ich als Verrat an dem, der ich war (auch wenn sich ein anderer Teil von mir nichts mehr wünscht).

Und dann fehlt mir natürlich die Sprache. Wenn ich aufschreiben wollte, was mir zu dem Spiegelstrich (siehe oben) „Das Schaffen einer Seele“ durch den Kopf geht, müsste ich vermutlich ziemlich abheben (oder eintauchen, wie nah sich die Extreme manchmal sind).

Aber die Fragen, die dahinter stehen, lassen sich relativ leicht formulieren:

Wie bekommt man in eine verarmte „moderne“ Restseele wieder etwas leben?

Was macht ein reiches Seelenleben überhaupt aus?

Was ist das für ein Bereich, den wir als Seele bezeichnen?

Ist doch interessant, allerdings auch etwas beschämend, dass ich nach annähernd drei Therapien, einem Sozialpädagogikstudium und der Lektüre von circa 763 Büchern zum spirituellen Leben auf diese Fragen noch immer keine schlüssige Antwort habe.

Das Gute daran ist, dass ich bis jetzt jede dogmatische Antwort auf diese Fragen vermieden habe!

<O>

Spaziergang auf dem Gelände. Es ist viel größer als ich dachte. Morgen werde ich mal die Außengrenze ablaufen. Außerdem einen Ausgang entdeckt, der zu einem Bach führt, der den Hang hinunter wasser-ge-fallen kommt. Auch einige „Motive“ entdeckt, es muss aber heller sein zum fotografieren, zumindest mit der Kamera, die ich dabei habe.

Der Garten ist großartig !

<O>

Der freie Donnerstag beginnt Mittwoch nach dem Abendessen, d. h. die letzte Stunde Meditation fällt aus. Und nun bemerke ich, dass sie mir fehlt. Auch der Gedanke morgen den ganzen Tag nicht zu meditieren ist eher von einem Gefühl des Verlusts begleitet als von „ Frei-tags-freude “.

11.2.1999, 129. Tag, Donnerstag

Ärger mit der Kamera oder vielleicht auch dem Film, auf jeden Fall konnte sie plötzlich nicht mehr weiter transportieren. Musste zurückspulen. Habe nun leider keinen neuen Film dabei. Da bleiben einige Bilder ungeknipst.

13.2.1999, 131. Tag, Samstag

Samu: Landgewinnung, grobes Unkraut raus, durch Hagen, Steine raus, nivellieren. Leider nur kleine Mauern rund um die Bäume ausbessern und aufstocken. Trotzdem, besser als keine Mauern und Jonas, mit dem zusammen ich die Arbeit teile, mag das Steine setzen nicht, sodass ich wohl die meisten Steinarbeiten übernehmen kann.

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Eine Geschichte : Zehn Weise sollen ihre Weisheit zusammenfassen in zehn Büchern, in einem Buch, einem Kapitel und schließlich einem Satz. Was bleibt ist: „This too shall pass “ („ Auch das wird vorübergehen “).

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Manche beschreiben das Zendo als einem Ort, an dem man mehrmals am Tag für 2 Stunden fastet. Wegen der häufigen Mahlzeiten.

14.2.1999, 132. Tag, Sonntag

4.  Dokusan
[…] (kein Koan ist leicht!).

Ab morgen ist Sesshin, heute ist Sonntag, kurz, die Bücherei ist die nächsten Tage unzugänglich. Dumme Sache, denn auf der Suche nach einer Antwort wäre ich zuerst in die Bücherei gegangen, nicht um „abzugucken“, sondern um überhaupt mal etwas zu den Koans und der Methode, sie zu lösen (falls es so etwas gibt), zu finden. Fest steht: Zen hat seine eigene Sprache und eine – dem Westmenschen nicht unmittelbar zugängliche – Tradition. Da hineinzuwachsen ist eine Aufgabe des Schülers. Die Koans mögen das beschleunigen. Zu allererst aber gilt [im Tagebuch eingerahmt]: Dein eigenes Leben ist das Koan überhaupt! Dieses Koan will gelöst sein, und kein anderes.

15.2.1999, 133. Tag, Montag

Gestern Abend: Get together mit der „Widerstandsbewegung“.  Wie überall ist auch hier nicht alles und nicht jeder ideal. Und wie überall gibt es auch hier Menschen, die die kritikwürdigen Punkte stärker hervorheben als andere. Und ob diese Kritikpunkte nun der eigenen begrenzten Sichtweise zu verdanken sind, oder ob sie  „wirklich“ sind, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Im Wesentlichen lässt sich die Kritik wie folgt zusammenfassen:

  1. Ama Samy benimmt sich nicht immer so, wie sich ein Roshi benehmen sollte.
  2. Die Assistenten, d. h. die Menschen, die länger hier sind und die Organisation der Meditationen und das Alltagsleben übernehmen, sind nicht immer so drauf, wie es einem langjährigen Meditierenden entspricht.
  3. Die langjährigen Schüler sind so ernsthaft und den neuen gegenüber eher abgewandt.
  4. Wenn 1.-3. die Ergebnisse der Zen-Praxis sind, ist der Wert dieser Praxis zu hinterfragen.

Wenn man es so zusammenfasst, wie ich es jetzt getan habe, ist diese Kritik leicht abzutun. Es ist ein Klagen darüber, dass die Menschen so unvollkommen sind, wie sie es nun einmal sind und sich obendrein auch noch weigern, den Ansprüchen der Kritisierenden  entgegen zu kommen. Im Einzelfall aber mag jeder einzelne der Kritikpunkte, mit großer Überzeugungskraft vorgetragen, nachdenklich stimmen und zu Zweifeln führen.

Wie also stelle ich mich dazu? Richtig bedenkenswert finde ich nur Punkt 4. Die menschlichen Schwächen der „Alten“ kann ich akzeptieren, zumal die Gesamtverfassung des Zendos überzeugend ist. Wer so etwas auf solchem Niveau halten kann, hat Qualitäten, die etwas Nachsicht auf weniger entwickelten Bereichen verdienen.

Punkt 4, die Ergebnisse der langjährigen Praxis. Unbestreitbar scheint die Mehrheit der tibetischen Mönche „ besser drauf“ zu sein, als der durchschnittliche Zen-Schüler. Dass dies auch auf Vispassana-Meditierende zutrifft muss ich einfach mal glauben. Und die Sanyassins waren auch immer so lustig!

Ich glaube, derjenige, der Zen wirklich über Jahre Jahre übt, hat von Anfang an einen ziemlichen Leidensdruck mitgebracht und er hat sich aufgrund einer bestimmten Charakterstruktur eher dem Zen als einer anderen Methode zugehörig gefühlt. Aus dem mag dann die Ernsthaftigkeit entstehen, die von manchen als freudlos empfunden wird. Der Wert von Zen als Methode schmälert das nicht.

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Heute ist der erste Tag des großen Sesshin. Der Tagesplan hat sich etwas verändert, morgens und abends kommt jeweils eine halbe Stunde Meditation dazu, was die potentielle Schlafens Zeit auf 7 Stunden verkürzt, real bleiben vermutlich sechseinhalb Stunden. Im Moment ist noch allgemeines Relaxen, Freizeit. Heute Abend um 20:00 geht es los.

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Deutsches Sprichwort (?): Ein Gast ist wie frischer Fisch, nach drei Tagen stinkt er. [Ich erinnere keinerlei Kontext, warum das aufgeschrieben werden musste.]

16.2.1999, 134. Tag, Dienstag

Mit der Zeit bekommt man ein recht gutes Gefühl dafür, wie lange 25 Minuten Meditation dauern. Selbst wenn die Aufmerksamkeit schwankt und gewiss nicht bei der Zeit ist.

Dem steht ein Phänomen gegenüber, dass ich heute zum ersten Mal erlebt habe, nämlich dass die Zeit scheinbar „verloren geht“. Subjektiv sind vielleicht 10 Minuten vergangen, plötzlich ertönt der Gong, das bedeutet 25 objektive Minuten sind vergangen.

Wo war „ich“ in der Zeit? Nicht träumen, man weiß wenn man träumt. Nicht meditieren im Sinne des Wissens um das eigene meditieren.

Ich habe eine Zeichnung zu diesem Phänomen gesehen (siehe links), die es so erklärt : das Bewusstsein versucht sich dem eigenen Zentrum zu nähern. In der Zeichnung der Punkt unterhalb des Meditierenden, sagen wir also, das Bewusstsein will tiefer gehen. Zeit ist nun eine Funktion der Entfernung vom Zentrum, die Zeichnung will das verdeutlichen. Je näher du deinem Zentrum bist (nehmen wir an, du tust etwas, was dir wirklich Spaß macht), umso schneller vergeht die Zeit. Umgekehrt scheint die Zeit kaum zu vergehen, dir eine Tätigkeit wirklich „fern liegt“ oder du im Widerstand gegen sie bist.

Jeder kennt das. Aber meistens ist man durch die jeweilige Tätigkeit noch irgendwie an die objektive Zeit gebunden. Beim Meditieren geht es anscheinend „tätigkeitlos“ zum Zentrum und, oops, ist die Zeit weg.

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Habe eben nochmal die von mir gesetzten Mäuerchen angeschaut. Ganz nett, ich werde sie für die Werkschau fotografieren, aber ein Teilstück werde ich noch einmal herausnehmen und korrigieren. Es setzt die Rundung nicht mit der richtigen Krümmung fort. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit hätte ich diesen Fehler vermeiden können, aber ich habe mich einfach auf einige Steine, die schon lagen, falsch lagen, verlassen [daneben eine kleine Bleistiftskizze].

17.2.1999,135. Tag, Mittwoch

Große Müdigkeit, zwischen 5:00 und 6:00 Uhr wünsche ich mir nichts mehr, als das Frühstück ausfallen zu lassen und noch mal für eine Stunde ins Bett zu gehen.

Gegen 6:00 Uhr nimmt dann der Hunger zu, also doch lieber frühstücken. Und danach ist es zu spät fürs Bett. Nächste Gelegenheit nach dem Mittagessen.

Schmerzen kommen und gehen, schon nach der nächsten Gehmeditation kann alles anders sein. Oder genau gleich! Es gibt keine Sicherheiten, ich sitze eine Stunde und bemerke erst am Ende, dass ich wirklich überhaupt keine Schmerzen habe. In den nächsten 25 Minuten schläft mir der Fuß ein, dass ich kaum laufen kann. Mal ist mir heiß, dann wieder kalt. Ganz egal wie gut ich mich zu Beginn der Meditation auf meinem Zafu [dem Sitzkissen] einrichte, es ist unbequem oder bequem, ganz nach eigenem Willen. Rückenschmerzen strahlen aus bis in die Nierengegend um anschließend fast ganz zu verschwinden. Kaum etwas ist vorhersehbar, die meisten Manipulationen an Haltung und Sitzposition sind reiner Aberglaube (der sich nicht einmal selbst erfüllt). Trotzdem suche ich weiter den „optimalen“ Sitz.

Genug geklagt , jetzt geht’s Mäuerchen bauen!

18.2.1999,136. Tag, Donnerstag

Ob es die Nachwelt jemals interessiert, wann ich welches Stern- Rätsel gelöst habe, ist fraglich. Oder ob mich das noch mal interessiert. Trotzdem sei’s erwähnt, weil ich so unglaublich stolz bin. Es ist mir zum ersten Mal gelungen zwei der mathematischen Rätsel im Stern zu lösen. Alle früheren – zumeist recht halbherzigen – Versuche habe ich sehr schnell aufgegeben. Und hier verwende ich meine knappe Zeit darauf! Zuerst es zu lösen und mich dann darüber ins Tagebuch zu freuen.

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Ich weiß jetzt warum während der Sesshin geschwiegen wird. Wenn wir darüber reden würden, wie wir uns fühlen, und vor allem wie unser Körper sich fühlt, käme es vermutlich zu Massenfluchten.

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Verstärkt wieder Gedanken ans Peters-Gelände. Damit kann ich mich stundenlang beschäftigen .

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Das Rechenrätsel habe ich mit Tante Lenis Hilfe gelöst. Sie hat mir einmal – und da kann ich nicht älter als 14 oder 15 Jahre gewesen sein [eher so um die 10, sie ist einen Tag vor meinem 11. Geburtstag gestorben] – erklärt, wie sie so ein Rätsel löst. Besser: wie Sie den Anfang findet,  die erste Zahl. Damals wie heute die Null. Ich glaube bei allen früheren Versuchen habe ich einfach die Null nicht gefunden. Und einen anderen Anfang kenne ich nicht. Soviel zum Thema „dazulernen“.

19.2.1999, 137. Tag, Freitag

  • Ich könnte ja einmal versuchen, einige Regeln zum Auffinden der ersten Zahl aufzustellen.
  • Meine Reisepläne für die Zeit nach dem Zendo müssen exakterer werden. Ich habe weniger Zeit als ich denke.
  • Zeit Diagramm für Gesamtreise [ein kleines Bild]
  • Im Brief an Frau Peters das Motiv des Verliebens (in diesem Fall in das Haus).

Teisho:
An American Roshi was asked: „Are you enlighted?“ His answer: „Ask my wife?“

Gehe hinein in die Welt und lerne zu antworten. Du wirst jeden Tag gerufen, antworte. Spiritualität soll kein Rückzug von der Welt sein. Geh in die Welt und verliere dich in sie hinein. Dann komm zurück und finde dich wieder. Dein Verhältnis zur Welt und den Menschen um dich herum ist der Maßstab, mit dem sich deine Spiritualität messen lassen muss

Spiritualität ist tätig sein.
Spiritualität ist In-Beziehung-sein.
Spiritualität ist noch viel mehr, aber ohne das ist sie nicht.

Das Sitzen ist eine Metapher auf das Leben selbst. Und eine Übung dafür. Wer 9 Stunden gut sitzen kann, weiss, wann und wo er sich anzuspannen hat und wann und wo Entspannung angesagt ist. Er weiß mit Schmerzen und mit Langeweile umzugehen. Scheinbare oder wirkliche Erfolglosigkeit sind ihm vertraut (und vermutlich schon lange egal). Er hat sich in der Unvorhersehbarkeit der nächsten 25 Minuten eingerichtet.

Er hat all das zu ertragen gelernt und jetzt kann er sitzen. An das Leben hingegeben, mit allen Sinnen wach, in sich zentriert und in der Welt zugleich.

Wie schon die Prinzessin sagte: „Man muss eine Menge Frösche küssen bis man einen Prinz findet.“

Die Aufgabe ist immer wieder zu sich selbst, zur eigenen Mitte, zum eigenen Atem, zurückzufinden. Immer wieder Haltung einzunehmen, 100 Mal einzusacken und zum 101ten Mal sich aufzurichten und zum Gewahrsein des eigenen Körpers zurückzukehren. Die endlos auftauchenden Träumereien wahrzunehmen und weiterzuschicken, aufzugeben für die karge Realität des eigenen Atems, das eigenen Körpers.

Die Belohnungen sind selten, auch das ist das Leben. Zumeist ist es mühsam. Aber es gibt eine Versprechung. Wenn wir nur tief genug hinein sehen in unser (und alle Wesen) Elend, es annehmen, es aus seinem Ausgestoßen-sein erlösen, dann nehmen die guten Momente zu. Mehr Freude, Heiterkeit, Gelassenheit, Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit werden am Rande des Weges versprochen. Und am Ende Erleuchtung. Wenn die aber anstrebt hat schon verloren. Wie überhaupt alles „streben nach“ zu vermeiden ist. Wer strebt hat schon verloren. Wie aber etwas wollen ohne es zu wollen? H. hat seit Jahren die Antwort: Feste loslassen!

Fünftes Dokusan […]

20.2.1999, 138.Tag, Samstag

Das soll mal einer sagen, sexuelle Fantasien seien für nichts gut. Da war ich also gerade dabei in Gedanken […]

In diesem Moment überkommt mich (real!) ein Schauer und Strecken, ein kleines Schütteln, alles ganz unwillkürlich und noch bevor ein kontrollierende Hirn auf Bewegungslosigkeit bestehen kann, und anschließend sitze ich in bester Meditationshaltung da. Ein Zustand, den ich sonst sehr bewusst herstellen muss, jetzt einfach mal so hingeschüttelt. Mein Körper weiß also schon, was ihm gut tut, jetzt muss er nur noch lernen, länger dabei zu bleiben.

Die Fantasie war mit diesem Schauder zu Ende, kein Problem, denn irgendwie war ich ja auf diese Weise da angelangt, wo ich hin wollte und meine Entspannung hatte ich – ganz real – auch.

21.2.1999, 139. Tag, Sonntag

Gestern Abend Ende des Sesshin, heute ein freier Tag. Wäsche waschen, Schuhe putzen, erste Vorbereitungen für die Abfahrt. Bis 25. könnte ich bleiben, aber vermutlich gehe ich früher. 30 Tage erscheinen mir so wenig und so viel zugleich. Wenig, wenn ich daran denke, was ich noch tun will hier; viel wenn ich an zu Hause denke.

Meine Reisepläne sind unsicher zur Zeit. Ich muss auswählen und das macht mir Schwierigkeiten.

Der höchste Weg ist nicht schwierig,
nicht wählerisch sein,
das ist es.

Seng Tsan: Die Meiselschrift vom Glauben an den Geist

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Gestern Abend beim Get together haben einige davon berichtet, wie hart sie mit ihrem Koan ringen. […, anerkennend] Keiner hier ist in einem Geisteszustand, der ihm das Lösen von Koans erlaubt und jeder sollte intelligent genug sein, das auch zu wissen. Und dennoch probieren Sie es!

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Es wird sehr viel mehr gelacht als vor dem Sesshin. Und jeder ist am erzählen als müssten die fünf Tage Schweigen wieder ausgeglichen werden.

22.2.1999,140. Tag, Montag

Ausflug nach Kodai zum Postamt, schauen ob Post da ist, leider keine. Das erste Mal seit vier Wochen wieder unter Indern, in Indien. Ganz gut zum Dran-gewöhnen, so ein kurzer Kontakt.

Samu: Beet umgegraben, Bohnen gesetzt und angegossen. Hab mir eine Handvoll mitgenommen, zum Setzen in meinem eigenen Garten.

Heute sind wieder etliche Leute abgefahren, wieder Abschiedsstimmung. Adressen ausgetauscht, vereinbart in Kontakt zu bleiben und irgendwo (vermutlich bei K. in W.) mal ein kleines Retreat zu veranstalten. Ich hoffe, das gelingt; alles nette Menschen.

23.2.1999, 141. Tag, Dienstag

Eigentlich sollte dies mein letzter voller Tag im Zendo sein. Aber nun ist morgen Schweigetag, was ich ganz vergessen hatte. Also bleibe ich einen Tag länger. Zu gehen, ohne den Menschen hier Tschüss zu sagen, kann ich mir einfach nicht vorstellen.

Zunächst wollte ich ja nur bis Dienstag bleiben, dann gab es irgendeinen Grund bis Mittwoch zu bleiben und jetzt wird es Donnerstag. Es fällt mir schwer zu gehen. Was mich hält ist mir selbst nicht ganz klar. Vielleicht weil es hier so westlich und so heil ist. Indien interessiert mich nicht mehr so sehr, meine Neugier habe ich verloren.

Es ist schon seltsam, das Leben hier ist sehr eintönig und geregelt, trotzdem fehlt ihm nichts. Man kriegt das Gefühl, dass es immer so weitergehen könnte, ohne Höhen und Tiefen, und nicht würde fehlen.

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Dieser Ort ist ein Ort des Ringens mit sich selbst, Außenfeinde gibt es nicht und wenig, worüber sich mit anderen auseinanderzusetzen lohnen würde. Die Arbeit ist so kurz, dass sie mehr Erholungscharakter hat (eineinhalb Stunden täglich). Diskussionen und Gespräche verlaufen friedlich, weil jeder ein guter Zen-Schüler sein will und Zen das Anhaften an Meinungen als wenig nützlich ansieht.

Es gongt zur Abendmeditation.

24.2.1999, 142. Tag, Mittwoch, Schweigetag

The very last day. Unsortierte Gedanken

  • Beim Unkraut jäten: dort, wo das Unkraut besonders gut siedeln kann (in lockerem Boden) ist es auch besonders leicht zu entfernen. Mit einzelstehenden Pflanzen in steinigem Boden hat der Entferner ist schwer. Wo will ich siedeln?
  • No pain, no gain <-> no brain, no pain (?)
  • Welche Akupunkturpunkte werden mit dem Kyusaku geschlagen? Wecken Sie tatsächlich psychische Energien?
  • Leere ist Form, Form ist Leere.??? Beispiel des Schmelzens von Silber (Leere) um es in eine Form zu gießen (Form)
  • Willst du etwas über die Vergangenheit wissen, schau in den Spiegel. Willst du etwas über die Zukunft wissen, schau in den Spiegel.
  • das Gefühl, dass jetzt noch 14 Tage mehr hier unheimlich viel bringen könnten
  • das Gefühl, dass jetzt noch 14 Tage mehr hier einfach nur anhaften wären
  • Gemüseschneideplatten, Tischaufsätze [Zeichnung]
  • Bananenblütenschale mit Blumen drin [Zeichnung]
  • Gitter vor den Fenstern [Zeichnung]
  • Libellen über den Blumen
  • nichts lässt sich wirklich festhalten

Nach dem Abendessen, von Angela angeleiert, eine „Singrunde“ für die, die gehen, sprich mich, Ronja und Kaisha! Überwiegend Liedgut aus dem religiösen Bereich; Kirchenlieder, Heilsgesänge und Abendshanties aus den Ashrams. Zum Abschluss eine geleitete Meditation. Sehr schön, aber ich war etwas unruhig und auch traurig, weil ich nichts beitragen konnte.

Vor dem Abendessen Meditation und mein sechstes und letztes Dokusan. Ich habe nach irgendwelchen speziellen Hinweisen gefragt, die ich berücksichtigen solle für meine Praxis. Nein, nichts besonderes, ich solle versuchen täglich zu sitzen und dabei herausfinden, was mir gut tut. Und ich solle nicht an der Technik kleben, womit er vermutlich meint, ich solle beim Sitzen mehr entspannen und mich weniger mit der richtigen Position stressen.

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Liebe H., der Kopierer ist kaputt und deshalb bekommst du diesen Brief mindestens vier Tage später als ursprünglich von mir geplant. Das Gute im Schlechten, die Zendo-Zeit ist jetzt vollständig erfasst. So etwas gefällt mir.

Ich schlaf jetzt, G. (drei Kreise)

25.2.1999, 143. Tag, Donnerstag morgens

Bushaltestelle Perumalmalai, ich bin wieder unterwegs.

[…]

Heute Morgen der Abschied war …, ich weiß nicht wie. Mir fiel es schwer zu gehen und ich ging eine Stunde nach dem Ronja und Kaisha mit dem Jeep nach Kodai davon sind. Ich in die entgegengesetzte Richtung zu Fuß. Viel Gedrücke zum Abschied, was es nur schwerer gemacht hat.

<O>

 Tja, so war das. Zendo-Zeit Ende, Brief Ende.

Mit Liebe, G. (drei Kreise)

[In den folgenden beiden Jahren war ich nochmals für jeweils vier Wochen im Boddhi Zendo, ich beabsichtige auch die Aufzeichnungen davon hier einzustellen. Noch ist dafür nichts getan. Wer ungeduldig ist, soll einen Kommentar hinterlassen, vielleicht geht es dann etwas schneller.]

Ein Gedanke zu „Reisetagebuch Indien, Boddhi Zendo, 25.1. bis 25.2.1999“

  1. sicherlich nicht sehr klug, an dieser Stelle ungeduld zu verraten – das ist nicht im Sinne des Nicht-Anhaftens, vermute ich. nichtsdestotrotz: immer her damit, es liest sich höchst interessant.

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