Reisetagebuch Indien, Boddhi Zendo, 12.1. bis 7.2.2000

Das 2. Jahr im Boddhi Zendo, die Beschreibung des ersten Jahres gibt es hier.

Perumalmalai, Palani Junction

13.1.2000, Donnerstag
Nach einer Nacht im Bus frühmorgens am Mittwoch in Perumalmalai angekommen, immer noch vom Fieber geschwächt. Zunächst war es schwierig, den Weg zu finden, aber einer der Teeverkäufer hat mich “eingefädelt” und danach ging’s nur noch geradeaus. Auf dem Weg den Berg hinauf habe ich den Sonnenaufgang sehen können, leider war ich so angestrengt vom Rucksack tragen, dass ich es nicht recht genießen konnte.

Umso schöner dann die Ankunft im Zendo. Ich kam kurz nach Beginn der ersten Meditation an (6:15 Uhr) und weil ich nicht stören wollte, ging ich ohne zu läuten hinein, nahm mir einen Stuhl im Innenhof und wartete.

Diese erste Stunde ist auch die Stunde des Dokusan und so konnte ich es einmal von außen erleben. Erst geht der Roshi  zu seinem Dokusan-Raum, kurz darauf folgen die ersten zwei seiner Schüler und warten, bis die Lehrgespräche beginnen. Mit dem Läuten der Glocke geht der erste hinein, wenn die Glocke abermals läutet ist sein Dokusan beendet und der nächste Schüler geht hinein. Der erste geht zurück in die Meditationshalle, sagt einem der noch wartenden Schüler Bescheid, setzt sich und meditiert weiter. Besonders schön war, dass gleich die ersten Schülerinnen Bekannte vom ersten Jahr waren, Angelika, Regina und Rosmarie. Alle drei über 60, das will ich erwähnen bei dem gehäuften Auftreten von Frauennamen. Es war wie ein nach Hause kommen.

Meinen ersten Handschlag erhielt ich dann vom Roshi selbst. In jedem Film wäre er auf mich zugekommen und hätte etwas in der Art von “Da bist du ja endlich nach so vielen Inkarnationen” gesagt. Stattdessen sagte er: “Uhh, I forgot your name.” Anschließend plauderten wir etwas über das Wetter, wie das traditionellerweise schon seit Jahrhunderten zwischen Schüler und Meister geschieht.

Tatsächlich ist das Wetter durchaus der Erwähnung wert. Seit fünf Tagen war Regen gefallen und mit mir kam zum ersten Mal wieder die Sonne heraus. Alle sind froh darüber. Anschließend hatte ich frei, den ganzen ersten Tag, und habe ihn zum Ausschlafen genutzt. Ich habe eine handfeste Erkältung, zum Schnupfen ist es ein trockener Husten hinzugekommen.

Beim Liegen heize ich auf, aber wenn ich mich bewege, fühle ich mich wohl. Insgesamt ist das alles lästig, aber nicht mehr bedrohlich. Zwei meiner Bekannten aus dem Vorjahr haben mir angedroht, mich zu pflegen, falls ich abbaue und für schlimmere  Komplikationen hat das Schicksal mir einen deutschen Arzt hergeschickt, der ebenfalls “sitzt”.

Kurz, ich bin gut angekommen und eigentlich kann es nur besser werden.

<O>

Es ist 3 Uhr morgens und ich bin wach, kein Wunder, wie schon beschrieben habe ich den ganzen gestrigen Tag geschlafen, dann ab 22 Uhr wieder und irgendwann muss es ja mal gut sein. Auch heute ist noch einmal frei und wenn es möglich ist, fahre ich nach Kodai um eine E-Mail abzusetzen, Helen Nachricht von meiner glücklichen Ankunft geben.

<O>

Am anderen Ende des Donnerstags war ich nicht in Kodai, fühlte mich nicht danach. Habe es vorgezogen, auch diesen Tag im Bett zu verbringen. Bin nur zu den Mahlzeiten aufgestanden, wenig Kontakt zu den anderen. Heute Abend die erste Meditation sehr unruhig, viele Gedanken, ich bin im Kopf dabei Briefe zu schreiben und nette Formulierungen zu erfinden, als sei ich nicht für mich hier, sondern dafür, es anderen zu beschreiben.

Links von mir sitzt Regine, womit ich sehr zufrieden bin. Erstens mag ich sie und zweitens sitzt sie sehr ruhig. Da kann ich mich in schwierigen Zeiten mitnehmen lassen. Rechts von mir ist noch frei und Platz für Überraschungen. Die Abläufe sind mir noch fremd. Ich muss mich erst daran erinnern, selbst die Handhaltung beim Gehen finde ich nicht mehr.

14.1.2000, Freitag
Auch bei der ersten Morgenmeditation wieder Briefe im Kopf. Ich werde sie wohl demnächst mal aufschreiben müssen, um sie loszuwerden.

Dokusan habe ich an mir vorübergehen lassen. Zur Ausrede habe ich, dass sie es etwas anders handhaben als im letzten Jahr. Keine Zeichen mehr mit dem Buch und so. Das gilt allerdings nur noch zwei Tage, während des Seshins wird es wieder sein wie gewohnt. Und “wie gewohnt” habe ich ja gerne.

<O>

Samu [Arbeit für die Gemeinschaft] war den ersten Tag im Garten, ab morgen werde ich die Gänge vor den Türen kehren.

15.01.2000 Samstag

16.01.2000 Sonntag
Es fällt mir schwer, nicht zu depressiv zu werden. Die Erkältung (und vielleicht die Depression) lastet auf mir. Glücklicherweise scheint die Sonne und ich sitze vor dem Outdoor-Oak mit Blick in die Berge.

[Es beginnt ein Brief, den ich anscheinend nicht abschließe und von dem ich nicht weiß, ob ich ihn jemals abgesandt habe, überschrieben mit:]

Letter to all – Einer für alle.

Bin glücklich und fiebrig (Erkältung) in Indien angekommen. Hier hat sich wenig verändert seit dem letzten Mal, für die Jahreszeit ist es zu heiß und die Männer tragen seltsame Röckchen. Das zu erkennen ging schnell, auch hier im Zendo gibt es große kulturelle Unterschiede.

Vielleicht am Erstaunlichsten: hier wird mit großer Selbstverständlichkeit gespült. […]. Sogar der Roshi spült seine Teller selbst, obwohl er das ja leicht von seiner europäischen Anhängerschaft erledigen lassen könnte. Ich jedenfalls würde ihm gerne die Teller waschen, wenn er mich dafür ein kleines bisschen erleuchten würde.

Aber nein, spülen und erleuchten muss sich jeder selbst. Überhaupt, das mit der Erleuchtung ist harte Arbeit und nachdem ich hier Menschen wiedergetroffen habe, die vor einem Jahr auch hier waren, vermute ich, dass es mit vier Wochen Intensivbemühung nicht getan ist. Schade eigentlich!

Ein besonderes Hindernis scheint neben den schmerzenden Beinen meine Neigung zu sein, während der Meditation an launigen Formulierungen für meine E-Mails zu denken. Dabei sollte ich eigentlich gar nicht denken (vereinfacht ausgedrückt). Hat schon meine Mutter gesagt: “Bub, du denkst zu viel.” Hat sie möglicherweise anders gemeint als der Roshi.

Das Haupthindernis aber, das EGO, muss man sich vorstellen wie die Matrix oder das Gedächtnisimplantat in Total Recall. Nur eine Illusion, aber gut gemacht. Spätestens wenn wir es für eine eigene Leistung halten, dass wir nicht mehr in die Windeln scheißen, ist die Ego-Implantation gelungen und zwingt uns im weiteren Verlauf zu beruflichem Engagement, Drogenkonsum, Diät oder Psychotherapie, die Vorlieben sind da verschieden.

Aber ich fürchte ich schweife ab. [Ende des Briefentwurfs]

Montag, der 17.01.2000

Dienstag, der 18.01.2000, 3 Uhr morgens.
Gestern Abend der Beginn des Sesshins. Noch am Nachmittag sind einige neue, und wie es scheint unerfahrene Menschen gekommen. Sie haben harte Arbeit vor sich.

So auch ich. Ich doktere an den Sachen rum, an denen man halt am Anfang rummacht. Wie sitze ich? Welche Haltung? Wie nicht denken? Zählen oder nicht? Kurz, ich bin hier am Anfang.

Dadurch, dass ich an den Tagen geschlafen habe und mein Tag-Nacht-Rhythmus verschoben ist, wache ich in den Nächten auf und bleibe wach. Mit den Gedanken bin ich oft zu Hause bei Helen. Am Platz. Die Kinder nehmen weniger Gedanken in Anspruch. Ich komme hier nicht an.

Sicher ist meine Erkältung, die sich hartnäckig hält, Ursache und Wirkung zugleich. Auf undeutliche Weise hat das mit Schuldgefühlen zu tun, weil ich schon wieder weg bin.

Und es hat zu tun mit meiner Intuition, dass ich nicht reisen sollte dieses Jahr. Dieses Gefühl war ja sehr stark und ich habe dann eine Kopfentscheidung für diese Reise gemacht. Weil ich mich von undeutlichen Ängsten, die sich auf Krankheiten oder Unfälle beziehen, nicht bestimmen lassen wollte. Zudem hatte sich Helen gerade von mir getrennt und vor mir lag ein langer depressiver Winter.

Vielleicht sagt die Intuition aber nur “Alles kommt anders, als du denkst, und du wirst diese Reise nicht genießen können“ oder “Was einmal gut war, muss in der Wiederholung nicht gut sein“.

Ohne die neuen Jungen wären wir hier ein ziemliches Altersheim, mehrheitlich Menschen über 50, oft viel älter! Da schleicht sich die Frage ein, was ich hier eigentlich will. Denn fortsetzen werde ich die Praxis zu Hause nicht, so viel scheint mir festzustehen.

“Die Alten” sind anscheinend aber bereit, viel Zeit aufzuwenden, haben sie vielleicht auch eher (Quatsch, ich habe alle Zeit der Welt). Letztlich, vielleicht sind sie auch näher dran an Krankheit, Alter und Tod.

Mein Start hier in der ersten Woche war von vier annähernd freien Tagen begleitet, was wegen der Erkältung gut war, mir aber andererseits zu viel Luft für depressive Gedanken gelassen hat. Ich will nicht depressiv sein. Vielleicht heisst so das Problem. Ich will nicht durchhängen, aber ich tue es und diese Woche wurde das auch durch meditatives Nicht-Tun nur schwach verdeckt.

“Wenn ich schon nichts tue, dann will ich wenigstens das richtig tun, nämlich meditativ.“ So war mein Ansatz vom letzten Jahr. Wie der Ansatz dieses Jahr heißt, weiß ich nicht. Da war ja zunächst nur dieses Darübernachdenken, ob es noch mal Sinn machen würde [, ein weiteres Mal ins Zendo zu kommen].

Was sich nach außen als „Vielleicht mache ich das noch mal”  geäußert hat. Auch Helen gegenüber musste ich die Möglichkeiten offen halten, weil “nicht gehen“ dann einfacher wäre als im umgekehrten Fall (Ich will das nicht noch mal) dann doch zu gehen.

Interessanterweise hat dann diese offen gehaltene Tür Eberhard erlaubt, den Fuß dazwischen zu stellen: “Magst du das nicht mit Bangladesch verbinden, denn da möchte ich gerne noch mal hin?“ Eigentlich hat sich da nur eine offen gehaltene Möglichkeit in meinem Leben verselbstständigt, gewissermaßen einen unerwarteten Zug entwickelt.

Diese Zugkraft zu entwickeln war aber nur möglich, weil ich „allein“ war, verlassen und ohne Aussicht auf Besserung. Ich wollte, ich könnte an dieser Stelle klarere Gedanken entwickelt. Es gibt einen Anteil Helens, der mitverursachend für diese Reise ist (sie würde das vermutlich empört abstreiten).

Gesetzt der Fall, die damalige Trennung von mir wäre – und sei es nur zum Teil – bedingt gewesen durch die Angst vor dieser Reise. Dann hätten wir es mit einer klassischen neurotischen Grundstruktur zu tun, die hervorruft, was sie abwenden will. Ich traue uns so etwas zu.

Soweit zum Ansatz, warum ich eigentlich hier im Zendo bin, möglicherweise aus Versehen, neurotischerseits.

Dass ich meiner Winterdepression auch in Indien nicht entgehen kann, wäre vorhersehbar gewesen.  Dass ich jetzt, da ich bald aufstehen muss, langsam beginne müde zu werden, auch. Nennenswerte Gedanken. Keine mehr.

<O>

Erste Meditationseinheit: heftige sexuelle Fantasien. Geht die Zeit sehr angenehm bei rum! Bleibt aber auch die Erkenntnis, dass Helen und ich unsere Möglichkeiten noch lange nicht ausgereizt haben.

Die Erkältung hält immer noch an, Schnupfen und Husten. Kaum noch der Erwähnung wert, weil gutmütig im Hintergrund. Im Vordergrund immer wieder fiebrige Schübe und ein unglaubliches Schlafbedürfnis. Ich bin in ganz ungewohnter Weise geschwächt.

Im Laufe des gestrigen Tages hat sich ein Druck im linken Unterkiefer spürbar gemacht, den ich jetzt für den Auslöser all meiner Kränkelei halte. Irgendeine Entzündung im Unterkiefer. Gerne würde ich mal mit jemand darüber reden. Aber während des Sesshins ist das nur schwer möglich. Ich hoffe, dass ich nach dem Sesshin die Entzündung mit Antibiotika platt machen kann. Wenn das so einfach geht, ich muss mich beraten lassen. Als einer der jüngeren hier sollte ich bei den älteren genügend medizinische Erfahrung finden.

Im Moment beginnen Kopfschmerzen, auch das eine neue Erfahrung. Ebenfalls links, genau wie die Nebenhöhle, von der ich kurz befürchtete, sie sei der entzündliche Übeltäter. Ich glaube aber, dass ich die Nebenhöhle mit Imaginationen während der Meditation frei gekriegt habe.

Mit dem Unterkiefer will das bis jetzt nicht gelingen. Vielleicht fehlt mir das richtige Bild oder irgendetwas anderes. Alles sehr unklar, das!

Jetzt kehren!

<O>

Heute Nachmittag Eucharistie. Wollte ursprünglich nicht teilnehmen, saß dann aber auf einmal doch drin, weil ich auf der Ankündigung mal wieder Thursday mit Tuesday verwechselt habe. Und dann Reginas Ankündigung falsch verstand.

Habe also den Gottesdienst mitgemacht und gegen Ende gibt es dann ja Blut und Fleisch Christi. Hatte beschlossen, das ganze Programm mitzumachen und als ich dann plötzlich die Hostien und den Wein vor mir hatte, habe ich es erst begriffen: Wein, Hostien darin eintunken, essen und weitergeben.  Kein Gottesdienst, sondern der lustigste Rückfall der Welt.

Interessant ist , dass wirklich sofort der Gedanke kam, die Erfahrung zu wiederholen. Nur ein Glas Wein, vielleicht mal als Stimmungsaufheller? Nein, das werde ich wohl lassen. Aber die Lust auf “mehr” war wirklich sofort da.

<O>

Heute Mittag abermals starke Kopfschmerzen links, die circa eine Stunde anhielten und dann wieder verschwanden. Stärke so, dass ich über Schmerzmittel nachgedacht habe. Könnte sein, dass sie gerade wieder beginnen. Vermutlich komme ich aber früh genug ins Bett, nur noch ein Stündchen meditieren.

Donnerstag, 20.01.2000

Freitag, 21.01.2000

Samstag, 22.01.2000
Einige unsortierte Gedanken.

Internet absuchen nach

      • Fuller und Dome
      • Hofstadters Metamagicum.
      • Wing Chun
      • Zendo

Seiten sammeln, die über Dinge berichten, die mich mal mehr beschäftigt haben. Verweist auf digitale Darstellung meines Lebens

      • Zwiegespräch,  Excerpt machen, Helen darüber schreiben
      • Idee Kursangebot umsonst und draussen
      • Werkzeug zurückziehen und sortieren
      • Eventuell Kinderwagen ebenfalls an großen Wagen anschließen
      • Finanzplanung neu, wofür will ich Geld ausgeben?

Mir gehen unglaublich viele Dinge während der Meditation im Kopf herum. Ist dann gewiss nicht mehr Zen. Nennen wir es Introspektion! Soll ja auch heilsam sein. Und gleich geht’s weiter.

Sonntag 23.01.2000, morgens
Ende der Sesshins nach dem Frühstück.

Zwischendrin habe ich einen Tag verloren, war der festen Überzeugung, dass heute Samstag sei und das Sesshin einen Tag früher als geplant endete. Ist aber nicht so, wie ich mir glaubhaft versichern ließ. Insgesamt ist dieses Sesshin von meinen “verschieden” Krankheiten überschattet gewesen und wenig “erfolgreich” im Sinne der Zen-Meditation. Wenig bei meinem Atem geblieben, immer wieder die “Vermehrung der Begriffe” (sich in Gedanken verlieren). Manchmal erlaube ich mir das auch mal, es kann entspannend sein oder auch von schmerzenden Knien ablenken.

Auf der positiven Seite steht, ob Zen oder nicht, dass es mir relativ leicht gefallen ist, die langen Zeiten durchzumeditieren oder zumindest von außen den Eindruck zu erwecken. Ich neige dazu, meine Leistung abzuwerten, bemerke ich gerade. Auch eine solch lange Zeit der Introspektion ist einiges wert.

<O>

Gedanken an […, der mich mal sehr verletzt hat]

Für welche Teile unserer Geschichte könnte ich mich von den “Begriffen” trennen, den Erwartungen, den Vorstellungen, wie etwas zu sein hat. Zum Beispiel Freundschaft. Und wo ist Vergebung möglich? Ich glaube, Vergebung ist mir möglich, aber da ist die große Angst vor der Wiederholung, die Angst, abermals verletzt zu werden.

Da ist auf kindlichem Niveau ein “Ich will wieder gut mit dir sein, wenn du mir versprichst, das nie wieder zu tun.”

Montag, 24.1.2000
Mein Leben kommt mir sehr klein und nichtig, wertlos vor. Nichts womit ich renommieren könnte. Oder zumindest nichts, womit ich vor mir selbst renommieren und bestehen könnte. Was habe ich getan? Was habe ich in die Welt gebracht? Wie wenig da ist!

Wechsel vom Brief zum Tagebuch. Der Brief soll positiv bleiben und zumindest nicht zu depressiv werden. Sitze vorm Blatt und springe von Gedanken zu Gedanken, wie ich das manchmal auch während der Meditation mache.

Viel lieber aber wäre ich in unserem Gemeinschaftsraum, die Füße auf den Ofen gelegt und mit irgendwem über irgendein nichtiges Etwas ein Gespräch führen. Bewirkt Meditation irgendetwas bei mir? Im Moment zumindest geht es mir schlechter als gewohnt. Depressive Gedanken, Gefühle des Unwerts.

Dienstag 25.01.2000
Hepar sulfuris, alle drei Stunden drei Kügelchen für zwei Tage.

Mittwoch, 26.01.2000
Wanderung zum Peak.

Donnerstag 27.01.2000
D.E. Harding Book of Leben und Tod.
Leseempfehlung des Roshi.

Heute fragt Ama Sami mich, was ich gerade lese und bietet anschließend an, mir Literatur zu empfehlen (siehe oben). Ich solle das mal lesen, wir könnten darüber reden, “beside the tea” und dann “maybe he would give me another one.” Ach ja! Das Gewechsel zwischen Englisch und Deutsch.

Ich finde es schön, dass er auf mich zugekommen ist, wenngleich es mich auch etwas unter Druck setzt. Zumindest muss ich mich ja formulieren in Bezug auf das Gelesene. Und das ist nicht immer einfach. Vielfach habe ich ähnliches ja schon gelesen, vielleicht sogar verstanden in dem Sinn, wie es einst hingeschrieben war. Nur erfahren habe ich es gewiss noch nicht. Wie also sich darüber äußern?

Morgen kommen 15 Schüler von der Kodai-Schule und ich habe erstmals Misstrauen in mir gespürt. Mein Geld, das die ganze Zeit in einem unverschlossenen Zimmer lag, versteckt. Die Jungen sind ja manchmal weniger gefestigt, sage ich mir.

Muss ich mir darüber Gedanken machen? So wenig wie über anderes.

In mir scheint etwas zu sein, dass einen Ausgleich zur Heiligkeit sucht. So wie ich damals nach meiner Zendo-Zeit in diesen dusseligen Horrorfilm musste. Habe mich eben lange damit entspannt, die mitgebrachten Pin-up-Girls anzuschauen (nach der Lektüre eines Teils der vom Roshi empfohlenen Literatur).

[… .] Trotzdem, meine Libido ist ruhelos am hin- und herschweifen. Selbst an alte Frauen heftet sie sich, wenn keine jungen da sind. Und hier sind gerade keine jungen. Obwohl, Amelie ist heute wiedergekommen. Nun, auf diese Weise habe ich in “jungen” Jahren schon erfahren dürfen, wie der alte Schwerenöter dann die gleichaltrigen Frauen anschauen wird. Und auch im Alter gibt es grosse Unterschiede. Manchen der alten Damen hier sieht man noch an, wie schön sie einmal gewesen sein müssen. Es wäre richtiger zu sagen, dass sie noch immer schön sind, nur eben gealtert.

Ein anderes großes Thema neben den Frauen ist Gewalt und Rache. Das geht mir im Kopf herum. […, der Typ], den ich an die Wand gestellt habe [und aufgrund dessen ich dann einigen Ärger hatte], ruft Rachegelüste in mir hervor. Zugleich auch die Gewissheit, dass jede Rache in letzter Konsequenz auf mich zurückfallen würde. Also nichts mit Rache. Aber schwer, sich davon zu trennen.

Und dann Gedanken an […], überhaupt nicht zu lösen, alle Probleme, die ihn betreffen. Weil da keine Vernunft ist, kein gemeinsames Weltbild, nur Wahn. Vielleicht wäre ich in einer ähnlichen Welt wie er, wenn ich meine Rachegedanken für Realität oder echte Pläne halten würde. Wenn ich versuchen würde, sie auszuführen. Wie leicht es ist, sich im Wahn zu verlieren.

Aber es bleibt das Gefühl der Bedrohung, die von ihm ausgeht, und mir fällt nichts anderes ein, als Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Was überhaupt keine Lösung sein kann. Vielleicht hat der Buddha Sex & Crime vergessen in seiner Aufzählungen der wirklichen Probleme.

Freitag, 28.1.2000
Habe eben hinten [ins Tagebuch] Hannahs Bild und ihren Erinnerungszettel für mich eingeklebt. Vielleicht weil ich mich einsam fühle und gerne zu Hause wäre. Eine sentimentale Aufwallung. Ein Anfall von Weinerlichkeit. Wie auch immer, ich glaube, die nächsten Jahre werde ich zu Hause bleiben oder Helen und die Kinder mitnehmen (oder nur Helen oder ganz jemand anderen, falls Sie mich zum Teufel jagt).

Ich muss diese letzte Klammer schreiben. Ich bin mir ihrer nicht mehr auf selbstverständliche Art und Weise sicher, obwohl ich es gerne wäre. Aber das ist zuerst intellektuell und letztlich auch aus Erfahrung nicht möglich.

[…] Vor mir auf dem Schreibtisch liegt aufgeschlagen der Wasserfarbkasten, daneben mehrere vorbereitete Untergründe für Mandalas. Aber nichts zieht mich an. Der Gedanke an das Malen langweilt mich schon. Keine neuen Ideen in mir und wenig Antrieb, die alten zu wiederholen. Mir fällt dieser Tipp ein, mit dem Kulturschock umzugehen. Nein, ich habe keinen! Es wäre ratsam, sich Dinge mitzunehmen (Kassetten, Bücher, Sportzubehör, etc.) mit deren Hilfe man sich seiner Identität versichern könne. Dinge, die man zu Hause mag und die auch im Ausland funktionieren. Der Farbkasten ist ein fehlgeschlagener Versuch, diesem Tipp nachzugehen. Ansonsten ist da nicht viel, das Tagebuch noch und ein deutsches Buch, das ich endlich nicht nur lesen, sondern auch verstehen will.

Nein, das einzige, was funktioniert, um mich zu fühlen, wie ich mich manchmal zu Hause fühle, ist die Form [eine festgelegte Abfolge von Bewegungen, die der Automatisierung eben dieser Bewegungen im Kampf dient]. Sie gibt mir ein Gefühl der Identität, des Ich-Seins. Aber man kann nicht dauernd die Form machen und die Wirkung ist ja auch nur begrenzt.

All das bestätigt natürlich die buddhistische Sicht, das Fehlen eines Ich. Da ist kein Günther übrig, wenn man ihn aus seiner gewohnten Umgebung nimmt. Da formt sich etwas Anderes, Neues in einer neuen Umgebung, das sich gewohnheitsmässig Günther nennen lässt, gewiss auch äußere und innere Ähnlichkeiten aufweist, zu dem, der vorher war. Aber doch unterschieden von vorher ist, wie die vorherige Umgebung zur jetzigen. Es gibt keinen inneren Kern des Günther-seins. Es gibt nur ein Ego, das sich für Günther hält und dem das Beschriebene gar nicht gefällt und das sich durchaus in Erinnerung bringt.

Durch Missstimmungen wie der gegenwärtigen (“Bring mich heim, dorthin, wo ich unzweifelhaft existiere!”) oder durch Fantasien von Allmacht und Ohnmacht.

<O>

Frischer Wind in unserer kleinen Gemeinde. “The students” sind da, eine Gruppe indischer Schüler, die sich drei Tage lang Meditation anschauen. Ziemliche Unruhe, keiner weiß, wie und wo. Bis jetzt sind die Untergruppen noch getrennt. Aber mehr als ein Abendessen hatten wir ja auch noch nicht zusammen. Zusammen mit den “students” sind zwei deutsche Zimmerleute gekommen, die hier in Indien auf der Walz sind. Machen in der Schule den Spielplatz neu. Und nehmen jetzt eben auch die Zen-Meditation mit.

Für die Youngsters gibt’s heute Abend eine leicht veränderten Ablauf, zweimal 15 Minuten, danach Ende für Sie und nochmal 25 Minuten für uns, die wir die Nummer hier gewohnt sind.

Samstag, 29.1.2000
Die 25 Minuten für uns wurden dann doch abgehängt, vermutlich einfach so. Aber trotzdem ein Zeichen, dass es “wir” und “sie” so wenig gibt wie “ich” und „du“.

Sonntag, 30.1.2000
Montag, 31.1.2000
Dienstag,1.2.200
Mittwoch 2.2.2000

Donnerstag, 3.2.2000
Vielleicht ist auch das Zen, tagelang nichts mitzuteilen zu haben. Entleerung? Was-auch-immer, im Übermaß ist es schwer auszuhalten. Wenn ich zu lange schweige, gehe ich mir verloren. Selten so deutlich erlebt, wie wir alle uns immer wieder durch Kommunikation erschaffen. Wie wir diese Oberfläche erschaffen, an die andere ihre Vorstellungen und Erwartungen heften können. Und die uns selbst Stabilität gibt.

Oder: ich gebe dem Gegenüber eine Vorstellung von mir. Ich übermittle ihm meinen Wert (gelegentlich wohl auch Unwert) in der Hoffnung, dass er mich in dieser Vorstellung von mir bestätigt und wertschätzt

Umgekehrt: Wenn der andere nichts über mich weiß, weiß auch ich weder mich noch ihn einzuschätzen.

Ein wichtiger Teil meiner Identität ist es, Wagenbewohner zu sein. Wagenbewohner zu sein hat für meine Selbstdarstellung den Wert eines Berufs. Dies ist es, was ich zuerst über mich mitteilen möchte. Ich lebe im Wagen. Erst danach kommt die Familie. Und dann vielleicht meine Vielseitigkeit, dokumentiert durch meine Berufe und Jobs und Fähigkeiten.

Zuletzt [im Sinne von am Wenigsten] möchte ich mitteilen (oft zuerst erfragt), dass ich mit all meinen Fähigkeiten doch abhängig von der Arbeitslosenhilfe bin. Ein Makel heftet daran. Je nach Laune kann ich das anerkennen oder abstreiten. Am Ende aller inneren und äußeren Diskussion bleibt die Frage, was ich der Gesellschaft zurückgebe dafür, dass sie mich alimentiert.

Das ist nicht nichts, aber es bleibt oft das Gefühl, es sei zu wenig. Aber mit diesem Gefühl, nicht zu genügen, bin ich aufgewachsen. Also: “nicht genug” gemessen an welchem Maßstab?

Diesen Maßstab zu erarbeiten, könnte eine interessante Aufgabe sein. Beginnen wir (wer noch?) mit dem Geld. Sagen wir, besser: ich, meine Arbeitsstunde ist 25 Mark wert. Bei 1600 D-Mark monatlich schulde ich der Gesellschaft 64 Arbeitsstunden pro Monat, heisst 16 Stunden pro Woche (grob gerechnet) oder zwei Arbeitstage.

Zwei Arbeitstage sollten also ausgefüllt sein mit Tätigkeiten, die im weitesten Sinn der Gesellschaft zugutekommen.

Also:

  1. Welche Tätigkeiten, egal ob bezahlt oder unbezahlt, kommen der Gesellschaft zugute?
  2. Welche davon übe ich aus? In der Beantwortung werden wohl beide Fragen zusammenkommen.

Brainstorming: ehrenamtliche Arbeit, Erziehungsarbeit, Sozialarbeit, Umweltschutz, Bildungsarbeit individuelle Hilfe.

Zwischenfrage für den Erbsenzähler: Diejenigen Tätigkeiten, die andere Berufstätige nebenbei erledigen, darf ich mir die so ohne weiteres gutschreiben? Diese Frage erstmal vernachlässigen, aber im Auge behalten.

Gesellschaftlich nützliche Tätigkeiten
Ehrenamt
Nehmen wir die Arbeit im Weltladen. Unbezahlte Bildungsarbeit, die von gesellschaftlich anerkannten Institutionen immerhin mit großen Beträgen bezuschusst, das heißt wertgeschätzt wird. (Und schon taucht wieder eine Zwischenfrage auf. Wie drückt sich die gesellschaftliche Wertschätzung einer Tätigkeit aus? Zuschüsse, Steuererleichterungen, Rentenausfallzeiten, allgemeine Anerkennung und soziale Einbindung, was noch?)

Soweit diese Wertschätzung benennbar und nachvollziehbar ist, ist sie in der „rechtfertigenden“ Diskussion ein großer Pluspunkt. Für jede Vereinsarbeit bedeutet das, dass Gemeinnützigkeit ein wichtiges Kriterium ist. Okay, die Arbeit im Weltladen ist also unzweifelhaft gute und nützliche Arbeit. Bei entsprechender Ausweitung des Engagements könnte ich auf einen Arbeitstag bzw. 8 Stunden kommen.

Wie ist das mit der Vereinsarbeit für den Pool [der Wagenplatz, auf dem ich lebe]? Zunächst ist der gesellschaftliche Wert nicht durch Gemeinnützigkeit dokumentiert, vordergründig werden nur eigene Vorteile geschaffen. Für die Gesellschaft fallen nur Brotkrumen ab, als da wären: Erhaltung der kulturellen Vielfalt, Lebenswelt für Aussenseiter (Wagenplatz statt Neurose), sparsamer Umgang mit den Ressourcen (Strom, Wasser, Energieeinsatz für Wohnraum) Erkundung von alternativen Techniken und Lebensweisen, Modellcharakter, Umweltschutz, soziale Gestaltung, Solidarität. Kurz: der gesellschaftliche Nutzen, wiewohl deutlich erspürt von jedem der sich nähert, ist nur schwer und abstrakt zu fassen, manchmal strittig oder sogar abzustreiten.

Wie ist das mit der Sozialarbeit, die ich dort leiste, einfach deshalb, weil ich dort bin, Sozialpädagoge bin und gar nicht anders kann, als sozialpädagogisch auf die Menschen einzuwirken. Da entsteht gesellschaftlicher Nutzen. Aber wie lange am Tag bin ich am Platz Sozialpädagoge und wie lange selbst Sozialfall? Sagen wir eine Viertelstunde pro Tag, sonntags frei, macht eineinhalb Stunden pro Woche.

Was ist mit Umweltschutz? Gesetzt der Fall, wir bauen den Pool zurück. Ist das gesellschaftlich nützliche Arbeit? Ich glaube ja, obwohl wir als Gruppe zunächst den größten Vorteil davon haben: den Ausblick. Aber darüber hinaus gewinnt auch das uns umgebenden Naturschutzgebiet ein feuchtes Fleckchen hinzu. Wenn eine Zusammenarbeit mit den Schlammspringern zustande kommt, wird dieser gesellschaftliche Nutzen noch besser dokumentierbar sein. (Zwischengedanke: die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Gruppen sollte irgendwie in die Betrachtung eingehen.)

Nebenbei: Unsere Waschmaschinen-Klo-Kombination dürfte in der Form bis jetzt auch unerprobt und einmalig sein.

Zurück zum Teich, jede Stunde Arbeit daran ist gesellschaftlich nützlich.

Was ist mit der Erziehungsarbeit? Gesellschaftlich nützlich auf jeden Fall. Aber wie bewerten. Die Kinder zu fördern, so gut es geht, ist ihr eingeborenes Recht. Und auch ausdrücklicher Wille der meisten Eltern. Dass Frauen dafür Anerkennung und finanzielle Gegenleistung bekommen sollten, ist den meisten Menschen noch zu vermitteln.  Aber arbeitslose Väter? Natürlich, Väter, die sich kümmern, bekommen Anerkennung. Aber den gesellschaftlichen Nutzen dafür anzuerkennen ist wohl verschieden davon. Es sind ja die eigenen Kinder, wiewohl auch deren in der Welt stehen das Bild der zukünftigen Welt zum guten oder schlechten prägt.

Kurz, ich glaube Erziehungsarbeit als Arbeit in das Bewusstsein zu heben, ist als Mann nur schwer zu leisten. Das muss (und kann besser) von Frauen geleistet werden.

Bleibt die individuelle Hilfe? Was meine ich überhaupt damit? Nachbarschaftshilfe, alten Omas über die Straße helfen? In Notfällen (welchen?) aushelfen, einfach ein guter und hilfreicher Mensch sein. Nein, da fällt mir jetzt nichts mehr ein. Undeutlich alles, wo die Gesellschaft einspringen müsste, es aber nicht tut. (Gedanke: Wie wäre die Mitarbeit an einem Tauschring aufzufassen?)

Bleibt am Ende dieses Eintrags die Erkenntnis, dass gesellschaftlich nützliche Arbeit am leichtesten dort zu vermitteln bzw. zum Zwecke der Rechtfertigung der eigenen Arbeitslosigkeit zu gebrauchen ist, wo sie im Rahmen von als gemeinnützig eingetragenen Vereinen geschieht oder von anerkannten gesellschaftlichen Institutionen bezuschusst wird. Darüber hinaus käme noch das Engagement in Parteien, Bürgerinitiativen oder Aktionsgruppen in Frage, die sich gerade aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen widmen. Daraus folgt:

  1. Weltladenarbeit weitermachen
  2. gemeinnützigen Förderverein für Wagenkultur gründen (damit habe ich den gesellschaftlichen Nutzen vor meiner Tür!)
  3. Arbeit am Teich beginnen.
  4. Legalisierung des Platzes weiter betreiben (das heißt der Gesellschaft eine weitere Lebensweise auch formal einfügen.)

All das Beschriebene ist natürlich für ein Leben genug. Und wo bleiben meine Umbaupläne und der Ausbau der Häuser?  Und mein Interesse fürs Internet und Computertechnologie. Es gilt noch einmal, darüber nachzudenken. Dies aber nicht heute.

4.2.2000, Freitag
5.2.2000, Samstag
6.2 2000, Sonntag

7.2.2000, Montag
Letzter Tag heute. Morgen Aufbruch um 6 Uhr mit dem Jeep zur Busstation, die nach Dindigul führt, von dort nach Chennai. Bin von einigen Menschen hier sehr herzlich verabschiedet worden. Immer wieder die Frage nach dem “nächsten Jahr”. Eigentlich käme ich gerne mit Helen hierher. Aber dann müssten die Kinder versorgt sein. Ob meine Mutter …? Aber für wie lange? Vier bis sechs Wochen müssten schon sein. Nein, was im nächsten Jahr ist, lässt sich jetzt noch nicht wissen.

Hinzu kommt, dass ich noch nicht so recht weiß, was ich von den diesjährigen vier Wochen halten soll. Meine Meditationspraxis hat sich ganz sicher nicht vertieft. Dazu bin ich viel zu oft und viel zu gerne in meinen Fantasien und Gedanken abgetrieben. Habe viel geträumt, diese vier Wochen, stundenlang dagesessen und geträumt. Nun ist natürlich auch das Praxis, nennen wir es mal einen träumenden Buddha. Aber der träumende Buddha ist unzufrieden mit sich. Also ein unzufriedener Buddha, ein Buddha, der sich selbst Vorwürfe macht (Hätte mehr tun können etc.)

Ich weiß also jetzt, wie ich mich wochenlang in Fantasien flüchten kann. Ich kann in und mit meinen Fantasien leben. Sie sind mir so lieb wie das wirkliche Leben. Ich hänge an ihnen. Ich träume mein Leben vorbei.

Das geht auch zu Hause hinter dem Ofen. Fast noch besser dort, nur fällt mir dort nicht ein, zum Atem zurückzukehren, wenn ich unzufrieden werde. Warten wir ab, wie sich diese Erfahrung des Träumens in meinem Leben auswirkt.

Update (31.3.2023): Der dritte und zugleich letzte Teil ist veröffentlicht, wie zuvor mit Einleitung am Veröffentlichungstag und den chronologisch einsortierten Tagebucheinträgen.

Weihnachten in Kalkutta

eingefügt 24.12.2019

24.12.1998, 80. Tag, Donnerstag

Frühstück im Blue Sky, Müsli und schwarzer Kaffee. Habe lange (durch)geschlafen, nachdem ich mich in der Nacht ausgeschissen habe (Durchfall). Bin nicht ganz in Ordnung, Husten und sehr leichtes Fieber. Werde mich jetzt nicht davon stören lassen, sondern mich gut ernähren und hoffen, dass es vorüber geht.

Nun ist es kurz vor 12:00 und ich werde meine Pläne für den Sightseeing-Tag machen.

<O>

Botanischer Garten
Erst zum Hooghli spaziert und mit der Fähre übergesetzt. Danach mir den Luxus eines Taxis geleistet um hinzukommen. Rückweg mit dem Bus für 1/14 des Fahrpreises.

Der botanische Garten ist angenehm ruhig, ein Platz zum Entspannen, was mir dort auch gelungen ist. Einfach nur darin herumgelaufen, die Pflanzen waren zum Teil interessant, für mich aber doch eher nebensächlich. Wichtig war die Ruhe, keine Autos, kein Gehube, keine Verkäufer. Für den Weihnachtstag genau richtig, beschauliches Spazierengehen.

25.12.1998, 81. Tag, Freitag
Den Weihnachtsabend im Mutterhaus von Mutter Theresa verbracht. Ab 8:00 abends eine Prozession mit Kerzen von der Heilsarmee zum Mutterhaus, Dauer circa 45 Minuten. Dort ein Krippenspiel, aufgeführt von den westlichen Volunteers mit netten, ungewollt humoristischen Einlagen.

Ab 22:00 dann eine Christmesse, deren Aufsteh- und Wieder-Hinsetz-Rituale mir etwa so unverständlich waren wie ein Kali-Tempel. Nach der Messe gab’s Kakao (geil) und Gewürzkuchen und eine Banane und eine Karte mit einem Spruch.

Zurück wollte ich eigentlich schnell und unkompliziert, aber irgendjemand hatte Fanis Markenturnschuhe mit seinen verwechselt (hoffentlich) und sie führte lange Zeit am Ausgang eine Fußkontrolle durch.

Zurück in der Heilsarmee dann noch eine mit Süßigkeiten gefüllte Socke auf dem Bett. Richtig nett.

Dennoch, irgendwie ist es unmöglich diesen Tag auf angemessene Weise zu begehen. Während der Messe hatte ich den Wunsch „zuhause“ geblieben zu sein (das war einfach nicht meine Art von Veranstaltung). Wäre ich aber zuhause geblieben, hätte ich dort gesessen und mich gefragt, warum ich mit diesem besonderen Tag nichts Besseres anzufangen weiß. Ich kann diesen Tag nicht begehen und ich kann ihn nicht ignorieren.

Vor diesem Hintergrund bin ich mit meiner Wahl bei Mutter Theresa zu feiern eigentlich ganz zufrieden. Ich schaue halt bei „fremden“ Brauchtum zu und bin so nah dran, wie mir möglich ist.

Aber natürlich ist es nicht der christliche Hintergrund, der das Fest so schwierig macht. In Deutschland ist Weihnachten das „Fest der Familie“ und das ist das, was in mir all diese widerstreitenden Gefühle auslöst, Traurigkeit und Bitterkeit und manchmal auch Aggression.

[…]

Frohe Weihnachten!

Nur in der Fremde …

1.11.1998, 27. Reisetag, 5. Brief

Liebe H, lieber M., liebe Ha.,

morgen ist ein besonderer Tag in zweifacher Hinsicht. Erstens ist mein Geburtstag und zweitens beginnt morgen die Workcamp-Zeit, die sicher (und hoffentlich) ganz anders sein wird, als es die zurückliegenden vier Wochen waren.

Vier Wochen bin ich nun schon in diesem Land unterwegs, Zeit genug für einen ersten Eindruck. Man sagt, man müsse dieses Land lieben oder hassen, dazwischen gäbe es nichts. Das scheint mir eine Vereinfachung, ich jedenfalls bin noch unentschieden. Und das allein schon deshalb, weil es hier so vielfältig ist. Nehmt nur die Landschaft, ich war in grün-saftigen Bergen, ich war in der Wüste, ich war in fruchtbarem Flachland und zum Schluss in einer Gegend, die von alldem etwas hatte, hügelige Ödnis mit Feldern zwischendrin.

Und auch der Menschenschlag, der diese Landschaften bewohnt, unterscheidet sich genug voneinander um Vorlieben oder Abneigungen ausbilden zu können. So einfach ist das also nicht mit dem Entweder-Oder.

[…]

2.11.1998

[…] Gefeiert habe ich im SCI Büro. Es gab einen kleinen Geburtstagskuchen und eine Kerze und drei furchtbar falschsingende Inder. Der Kuchen schmeckte fast deutsch und so etwas ist hier schwer zu finden, dazu gab es Kaffee, der gut zubereitet fast noch schwerer zu finden ist. Von daher war das „Fest“ ein voller Erfolg

Abends bin ich dann zur Jugendherberge, wo ich mich mit Das (dem Junggesellen, der mich eingeladen hatte) verabredet hatte. Er war wieder mit einer Schulmission unterwegs. Es hat gut getan, mit jemandem zu reden, den man schon kennt, wo es sich ein bisschen wie Freundschaft anfühlt. Zum Abschluss hat er mich eingeladen, ihn morgen zusammen mit einem Bus voller englischer Teenager und deren Lehrer nach Agra zu bekleiden und den Taj Mahal anzuschauen. Ich konnte das annehmen, weil morgen ein SCI-freier Tag ist. Und ich freue mich schon darauf.

Na und jetzt verbringe ich den Rest meines Geburtstages mit euch, indem ich euch diesen Brief schreibe.

[…]

Küsse
Günther

Spanien, Costa Dourada, Salou

Dieser Artikel wird noch ausgebaut. Was es schon gibt:


[…]

[…]

<O>

Zu diesen Bildern gibt es eine Geschichte, die Ihr mit etwas Pech auch in der Zeitung hättet lesen können. Jahre später habe ich sie einmal in einer Email erzählt.


28.07.09, Betreff:  RE Dies und das

Hi F²,

[…]

Du fragst nach meinen Erfahrungen mit dem Bergwandern. Nun, fast keine aber Lust drauf. 1998 war ich mit einer Gruppe von Bekannten und weniger bekannten Menschen in Spanien (Salou, ich müsste auf der Karte nachschauen, wie die Gebirgskette hieß, die sich wenige Kilometer landeinwärts erhob). [Dort] kam ich zu meiner ersten Bergwanderung, die mir ausgesprochenen Spaß machte und auch einige Passagen enthielt, wo wir nicht nur wanderten, sondern an eingeschlagenen Eisen kletterten, wie man das auf einer Leiter tut. Seitdem habe ich Bergwandern auf der Liste potentiell lohnender Aktivitäten.

Im Jahr darauf wollten wir in weniger fachkundiger Zusammensetzung das Vergnügen „freestyle“ wiederholen und sind aufs Geradewohl in die Landschaft gefahren. In einem Anfall von Übermut und mangels vernünftiger Wege beschlossen wir in einem trockenen Bachbett „etwas aufzusteigen“. Nach einiger Zeit kamen wir an eine Stufe im mittlerweile tief eingegrabenen Bachbett, wo ein Wasserfall sein musste, wenn der Bach Wasser führte. Diese Stufe lies sich mit wenig Aufwand überwinden, wenn wir auch etwas klettern mussten. Bald kam eine zweite gleichartige Stufe, diesmal hatten wohlmeinende Menschen ein Seil hängen lassen, mit dessen Hilfe die schwierigsten Stellen zu bewältigen waren. Die Mutigsten probierten sich aus, die weniger Mutigen sahen, dass es ging und folgten. Neun Leute, zum Teil in Straßenschuhen und mit lustig schlenkernden Umhängetaschen, überwanden also auch diese Stufe, unausgesprochen wissend, dass sie diese Stufe nicht abwärts klettern könnten. Ahnst Du es schon? Natürlich kam die nächste Stufe und sie war steiler als die beiden vorangegangenen. Wir saßen in einem tiefen Hohlweg fest, vor und hinter uns jeweils ein trockener Wasserfall. Es war eine dieser Situationen, von der du in der Zeitung liest und dich fragst, wie neun – so viele, denkst du kurz –  normalerweise vernünftige Menschen in so etwas hineingeraten und dir sicher bist, dir selbst würde so etwas niemals geschehen.

Irgendwann begannen wir die steilen und hohen Seitenwände des Hohlweges hinauf zu klettern, von allen Möglichkeiten diejenige, die uns am aussichtsreichsten erschien. Dass an diesem Tag nichts geschah und wir nach einiger Anstrengung auf einen Weg zurück fanden, ist einfach nur unserem Glück zu verdanken. Einmal rutschte einer von uns eine Strecke von fünf oder sechs Metern ab und wurde nur durch einen einzel stehenden Baum aufgehalten. Ein anderes Mal mussten wir eng mit dem Rücken an die Bergwand gepresst eine Stelle passieren, an der es fünf Zentimeter vor unsern Fußspitzen (gefühlte zweieinhalb) einfach nur bergab-bergab-bergab ging. Zwei Schritte seitwärts nur, aber nach dem ersten hatte ich einen leisen Anflug von Panik, den ich unterdrücken konnte, weil es nur zwei Schritte waren und keine drei oder vier. Eine Erfahrung, die ich nicht wiederholen möchte. Seitdem habe ich Bergwandern auch in der Liste der Aktivitäten, auf die man sich gefälligst vernünftig vorbereitet.

Konkret, solltest Du demnächst einen Wanderkameraden suchen lohnt die Anfrage. Meine Wanderschuhe habe ich mehrere Jahre nicht mehr getragen und sie haben das Geld, das sie kosteten noch lange nicht „wiedereingewandert“. Ob die Alpen oder der Jakobsweg ist zweitrangig. Vermutlich werden Zeit und Geld die wichtigere Rolle bei der Entscheidung spielen.

[…]

Genug für heute,
Fühl Dich zur Semi-Spontantät ermutigt,
Liebe Grüße
G.


to be continued

Das vierte Leben – nennen wir es Midlife-Crisis

Dieser Artikel ist Teil einer autobiografischen Beitragsreihe in Briefform, der dringend empfohlene Übersichtsartikel dazu erklärt, wer F² ist und wie es zu diesen seltsamen „durchgezählten“ Leben kommt.

Hallo F²,

[…] Dass Männer in ihrer Lebensmitte zu allerlei Unvernunft neigen, ist bekannt. Leider mache auch ich da keine Ausnahme. Nebenbei: Ich mache oder bin ich überhaupt sehr selten eine Ausnahme; daran gemessen, dass ich mich in meiner Jugend für etwas sehr Besonderes gehalten habe, bin ich geradezu schmerzlich normal. Einer meiner Therapeuten hat mir mal gesagt, ich solle endlich einsehen, dass ich ein Wald- und Wiesenneurotiker sei. OK, akzeptiert.

Zumindest so bis ins 40. Lebensjahr. Ich arbeitete ehrenamtlich in einen Eine-Welt-Laden und dort gab es den Plan, eine Bücherei in einem renovierten Bauwagen einzurichten. Der Plan wurde fallengelassen als der Bauwagen schon vorhanden war. So kam ich günstig zu einem gebrauchten Bauwagen, der auf einem besetzten Universtätsparkplatz stand. In direkter Nachbarschaft zu den Besetzern eben jenes Parkplatzes. Ich ließ mich näher heranziehen und war fortan ein Teil der Platzbesetzer. Schon vier Wochen später zogen wir in einer Nacht- und Nebelaktion auf ein sehr viel schöneres Universitätsgelände um, auf dem wir die nächsten fünf Jahre ohne jeglichen Räumungsdruck verbrachten.

Mit der Familie ließ sich das natürlich kaum vereinbaren, war allerdings auch nie so gedacht. Zu Beginn meiner Bauwagenzeit schaffte der möglich gewordene räumliche Abstand eine Voraussetzung um überhaupt zusammen zu bleiben. Irgendwann kam sogar ein kleiner Wagen für die Kinder dazu, den sie benutzten, wenn sie bei mir auf dem Platz waren. Nachdem auch die Familie nach Gießen gezogen war, ging es uns erst sehr viel besser miteinander und dann sehr viel schlechter. Auch meine Freundin kriselte lebensmittenmäßig und aushäusig, was letztlich zu meinem „richtigen“ Auszug führte. Bis dahin hatte ich immer noch ein Zimmer, Klamotten und eine Meldeadresse bei der Familie gehabt, das änderte sich nun.

Nicht wirklich zufrieden mit meinem Single-Dasein beschloss ich, meinen „Mit-50-werde-ich-…-Plan“ um 8 Jahre vorzuziehen und mich nach Indien aufzumachen. Und so kam es, dass ich von Oktober 98 bis März 99 in Indien war. Einen Teil der Zeit verbrachte ich in Workcamps, wo ich gemeinsam mit anderen Europäern und Einheimischen an sozialen Projekten mitarbeitete und nebenbei Land und Leute abseits der touristischen Pfade kennenlernen konnte. Ein anderer Teil der Zeit war selbstverständlich eben jenen touristischen Pfaden gewidmet, obwohl ich bestimmt auch da manchmal eher auf den Trampelpfaden unterwegs war, z.B. als ich eine Nacht auf dem Bahnhof von Bombay verbrachte, als einziges Bleichgesicht unter vielen, vielen sehr verarmten braunen Gesichtern. Was eigentlich nur deswegen geht, weil es auch unter ärmsten Verhältnissen so etwas wie Anständigkeit gibt. Ich bin sehr sicher, dass ich in dieser Nacht während meines Schlafes durch die Allianz dieser Anständigen geschützt war.

Vieles war wichtig in diesem halben Jahr, ein herausragendes Einzelerlebnis war aber sicher mein vierwöchiger Aufenthalt in einem Zendo in Südindien. Ein Zendo ist ein Ort, an dem man Zen übt, eine buddhistische Spielart, die sich in Japan entwickelt hat. Rückimportiert von einem jesuitischen Pater ist dieses Zendo, das einzige in ganz Indien, auf dem Gelände eines Jesuiten-Ordens gelegen und trotzdem ganz fern dem christlichen Gedankengut. Das Leben in einem Zendo spannt sich auf zwischen Meditation, Gemeinschaftsdiensten (gärtnern, kochen, saubermachen) und Studienzeiten, gänzlich freie Zeiten sind nur kurz. Wer will kann sich im Tagesablauf ausschließlich an akustischen Signalen orientieren, alles wird mit spezifischen Gongs oder hölzernen Schlaghölzern angezeigt. Wer es genießen kann, einige Zeit vollkommen von eigenem Wollen und Wünschen befreit zu sein (weil es weder Raum noch Zeit dafür gibt), ist an so einem Ort genau richtig. Ich war genau richtig.

Weswegen ich auch in den zwei darauf folgenden Jahren jeweils einen Monat dort verbrachte, gefolgt von nochmals vier Wochen Reisezeit. Indien kannte ich, also gings im zweiten Jahr nach Bangladesch und im dritten nach Sri Lanka. Aus meinem ersten Aufenthalt hatte ich gelernt, dass zwei Monate Reisezeit genügen, um bis unter die Ohren mit neuen Eindrücken abgefüllt zu sein. Und ich wusste, dass es mehr Spaß macht in Gemeinschaft zu reisen. Bangladesch besuchte ich gemeinsam mit einem Freund aus der Workcamp-Organisation, Sri Lanka schon mit meiner neuen Freundin.

Auch meine Freundin hatte ich über die Workcamp-Organisation kennengelernt. Sie hatte mich im Rahmen eines Seminars auf die kulturellen Eigenheiten der asiatischen Länder vorbereitet. Nach meiner Rückkehr aus Indien habe ich genau diese Seminare mitgestaltet, wir wurden erst Teamkollegen und im Sommer nach Bangladesch ein Paar. Es ist schwer, dieser Beziehung gerecht zu werden. Zu den üblichen Geschlechterunterschieden kamen 16 Jahre Altersunterschied und die kulturellen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Interessanterweise gibt es einen Tagebucheintrag aus unserer gemeinsamen Zeit im Zendo, der die ganze Geschichte unserer Beziehung vorweg nimmt und den ich gerade herausgesucht habe.

[Zitat] 15.1.2001
Gestern ein freier Tag, zugleich Pongal – Erntedankfest – hier. Auf einem unserer Wege ins Dorf blieben D. und ich auf einem Felsen sitzen – Aussicht auf herrlichste Berglandschaft und einen „Mittagsmond“ – und sprachen.

So langsam tritt der Altersunterschied in unsere Beziehung auch als Vater-Tochter-Beziehung ein. Sie fühlt sich klein neben mir (was sie objektiv nicht ist!) und hat (wenigstens einmal, am Abend zuvor) das Gefühl, mit ihrem Vater zu schlafen. (…)

Und während ich ihr (…) die Verantwortung für unseren inneren Abstand zuschiebe, verursache ich ihn auf anderen Gebieten ganz genauso.

Nur allzu leicht räume ich in Gesprächen wie dem gestrigen ein, dass unsere Beziehung enden könnte, enden wird. Dass da ein junger, zeugungsfähiger Mann kommen wird, mit dem sie das Kind haben könnte, von dem sie träumt (oder das sie vorschiebt um einen objektiven Grund für unser nicht-zusammen-kommen-können zu haben). [Einschub: Ich habe mich nach der Geburt meiner Tochter sterilisieren lassen] Ich kann diese Zeit leicht ansehen und darüber reden, dass es vielleicht der Sinn unserer Beziehung war, ihre Vater-Tochter-Dinger aufzulösen oder doch wenigstens ertragbarer zu machen. Das tut beim Drüberreden nichtmal weh, obwohl mir schon jetzt davor graut, die Trennung real zu erleben. In meiner Phantasie bleibe ich mit ihr freundschaftlich verbunden.
[Zitatende]

Nachzutragen bleiben eigentlich nur die äußeren Bedingungen unserer Beziehung. Die erste Zeit lebten wir in Gießen auf dem Bauwagenplatz, der inzwischen ein altes Schwimmbad gekauft hatte (ja, wirklich) und eine aufregende Pionier- und Renovierungszeit durchlebte. Das letzte Jahr unserer Beziehung waren wir in Bonn, wo D. Arbeit gefunden hatte und ich eine einjährige Fortbildung zum EMT, Experte für Multimediales Training, bei Siemens machte. Wir lebten in einer netten kleinen netten Wohnung und ich bemühte mich, der Mann zu sein, den sie sich wünschte. Am Ende des Jahres wusste ich, dass ich dieser Mann niemals sein könnte und zog zurück in meinen Wagen.

Es folgte eine schwere Zeit, in der ich mit mir und meiner Umwelt sehr unzufrieden war, mir mal wieder eine Therapie antat, diesmal verhaltenstherapeutisch orientiert, und schließlich wieder in meinem kleinen Leben ankam, dem Leben, in dem ich zwar auf äußerst bescheidenem Niveau lebe, mir dafür aber niemand vorschreiben möchte, wie ich gekleidet zu sein oder mich zu benehmen habe.

An dieser Stelle lasse ich mein viertes Leben enden, vielleicht etwas willkürlich. In der Rückschau war das alles gut so. Wagenleben, Asien, Beziehung zu D., alles sehr belebend. Geschenkt, dass dann alles längst nicht so toll ist, wie man sich das zu Beginn immer vormacht. Ich glaube es gibt so etwas wie ein geistig-emotionales Trägheitsmoment, das uns immer wieder auf unser gewohntes Level einschwingt. Wenn ich, von der depressiven Seite her kommend, etwas als belebend bezeichne, ist das schon ziemlich gut. Es bedeutet, dass es zumindest zu Beginn begeisternd war, anziehend, Wert schien, dafür etwas auf sich zu nehmen, in die Gänge zu kommen. […]

Liebe Grüße
g.

Wo Du weiterlesen kannst:

    • Übersichtsartikel
    • Das erste Leben – Kindheit bis zum 15. Lebensjahr (noch nachzuliefern)
    • Das zweite Leben – 16. bis 30. Lebensjahr, 1973 bis 1985
    • Das dritte Leben – 31. bis 42. Lebensjahr, 1986 bis 1997 und darüber hinaus
    • Das vierte Leben – 43. bis 49. Lebensjahr, 1998 bis 2005, aber auch früher
    • Das fünfte Leben – 50. bis 65. Lebensjahr (noch zu ergänzen)
    • Das sechste Leben – 66. Lebensjahr bis auf weiteres, dieser Blog