Gespräche mit der Fee (1)

Für das, was jetzt kommt, gibt’s keinen einfachen Einstieg, denn neulich kommt die Zahnfee bei mir rum, sagt, sie fragt für eine Freundin, die sei im Sterbebusiness, könne aber gerade nicht, weil Krieg und Krise und Pandemie, und überhaupt, meistens hätten es ihre Leutchen eh nicht eilig.

Stell‘ Dir vor, sagt sie, nur mal so hypothetisch, Du darfst Dir aussuchen, wie Du stirbst. Okay, nicht genau „aussuchen“, sagt sie, aber Vorlieben würden berücksichtigt, das sei ja schon mal was. Bei Feen gibt es immer irgendwelche Haken, denke ich, und ob’s wohl irgendwas wert ist, dass wir uns schon seit meinem ersten Milchzahn kennen. Aber, sagt sie, die Sache hat einen Haken, ihr sei das ja unangenehm, aber die Freundin …, und sie wäre da ja lockerer, andererseits hätte jeder Deal so seine Regeln und ich wisse schon. Wie sie so rumdruckst kann ich sie doppelt gut leiden, und auch weil wir uns schon so lange kennen.

Der Haken ist der, sagt sie, egal was Du Dir wünschst, sterbensmäßig, und das sagt sie wirklich so, das kommt dann deutlich schneller als alles, was Du nicht willst. Also ganz anders als im Leben, aber es ginge ja auch ums Sterben, da müsste ich mich nicht wundern, sagt sie. Und warum ich so ein Gesicht machen würde, fragt sie, denn …, und dann leuchtet kurz ihr linkes Ohr und sie murmelt irgendetwas schwerverständliches von Bälgern, die sich mit den Drecksrollern die Vorderzähne ausfallen, und dann wieder zu mir, da sei gerade ein Notfall hereingekommen, sie müsse da wirklich hin und wir könnten ja demnächst weiterreden und die Sache mit mir und der Freundin sei ja nun wirklich nicht dringend … und schwupps, weg ist sie. Ich bin zu alt für den Scheiß!

<O>

Drei Tage später, ’selber Ort, ’selbe Zeit, ’selbe Fee, die einsteigt als sei sie niemals fortgewesen, also, sagt sie, sie hätte da nochmal nachgehakt, rein interessehalber, und ob mir eigentlich nicht klar sei, was ich anstelle, wenn ich so ins Universum hineinwünsche. Ich halte das für eine rhetorische Frage und sage lieber nichts, wüsste ohnehin nichts drauf zu sagen außer ja, also nein, nicht klar, gar nicht klar. Aber sie ist sowieso nicht zu stoppen, weil nämlich, ich hätte bei verschiedenen Gelegenheiten den Wunsch geäußert, möglichst schnell und überraschend abzutreten, so, und das könne ich jetzt haben, und ob ich jetzt zufrieden sei. Auch das könnte eine rhetorische Frage sein, andererseits fragt eine Fee, vielleicht gibt es sowas wie Qualitätsmanagement in der Abteilung für Wunscherfüllung. Könnte eine große Sache sein in der Feenwelt, Kundenzufriedenheit, und um ehrlich zu sein bin ich noch am Verdauen der Nachricht, ich meine, zuerst ’ne Zahnfee, plötzlich geht’s um bevorzugte Sterbeweisen, alles wirkt, als hätte ich eine Wahl, aber welche eigentlich, und schon sprechen wir von einem schnellen und überraschenden Abgang. Und ob ich jetzt zufrieden bin. Nein, ich bin verwirrt.

Vor mir immer noch dreißig Zentimeter personifizierter Redefluß, froh sein könne ich, sagt er, der Redefluß, also sie, die Fee, dass ich wenigstens den Zeitpunkt offengelassen hätte, sonst …, ach, sei ja auch egal, und sie hätte das gehört mit dem Zu-alt-für-den-Scheiß beim letzten Mal und ich solle mir mal nichts vormachen, ich sei genau in dem Alter für den Scheiß!

Irgendwie hat sie den Faden verloren und es ist zum ersten Mal Ruhe, schön ist das, sie scheint wirklich fertig zu sein. In beiden Bedeutungen der Redewendung, sie hat nichts mehr zu sagen und sie wirkt etwas mitgenommen. Okay, sage ich in die entstandene Stille hinein, aber eigentlich weiß ich nicht so genau, was ich damit meine, denn nichts ist okay.

<O>

Ein paar Stunden später hab‘ ich’s verstanden, und nach dem ich’s verstanden habe, haben wir echt noch ’ne ganze Weile geplaudert, spannendes Zeug, ist eigentlich ’ne ganz Nette, die Fee, hat sonst auch ganz andere Kunden und …, sorry, ich schweife ab, ein anderes Mal davon vielleicht mehr.

Im Wesentliche läuft’s darauf hinaus, dass die „Freundin im Sterbebusiness“ in unserem Kulturkreis gerne mal als Todesengel auftritt, was der Zahnfee aber übertrieben dramatisch vorkommt, weswegen sie in meinem Fall gerne eingesprungen ist als Not am Mann war, also der Fee, dem Engel, egal. Die Freundin hätte Einfluß auf die Umstände und den Zeitpunkt des Todes, allerdings nur begrenzt. Das Alles sei schwer zu verstehen, also eigentlich sagte sie „scheiße-kompliziert“, weil jede „Fucking-Sekte“ ihre eigenen Metaphern für den Abgang und das ganze Drumherum hätte. Den Feen, sagt sie, könne das egal sein, im Grunde seien sie für die Erfüllung von Sonderwünschen zuständig und dabei hätten sie sich nach dem Verhältnis von Alltagswünschen und deren Erfüllung im bis dahin gelebten Leben zu richten. Dafür sei allein der kulturelle Algorithmus zuständig, sagt sie wirklich so, sie bekäme nur den W2E-Score, der da irgendwie rausfällt, wieder Originalton, und das gilt dann so.

An der Stelle war ich knapp davor, mir einfach eine andere Fee zu wünschen, ich meine, wenn interessiert das? Genau, sagt sie, niemand! Oopsy-oopsy-oops, ja, kannst Dir das reden sparen, ich krieg’s auch so mit. Ach, denke ich mir, probehalber mal ’ne Frage …, Ampeln, Fahrräder, Palmen, sagt sie, Treppenstufen, Hydranten und Schornsteine hätten es auch sein können, die hast Du vergessen, außerdem jede beliebige Dreierkombination davon, das wären …, kein Mensch mag Klugscheißer, denke ich. Verstanden, sagt sie, also eigentlich sagt sie „copy that“, und meint damit, dass sie versucht, sich zurückzuhalten. Wir verstehen uns immer besser.

Okay, sagt sie, ich spar‘ mir die Feinheiten, ja, kein Mensch interessiert sich für die Berechnung von irgendwelchen Scores, bin mir nichtmal sicher, ob’s gut wäre, wenn …, nicht ablenken, krätsche ich denkenderweise in den Redefluß, okay, sagt sie, wird alles wegabstrahiert, kriegste nix von mit, also gar nix, nichtmal Feen kommen vor, alles vollkommen im Untergrund, das gesamte Wunscherfüllungsbusiness. Gerade will ich mich über die Anglizismen …, jetzt lenkst Du ab, sagt sie.

Superverkürzt also: wir bekommen im Leben im Wesentlichen das, was wir verdienen, in meinem Fall sei  das „etwas unheitlich“, Klartext, denke ich, kannste knicken, sagt sie, Du schreibst das in den Blog und da will ich nicht …, ist ja auch egal, sagt, sie, bei guten ethischen Durchschnittswerten gibt es da erstaunliche Ausreißer nach oben und unten, und da kann die Freundin keinen vernünftigen Tod draus ableiten, muss ja irgendwie plausibel sein, also für unsereins, bei euch – und wie ich sie verstehe, meint sie damit Leute, die man nicht nur sehen, sondern auch anfassen kann – kommt die Sterberei sowieso immer falsch an.

In meinem speziellen Fall, sagt sie, sei alles schon arrangiert, weißt schon, das Aneurysma der Aorta Ascendens, das während des CT’s so nebenbei gefunden wurde, sie klingt, als sei sie ein bisschen stolz. Ich brauch‘ ’nen Moment, bis ich’s verstanden habe, okay sag‘ ich, nur zur Sicherheit, dass ich da nichts mißverstehe, also Option A …, die Du ja unbedingt ins Universum herausplärren musstest, unterbricht sie mich, … besagt, dass ich ab jetzt jederzeit überraschend sterben könnte …, mit 90prozentiger Sicherheit dann, sorry, mehr war nicht drin, wirft sie ein, … während Option B einige Jahre mehr und alle Chancen auf ein würdeloses Alter und multiples Organversagen an seltsamen, piepsenden Maschinen enthält. Yep, sagt sie, für A einfach weitermachen, für B ’ne häßliche Operation überstehen, ich hätte die Wahl.

<O>

Wie schon erwähnt, wir haben dann noch etwas geplaudert. Und erst viel später habe ich mich gefragt, warum sie die Operation als „häßlich“ bezeichnet hat. Google hatte Antworten und wenn die Euch interessieren, also ernsthaft jetzt, würde die Fee sagen, dann dürft Ihr hier
Gespräche mit der Fee (1) weiterlesen

Aufenthalt im Boddhi Zendo – Teil 2

Heute habe ich den zweiten Teil der Zendo-Tagebücher, den Aufenthalt im Jahr 2000, eingestellt. Das ist rund 1 Jahr später als gedacht und 2 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Teils.

 

Dieser zweite Teil unterscheidet sich wesentlich vom ersten Teil. Das Leben im Zendo wird kaum noch geschildert, stattdessen liegt der Schwerpunkt auf meiner jeweiligen Befindlichkeit. Fiebrig, erkältet, einsam, voller Selbstzweifel, identitätskriselnd und grenzdepressiv,  im Kampf mit Sex & Crime oder der Außenbewertung, alles dabei.

Wer sich noch nie mit Zen beschäftigt hat, wird hier wenig darüber erfahren, Praktizierende aber (oder solche, die viel darüber gelesen haben) werden vieles davon wiedererkennen. Sich dem zu stellen, was in uns auftaucht, wenn wir zur Ruhe kommen (wollen), ist Teil des Weges und die Aufgabe besteht darin, es zunächst sein und dann gehen zu lassen.

Einige der oben angesprochenen Themen begleiten mich bis heute. Das ist nicht der Zen-Praxis anzulasten, zuerst, weil ich nicht praktiziere, besonders aber, weil es nicht Ziel der Praxis ist, uns auf wundersame Weise leidensfrei zu machen.

Das ist eine starke Aussage, der manche widersprechen würden. Ist nicht die Befreiung vom Leiden das zentrale Thema im Buddhismus? Ich will diese Diskussion nicht führen (habe auch keinerlei Kompetenz, das zu tun), nur eine Idee zum Selbst-weiterdenken: Meditationspraxis löst nicht das Leiden auf, sondern die Ich-Illussion des Leidenden. Auch dafür gibt es zarte Hinweise in den Tagebüchern, wenn man sie aufzufassen weiß.

Einführung zum ersten Teil
Reisetagebuch Indien, Boddhi Zendo, 25.1. bis 25.2.1999
Einführung zum zweiten Teil (dieser Text)
Reisetagebuch Indien, Boddhi Zendo, 12.1. bis 7.2.2000

WMDEDGT – November 2022

Der Monat hat einen Schwerpunkt und der heißt Bestrahlung. Ja, klar, könnte man denken, aber so klar ist das nicht. Letztlich füllt die Bestrahlung nur einen kleinen Teil des Tages und die Nebenwirkungen sind nur mäßig lästig, ein anderer Schwerpunkt wäre denkbar.

Dass dem nicht so ist, liegt an der einsetzenden Jahresendzeit-Depression, die mich tief in den Stuhl vor meinem Bildschirm drückt. Nichts geht, Antriebslosigkeit hoch zwei, ich kenne das aus anderen Jahren. Weswegen ich wage zu behaupten, dass die Bestrahlung wenig mit der Depression zu tun hat. Diesen Monat also Bestrahlung und gepflegte Antriebsarmut.

WMDEDGT – November 2022 weiterlesen

Jahresrückblick 2022

Der letzte Jahresrückblick endete mit der Überlegung, ihn vorzuverlegen, weil dann die Jahresendzeit-Depression schon so schön lange herum ist, wenn er geschrieben wird. Nun, ich denke der beste Zeitpunkt für den Jahresrückblick 2022 ist JETZT. Wir haben Mitte Oktober …, nein haben wir nicht, es ist Mitte November und dieser Text hat unerwartet lange bis zu seiner Fertigstellung gebraucht. Also nochmal als ob es nicht so genau darauf ankäme, wir haben Mite Oktober, ein Meilenstein in meinem Dome-Projekt (das Wintergartendach) ist leicht verspätet abgeschlossen und die winterliche Zwangsentschleunigung kündigt sich tageweise schon an. Lasst uns zurückblicken, wenn’s am schönsten ist.

Und gleich schwierig einsteigen, denn anscheinend ist der Januar 2022 weitgehend ausgefallen. Zumindest gibt es kaum Bilder aus dem Zeitraum, dreizehn zu drei Motiven. Einmal war ich frühstücken im Januar, die Bilder beweisen es, und einmal habe ich mir Moos genauer angeschaut.

Aber im Februar fing das Jahr an. Oberflächlich betrachtet mit etwas Unangenehmem, der Wind wehte mir die Abdeckung von meinem Lieblingsbauprojekt und ich war gezwungen, sie zu erneuern. Zur Erinnerung, es ist der sechste Monat seit meinem Unfall, danach war ich auf keiner Leiter mehr und auch noch nicht auf dem Dach, von dem ich stürzte. Nun ging kein Weg daran vorbei. Nach ersten, vorsichtigen Versuchen war ich mir sicher, dass ich die Arbeit alleine erledigen konnte und tat das auch. Die Bilder zeigen mir, dass ich darüber hinaus mehr machte und es besser machte, als zwingend notwendig war. Letztlich hatte der Wind mir einen Gefallen getan und mich zurück ins Tätigsein gezwungen.

Im nachhinein betrachtet war das Jahr ab diesem Moment ein Selbstläufer, immer gab es etwas zu tun, immer war irgendwas los oder gab es etwas zu bedenken. Vieles davon ungeplant und der jeweiligen Tageslaune geschuldet, wenn auch selten an nur einem Tag erledigt. So bekam ich noch im Februar genügend OSB-Platten – eigentlich die auseinandergeschlagenen Transportboxen von wirklich großen Maschinen – geschenkt, um damit einen provisorischen Boden in meinem Liebligsbauprojekt zu legen. Geplant zwei Tage, gebraucht vier.

Im März beschließe ich, den Steg abzureißen, dann beschließe ich, die zum Wiederaufbau geeigneten Teile zu lassen, dann beschließe ich, ihn um die Metallteile zu ergänzen, die einen Wiederaufbau leicht machen werden, und dann beschließe ich, ihn einfach wieder aufzubauen, provisorisch. Das geschieht an Tagen, an denen es passt.

Denn manchmal ist auch anderes angesagt. Ich beginne mit meiner Tochter zusammen die Renovierung eines ehemaligen Wagenanbaus, der dann als Gästezimmer dienen soll. Die Idee beschäftigt uns, und manchmal auch nur mich, dann im Laufe der nächsten Monate zu verschiedenen Bauphasen tage-, oder auch mal wochenweise. Anfang Juni sind wir damit durch.

Ebenfalls im März beginnt auch am Wagenplatz ungeplant etwas Neues: gemeinsame Geländepflege. Angefangen hat Z. mit drei Bäumen, die schon lange gefällt gehörten, die wir dann zu dritt zerlegten und einlagerten. Gut für das Gelände und Holz für den Winter, win-win. Aus der Lust an der Aktion heraus kamen als nächstes einige zugewucherte Geländeteile dran, die von der Natur zurückerobert wurden. Wiesen wurden gemäht und es gab eine neue Gemeinschaftsfeuerstelle. Blümchen wurden gepflanzt und auf dem Parkplatz der Wiesenstreifen am Haus gepflegt. Die Lust Unkraut zu beseitigen setzte sich im Sommer im Pool fort. Durch lange und fortgesetzte Bemühungen – wirklich, das ging über Monate – gelang es uns, eine wuchernde Wasserpflanze, die andernorts ganze Gewässer zum Verlanden bringt, zurückzudrängen. Und so ging es weiter, viel Kleinkram, mal alleine, mal mit anderen zusammen. Hat jedem der Beteiligten gut getan, mal wieder ein ganz, ganz kleines „Wir“ zu spüren.

Im April fing ich dann auch wieder mit den Arbeiten rund um den Dome an. Die Einzelheiten erspare ich Euch, dafür gibt es das Bautagebuch an anderer Stelle, hier sei nur gesagt, dass im Laufe dieses Jahres Dome und Terasse fertig überdacht wurden.

Und noch etwas begann im April, eine ganz unerwartete Erfolgsgeschichte, der Start meiner WSMDEDGT-Monatsüberblicke. Der Großbuchstabentitel ist nicht von mir, andere Blogger sammeln unter diesem Titel ausführliche Tagesbeschreibungen jeweils am fünften des Monats. Gefühlt käme bei mir gar nicht viel heraus, so aus einem Tag, zu wenig, zu einseitig oder sonstwie unzulänglich. Aber dachte ich mir, vielleicht könnte ich ja mal einen Mustertag zusammenstellen, repräsentativ kombiniert aus dem Tun mehrerer Tage, sagen wir, den ersten fünf des Monats. Sozusagen die depressionsbereinigte Variante meines Lebens, in der ich die krankheitsbedingte Entschleunigung über den Zeitstrahl herausrechne. Also begann ich mit meinen Notizen zu den Tagesaktivitäten. Nach fünf Tagen war mir das immer noch nicht genug (obwohl?!), aber auch eindeutig nicht „nichts“. Den depressionsbereinigten Mustertag habe ich dann nie geschrieben, mir kam die Idee bei näherer Betrachtung unehrlich vor, ungefähr so, wie bei Instagram nur die guten Bilder zu posten. Aber die Entdeckung war gemacht, dass es mir gut tut, zwei Tage, eine Woche, einen Monat zurückzublicken und zu sehen, was ich in dieser Zeit getan habe. Deswegen habe ich weiter gemacht, bis heute.

Und weil Ihr nun wirklich jeden einzelnen Tag im letzten halben Jahr meines Lebens nachlesen könntet (selbst dran schuld, wer das wirklich will), erlaube ich mir ab hier, das strenge chronologische Konzept aufzubrechen und mehr auf die überspannenden Themen des Jahres einzugehen.

Irgendwie muss Produktivität in den letzten Jahren ein Thema für mich geworden sein. Ich zitiere mich selbst aus dem letzten Jahresrückblick: „Zum Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, blicke ich auf diesen Sommer als einen zurück, in dem ich so produktiv und ausgeglichen wie selten zuvor einfach vor mich hin arbeitete. Die Baustelle strukturierte meine Tage, stellte Anforderungen physischer und gedankliche Art, machte mich zufrieden.“ Das könnte ich für dieses Jahr genauso schreiben und bin damit sehr einverstanden. Dennoch erinnere ich gut, wie kritisch ich Menschen gegenüberstehe, die Produktivität – oft als einzige Stütze des eigenen Selbstwertes – überbewerten. Deswegen muss an dieser Stelle kritisch vermerkt werden, dass sich mein Leben an anderen, ebenso wichtigen Stellen immer noch sehr löchrig anfühlt.

Warum mir in den letzten Jahren gelang, was in anderen Phasen meines Lebens eher schwierig war, hängt mit dem zusammen, was ich Krafteinteilung nenne. Ich bin mir meiner begrenzten Kräfte bewußt und hüte mich vor jeder Selbstüberforderung. Ich bin genau so lange aktiv, wie ich das sein möchte. Und keinen Moment länger. Notwendige Ausnahmen, z.B. weil für den folgenden Tag Regen angesagt ist und die Arbeit auch dann keinen Abschluss findet, werden streng verhandelt. Die einzelne Tagesleistung ist mir egal, solange es mir gelingt, die Arbeit immer und immer wieder aufzunehmen. Da kann sich eine Sache, die locker an einem Tag zu erledigen ist, schon einmal vier Tage hinziehen. Oder es geht unerwartet schnell und dauert bis in die Abendstunden, einfach weil ich „im Flow“ bin. Egal wie es geht, im Fordergrund steht immer die Lust an der Arbeit und niemals das angestrebte Endergebnis.

Und wenn nichts drängt kann man, also ich, auch einfach mal eine Woche aussetzen und die unfertige Hütte auf ein Fest vorbereiten. Dafür würde natürlich auch ein einziger Tag genügen, aber, siehe oben, ich will mich ja nicht verausgaben. Und so gab es auch in diesem Jahr zwei Feste in meiner „Location“, die mir viel Spass gemacht haben. Gastgeber waren einmal A. und einmal Nachbarin C., auch das ist schön, ein Fest zu haben, ohne dafür verantwortlich zu sein. Zwei sehr schöne Wochenenden für die ich mich bedanken muss.

Ein anderes Jahresthema – bisher im Blog nur angedeutet – war das Online-Dating. Dazu gibt es viel mehr zu erzählen, als im Rahmen eines Jahresrückblicks Platz hat. Zwischendrin hatte ich sogar mal eine Artikelserie geplant.

Los ging das im April, ich hatte J. gebeten, ein paar vernünftige Profilbilder von mir zu machen, die dann auch gut genug waren, um Interesse an mir zu wecken. Seitdem habe ich drei Frauen getroffen und hatte Kontakt mit etlichen mehr. Auf eine überraschende Weise erwähnenswert scheint mir, dass diese Anbahnungsversuche emotional berührend und auch anstrengend sind. Deswegen sind sie – wenn auch vom Ergebnis her betrachtet erfolgslos – keineswegs vertane Zeit. Es hat mir gut getan, mich mal wieder emotinal zu erleben und zu sehen, in welche Richtung die Phantasien so gehen. Was fehlt mir? Was fehlt dem Gegenüber? An welchen Stellen in der Kommunikation setzen – im Guten wie im Schlechten – die Projektionen ein? Womit sind wir zu locken und was ängstigt uns? Wie gehen wir mit unseren wunden Punkten um? Was interessiert uns am anderen? Jede Befragung wird auch zur Selbstbefragung. Oder kann das werden, wenn man gestrickt ist, wie ich es bin. Kurz, Online-Dating kann auch ein faszinierendes Werkzeug zur Selbsterforschung sein. Wer daran Spass hat dated nie umsonst.

Sehr interessant auch: der Blick von außen. Besser: der imaginierte Blick von außen. Was denke ich, denkst Du über mich? Sich selbst mit anderen Augen sehen, die ja doch nur wieder die eigenen sind. Kopfkino vom feinsten, jedes Genre wird bedient, von Horror bis RomCom, alles ganz von der jeweiligen Tagesform abhängig.

Oder vielleicht auch von der Monats- oder Jahreszeitenform. Der liebenswerte Blick auf mich selbst, im Frühjahr und Sommer ganz klar gegeben, fällt mir zum Jahresende schwer. Ich würde mich nicht wollen. Bei allem Spass an der Emotion und der Selbsterforschung, Online-Dating ist gerade wieder abgesagt. „Liebenswert“ kommt in der Selbstbeschreibung gerade nicht vor und dann kann das auch mit der Liebe nichts werden. Gar nicht erst probieren, gleich sein lassen.

Das ist jetzt nicht die Überleitung ins jahreszeitlich bedingte Tief, oder, ja auch, aber man muss das differenzieren …, also …, besonders „bestimmend“ im letzten Jahresquartal war die Prostatakrebs-Diagnose. Die ist nur ganz schwer mit jeder Sorte Liebelei zusammenzudenken und verschiebt die Prioritäten.

Die technische Seite dazu ist beschrieben, der dazugehörige Verarbeitungsprozeß weniger. Möglicherweise deswegen, weil er der Selbstwahrnehmung schwer zugänglich ist. Auf eine paradoxe Weise scheint er im Rückblick einfacher und trotzdem immer „vorläufig“.

Über die verschiedenen Diagnose-Schritte dauert es eine Weile, bis aus der Wahrscheinlichkeit eine Sicherheit wird. Das könnte den Impact etwas abfedern, aber mir war eigentlich vom ersten Gesichtsausdruck des CT-nachbesprechenden Arztes klar, das die Frage nicht „ob“ sondern „wie schwer“ lautete. Entsprechend früh konnte ich mit der Verarbeitung beginnen.

Anfangs war ich an manchen Tagen recht langsam und „verträumt“, später kam schlechte Laune an den Tagen hinzu, die ich mich aktiv mit dem Thema beschäftigen musste. Im Moment befinde ich mich irgendwo zwischen Abfinden und Hoffnung. Die Hoffnung scheint begründet, immerhin kommen im Befund auch Worte wie „heilbar“ vor. Abzufinden habe ich mich mit Vielem. Neben dem subjektiv deutlich näher gerücktem Lebensende vor allem und immer wieder mit den zahlreichen und Risiken und Nebenwirkungen, die jede der vorgeschlagenen Behandlungen mit sich bringt. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera zu treffen, die Wahl zu verweigern ist keine Option.

Noch einmal schwieriger ist das, wenn man sich, so wie ich, gegen eine bestimmte Zusatz-Behandlung entscheidet. Da will gut abgewogen werden, vor sich selbst und auch vor anderen. Um dann, bei aller vorgeschobenen Rationalität, doch nach Gefühl entschieden zu werden. Habe ich durch, war nicht einfach, ich mach‘  das nicht.

Gegenwärtig bin ich täglich zur Bestrahlung, die Behandlung zieht sich über sechs Wochen und wird kurz vor Weihnachten beendet sein. Im neuen Jahr geht es dann noch einmal in die Reha und wenn alles gut geht ist nochmal alles gut gegangen. Ich will nicht vorgreifen aber bin vorsichtig optimistisch. Auf Wiederlesen im Neuen Jahr.